Krieg ist wieder

Die Poetik-Ecke XV wendet sich dem großen Morden und den monströsen Figuren zu, die mit ihm einhergehen.

Wenn in der 15. Ausgabe der Poetik-Ecke des Rubikon der Krieg im Zentrum steht, so lagern Ungeheuerlichkeiten ein, für die eigentlich die Sprache nicht gemacht ist. Noch keine. Keine mehr. Aber eine Erinnerung ist da, an Stalingrad, an das Nichtneue im Westen, an Helden, und ebenso ein zunehmender Schrecken, was da alles aus dem Grabe steigt. Ob wir ausreichend sturmerprobt sind für das, was kommt?

Wer hätte dies vor 20 Jahren gedacht. Krieg, ganz nah an uns ― nah meint nah. Meint bald schon bei uns, in uns. Jeder Panzer, der gegen Osten rollt, rollt auf „uns“ selbst. Tobias Weißert und Laura Fuchs wählen unterschiedliche Ausgangspunkte im politischen Jetzt. Die Geschichtsverdrehung, die rollenden Panzer eben, die paradox-perverse Haltung im Nahen Osten. Klaus Winter „appelliert“ an die Helden ― auch das ist Wiederklang. Zynismus ist mit dabei. Ohne kommt kein Krieg zustande und ohne Moral sowieso nicht.

Der Ungeheuerlichkeiten ist kaum beizukommen. Die schlichte Tatsache, dass es wieder so weit ist, nur eine davon. Das Gebrüll Goebbels‘ und Hitlers grün eingefärbt. Aber nicht zu vergessen: Er war immer, dieser Krieg, und nie war er weg. Nur bequem weit entfernt, das war er. Und dieser Abstand und die Haltung dazu: Auch das ist eine Besinnung wert und ein Entsetzen. Die Besinnung zum Ende dieser Poetik-Ecke dann als anthropologische Betrachtung von Hanne Hilse: Vielleicht ist aus der Sturmerprobung Mut zu schöpfen.

80 Jahre Stalingrad

von Tobias Weißert

„Wenn alle untreu werden,
So bleib‘ ich dir doch treu;
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sey.“ (1)

Es sind nun achtzig Jänner
ich war noch nicht mal zwei
da brachen deine Männer
das Hakenkreuz entzwei

Dir ― opferreichste Einheit
sowjetischer Soldat
dank ich auch meine Freiheit
der großen Heldentat

Als schlimmste Schicksalswende
wird hier der Schlacht gedacht
als Traumes jähes Ende
als Anbruch finstrer Nacht

Den Sieg der vereinigten Massen
im ersten Arbeiterstaat
den konnten Faschisten nur hassen
die große historische Tat

*

Nun achtzig Jahre später
im Krieg zwischen Oligarchien
da gibt’s nicht Opfer und Täter
die Linie lässt sich so nicht zieh‘n

Die jetzt zum Schlachten euch treiben
die haben dein Volkshaus zerstört
unterjocht und gemacht zu eigen
was vorher allen gehört

Sie haben die Völker gespalten,
die früher freiwillig vereint,
zurückgeführt zur alten
Schematik von Freund und Feind

Und aus den Lautsprechern tönen
die Phrasen altbekannt
von Helden und ruhmreichen Söhnen
die sterben fürs Vaterland.

Abscheulichste Nazi-Idole
sie werden auf’s Höchste verehrt
dagegen alle Symbole
des Arbeiterkampfes zerstört

*

Und deine alten Feinde
sie wittern nun Morgenluft
und nennen sich Helfergemeinde
olivgrün in Natokluft

Unter Vorsitz der Amistaaten
in Ramstein im deutschen Land
wird schamlos und offen beraten
wie’s ausgeht mit eurem Land

Ihr sollt auf Brechen und Biegen
euch streiten bis alles zerstört
sie kommen zuletzt dann zu siegen
und rauben, was euch einst gehört

Sie schicken nun Panzer, Granaten
Raketen und Bomben zuhauf
damit der Ukraine Soldaten
zerbrechen den russischen Lauf

Denn Russland für immer zu schwächen
als imperialen Staat
und Stalingrad endlich zu rächen
ist Ziel der Waffen Saat

Im Westen nichts Neues

von Laura Fuchs

Bald wird es alltäglich sein,
dass du bei deiner ersten Tasse Kaffee,
am geöffneten Dachfenster lehnend,
(ein extra zu diesem Zwecke angeschafftes Kissen polstert
deinen Ellbogen),
das Nikotin tief inhalierend,
noch im Halbdunkel des Winters
deinen müden, desinteressierten Blick schweifen lässt:
am vereisten Bach vorbei bis zu den Bahngleisen,
auf denen langsam die Panzer vorbeiziehen.
Es ist die dritte Verlässlichkeit des Tages ―
ein monotones Gleiten, das schon in deinem Blick verhallt,
bevor die Kälte dich nach innen treibt,
und das ferne Dröhnen der Geschütze
schafft keinen Widerklang in deinem Herzen.
Kaum noch, dass in deinem Inneren ein Bild entsteht von einer
Hand, die diesen Zug doch lenken muss.
Sehr bald wird es alltäglich sein,
wie alles, was wir nie zu denken wagten.
Sechs Uhr dreißig, du musst los;
es ist schön in der Kleinstadt, denkst du noch im Gehen,
nur müsste mal was passieren,
das banale Geplänkel der Kolleginnen geht einem langsam auf
die Nerven.

Kommt ihr Helden

 
von Klaus Winter

Kommt ihr Helden der Nation, 
kommt zum Militär, zur Bundeswehr, 
kommt und holt euch die Ration 
Heldenmut mit ‘nem Schießgewehr, Heldenmut mit ‘nem Schießgewehr. 
 
Kommt und kämpft fürs Vaterland, 
für Familie, für Frau und Kind, 
kommt und brauchet den Verstand 
und seht ein, dass wir sonst schutzlos sind, und seht ein, dass wir sonst schutzlos sind ...
 
*

Wie soll man dem Osten sonst ins Auge sehn, 
Wie soll denn die Rüstungsindustrie bestehn? 
Lieber tausend Leichen als Tausend arbeitslos, 
denn die Arbeitslosigkeit erschreckt den Bürger bloß
 
Wie soll man die Freiheit sonst verteidigen,
wenn wir die Soldaten nicht vereidigen?
Schenkt dem Bürger Freiheit, sie kostet ihn viel Geld, 
doch wer sie ihm verweigert, wird an die Wand gestellt
 
Wenn wir stark genug sind, dann gibt es keinen Krieg, 
doch sollt es einen geben, dann gehört uns der Sieg, 
und vielleicht, mein junger Freund, kommst du am Tod vorbei, 
dann stehst du auf dem einen Bein in Blut und Knochenbrei
 
Und dann eines Tages, wenn es so weit ist, 
dann ham die feinen Herren in den Bunker sich verpisst, 
doch wer von euch, Soldaten, kann böse ihnen sein? 
sie ham, wo ihr ein Herz habt, nur einen grauen Stein
 
*
 
Kommt ihr Helden der Nation 
kommt zum Militär, zur Bundeswehr, 
kommt und holt euch die Ration 
Heldenmut mit ‘nem Schießgewehr, Heldenmut mit ‘nem Schießgewehr.
 
Kommt und kämpft fürs Vaterland, 
für Familie, für Frau und Kind, 
kommt und brauchet den Verstand ...?!

Höre Israel ― Eine Jeremiade

von Tobias Weißert

An deiner Seite
steht sein Enkel,
dient sich dir an
als bester Freund.

Selbst weißgewaschen
und tief geläutert
spürt er in Kriegen und Gräueln
überall Genozid auf.

Mit spitzen Fingern zeigt er
auf Taten
von alten Völkern und räubernden Staaten
und macht dein,
nur dir eigenes
unstillbares Leid
zu handlich billiger Münze.

Wer liebte seine Großväter nicht,
nicht seine Ahnen
und könnte
ihrem lastenden Vermächtnis
sich je entzieh‘n?

Nie wieder Unterdrückung,
nie wieder Vertreibung,
nie wieder Pogrom,
nie wieder Mord!
Unfassbar schwer ist die Aufgabe,
die dir gestellt wurde.
Aber denke dran:
Wieder wird Jahwe den strafen,
der um das Kalb tanzt
und sich dem Mammon verbindet.

Mein Großvater, erklärt dir dein Freund,
war im Kerne hilfreich und gut,
keiner Fliege tat er’s zuleide.
Der Hitler war’s!
Und sind nicht
seinesgleichen heut überall:
Milošević, Putin, Xi
und wie sie auch heißen,
die ihre Völker einsperr'n
und vom Weltmarkt scharf isolieren.
Was anderes hilft uns denn da
als einzig das richtende Schwert?

Hör nicht darauf!
Bedenke, was ein geläuterter Militarist wohl täte?
Er entsagte der Waffe.
Was der geläuterte Imperialist?
Er miede Vorherrschaft.
Was der geläuterte Gefolgsmann faschistischer Diktatur?
Er kämpfte für Demokratie als wahre Macht des Volkes.

Ist das das geläuterte Land,
dem dein Freund entstammt?
Sind das seine Bewohner,
die eignen Interessen entgegen
ihren Führern huldigen
und Ausschau halten
nach den Splittern im Auge der Fremden,
ohne den eigenen Balken überhaupt noch zu seh‘n?

Und was ist mit den Herren in Zwirn,
der vornehmsten Klasse aus Bank und Konzernen,
die Krieg und Vernichtung erst reich finanzierten?

Wo sind die Enkel der Flick, Krupp, Quandt,
wo die Erben der Finanzaristokraten?
Enteignet, enterbt und verschwunden?

Sie sind da,
frisch und lebendig,
und mit ihnen der Enkel an deiner Seite.
Er rät dir zur Rüstung, er rät dir zur Gewalt
und verfolgt in seinem Land alle,
die die Politik deiner abgefallenen Führer
kritisieren, und nennt die,
die sich um dich sorgen, Antisemiten.

Dein Prophet sagt:
Assur und Ägypten sind nichts,
lass ab von falschen Freunden,
ihre Herrschaft ist auf Sand gebaut.
Denn wer das Schwert nimmt, wird umkommen,
aus Gewalt entsteht kein Friede
Das höre Israel!

Lob des Krieges (2017)

von Tobias Weißert

Fallt ihm nicht in den Arm!
Rüstet auf euer Land!
Den Besiegten, den Armen,
den Arbeitern, Bauern
gebt niemals die Hand.
Seid ohne Bedauern.
Wir nehmen ihr Land.

Ein Meer mit blau-gelber Fahne,
mit Pace und Taube,
mittendrin der Magnat.
Bei all dem Gemahne
und frommen Geglaube
weiß er Rat und Tat.

„Die Rüstung schafft Frieden“
Hinauf der Etat,
über Frieden entschieden
wird nicht mit bla ― bla,
nur blutige Waffen
zerstören den Feind.
Industrie kann sie schaffen,
mit dem Volke vereint.
Und wenn alle Welt in der NATO vereint
gibt es kein Außen
und außen kein Feind.

Fallt ihm nicht in den Arm,
der den Arbeitsplatz schafft.
Es muss schon hoch pokern,
wer die Welt will erobern.
Leiht dem Krieg euren Arm,
Gebt ab euer Gut.
Als letztes Opfer nimmt er euer Blut.

Sturmerprobt

von Hanne Hilse

Sturmerprobt ― wie wir sind
Es werden mussten
In diesen Jahren
In den Zeiten des Übergangs

Als die Wasser ruhig waren
Ließ unsere Aufmerksamkeit nach
Erschlafften die Muskeln
Die des Körpers und die des Geistes

Wir mussten nicht gegen Stürme kämpfen
Wir paddelten so dahin in Leichtigkeit
In Sonne und Wind
Friedlich meistens

Und dann kamen die Stürme
Unerwartet, überwältigend
Lösten Verwirrung aus, Unglauben
Die Sicht verschwamm

Das Boot begann zu schaukeln
Und die Fragen überrollten uns
Wo waren wir?
Wo der ruhige Fluss, der plätschernde Gleichklang?

Die ersten Wellen ließen uns kentern
Immer wieder hochrappeln
Die Gischt aus den Augen reiben
Die Balance finden

Der Sturm kam in Wellen
Heftige Wogen und sanfte Bewegung
Abwechselnd
Doch nie mehr ruhig

Aber wir wurden stärker
Unsere Muskeln sind trainierter
Vom Rudern gegen den Wind
Unsere Augen wacher

Ein unablässiges Training
Unserer Augen, unseres Geistes
Lebendigkeit ― spürbar
Ein warmes Herz, ein klarer Kopf

Sturmerprobt inzwischen
Wir haben gelernt, mit den Wellen
Uns zu bewegen
Wie das Wasser zu werden

Weich und Wege suchend
An Felsen vorbei
Die Sonne spürend
Das Fließen genießend

Sturmerprobt — werden wir bleiben.


Tobias Weißert beschäftigt sich ein Leben lang mit Fragen von Arbeit, sozialer Gerechtigkeit und Ausbeutung. Seit einigen Jahren schreibt er auch politische Lyrik ― er war bereits in der Poetik-Ecke VII mit einem Gedicht vertreten. Vergleiche auch sein Rubikon-Autorenprofil.

Laura Fuchs schreibt neben Lyrik Kurzgeschichten und derzeit an einem Roman. In der Poetik-Ecke VIII wurden Gedichte aus ihrem Gedichtband „Nestflucht“ vorgestellt ― hier zu beziehen.

Klaus Winter treibt sein Unwesen als Liedermacher im Bergischen Land. Eigentlich würde er das Gedicht gerne vorsingen. Bald gibt es wieder Auftritte. Haltet die Augen auf im Bergischen.

Hanne Hilse benutzt lyrische Formen neben analytischen Texten, um gesellschaftliche Prozesse ins Bewusstsein zu rücken. In der Poetik-Ecke VII findet sich ebenso ein Gedicht von ihr. Vergleiche auch ihr Rubikon-Autorenprofil.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Novalis: Geistliche Lieder. VI., Vers 1 bis 4; in: Musen-Almanach für das Jahr 1802. Herausgegeben von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck, Tübingen 1802, Seite 200 und folgende.