# Kapitulation ohne gute Absicht

Ob die Straße von Hormus dauerhaft geöffnet bleibt, hat für Donald Trump keine Priorität — Bei den Verhandlungen mit dem Iran geht es um etwas anderes. 

von 
   * Craig  Murray

Der von den USA und Israel begonnene Krieg gegen den Iran scheint vorerst gescheitert. Ein erfolgreicher Regimewechsel in Teheran liegt in weiterer Ferne als vor dem Angriff Anfang 2026. Mitte Juni unterzeichneten die USA nun ein Dokument, das in der öffentlichen Debatte vielfach als Kapitulation bezeichnet wurde. Ihr Hauptziel, die Unterstützung Israels beim Ausdehnen seines Einflussbereichs, verloren die Vereinigten Staaten jedoch nicht aus den Augen. Im Libanon bleiben die Hintertüren für die israelische Armee weiterhin sperrangelweit geöffnet. Das ist für die Verantwortlichen auch wesentlich wichtiger als das meiste, was in der Straße von Hormus passiert. Mit freiem Handel und freier Schifffahrt hat der Merkantilist Trump sowieso wenig am Hut. 

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Das von Donald Trump unterzeichnete [Kapitulationsdokument](https://www.npr.org/2026/06/18/nx-s1-5863027/us-iran-trump-memorandum-of-understanding-full-text) schien ein Triumph für den Iran und tatsächlich für die ganze Welt darzustellen; doch weder die USA noch Israel verfügen über den geringsten Sinn für Ehre, und ihnen kann nicht vertraut werden, in gutem Glauben zu verhandeln.

Der Iran weiß das — schließlich haben die USA den Iran tatsächlich zweimal während Friedensverhandlungen angegriffen und dabei jedes Mal wichtige iranische Unterhändler getötet. Um den US-amerikanischen Standpunkt zu verstehen, sollte man sich  zwei wesentliche Punkte vor Augen führen:

*	Ein „Groß-Israel“ besitzt die absolute Priorität.
*	Die Öffnung der Straße von Hormus ist keine Priorität der USA. 

Während das US-israelische Bündnis bei seinem Versuch gescheitert ist, einen Regimewechsel im Iran durchzusetzen, und dadurch die Unterstützung der iranischen Bevölkerung für die Regierung sogar gefestigt wurde, ist es ihm gelungen, „Großisrael“ zu erweitern. Israel hat große Teile des Südlibanon ethnisch gesäubert und verwüstet, seine militärische Präsenz ausgeweitet und insbesondere versucht, sein Vorgehen vom November 2024 zu wiederholen: Damals nutzte es den Deckmantel eines Waffenstillstands, um seine Panzerverbände vorzurücken.

>Der israelische Rückzug aus dem Südlibanon war ein zentraler Verhandlungspunkt der iranischen Regierung und ist ein entscheidender — ja sogar der allererste — Punkt des Memorandums of Understanding (MOU) zwischen Iran und den USA. 

Doch in einem außergewöhnlichen Schachzug, der auf ein Scheitern des Abkommens abzielt, haben die USA mit Israel und dessen Marionettenregime unter Aoun im Libanon ein [Abkommen](https://www.state.gov/releases/office-of-the-spokesperson/2026/06/trilateral-framework-between-the-united-states-of-america-the-state-of-israel-and-the-republic-of-lebanon) unterzeichnet, das die israelische Besatzung des Südlibanon durch die Zustimmung der „libanesischen Regierung“ zu legitimieren versucht. 

Dies ist eine erstaunliche Entwicklung. Ich hatte nicht gedacht, dass der widerwärtige, aufgeblasene „General“ „Präsident“ Aoun in meiner Achtung noch weiter sinken könnte, aber selbst ich — und wohl auch kein anderer Kommentator — hätte erwartet, dass er einen solchen Deal mit Israel eingehen würde. Der Plan sieht vor, dass die Amerikaner, die Israelis und die libanesische Armee gemeinsam die Hisbollah gewaltsam beseitigen. Erst nachdem dies — durch die Israelis — bestätigt wurde, sollen sich die Israelis aus dem Südlibanon zurückziehen.

Hier sind die entscheidenden Absätze. Man beachte, dass sie sorgfältig vermeiden, ausdrücklich zu sagen, dass Israel den Libanon tatsächlich verlassen wird: 

*	*„3. ... Die israelische und die libanesische Regierung verpflichten sich zu einem wechselseitigen, schrittweisen Prozess mit klaren Bedingungen, bei dem die libanesischen Streitkräfte (LAF) die wirksame souveräne Autorität über das gesamte libanesische Staatsgebiet wiederherstellen werden, vorbehaltlich der überprüften Entwaffnung nichtstaatlicher bewaffneter Gruppen und der Beseitigung der damit verbundenen Infrastruktur. Dies soll es den israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) ermöglichen, sich schrittweise aus dem libanesischen Staatsgebiet zurückzuziehen.“*
*	*„5. ... Die israelische Regierung betont, dass die Beendigung dieser Bedrohung durch die Entwaffnung und Auflösung solcher Gruppen im gesamten Libanon sowie durch weitere, zusätzliche Sicherheitsvereinbarungen, die zwischen den beiden Ländern getroffen werden sollen, jegliche zukünftige Notwendigkeit für militärische Maßnahmen oder eine Präsenz der IDF im Libanon beseitigen wird.“*

Dies steht offensichtlich vollständig im Widerspruch zum MOU zwischen den USA und dem Iran, heißt es doch in Punkt 1 ausdrücklich: 

*„Die Vereinigten Staaten von Amerika, die Islamische Republik Iran und ihre Verbündeten im aktuellen Krieg erklären mit der Unterzeichnung dieser Absichtserklärung die sofortige und dauerhafte Beendigung aller militärischen Aktivitäten an allen Fronten, einschließlich im Libanon. Sie verpflichten sich von nun an, keinen Krieg oder militärischen Einsatz gegeneinander zu beginnen, auf die gegenseitige Androhung oder Anwendung von Gewalt zu verzichten und die territoriale Integrität sowie die Souveränität des Libanon zu gewährleisten. Das endgültige Abkommen wird eine dauerhafte Beendigung des Krieges an allen Fronten, einschließlich im Libanon, sowie weitere Bestimmungen dieses Absatzes bestätigen.“*

Natürlich weiß jeder, dass sich Israel niemals freiwillig zurückziehen wird — ebenso wenig, wie es sich von den Golanhöhen zurückgezogen hat. Das Ziel ist ganz klar eine Annektion sowie die Ausdehnung von Groß-Israel mindestens bis zum Litani-Fluss, wahrscheinlich sogar darüber hinaus.

Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass Aoun damit nicht nur die Vernichtung der schiitischen Bevölkerung des Südlibanon anstrebt — er verrät auch seine eigene Gemeinschaft. Aoun selbst ist ein Christ aus dem Südlibanon, und Israel zerstört mit derselben Begeisterung die Häuser, Kirchen, Krankenhäuser und Familien der christlichen Bevölkerung im Südlibanon, mit der es Muslime angreift. 

Das Abkommen erwähnt zwei „Pilotzonen“, in denen die vereinten Streitkräfte von Israel und dem Libanon die Hisbollah vernichten werden, woraufhin sich Israel aus diesen Zonen zurückziehen wird. Dabei handelt es sich jedoch um Gebiete, die Israel derzeit gar nicht besetzt hält — vielmehr sind es Regionen, in denen Israel im Kampf gegen die Hisbollah unterlegen war und die seither unablässig von Israel bombardiert werden.

Aoun hat somit zugestimmt, einen militärischen Vorstoß der IDF tiefer in den Libanon hinein zu unterstützen — im Gegenzug für die Zusage, dass Israel sich zurückziehen könne, sobald diese wichtigen Stellungen der Hisbollah zerstört sind. Selbst wenn Aoun so dumm wäre zu glauben, dass sich die Israelis nach dieser Operation tatsächlich zurückziehen, handelt es sich hier doch um ein Ausmaß an Verrat, das kaum nachvollziehbar ist. 

>„Groß-Israel“ ist kein Konzept. Es ist eine Realität, die direkt vor unseren Augen geschaffen wird.

Israel hält inzwischen 70 Prozent des Gazastreifens besetzt und es ist offensichtlich, dass der gesamte Mechanismus des „Board of Peace“ nichts als Augenwischerei und reiner Betrug ist. Er hat keinerlei Einfluss auf die fortschreitende Verengung des Konzentrationslagers Gaza auf ein immer kleiner werdendes Gebiet. Israelische Siedlungen im Westjordanland dehnen sich täglich weiter aus und jede Nacht färbt sich der Himmel rot vom Feuer brennender palästinensischer Häuser und Felder. In Ostjerusalem werden Palästinenser fortlaufend aus ihren Häusern vertrieben und durch neu eingetroffene Siedler aus Europa oder den USA ersetzt. In Syrien errichtet Israel dauerhafte Befestigungsanlagen, während seine Panzerverbände mit voller Unterstützung von „Präsident“ al-Dscholani Feld für Feld weiter vorrücken.

Dem Iran ist es gelungen, der vereinten Militärmacht von USA und Israel standzuhalten. Das ist ein Grund zum Feiern. Wir sollten deswegen jedoch nicht die Augen vor der anhaltenden harten Realität der Ausdehnung von Groß-Israel verschließen. 

Das Memorandum of Understanding zwischen den USA und dem Iran enthält aus Sicht der USA keinen einzigen Vorteil, den sie nicht bereits vor Beginn des Krieges besessen hätten. Es ist daher durchaus möglich — und in vielerlei Hinsicht durchaus berechtigt —, das Abkommen als die formelle Festschreibung einer amerikanischen Niederlage zu lesen: als ein Kapitulationsdokument. Eben deshalb sollte man den Willen der USA, sich an die darin enthaltenen Vereinbarungen zu halten, mit Skepsis betrachten. 

Bevor die USA den Krieg begonnen hatten, war die Straße von Hormus vollständig geöffnet. Dass die Öltransporte wieder ungehindert aufgenommen werden können, ist für die USA inzwischen zu einer kurzfristigen Priorität geworden — vor allem wegen der hohen Kraftstoffpreise im Inland und bevorstehender Wahlen. Das Memorandum of Understanding sieht jedoch eine stärkere iranische Kontrolle — und möglicherweise Gebühren — in der Meerenge vor, als dies vor dem Krieg der Fall war. 

Es findet sich keinerlei Hinweis auf Einschränkungen des iranischen Atomprogramms, die nicht bereits im Rahmen der friedlichen Verhandlungen erreichbar gewesen wären. Entscheidend ist: Es gibt keinerlei Begrenzungen für die für den Iran lebenswichtige Produktion ballistischer Raketen. Die geplante Lockerung der Sanktionen und die Freigabe eingefrorener Vermögenswerte sind ein Triumph für den Iran und längst überfällig. Die aus nicht näher bezeichneten Quellen stammenden 300&nbsp;Milliarden Dollar an Entschädigungszahlungen sind geradezu atemberaubend.

So überwältigend, dass natürlich jedem, der bei klarem Verstand ist, klar sein muss, dass die USA langfristig nicht die Absicht haben, sich an das Abkommen zu halten. 

Trump ist nicht dumm. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Art von Gerissenheit zu charakterisieren, aber Dummheit gehört nicht dazu. Entgegen der vorherrschenden Darstellung war er nicht der einzige Mensch auf der Welt, der nicht erkannt hätte, dass der Krieg zur Schließung der Straße von Hormus führen würde. Der USA kommt es sehr gelegen, dass die Straße von Hormus gesperrt ist oder die Durchfahrt dauerhaft erschwert und verteuert wird. 

>Der Schlüssel zum Verständnis von Trumps Position liegt in seiner bekannten Vorliebe für Zölle. Trump ist ein Merkantilist. Viele Jahre lang beruhte die Weltwirtschaft im Wesentlichen auf der allgemeinen Akzeptanz der ökonomischen Grundsätze Adam Smiths — nämlich darauf, dass freier Handel eine allgemeine, wechselseitige Wohlstandsmehrung fördert. Dies war die Grundlage für die Gründung der Welthandelsorganisation und ist die wirtschaftspolitische Leitidee großer Handelsblöcke wie der EU.

Trump lehnt diese Vorstellung ab und kehrt zu der Auffassung zurück, dass andere Nationen keine potenziellen Partner, sondern durchweg Konkurrenten sind, und dass Erfolg nicht nur dadurch entsteht, die eigene Produktion zu steigern, sondern die Produktion des Konkurrenten zu schädigen — was die heimische Produktion schlussendlich weiter erhöhen wird. Trump lehnt somit die Grundprämisse des Freihandels ab. 

Der lange Zeit vorherrschende Glaube an die positive Wirkung des Freihandels ging, historisch gesehen und logischerweise, mit der Forderung nach einer Freiheit der Schifffahrt einher. 

Die Abschaffung von Zöllen geht mit der Beseitigung von Beschränkungen für die Schifffahrt einher, die den Warentransport ermöglicht. Vor dem Aufstieg der liberalen Wirtschaftslehre praktizierten fast alle Staaten den Merkantilismus, wobei Kontrollen im Schiffsverkehr eine wichtige Einnahmequelle des Staates darstellten. Die prachtvolle Burg Kronborg in Helsingør, der Schauplatz von Shakespeares „Hamlet“, wurde beispielsweise vollständig aus den Einnahmen durch Schiffsgebühren finanziert, die von Schiffen erhoben wurden, welche die von der Burg überwachte Meerenge bei der Ausfahrt aus der Ostsee passierten. Der Merkantilismus zielte nicht nur darauf ab, die Durchfahrt zu kontrollieren, sondern auch darauf, festzulegen, welche Schiffe welcher Nationen zum Handel zugelassen wurden.

Die Freiheit der Schifffahrt wurde zunächst durch die britische und später durch die amerikanische Marine durchgesetzt. Staaten, die versuchten, traditionelle Durchfahrtsgebühren zu erheben — beispielsweise in der Straße von Malakka —, wurden als „Piraten“ eingestuft, und die Freiheit der Schifffahrt wurde zu einer gängigen Rechtfertigung für imperialistische Aggressionen und/oder koloniale Besetzungen. Die Freiheit der Schifffahrt wurde schließlich zum Gewohnheitsrecht innerhalb des Völkerrechts und wurde letztendlich im UN-Seerechtsübereinkommen kodifiziert.

>Die schlichte Wahrheit lautet: Indem das Trump-Regime das Prinzip des Freihandels offen aufgegeben hat, hat es auch den logisch damit verbundenen Grundsatz der freien Schifffahrt aufgegeben. 

Das zeigt sich nicht nur an der Gleichgültigkeit des Trump-Regimes gegenüber der Schließung der Straße von Hormus. Es zeigt sich auch in den Seeblockaden gegen Kuba und Venezuela sowie vor allem in der weltweiten Blockade russischer Kohlenwasserstofflieferungen, einschließlich des faktischen Endes der freien Durchfahrt durch die Straße von Dover sowie die De-facto-Seeblockade der arktischen Seewege.

Nach dem Schieferöl- und Schiefergas-Boom sind die Vereinigten Staaten Nettoexporteur von Kohlenwasserstoffen. Die Handelsbilanz der USA profitiert von hohen Kohlenwasserstoffpreisen. Trump setzt alles daran, die amerikanische Kohlenwasserstoffproduktion zu steigern, indem er Umweltauflagen und andere Regulierungen massiv abbaut. Dies ist ein zentraler Bestandteil der Trump-Politik 
Die USA importieren keine Kohlenwasserstoffe durch die Straße von Hormus. Diese Tatsache ist wesentlich für Trumps Denkweise. 

Aus dieser merkantilistischen Sicht bringt die Sperrung der Meerenge zwei Vorteile für die USA: 

*	Sie benachteiligt konkurrierende Lieferanten von Kohlenwasserstoffen.
*	Sie benachteiligt konkurrierende Industrieunternehmen in Europa und Asien, die über die Meerenge von Hormus Kohlenwasserstoffe beziehen.

Das ist genau dieselbe Logik, die hinter der Zerstörung von Nord&nbsp;Stream&nbsp;2 steht. Dasselbe merkantilistische System erklärt auch die faktische Beschlagnahmung und Kontrolle der venezolanischen Ölproduktion durch eine Seeblockade sowie die Blockade russischer Kohlenwasserstoffe durch Sanktionen und die Propaganda um die „Schattenflotte“, die eine weitere Seeblockade verschleiert. 

Die jüngsten Maßnahmen Großbritanniens in der Meerenge von Dover zeigen, dass nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern der Westen insgesamt das Prinzip der freien Schifffahrt in Meerengen aufgegeben hat. 

Trump glaubt — wie er wiederholt öffentlich erklärt hat —, dass die inländischen Kraftstoffpreise in den USA nur eine vorübergehende Abweichung darstellen und sich wieder einpendeln werden, sobald die USA ihre eigene Kraftstoffproduktion sowie die venezolanische Kraftstoffproduktion steigern. Dies geschah jedoch nicht rechtzeitig vor den Zwischenwahlen, weshalb die Wiederöffnung der Straße von Hormus vorübergehend zu einer Priorität wurde, die den Waffenstillstand und die Absichtserklärung mit dem Iran herbeiführte. 

Nichts davon deutet auf ernsthafte Verhandlungen in guter Absicht oder auf eine echte Aussicht auf dauerhaften Frieden hin.

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**Redaktionelle Anmerkung:** Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „[The Middle East, Hormuz and the New Mercantilism](https://www.craigmurray.org.uk/archives/2026/06/the-middle-east-hormuz-and-the-new-mercantilism/)“. Er wurde von Gabriele Herb ehrenamtlich übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektoratteam lektoriert.


