Krieg gegen die Tiere

Die Jagd wird gern als Großtat zur Wahrung des ökologischen Gleichgewichts idealisiert — vielfach steckt dahinter aber die pure Lust am Töten.

Ein Reh oder einen Hasen zu erlegen, seine Eingeweide herauszureißen, um sie zu braten und zu essen … Schön ist dieser Vorgang nicht. Das Tier hätte sicher gern weitergelebt. Dennoch übt unsere „Kultur“ Nachsicht mit Jägern. Eigentlich seit Menschengedenken. Gründe dafür, dass die Jagd noch immer als gesellschaftsfähig gilt, gibt es viele. Die Regulierung des Wildbestandes, Notwehr gegen Wildverbiss und Angriffe vorwitziger Räuber auf Nutztiere ... Schließlich natürlich der Hauptgrund: Der Mensch muss sich ja irgendwie ernähren, und mit Preiselbeeren und Knödeln schmecken manche Waldbewohner einfach exzellent. Bisweilen keimt in sensiblen Zeitgenossen jedoch der Verdacht, dass das alles nur „Jägerlatein“ ist, dass die wahren Motive der Erschießungsprofis ganz andere sind. Ist die Jagd etwa nur ein Ventil für Sadisten, Potenzbeweis oder Überlegenheitsgeste für Großmannssüchtige? Das klingt nach böswilligen Vorurteilen, wie sie Veganer und andere tötungsscheue Softies hervorbringen. Die Wahrheit ist aber: Einige Jäger sehen es selbst so und geben offen zu, dass Beutemachen ein geiles Gefühl ist. Einen davon kennen wir alle.

„Wir können jetzt sicher lange über den forstwirtschaftlichen Nutzen der Jagd oder das Naturerlebnis reden. Aber ja: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das Beutemachen bei der Jagd keinen Spaß macht — auch wenn ich selbst keinen opulenten Trophäenschrank habe.“

Kein Zweifel: Hier spricht ein passionierter Jäger. Wobei „Passion“ — auch wenn damit zunächst nur der Grad des Engagements und des Zeitaufwands gemeint sein mag — auch einen erotischen Unterton hat: Leidenschaft. Es ist nicht schön, wenn jemand „Spaß“ daran hat, ein Tier zu erbeuten, also zu töten. Normalerweise argumentieren Fleischindustrie und Fleischesser mit der Notwendigkeit, sich zu ernähren, mit dem guten Geschmack tierischer Nahrung, mit einer kulturellen Tradition, die ein solches Verhalten mehr oder weniger selbstverständlich erscheinen lässt. Töten ist Sache der Metzger, der Schlachter — und bei bestimmten essbaren Tieren auch der Jäger. Der Endverbraucher nimmt nur das in Plastikfolie eingeschweißte Schnitzel wahr und den „Gaumenkitzel“, den es zu erregen vermag.

Kommt dann doch einmal ein Angehöriger der Tiere tötenden Berufsstände zu Wort, so überwiegt der Eindruck, dass es sich um eine nicht unbedingt geliebte, aber im Dienst für die Allgemeinheit doch unabweisbar notwendige Tat handle.

Die Tötungsdienstleister erledigen die Drecksarbeit, die wir nicht gern verrichten, deren Endergebnis — das Fleisch — wir aber für unentbehrlich halten. Dass hier jemand zugibt, „Spaß“ an der Jagd zu haben, ist mutig und in gewisser Weise ehrlich. Aber es ist auch abstoßend.

Denn warum hören wir von besagtem Jäger kein Bedauern angesichts der Tatsache, dass man zum Wohle der Menschheit ein schönes, liebenswertes, nach Leben verlangendes Tier töten musste — keinen Hinweis auch darauf, dass ein solches Verhalten bei ihm einen inneren Widerstand ausgelöst haben mag? Im Grunde wäre die private Psychopathologie eines Jägers ja egal, würde es sich bei dem Urheber dieses Zitats nicht um einen Mann handeln, der gute Chancen hat, unser nächster Bundeskanzler zu werden: Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst.

Ein passionierter Jäger als Bundeskanzler?

Wüst gibt an, in seiner Freizeit regelmäßig auf die Jagd zu gehen. Er ist Mitglied in der Kreisjägerschaft Borken. Da seine Mutter eine gelernte Metzgermeisterin war, lernte Wüst von klein auf, Fleisch zu verarbeiten. Er kann getötete Tiere selbst zerlegen. 2023 wurde bekannt, dass Jahre zuvor Unbekannte in sein Haus im Münsterland eingebrochen waren. Die Diebe erbeuteten damals zwei Langwaffen und Munition aus seinem Besitz.

Wie sieht es mit prominenten Jägern aus? Finden sich auch beim netten Waidmann oder der Waidfrau von nebenan Anzeichen dafür, dass der Abschuss von Rehen, Hirschen oder Hasen für sie mit „Spaß“ verbunden ist? Eine reichhaltige Quelle für Argumente gegen das „waidgerechte“ Töten von Tieren hält die Webseite der „Initiative zur Abschaffung der Jagd“ bereit. Unter der Überschrift „Lusthaftigkeit des Tötens“ wird auf der Seite die Jagdredakteurin Silke Böhm zitiert. Im Editorial der Jägerzeitschrift „Wild und Hund 22/2012“ schreibt Böhm:

„Der Tod, der mit dem Beutemachen verbunden ist, ist verpönt. Deswegen suchen die Jäger Begründungen in Begriffen wie Nachhaltigkeit, Hege und Naturschutz. Die Lust am Jagen wird gern in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt. Weshalb die Freude leugnen, die uns so gut tut und die uns zu dem macht, was wir sind — Menschen?“

Auf eine verdrehte Weise stimmt das sogar: Die Freude am Töten ist ein Spezifikum des Menschen. Tieren ist sie normalerweise fremd, sie versuchen nur zu überleben. Der Chefredakteur von „Wild und Hund“, Heiko Hornung, forderte sogar, die Jagd müsse — wie die Falknerei — zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt werden. Jagd sei ein „Menschheitserbe“ und „Mensch sein heißt Jäger sein“. (Ausgabe 3/2016). Wie ist es dann mit Menschen, die lieber Äpfel vom Baum oder Tomaten vom Strauch pflücken — sind das keine Menschen?

Waidfrau auf Beutezug

Die Niederländerin Pauline de Bok hat ein aufschlussreiches Buch über ihre Erfahrungen als Jägerin geschrieben: „Beute. Mein Jahr auf der Jagd“. Sie hatte den Jagdschein zunächst als eine Art Experiment gemacht — bei den Recherchen zu einem Roman, an dem sie schrieb. Dann aber fing die Autorin Feuer und verinnerlichte die mit dem Jagen verbundene Mentalität — nicht ohne auch Kritik und Selbstkritik durchblicken zu lassen. Analog zu Sarah Bosettis Videoformat „Bosetti will reden“, könnt man das Buch auch mit „de Bok will töten“ überschreiben. Ihre Motive sind mir trotz ausführlicher, literarisch durchaus hochwertiger Schilderungen nicht völlig klar geworden.

Pauline de Boks erster Abschuss ist eine trächtige Wildsau. Sie schildert den Vorgang zunächst nüchtern und detailgetreu:

„Jetzt oder nie. Jetzt. Schnatternd, kreischend und piepend schreckt die Tierwelt auf. Das Wildschwein liegt. Ich sah es fallen. Bumm. Tot. Das Tier fängt an, mit den Hinterläufen zu strampeln. (…) Hab ich es lahm geschossen? Oder sind das Todeszuckungen? Die Bewegungen werden schwächer, und da, jetzt hören sie auf.“

Es folgt ein Anflug von schlechtem Gewissen, der jedoch wegrationalisiert wird und sich eigentlich nur auf die unabsichtliche Tötung der Föten bezieht:

„Nüchtern betrachtet habe ich mit einem Schuss eine ganze Reihe von Wildschweinen getötet. Vom Standpunkt der Schadensbekämpfung aus betrachtet ist das sehr effizient. Und auch was die Vermeidung von Tierleid angeht, gibt es nichts zu bemängeln: Sie waren auf der Stelle tot.“

Die Beschreibung, wie die Jägerin ihre Beute „aufbricht“, ist dann wahrer Body-Horror. De Bok schildert es drastisch, ohne sich und die Leser zu schonen. So in einer Passage, die beschreibt, wie sie als Mädchen ihrem Vater beim Zerlegen des Wilds hilft:

„Wenn ich die Gelegenheit hatte, stand ich neben ihm und sah zu: die dampfenden, warmen Eingeweide, der eisenartige Geruch von Blut und der intensive frische Kotgestank, wenn mein Vater die Därme aufschnitt.“

Nach dem Abschuss: glühend vor Glück

Man vergleiche das mit dem ästhetischen Erlebnis, eine duftende, saftige Frucht aufzuschneiden. Tiere zu töten und zu verarbeiten ist ein blutiges Geschäft. Man muss es mögen. Nach einer Weile stellt sich bei der Jagdanfängerin nicht nur Gewöhnung ein, sondern sogar eine Art Euphorie:

„Tot, mausetot. Sogleich fiel alle Anspannung von mir ab, mein ganzer Körper glühte vor Erleichterung und Glück.“

Ein weiterer eindrucksvoller Abschnitt widmet sich den Wölfen.

Lange haben Jäger ihre Tätigkeit damit begründet, dass es keine großen Raubtiere in Deutschland mehr gebe und dass Menschen somit deren Funktion übernehmen müssten, um das „natürliche Gleichgewicht“ zu wahren. Jetzt, da sich Wölfe wieder vermehren, lehnen sich Menschen aber nicht zufrieden zurück — sie wittern eine weitere „attraktive“ Beute-Spezies und schießen Wölfe verstärkt ab.

Dies hat vor allem auch mit irrationalen Motiven zu tun, die Pauline de Bok drastisch beschreibt:

„Sie spielen gern das Spiel, wer den größten hat, und erlegen daher die stärksten Tiere, um mit den Geweihen und Gewaffen anzugeben.“

Ein merkwürdiger Ehrenkodex und Gruppendruck unter Jägern sorgen dafür, dass sich eher diejenigen rechtfertigen müssen, die nicht töten.

„‘Was?‘, ruft Hubert. ‚Du hast ihn laufen lassen?‘ Er schüttelt den Kopf.“

Das gewaltige Gefühl der Macht

Kritik gibt es seitens der Autorin vor allem an Trophäenjägern, für die Tötungsvorgänge und die damit verbundenen Beweisstücke Statussymbole sind, quasi Selbstwertprothesen. Dieser Jägertypus ist auch nicht am Fleischgenuss interessiert. Im Gegensatz zu Pauline de Bok, die angibt, so gut wie jedes Körperteil eines erlegten Tieres genießen zu können — auch solche, die den meisten von uns eher unappetitlich vorkommen dürften. Aber Menschen, die Jagen als „Big Business“ betreiben, geht es um etwas anderes:

„Es muss ein gewaltiges Gefühl sein, die Macht, die man spürt, wenn man ein solches Urtier erlegt, wenn man sein Blut vergießt, wenn die Potenz des mächtigen Tieres auf einen übergeht. Die Trophäe ist dafür nur das Symbol. Das Fleisch braucht man nicht, das ist zu real, zu primitiv. Offenbar reicht es, das Prachtstück achtlos als Kadaver zurückzulassen, auch das ist Macht. Man hat es sich zu eigen gemacht, man verfügt darüber.“

Klar ist: Man kann durchaus Argumente anführen, dass das Töten von Tieren, die in einem Ökosystem im „Übermaß“ vorhanden sind, aus ökologischen Gründen notwendig sei: um Wildunfälle zu reduzieren oder auch zum Nutzen der Forstwirtschaft, etwa zur Vermeidung von Wildverbiss an Bäumen. Ein üblicher Rechtfertigungsgrund, der auch von Pauline de Bok angeführt wird, sind zum Beispiel Verwüstungen, die eine Horde Wildschweine in menschlichen Anpflanzungen verursachen kann. Dennoch ist das Töten, zumindest von Wirbeltieren, eine hässliche Sache, die — wenn überhaupt — als „Ultima Ratio“ und nicht zum Spaß praktiziert werden sollte.

Wer Spaß haben will, sollte besser einen Spieleabend organisieren, seine Lieblingsserie bingewatchen oder den Partner oder die Partnerin beglücken, aber die Rehe in Ruhe lassen. Ich sehe beim Thema Jagd die Gefahr, dass sich ökologische Vorwände mit Tötungslust zu einem unentwirrbaren Knäuel verbinden.

Es stellt den ultimativen Akt der Machtausübung dar, über Leben und Tod von Lebewesen zu entscheiden.

Ein König und der Elefant im Raum

Auf die Spitze getrieben wurde die Renommier-Jagd von Prominenten wie dem ehemaligen spanischen König Juan Carlos. Er ließ sich in Botswana mit einem riesigen, erlegten Elefantenbullen ablichten. Dieses Verhalten erntete international viel Kritik und mag mit dazu beigetragen haben, dass dem König mehr als ein Zacken aus der Krone brach. Aber es ist psychologisch höchst aufschlussreich.

Auch Politiker wie Franz Josef Strauß, Erich Honecker und Hermann Göring jagten gut und gern. Hendrik Wüst ist insofern in „bester“ Gesellschaft. Das britische Königshaus pflegt eine „ehrwürdige“ Tradition der Jagd, die für Gäste ein nicht immer erwünschtes Unterhaltungsevent darstellt. Für Kinder der Royals galt lange das Ritual des „Royal Blooding“, bei dem das Gesicht eines Nachwuchsjägers mit dem Blut des ersten von ihm erbeuteten Tieres beschmiert wurde. Die Royals setzten die Jagd auch als eine Art Härteprüfung für Neulinge ein, die mit darüber entschied, ob jemand „dazugehören“ durfte. Premierministerin Margaret Thatcher muss dabei aus waidmännischer Sicht keine gute Figur gemacht haben, während Lady Diana Spencer trotz ihrer Sensibilität mit viel Selbstdisziplin durchhielt. Schätzungen zufolge hat Prinz Philipp während seines gesamten Lebens höchstselbst zehntausende Tiere erlegt. Darunter auch einen Tiger, den er in der ehemaligen britischen Kronkolonie Indien abschoss. Auch die Queen galt als gute Schützin.

Unsere Politiker sind daran gemessen nur kleine Fische. Die frühere Landwirtschaftsministerin Renate Künast tötete während ihrer Amtszeit öffentlichkeitswirksam vor laufender Kamera einen Fisch. Sie wollte dies wohl als hemdsärmelige Realitäts- und Bürgernähe verstanden wissen. Daraufhin trat die Tierschützerin Barbara Rütting — mittlerweile verstorben — aus der Partei „Die Grünen“ aus. Man sieht daran, dass es im Milieu der Grünen zumindest eine Teilmenge gibt, die jagd- und auch fleischkritisch ist, so dass sich tötungsaffine Politiker von einigen Seiten Vorwürfe gefallen lassen müssen.

Politiker in erlauchter Tradition

Bei Parteien mit anderer Milieuanbindung dürfte sich der Rechtfertigungsbedarf in Grenzen halten. In den Unionsparteien etwa gelten Jagdverbände als wichtige „Vorfeldorganisationen“, die die Verwurzelung der Partei im ländlichen Raum stärken. Kritik an Jagd wird in CDU und CSU als ideologische Bevormundung durch Großstädter abgekanzelt. Atmosphärisch soll Heimatverbundenheit demonstriert werden, indem bestimmte Spezies, die zu dieser Heimat wesentlich dazugehören, erschossen und ausgeweidet werden. Bei wem sich „Spaß“ nicht so recht einstellen will, der sucht zumindest die Nähe zu Jägern, um sich Wählerstimmen zu sichern.

Gerade bei Politikern steht ein solches Hobby erkennbar in der Tradition adeliger Jagdgepflogenheiten. In dem mir vertrauten Areal von Schloss Nymphenburg in München gab es vor allem im 18. Jahrhundert viel Halali. In der architektonisch reizvollen Amalienburg zeugen zahlreiche Trophäen und Gemälde von diesem aufwändigen Hobby. Die Jagdleidenschaft unter Adeligen hatte auch den Charakter eines Privilegs, was sich unter anderem in Jagdverboten für die „Normalbevölkerung“ zeigte.

Es gab somit eine Art Tötungseifersucht der Reichen und Mächtigen. Das Verbot besagte: „Nur wir dürfen das — das heißt noch lange nicht, dass ihr es dürft.“ Untertanen wurden bei Zuwiderhandlung teilweise mit dem Tod bedroht, mussten aber jederzeit den Wildschaden auf ihren Feldern dulden.

Zudem wollen Monarchen und Politiker offenbar als „passionierte Jäger“ Stärke demonstrieren, ihr Tun soll eine einschüchternde Wirkung entfalten. Die Botschaft dahinter lautet: „Ich bin wehrhaft und schrecke notfalls vor Blutvergießen nicht zurück. Leg dich besser nicht mir an.“ Die völlig fehlende Schießhemmung, die miteinschließt, dass der Betreffende jedes Mitgefühl mit Jagdtieren hinter sich gelassen hat, signalisiert gleichzeitig Elitebewusstsein und eine Brutalität, die sich im Ernstfall auch gegen jemanden wenden könnte, der sich den Jagenden in den Weg stellt.

Eine Schule der Dominanz und der emotionalen Kälte

Die Jagd bei Spitzenpolitikern ist somit die Fortführung eines jahrhundertelangen herrschaftlichen Rituals. Zu neofeudalistischen Tendenzen moderner „Eliten“- und Konzernherrschaft passt das bestens. Auch eine psychologische Vorbereitung auf „Kriegstüchtigkeit“ war und ist der Krieg gegen die Tiere. Der ohne erkennbare Scheu abknallende und seine Hände in Blut tauchende Machthaber zeigt Dominanzverhalten, Furchtlosigkeit und auch handwerkliches Tötungsgeschick. Das wird vielfach als Qualifikation für ein Führungsamt wahrgenommen. Schließlich muss ein Staatenlenker im Ernstfall — etwa bei militärischen Konflikten und Polizeieinsätzen — in der Lage sein, auch unbarmherzige Entscheidungen zu treffen.

Die Jagd besitzt einen Nimbus der emotionalen Kälte und der Überwindung eines natürlicherweise vielleicht vorhandenen Mitgefühls. Sie steht symbolisch für die Militarisierung des Privaten.

Kinder treten Tieren in der Regel neugierig und freundlich entgegen. Oft entwickeln sie spontan Liebe. Unvermeidlich werden Rehe oder Hasen von ihnen als „süß“ empfunden. Diese Regungen in sich niederzuringen, kann Folge einer „Sozialisation“ beziehungsweise Anpassung an die vermeintliche Normalität des Tiere-Tötens sein. Als Hinführung tierlieber Kinder zur Jagd dient seit jeher die Erziehung zum Fleischkonsum. Dies macht die Tatsache, dass Hendrik Wüsts Mutter Metzgerin war, zu einem höchst aufschlussreichen Detail.

Der Body-Horror des „Aufbrechens“

Doch zurück zu Pauline de Bok. Neben ihrem individuellen Vergnügen beschreibt sie in „Beute. Mein Jahr auf der Jagd“ Jagden auch als Massenbespaßung. Wie eine Treibjagd mit vielen Jägern aussieht, schildert sie in einem ansprechenden Kapitel mit dem Titel „Schweinehoden“. Die Autorin konzentriert sich dabei auf das „Aufbrechen“ des Wildes. Sie habe begonnen, diesen Vorgang zu „lieben“.

„Das Tier wird Fleisch, denke ich, als ich das Stück auf den Haken gehängt habe und mein Messer wetze, ehe ich es in den Bauch eines Frischlings steche. Überall um mich herum liegen tote Tiere, der Aufbruch kommt sofort in die Schaufel eines kleinen Baggers. Es stinkt nach halbverdauter Nahrung, Kot und Galle. Wie in einem Vorkriegsschlachthof.“

Das Buch der passionierten Jägerin gibt auch Aufschluss über ein teilweise heftiges Ringen, über Skrupel und über Argumente, die dann aber wieder bald hinweggefegt werden. Narrative, mit denen Jäger ihr Verhalten rechtfertigen, gibt es viele — und einige davon nennt de Bok: Die überhandnehmenden Wildschweine, die die Landschaft und oft sogar menschliche Felder verwüsten. Tiere, die durch Gnadenschüsse von einer Krankheit erlöst werden. Wildverbiss: die Schädigung von Nutzbäumen durch Abfressen der Rinde. Schließlich das ökologische Gleichgewicht. „Jeder ist sein eigener Maßstab, redet sich sein Verhalten schön, dichtet Tieren das an, was ihn von Schuld freispricht“, schreibt de Bok hellsichtig.

„Im Bett und im Jagdrevier“

Wenn Jagdgegner von der Lust am Töten, von Blutrausch oder gar Sadismus sprechen, so sind diese Vorwürfe nicht bloße Unterstellungen — es gibt Belege hierfür aus dem Mund der Jäger selbst. Sehr unverblümt hat der Rechtsanwalt und passionierte Jäger Florian Asche darüber Auskunft gegeben. Sein Buch „Jagen, Sex & Tiere essen. Die Lust am Archaischen“ beschäftigt sich vor allem damit, Parallelen zwischen dem Jagd- und dem Sexualtrieb aufzuzeigen. „Ähnelt die Jagd nach Erotik nicht der nach dem Wild?“, schreibt er. „Liegen Sex und Jagd vielleicht sogar verwandte Triebstrukturen zugrunde?“ Und noch weiter gehend:

„Es ist weniger der Jäger, der erotisch ist, als die Jagd. Der Trieb zur Beute und die Bereitschaft, sich diesem Trieb ganz hinzugeben, bilden die Grundlage jagdlicher Leidenschaft. Darin liegt ihre Sinnlichkeit. Und diese Sinnlichkeit bestimmt auch unser erotisches Leben. Die Hingabe ist Schlüssel unserer Lust, im Bett und im Jagdrevier.“

Immer wieder werden unglaubwürdige Scheinbegründungen dafür angegeben, warum jemand Macht mit oft großer Vehemenz anstrebt: Verantwortungsgefühl, Weltbeglückungsabsichten und dergleichen. Was das Thema „Jagen“ und damit auch „Lust am Töten“ betrifft, räumt Florian Asche dankenswerteweise mit jeder Art von Heuchelei auf:

Der Tötungs- und Todestrieb

„Wir jagen nicht, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. Zumindest ist das nicht das auslösende Motiv unserer Anstrengungen. Es ist nur eine Rechtfertigung für unsere Triebe und Wünsche, die viel tiefer gehen als die Erfordernisse der Wildschadensvermeidung und des ökologischen Gleichgewichts. (…) Mit dem gleichen Recht könnte jemand, der auf sein facettenreiches Sexualleben angesprochen wird, sagen: ‚Ich habe Sex, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern … um mehr Liebe in die Welt bringen … um ein Fanal gegen Krieg und Zerstörung zu setzen (…)‘. So jemand lügt.“

Das Werk gipfelt in der Aussage: „Wir können angesichts der Jagdleidenschaft unseren Tötungs- und Todestrieb ebenso wenig leugnen wie unsere Lust am Sex.“

Der bekennende „wilde Mann“ Asche erfrischt durch die Unbedarftheit seiner Bekenntnisse. Typisch für Machtmenschen ist jedoch, dass es ihnen stets gelingt, die Erlebniswelt ihrer Opfer radikal auszublenden. Kein Wort, kein Gedanke wird an die Rehe, Wildschweine oder Hasen verschwendet, die der virile Held dieser Geschichte metzelt, um seinen jagdlichen Erregungsaufbau voranzutreiben.

Tiere vom Leben in den Tod zu befördern, ist mit Sicherheit die intensivste derzeit legale Form der Machtausübung. Nur bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind Steigerungsformen möglich. Und wie es der Zufall will, schreitet ja jetzt auch die Militarisierung Deutschlands in Riesenschritten voran.

Ab und zu trifft es auch einen Menschen

Nicht einmal die vielen Menschenabschüsse „aus Versehen“, von denen die Presse immer wieder berichtet, können offenbar eine derart profunde Leidenschaft zum Erkalten bringen. So liest man auf der Seite der „Initiative zur Abschaffung der Jagd“:

„Ein 52-jähriger Jäger aus Cloppenburg, der bei einer Jagd in Mecklenburg-Vorpommern aus Versehen einen 48-jährigen Jagdfreund erschossen hatte, wurde vom Amtsgericht in Ludwigslust wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Außerdem muss er der Witwe des Opfers 9.000 Euro zahlen“ (Die Zeit.

Wie das passieren konnte? Der Jäger „hatte nach eigener Aussage auf seinem Wärmebildgerät auf dem Gewehr einen hellen Fleck gesehen, hielt es für ein Wildschwein — und drückte ab“. Die Webseite dokumentiert 20 Fälle allein für das Jahr 2012.

Ebenfalls auf der Lauer: Tierfilmer

Ich vergleiche die Einstellung von Jägern gern mit der Leidenschaft von Tierfilmern, die oft Jahre lang „auf der Lauer liegen“, um eine bestimmte seltene Tierart vor die Kamera zu bekommen — ein Zeichen außergewöhnlicher Wertschätzung. Exemplarisch ist dafür der Franzose Vincent Munier, Regisseur der Filme „Das Flüstern der Wälder“ und „Der Schneeleopard“, die ich beide in einem Programmkino angeschaut habe. Munier würde natürlich keinem der Tiere, die er filmt, etwas zuleide tun. Er hält sich vielmehr dezent im Hintergrund, um sie nicht in ihrer natürlichen Umgebung zu stören.

Munier sagt über seine Tierbegegnungen, dass sie extreme Geduld erforderten. Oft verbringe man Monate im Wald, ohne eines zu Gesicht zu bekommen. „So wächst der Traum von einer Begegnung, wird größer und größer, und wenn man das Tier dann tatsächlich sieht, explodiert alles. Man weint vor Freude.“ In gewisser Weise hat die Leidenschaft von Tierfilmern also ebenfalls „erotischen“ Charakter, aber sie dient dem Leben. Häufig beinhalten solche Dokumentationen ja eine ernste Warnung vor Naturzerstörung, zu deren ersten Ursachen menschliche Gleichgültigkeit gehört.

Die ursprüngliche Liebe wiederentdecken

An bestimmten Stellen in ihrem Buch „Beute. Mein Jahr auf der Jagd“ scheint auch Pauline de Bok innezuhalten und den Wert des unversehrten Lebens zu spüren, das sie — einem dunklen Drang folgend — hernach zerstört.

„Doch dieser Bock (…) war bereits allein unterwegs, voller Vertrauen in die Welt, pure Grazie, mit einem süßen Gabelgehörn im Bast. Es war ein schöner sonniger Abend im Mai, und das Leben leuchtete ihm entgegen. Und dann saß da eine Jägerin auf einem Hochsitz, und die war der Ansicht, es könnte gut aus und vorbei sein mit diesem Leben. Und sie betätigte den Abzug. Unumkehrbar. Alles zerstört.“

Es ist schade, dass die Jägerin diesem Impuls nicht nachgegangen ist und ihr „Hobby“ aufgegeben hat. De Bok besitzt durchaus ein Gefühl für die Schönheit und Würde unversehrter Natur, und die sprachmächtigen Naturbilder in ihrem Buch sind sehr ansprechend. Der Impuls „Warum habe ich das Tier eigentlich geschossen? War das nötig?“ war vielleicht das Echo verschütteter „weicher“ und lebensfreundlicher Persönlichkeitsanteile der jungen Pauline.

Der Tötungsdrang ist vielleicht nichts anderes als die niedergekämpfte oder wegsozialisierte Liebe des unschuldig über eine Tierbegegnung staunenden Kindes.

Carnismus — die mit allerlei Vernunftsargumenten unterfütterte Fixierung auf den Fleischkonsum — ist eine Form der Sucht. Die Jagdlust ist es auch. Statt den Weg des Entzugs zu gehen, verhärten aber viele Betroffene ihr Herz und beruhigen sich mit dem kulturell gewohnheitsmäßig sanktionierten Charakter des Tiere-Tötens. Nicht immer scheint es im Interesse des ökologischen Ganzen möglich zu sein, jedes Leben zu schonen. Lässt man die eine Spezies gewähren, kann dies eine andere — oder Pflanzen beziehungsweise die Land- und Forstwirtschaft — in Bedrängnis bringen. Die Abwägung ist schwierig, zeigen sich an dieser Frage doch auch immer wieder Allmachtsfantasien des Menschen — „Wenn wir nicht eingreifen, läuft alles aus dem Ruder“ —, die nicht selten auf eine Verschlimmbesserung hinauslaufen. Für Lustabschüsse und waidmännische Großmannssucht sollte aber in keinem Fall Platz sein. Tiere sind zu schade, um Schießenden durch ihr Verenden einen „Kick“ zu verschaffen. Wer gern tötet, gehört in Behandlung, nicht in ein Jagdrevier.