Kostproben einer Erinnerung

Mit ihrem virtuellen Corona-Museum lassen Gerald Dyker und Jörg Matysik Gefühle wieder aufleben, die so mancher längst vergessen hat.

Dass jeder sich die Schau virtuell erwandern darf, ist klar. Museen grenzen nicht aus. Museen sind für alle da. Doch bei diesem speziellen Museum würde man zu gerne mal Mäuschen spielen: Wer spaziert wirklich herein? Wer schaut sich hier um? Zu vermuten steht: in erster Linie Kritiker und Opfer der Coronamaßnahmen. Wobei es äußerst interessant wäre, zu erfahren, wie das im Februar an den Start gegangene Museum von Gerald Dyker und Jörg Matysik auf Befürworter der Coronapolitik wirkt.

Agiert wurde während der Coronakrise mit Abschreckung und Diffamierung, mit subtilem Zwang und teilweise auch offener Gewalt. Davon erzählen die virtuellen Exponate unter „corona-museum.info“. In der Rubrik „Absurde Fundstücke“ findet sich zum Beispiel ein Bericht vom Januar 2021 über die Auflösung eines „illegalen“ Kindergeburtstags. „Jagdfieber“ ist ein Exponat in Form eines eineinhalbminütigen Videos, das an den Maskenzwang selbst beim winterlichen Rodeln erinnert. Ein im Schnee rennender, schnaufender Ordnungshüter, selbstverständlich vermummt, jagt Schlittenfahrer, die sich nicht an die Allgemeinverfügung halten.

Weithin ist sicht- und spürbar, dass viele Menschen es inzwischen vorziehen, über Corona zu schweigen. Man hat genug davon. Vor allem genug neue Sorgen.

Nicht zuletzt angesichts dieser Stimmung ist Gerald Dyker und Jörg Matysik ein Kunststück gelungen: Ihr Museum erschlägt nicht mit Exponaten. Es skandalisiert nicht. Prangert nicht an. „Als Naturwissenschaftler sind wir der Objektivität verpflichtet“, sagen die beiden auf Anfrage von Manova. So habe man sich auch um eine objektive Auswahl der Exponate bemüht. Kein Ausstellungsstück wird bewertet, keines kommentiert: „Der Besucher soll sich seine eigenen Gedanken machen.“

Sicherlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier sehr kritische Köpfe am Werk waren. Gerald Dyker und Jörg Matysik sind in der „Szene“ als Corona-Aufklärer bekannt. „Wir wollen vom Paul-Ehrlich-Institut die Chargenprüf-Protokolle sehen“, erklären sie. Da sich das PEI weigert, haben die beiden vor drei Jahren eine Klage eingereicht: „Bislang ist aber nichts passiert.“ Man könne jedoch schon festhalten, dass die Toleranzen bei der Chargenprüfung enorm sind, „und dass zahlreiche Komponenten toxikologisch nicht hinreichend untersucht wurden“.

Würstchen nur für Injizierte

Eigentlich, so sollte man annehmen, müssten einstige Hardcore-Coronabefürworter ihren Blick schamvoll wegwenden, wenn sie bei dem (nur im Uhrzeigersinn erlaubten!) Rundgang noch einmal an all die von ihnen mitgetragenen Ungeheuerlichkeiten erinnert werden.

Ein Exponat präsentiert ein Cover der „Bild“-Zeitung zum Weihnachtsfest. Unter einem Teller mit Kartoffelsalat, Würstchen und Gewürzgurken wird verkündet: „43 Prozent wollen keine Ungeimpften einladen.“

Der „Stern“, daran erinnert ein weiteres Ausstellungsstück, pries das Impfen als „Akt der Nächstenliebe“ an. Hier zeigt das Cover einen der drei Weisen aus dem Morgenland, der dem Jesuskind eine überdimensionale Impfdosis darbringt.

Vor allem die Kirche war bekanntlich wie wild hinter den Impfungen her. Betitelt mit „Göttliches“, erinnert ein Exponat an die Impf-Werbebotschaft der Katholischen Kirche in Frankfurt: „Die Impfung. Ein Geschenk Gottes.“ Um die Intensität der Propaganda zu steigern, war sich die Kirche nicht zu schade, das weltberühmte Fresko „Die Erschaffung Adams“, das Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte, zu bemühen.

Gerade für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollten und sich auch nicht impfen ließen, war die Coronazeit sehr hart. Man wurde verhöhnt. Ausgegrenzt. Diffamiert. Vollkommen respektlos behandelt. Bedroht. Schikaniert. Das Exponat „Psychologisches Framing“ erinnert hieran. „Das sind die fünf Typen der Impfverweigerer“, erklärte den Lesern Reza Rafi, stellvertretender Chefredakteur des Schweizer „Sonntagsblicks“. Mit wenig inhaltlicher Substanz, aber völlig überzogener Häme wurde karikaturistisch etwa auf den „Freak“ unter der „weltanschaulichen Käseglocke“ oder den auf Transmassage schwörenden Esoteriker verwiesen.

Gerald Dyker und Jörg Matysik heimsten schon einiges an positivem Feedback ein, wobei sich vor allem Juristen sehr zufrieden zeigten mit dem, was die beiden innerhalb von nur zwei Monaten auf die Beine gestellt haben. „Wir haben von Juristen auch Exponate zugesandt bekommen, in denen es um einen gewissen Übereifer bei der Umsetzung von Coronaregeln ging“, sagen sie. „Gute“ Exponate seien im Übrigen immer willkommen. Wobei als „gut“ bewertet wird, was Erinnerungen und Emotionen weckt. Corona-Aufarbeitung sei nicht nur eine intellektuelle Angelegenheit: „Manchmal wirkt Humor stärker als Argumente.“

Wer kommt wohl?

Noch einmal die Frage, ob vielleicht doch auch Menschen, die sofort das Radio abdrehen, wenn wieder mal was über Corona kommt, bewegt werden könnten, das virtuelle Museum zu betreten. Was würde ihnen durch den Kopf gehen, wenn sie im Ausstellungsbereich „Einschränkung der Bürgerrechte“ mit dem Exponat „Das einsame Sterben“ konfrontiert werden? Karsten Packeiser, Korrespondent des Evangelischen Pressedienstes, berichtete hierüber im März 2025. Wenige Scrolls weiter unten trifft der Besucher auf eine Mitteilung des Vereins „Sterbehilfe“ vom November 2021. Sterbehilfe, wird hier verkündet, gebe es nur noch für Geimpfte und Genesene.

Das virtuelle Corona-Museum liefert einen schlagenden Beweis für die Fähigkeit des Menschen zur blitzschnellen Adaption an inhumane Bedingungen. Ganz besonders unter die Haut geht ein mit „Immer feste druf“ übertiteltes Exponat. Es zeigt — zu Klängen von Marius Müller-Westernhagens „Freiheit“ —, wie brutal Polizisten gegen Corona-Demonstranten vorgegangen sind. Protest aus der gesellschaftlichen Mitte gegen diese brachiale Praxis zur Eindämmung des Rechts auf Versammlungsfreiheit blieb aus. Erinnert wird außerdem an Sarah Bosettis unsäglichen „Blinddarm“-Vergleich.

Was damals in der Community der Corona-Gläubigen als Aperçu gefeiert wurde, war weniger geistreich als vollendet unmenschlich. Doch niemand derjenigen, die bei einem auch nur mutmaßlich schiefen Blick auf einen Farbigen oder Queeren sofort in Richtung „Diskriminierung“ Alarm schlagen, hatte hiergegen auch nur ansatzweise protestiert.

In der Tat: Solche Exponate wecken Emotionen. Sie wecken bei nicht wenigen Besuchern neuerlich Wut. Sie erinnern an dramatische und nicht selten traumatisierende Situationen während der Coronazeit.

Es ist äußerst gelungen, dieses lakonisch ausgestattete Corona-Museum; man muss es nicht aufhübschen oder interaktivieren, es ist gut so wie es ist. Natürlich fehlt sehr vieles. Die Coronazeit war vollgepackt mit Ungeheuerlichkeiten. Und doch fehlt letztlich nichts. Es ist alles auf den Punkt gebracht. Wobei Gerald Dyker und Jörg Matysik Erweiterungen planen: „Wir denken an Sonderausstellungen, zum Beispiel zum Rätsel von Bergamo oder zur Gain-of-Function-Forschung.“ Außerdem fehle noch ein anschaulicher Zeitstrahl für das Museum: „Zum Beispiel, von wann bis wann die Lockdowns gingen.“