Körper zur freien Verfügung
Die Debatte um die Wehrpflicht zeigt, wie selbstverständlich staatlicher Zwang geworden ist und dass viele Menschen noch immer ein sehr merkwürdiges Verständnis von Freiheit haben.
Wehrpflicht ist nicht, wie die Politiker den Menschen sagen, eine Notwendigkeit, sondern die logische Fortsetzung eines Zwangs, der viel früher beginnt. Schon in der Schulpflicht zeigt sich der Anspruch des Staates, über Zeit und Bildung eines Menschen zu verfügen. Die Wehrpflicht treibt das nur weiter: bis zur vollständigen Verfügbarkeit des Körpers — und im Extremfall bis zum Zwang, andere Menschen verletzen oder töten zu sollen. Was hier „Pflicht“ genannt wird, bedeutet in Wirklichkeit: Du hast nicht mehr das Sagen über dein eigenes Leben. Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob oder wie Bürger gezwungen werden können, sondern warum so viele bereit sind, diese Zwänge als völlig normal zu akzeptieren und darüber überhaupt zu diskutieren. Freiheit ist doch nicht verhandelbar! Ein Beitrag zur Sonderausgabe „Wehrdienst und Militarisierung“.
Ein Staat ist immer eine Struktur, die Herrschaft über Menschen ausübt. Er setzt Regeln, die nicht auf individueller Zustimmung beruhen, sondern auf Durchsetzung durch Strafen. Er beansprucht das Gewaltmonopol, um seine Existenz und seine Forderungen durchsetzen zu können. Er „legitimiert“, durch Androhung von Strafe, dass einige Menschen über andere bestimmen und das Nichtbefolgen von fragwürdigen Gesetzen mit Gewalt — denn nichts anderes sind Geldstrafen oder Freiheitsentzug — durchgesetzt werden.
Wehrpflicht wird als ein Instrument der „Verteidigung“ bezeichnet. Ein Wort, das alleine schon hinterfragt werden muss: „Wehr“ — gegen wen und warum? „Pflicht“ — mit welchem Recht sollte jemand dazu verpflichtet werden können, sich zu wehren?
Ein Blick zurück in die Menschheitsgeschichte zeigt, Verteidigung ist kein Argument! Kriege entstehen aus Machtgier, aus wirtschaftlichen Interessen, aus Ressourcenfragen, aus strategischem Kalkül. Rohstoffe, Energiequellen, Einflusszonen, Handelswege — all das sind Faktoren, die in politischen Entscheidungen die bestimmende Rolle spielen — auch wenn niemand den Menschen das so deutlich unter die Nase reibt. Ein Staat beansprucht etwas, das ein anderer Staat besitzt. Nicht die in diesem Konstrukt lebenden Menschen! Sie wollen einfach nur friedlich leben, ihrer Arbeit nachgehen und ihre Ruhe haben.
Der Staat ist der Akteur, der Konflikte braucht und organisiert. Er muss seine Interessen durchsetzen, um Bestand zu haben. Und nur durch sein Gewaltmonopol entsteht die Möglichkeit, diese Interessen im Ernstfall überhaupt zu verwirklichen. Gewalt ist also nicht die Ausnahme, sondern macht eine Herrschaft über andere Menschen überhaupt erst möglich.
Für den Einzelnen wird „Wehrpflicht“ dann konkret zu einer weiteren Wegnahme seiner Rechte. Notfalls mit staatlicher Gewalt und der Unterstützung sehr vieler Menschen, die vorgeben, sich um andere zu sorgen und Werte zu vertreten. Na danke auch an die Eltern, Großeltern und Freunde der Menschen, die eigentlich Unterstützung und Rückhalt bei ihrer Weigerung bräuchten.
Ein junger Mensch wird in eine Ordnung befohlen, in der nicht gefragt wird, was er will, sondern wofür er nützlich ist. Ausbildung, Lebensentwurf, persönliche Entwicklung — all das spielt keine Rolle mehr, angesichts der Möglichkeit, dass der Staat auf diese Menschen zugreifen kann, wie ihm beliebt. Traurigerweise finden das so viele Menschen nicht einmal seltsam, sondern völlig „normal“ — Freiheit scheint ihnen gar kein Begriff mehr zu sein.
Wie definieren SIE denn Freiheit für sich? Wie definieren SIE Liebe, wenn es Ihnen gleichgültig ist, dass Ihre Lieben einem Staat ihre Lebensplanung opfern sollen? Vorausgesetzt es bleibt zeitlich begrenzt bei dieser und kostet ihn nicht das Leben selbst. Nun, immerhin lernt er beim Militär dann Disziplin und Ordnung. Was zu lehren, eigentlich die Aufgabe von Eltern wäre — wenn sie darauf gesteigerten Wert legen — doch das überlassen sie dann auch noch dem Staat.
Und plötzlich, im Ernstfall, ist da keine — wenn auch nur eingebildete — Freiheit mehr, keine Moral, keine freie Lebensplanung. Keine Sorge der Eltern, keine Pflicht mehr, sein Kind zu versorgen, keine freie Wahl des Berufs oder auch eine freie Wahl des Landes, in dem man wohnen möchte, sondern Handlungspflicht. Befehl. Krieg. Tod.
Manche schaffen es, sich dem zu entziehen. Sehr gut! Besser wäre allerdings gar nicht erst in die Lage zu kommen, sich entziehen zu müssen.
Die meisten aber stolpern aufgrund ihrer Unkenntnis oder Ignoranz genau in diese nicht wirklich überraschende Situation. Dann taucht zwangsläufig die Ausrede auf: „Ich mache doch nur meinen Job.“ Oder: „Ich hatte keine Wahl.“ Jeder kennt solche Sätze aus eigener Erfahrung. Nur die wenigsten stellen die Frage, wie sich das mit dem Anspruch auf Freiheit überhaupt verträgt. Am wenigsten stellen sich diese Frage aber anscheinend die, die am Ende die Waffe in der Hand halten, die anderen Menschen die Freiheit oder das Leben nimmt. Ohne diese Menschen wäre nicht einmal der Gedanke an „Wehrpflicht“ möglich!
Hier zeigt sich der moralische Kern des Problems: Weder die Wehrpflicht selbst noch ein Befehl ist ein Naturereignis. Beides ist kein Unfall und schon gar nicht unausweichlich.
Die derzeitigen Systeme funktionieren nicht, weil einzelne Menschen in Regierungen besonders grausam und gierig sind. Selbstverständlich sind sie das. Diese Systeme funktionieren nur, weil die Menschen unreflektiert zustimmen, weil sie mitmachen, nicht widersprechen, erwarten, dass andere handeln, und weil sie als ausführende Befehlsempfänger den Zwang und die Gewalt erst ermöglichen. Das gilt im Übrigen nicht nur für das Militär, sondern für alle Institutionen, die staatlichen Zwang praktisch umsetzen. Ohne die Menschen, die bereit sind, andere zu bestrafen, einzusperren oder Gewalt anzuwenden, würde dieses System nicht funktionieren. Ohne sie wäre Herrschaft nicht durchsetzbar.
Oben fallen Entscheidungen, unten erfolgt die meist unreflektierte Ausführung. Der Handlanger dieser „Eliten“ zu sein, ist aus freiheitlicher Sicht eine zutiefst verachtenswerte Position.
Und doch kann jeder sich darauf berufen, nur ein Teil des „Gemeinwohls“ zu sein. Irgendwie muss man ja sein Geld verdienen, oder? Ein moralischer Mensch würde sich wehren, kündigen, verweigern, zur Not weglaufen. Selbst Letzteres erfordert in meinen Augen mehr Charakter und Mut, als mitzumachen.
Woher kommt nur die Gewöhnung daran, Dinge zu tun, die man selbst nicht entschieden hat — und die man für sich genommen als falsch erkennen würde? „Du sollst nicht töten! — Außer die da oben befehlen es …!“ In welcher Religion kann ich das nachlesen?
Woher kommt die Vorstellung, dass Verantwortung immer bei „denen da oben“ liegt — und nicht bei dem, der tatsächlich handelt? Wie viele Menschen sind bereit, ihr eigenes moralisches Urteil vollständig an eine Autorität abzugeben? Woher kommt diese Untertanenmentalität?
Die Fragen, die für mich am Ende bleiben, sind sehr einfach — aber sehr schmerzhaft:
Wie kann etwas als legitim gelten, das darauf beruht, dass Menschen gegen ihren freien Willen in eine Struktur gezwungen werden, die im äußersten Fall verlangt, dass sie andere Menschen töten?
Oder grundsätzlicher:
Wie selbstverständlich ist eigentlich die Annahme geworden, dass Herrschaft über Menschen überhaupt ein akzeptables Organisationsprinzip sein soll?
Und ganz existenziell: Wie kann jemand nicht bemerken, wie unfrei er ist, wenn er in einer Struktur lebt, die Lebenszeit, Steuergeld, Gehorsam und im schlimmsten Fall sogar das Leben jederzeit für sich und seine Zwecke beansprucht?