Keimzellen des Neuen

Wie die Imagozellen einer Raupe die Verwandlung in einen Schmetterling vorwegnehmen, entstehen derzeit Projekte, in denen eine bessere Welt Gestalt annimmt.

In der bayerischen Oberpfalz ist ein Projekt im Entstehen, das es verdient, genauer vorgestellt zu werden, weil es Mut macht. Dass es vielleicht bald schon weitere Projekte mit überlappenden Zielsetzungen gibt, macht die Sache noch spannender. Aus einer kurzen morgendlichen Veranstaltung beim diesjährigen Rubikon-Autorentreffen, das sich alternativen Lebensformen widmete, scheint schneller eine Wirklichkeit hervorzugehen als gedacht. Eine Vielzahl an solchen Lebens- und Arbeitsformen ergäbe dann ein ganzes Geflecht und damit eine Welt, die uns gefällt. Dass solche Ideen nicht einfach auf Wolken schweben, sondern sogar Gegenstand einer wissenschaftlichen Masterarbeit sein können, zeigt dieser Bericht von Daniel Sandmann. Ihm folgen voraussichtlich noch weitere Beiträge von Autoren aus der Rubikon-Redaktion, die ebenfalls vor Ort waren und sich auf die eine oder andere Weise mit dem Projekt und dem Thema beschäftigen.

Welt selber machen. In der Oberpfalz, in Sichtweite zur tschechischen Grenze, findet sich ein Ort, der gemacht sein will. Zwar ist er durchaus schon gemacht, verändert, immer wieder, mit Projekten gefüllt, mit Firmen auch. Nun aber will er noch mehr gemacht sein. Ein Gegenentwurf zur Smart City. Leben in konkreter Selbstbestimmung.

Es handelt sich um eine alte Glasschleiferei mit umliegendem Land. Durchflossen von einem Waldfluss und einem Seitenarm desselben, der durch die verschachtelten Gebäulichkeiten führt, dort ein kleines Elektrizitätswerk speist, um wieder dem Fluss zuzulaufen. Das Gelände ist weitreichend. Handwerkliche Hallen mit unzähligen Geräten, Kellergeschoße, Zwischenräume, Innenhöfe und mobile und modulare Wohneinheiten — eine davon Nanovilla genannt — werden gesäumt von Wald und Wiesen, Weiher und lauschige Feuerstelle inklusive.

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Teil des Gebäudekomplexes mit Wasserkraftwerk

Die Zeit ist gekommen

Peter lebt hier seit Jahrzehnten. Er hat eine eigene Firma gegründet und sich mit Innovationen rund um Baustoffe einen Namen in aller Fachwelt gemacht. Nun hat er die Firma verkauft und seine Tätigkeit in diesem Zusammenhang auf Beraterdienste beschränkt. Außerdem kontrolliert er die weitgehend automatischen Abläufe rund um die Stromerzeugung, von der neben der ganzen Anlage rund 200 weitere Haushalte leben. Daneben bleibt Freiraum. Denn die Zeit ist gekommen, in der solche Orte gebraucht werden.

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Feuerstelle am Wasser

Die Geschichte meines Auffindens dieses Ortes in aller Kürze: Beim Rubikon-Autorentreffen 2021 wurden Ideen für autarke Lebensformen in einem kleinen Workshop zusammengetragen. Die Veranstaltung war intern mit „Ideen für eine Rubikommune“ betitelt. Der Zufall wollte es, dass Peter, an diesem Treffen anwesend, gerade dabei war, den Ort, den ich in diesem Beitrag skizziere, in einen autonomen Lebensraum zu verwandeln, offen für alle, die sich da einbringen wollen. Und ohne zum Voraus von der Thematik dieses Workshops zu wissen — die Themen dieser Veranstaltungen, Referate und Gespräche werden immer erst am Treffen selbst bekannt — brachte er also ein gewissermaßen startbereites Projekt mit in den Workshop.

Wenige Wochen später aber kam bereits die Einladung zu einem ersten gemeinsamen Anfassen vor Ort. Und so fand ich mich auf dem Gelände dieser alten Glasschleiferei wieder, wo mich auf dem Dach der oben bereits erwähnten Nanovilla sitzend beim Hämmern und Nageln zwischen Fluss und Weiher eine Schwerelosigkeit ergriff, die ich zuvor seit bald Jahrzehnten vergeblich gesucht hatte.

Die Anlage fordert und bietet. Sie fordert Ideen, sie fordert Hände, bietet Geräte, bietet Hallen, eine komplett eingerichtete Schreinerei. Hofladen, verschiedene Wohnmöglichkeiten sind angedacht und teilweise bereits im Entstehen. Angedacht ist ebenso die Selbstversorgung mit Gemüse und Früchten, ist Tierhaltung — Pferde zum Beispiel, angedacht sind Räume für Seminare, Workshops, Theater, Tanz und Kunst. Sanitäre Anlagen ebenso. Was nicht vorliegt: reine Geschäftsideen, ein fertiges Businesskonzept. Denn das, was mit der alten Glasschleiferei aus der Mitte des 19. Jahrhunderts geschieht, soll kein Geschäft sein, kein „Business“, sondern etwas Neues, Weiterreichendes, das sich erst mit den Menschen, die aus unterschiedlichsten Zusammenhängen hier auftauchen, für kurz, für länger, formt und entwickelt.

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Nanovilla-Dachbau

In meiner Zeit vor Ort — es waren leider nur wenige Tage — wurde das Dach der Nanovilla angegangen und eine Mauer durchschlagen, um einen Raum zu erweitern. Es wurde gemeinsam gekocht, mit Liebstöckel, Brennnessel und Fette Henne, Kräutern, die rundherum sprießen, es wurde gemeinsam überlegt und gedacht und es gab spontane künstlerische Darbietungen: russische Gedichte mit Übersetzung und kurze Videos von traumhaften Miniaturwelten, mittels Hand aus Zeitungen und Zeitschriften geschnitten, neu komponiert und gefilmt. Ab und an stand ich allein, ließ meine Augen über Wiesen, über Gewässer schweifen, durch weite Hallen, über Geräte, deren Funktion ich nicht erahnen konnte und die, auf Form reduziert, für mich mit zur Topographie dieser Welt gehörten. Raum für Rückzug und Alleingänge. Auch das bietet dieser Ort.

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Im Innern der Nanovilla

Die Vorgaben liegen am Ort

Corona — lange ist das Wort in diesem Bericht nicht gefallen. Und an der großen Tafel im Wohnhaus ist es aus dem Diskurs verbannt. Zunächst irritierte mich dies, dann war ich froh darum. Manchmal braucht es Regeln, um freizukommen. Gerade weil der Ort, so wie er entstehen könnte, weil sein bereits gesetzter Anfang nicht nur, aber auch mit Corona zu tun hat. Die Welt, die hier gemacht sein will, öffnet nämlich Perspektiven. Solche, die über Abwehrmaßnahmen und Unheilabfederungen hinausgehen. Die Erde selber machen. Das mag aus einem ersten Impuls heraus durchaus eine *Re*aktion sein.

Vor Ort aber ist es Aktion allein. Die Welt mit ihren Zahlen und Maßnahmen und Steuerungen sinkt weg. Werden hier Nägel eingeschlagen, wird mit Lehm gebaut und verputzt, wird vermessen, gekocht und gegessen, so *re*agiert keiner und keiner auf die neusten Gesetze und Gesundheitsdekrete, auf Zwangsimpfungen und ID2020. Die Vorgaben an diesem Ort liegen nicht außerhalb.

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Die Schreinerwerkstätte

Wissenschaftliches Fundament für anderes Leben und Arbeiten

Aus dem Nichts startet das Projekt nicht. Nicht nur, dass Peter über Jahrzehnte hier schon gearbeitet und innovativ gewirkt hat, vielmehr haben ein Schweizer Architekt und sein kolumbianischer Kollege die architektonischen Möglichkeiten der Gebäulichkeiten erst jüngst genauer untersucht und die sich daraus ergebenden Optionen für unterschiedlichste Nutzungen und Projekte als Masterarbeit an der University of Art and Design in Linz im Juli dieses Jahres eingereicht. Die in dieser Arbeit ausgewiesenen Nutzungspotenziale sind mannigfaltig und stellen sicher, dass Ideen auf eine wissenschaftliche und damit auch statische Grundlage abstellen können, auf festes Fundament also.

In meinen Tagen waren zeitweise bis zu 13 Personen um die Tafel versammelt. Fünf Frauen, sechs Männer, zwei Kinder, die meisten nur kurz, ein erstes Schnuppern. Für Eliane allerdings ist ein längeres Verweilen schon gewiss. Sie wird ihre 20-jährige Erfahrung mit gemeinschaftlichen Wohn- und Arbeitsformen einbringen, Erfahrungen, die sie in Projekten rund um die Welt sammeln konnte. Mit dem Raum, der hier entsteht, weiß sie also umzugehen, Raum auch für Spirituelles, Experimente und Gestaltung.

Erde selber machen. Die Oberpfalz und mit ihr dieser Ort verbleibt in Deutschland, verbleibt in Bayern. Und doch liegt hier, so wie ich das begriffen habe, ein Stück Erde, das so weit wie möglich sich aus den äußeren Zwängen herausnimmt, sich löst aus dem großen einen Bund, der wieder einmal entstanden ist.

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Konzepte fürs Dachdecken: Sinnieren über Blechrollen

Keine Zertifikate

Mauern selber bauen und verputzen, einreißen, Dächer selber decken — allein ein Blechdach zu konstruieren, die Bahnen richtig zu falten: Ich habe nicht gewusst, wie viel an Denken das erfordert —, Möbel anfertigen, einen Hofladen einrichten, Konzerte organisieren, Gemüse anpflanzen und vieles Weitere: In dieser alten Glasschleiferei braucht man keine Zertifikate. Wer sich einlässt auf die Sache, wer mitdenkt, gleichgültig, für wie geschickt oder ungeschickt er oder sie bislang gegolten haben mochte, kann schnell lernen.

Dass Peter mit seinen magischen Händen gezielt mal nachhilft, aufzeigt und vormacht, dass Leute auftauchen, die mit Geräten umgehen können, eine handwerkliche Ausbildung haben und Menschen wie mich, für die in diesem Bereich fast alles neu ist und die noch nie ein Dach gedeckt haben, nicht mal in Gedanken, anleiten, das führt zu einem gewissermaßen natürlichen Zusammenspiel, das auf Vor- und Ausbildungen verzichten kann. In meinen Tagen hier vor Ort war es der Künstler und gelernte Elektrotechniker Rüdiger, der mit seinen behutsamen Erklärungen Struktur und Konzeption in das Tun derjenigen bringen konnte, die beispielsweise zum ersten Mal mit einer elektrischen Säbelsäge hantierten.

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In der Halle — Potenzial für einen Ort der Kunst

Wer ist gemeint?

Welche Ideen, wessen Hände sind gefragt? Wer erwünscht, erhofft an diesem Ort? Die Antwort ist einfach: Wer auftaucht, liegt richtig. Das gilt auch für Kinder. Die beiden vor Ort während meiner Zeit hier haben mit Lehm gearbeitet, haben geangelt und Perlen zu Ketten zusammengefügt. Die übergeordnete Idee ist die einer selber gestalteten Welt, welches Alter, welche Biografie, welche Vor-, Aus- oder Einbildung ist egal. Was hier läuft, ist sozusagen die Bewegung andersrum. Nicht Smart Citys, in denen sich biologische Restbestände (Menschen, Cyborgs, Nanoträger) von QR-Codes und Algorithmen top-down-mäßig steuern lassen bei immer weniger Einsicht in die Zusammenhänge, in denen sie stecken, nein, Autonomie ist hier gefragt. Menschen steuern selbst, steuern, was sie zum Leben brauchen und wünschen.

Gefragt sind Menschen, die mit Baustoffen erste oder neue Erfahrungen machen wollen; Menschen, die, losgelöst von Bildung und Schulen und Studium, architektonische Ideen haben; Menschen, die Möbel anfertigen; Menschen, die Gemüse, Kräuter, Früchte anbauen und in einem Hofladen verkaufen wollen; solche, die gestalten, bilden und malen möchten, Kunstanlässe konzipieren und durchführen, Konzerte, Lesungen, Dichtungen, Performances. Wer Räume sucht für spirituelle, handwerkliche oder philosophische Anlässe, wer die Räume mit solchen Ideen füllen möchte und wer noch keine Ahnung hat, sondern einfach mal auftaucht: Der- oder diejenige ist richtig an diesem Ort. Aus einer Idee, aus der Arbeit ergibt sich sodann, ob und für wie lange aus dem Auftauchen ein Verweilen wird.

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Im Innenhof vor dem Wohnhaus

Dass das Zusammenleben hier etwas anders geartet ist, versteht sich von selbst. An Hierarchien, an Top-Down-Muster, an Führung ist nicht gedacht. Gleichwohl, so rechne ich aufgrund dieser wenigen Tage hoch, dürfte die Erfahrung, die hier gegeben ist, eine Struktur darreichen. Die Erfahrung bezieht sich auf den Ort selbst, auf Baumaterialien, auf Handwerk, auf Konzepte und deren Umsetzungen wie auch auf gemeinschaftliche Lebensformen, Workshops und verschiedene Formen der Kunsterzeugung. Und die Struktur, die aus ihr erwächst, ist ebenso natürlich wie notwendig, um sich auf dem Gelände der Freiheit nicht zu verlieren.

In Kontakt treten

Aus der Skizze, die ich mit Worten zu zeichnen versucht habe, ist naturgemäß längst nicht alles klar geworden, längst nicht alles gefasst und gesagt. Das soll auch so sein. Indes, dass an diesem Ort Wohn-, Arbeits- und Lebensraum für mehr als bloß zwei Personen entsteht, das ist gewiss. Interessierte, die gerne mehr erfahren würden, sind eingeladen, mit dem Projekt in Kontakt zu treten. Fragen, die das Wohnen und Arbeiten betreffen; Fragen, wie man sich einbringen, was man geben, was man erhalten könnte — dazu zählen übrigens bestimmt auch Fertigkeiten, die hier zu lernen sind —, Unterhaltsfragen, Kost und Logis et cetera: Das alles lässt sich im direkten Austausch konkretisieren. Vielleicht gibt es auch Menschen, die mit bereits recht klaren Vorstellungen nach Projekten suchen, um sich ideell oder materiell einzubringen. Auch die sind eingeladen, mit dem Projekt in der Oberpfalz Kontakt aufzunehmen.

Und noch eine erfreuliche Ergänzung: Das Projekt in der Oberpfalz bleibt womöglich nicht allein. Bereits beim Rubikon-Jahrestreffen wurde darauf verwiesen, dass an verschiedenen Orten jeweils ziemlich unterschiedlich angelegte Projekte entstehen könnten, die jedoch in ihrem Bestreben nach anderen Lebensformen zusammenlaufen. Mir selbst sind zwei Vorhaben bekannt, die vielleicht schon bald anschaulich werden. Das eine liegt in Ostdeutschland, in Vorpommern, nicht allzu weit von Stralsund entfernt, das andere in Ungarn, vielleicht auch in Bulgarien. Treten diese Projekte in ein konkretes Stadium, wäre es wieder Zeit für einen Beitrag hier bei Rubikon.

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Grün- und Waldflächen rund um den Seitenarm des Flusses — da soll stellenweise bald auch mal Gemüse wachsen.


Kontaktadresse: alternativenbauen@posteo.de