Krieg um die Aufmerksamkeit

So widersprüchlich die Aktionen Donald Trumps wirken — sie haben einen gemeinsamen Nenner: Der US-Präsident will stets im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Donald Trump pöbelt. Donald Trump gibt sich jovial. Donald Trump inszeniert sich als Jesus. Donald Trump gefällt sich in der Rolle des Bad Guys. Donald Trump lässt die Einwanderungsbehörde ICE auf Flüchtlinge draufhauen. Donald Trump kuschelt väterlich mit der Kirk-Witwe Erica. Donald Trump wird fast erschossen. Donald Trump feiert eine furiose Wiederauferstehung. Donald Trump versucht sich als Friedenspräsident, so dass die Verleihung des Nobelpreises unvermeidlich scheint. Donald Trump versucht den Iran „in die Steinzeit zurückzubomben“. Das alles scheint nicht recht zusammenzupassen. Und doch haben alle diese Aktionen eine Gemeinsamkeit: den Akteur. Donald Trump kann vieles aushalten, nur eines nicht: dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit der ganzen Welt nicht permanent auf ihn konzentriert. Vermeintliche Güte und Brutalität dienen alle diesem einen Ziel. Und das macht Donald Trump so gefährlich. Denn um die Gehirne und Gemüter der Weltöffentlichkeit zu beschäftigen, nimmt er auch Opfer in Kauf. Der Autor liefert hier eine originelle, aber einleuchtende Deutung des Phänomens Trump.

Wenigstens die Hälfte aller Nachrichten beginnt mit der Nennung des US-Präsidenten Donald Trump. Er ist seit Jahren schon die meistgenannte Person in allen Kanälen der verbalen Kommunikation. Jeder weiß längst, Donald Trump ist ein Exhibitionist mit übersteigertem Ego, seine wesentlichen Charaktereigenschaften sind Selbstüberschätzung, Größenwahn und extremer Narzissmus.

Wer ihn länger beobachtet, was zwangsläufig jeder tun muss, der sich nicht völlig von der Medienwelt abkoppelt, kommt noch zu einer weiteren Erkenntnis: Was er darstellen will und was er tut, bewirkt oder veranlasst, ist sekundär, es ist seinem Erscheinungsbild in den Medien deutlich untergeordnet.

Die Realität ist zweitrangig gegenüber der Darstellung seiner Person oder — genauer gesagt — des Bildes seiner Person in der eigenen Selbstwahrnehmung. Damit verkörpert er das absolute Extrem eines Charakters, der durch den allgemeinen Trend der digitalen Medien seit Jahrzehnten erzeugt, gefördert und hochkatapultiert wird: das Super-Medien-Ego mit maximaler Präsenz und dementsprechender Aufmerksamkeit von Millionen und Milliarden Menschen, die ihrerseits nicht wahrnehmbar sind.

Weil jeder die Möglichkeit hat, sich im Internet öffentlich zu äußern, ist die Aufmerksamkeit der anderen Teilnehmer dort ein knappes und schwer zu erreichendes Gut. Die Chance, dass mich jemand zufällig wahrnimmt, ist — bei einer Million an erreichbaren Adressaten — verschwindend gering. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist 1 zu 1.000.000, also ein Millionstel. Und eine Million an erreichbaren Adressaten ist in der Realität noch keine wirklich große Zahl.

Dieses Missverhältnis zwischen persönlicher Darstellung oder Äußerung und der erzielten Aufmerksamkeit ist vielen, die im Netz öffentlich agieren, längst bewusst. Wer es nicht weiß, wird es schnell erfahren. Das hat zu einem regelrechten Krieg um die Aufmerksamkeit geführt, der von den Algorithmen der Kontaktmaschinen unterstützt, gefördert und noch weiter zugespitzt wird. Die Gewinner im Krieg um die Aufmerksamkeit sind einzelne Alpha-Personen. Die drei an der Spitze sind: Donald Trump, Elon Musk und Wolodymyr Selenskyj.

Im Krieg um die Aufmerksamkeit hat sich seit knapp fünf Jahren ein fataler Trend herausgebildet, der auch wieder an der Figur Donald Trump besonders deutlich wird: Die maximale Aufmerksamkeit im Krieg um die Aufmerksamkeit erregt Krieg in der Realität und seine Befürwortung in den Medien.

Donald Trump hat versucht, als Friedensbringer wahrgenommen zu werden. Er erwähnte, wie viele Kriege er beendet hat, die andere Präsidenten begonnen hatten, und dass der Krieg in der Ukraine unter seiner Regentschaft nicht zustande gekommen wäre. Weil Barack Obama, der den Krieg nicht scheute, den Friedensnobelpreis bekam, glaubte Donald Trump, diesen Preis eher verdient zu haben. Doch der Friedens-Dynamit-Preis wird in Stockholm nach anderen Regeln verteilt. Den Preis bekam eine Dame aus Venezuela mit sehr aggressiver Rhetorik.

Donald Trump hat dadurch erkannt, dass Frieden als Thema in den Medien nur respektvolles Gähnen hervorruft, echter Krieg dagegen im Krieg um die Aufmerksamkeit den Sieg auf allen Kanälen bringt. Und er hat richtig gelegen. Donald Trump ist umgeschwenkt auf realen Krieg gegen den Iran und bleibt der Sieger im Krieg um die Aufmerksamkeit.

Hier erkennt man die Vermengung von Realität und Medienereignis zu einer Gift-Mixtur, welche den Intellekt zerbröckelt, die Vernunft ausblendet und wegen der extremen Präsenz Millionen und Milliarden Teilnehmer im Netz mitzieht. Sie wenden ihr Denken von der Realität ab und verfolgen den viel interessanteren Krieg der Geister und Gespenster. Mitmachen kann jeder, im Trend von Militär und Rüstung.

Wer Kriegstüchtigkeit fordert und Krieg als das beherrschende Thema forciert, ist mit dabei. Im Krieg um die Aufmerksamkeit bringt echter Krieg den massenhaften Erfolg.

Krieg und erst recht der Medienkrieg brauchen einen Gegner. Hier hat sich Donald Trump wieder einmal geirrt. Das Regime der Mullahs in Teheran ist kein griffiger Gegner, sonst hätte man diesen Gegner mit ein paar Raketen erledigen können — was nicht gelang, weil dahinter noch eine riesige Volksmacht steckt, die lieber vom politischen Islam regiert wird als von den USA und einem Präsidenten Donald mit dem Namen einer Comic-Figur.

Die europäischen Regenten, die im Prinzip den USA blind folgen, sind in diesem Fall bei dem vorherigen Feindbild aus dem Ukraine-Krieg geblieben. Der Feind heißt hier immer noch Russland. Es ist nicht mehr Wladimir Putin — dem man diese Aufmerksamkeit nicht gönnt —, sondern das riesige Russland. Russland als Feind, so heißt es, sei eine imperialistische Großmacht, die sich mit militärischer Gewalt über ihre Grenzen hinaus ausdehnen will.

Die Formulierungen kann man leicht von den bekannten Kritiken an der Expansionspolitik der USA übernehmen: alles schon vorformuliert, kann mit Künstlicher Intelligenz oder eigener künstlicher Dummheit einfach umgedreht und auf Russland projiziert werden.

In Deutschland wird inzwischen die Aggression Hitlers auf die Sowjetunion umgedreht zu einer Aggression Moskaus auf Westeuropa. So weit geht die Entfernung der Rhetorik von der in Vergangenheit und Gegenwart greifbaren Realität.

Man will uns einreden, die Zukunft habe mit Vergangenheit und Gegenwart nichts zu tun. Der Angriff Russlands in der Zukunft sei schon jetzt von hier aus terminierbar. Er wird erfolgen, sobald man den Krieg in der Ukraine beendet.

Die Thesen sind realitätsfern und leicht zu widerlegen, was auch in tausenden Foren und Beiträgen im Internet geschieht. Deshalb muss der Krieg um die Aufmerksamkeit verschärft werden, gegen alle anderen Meinungen, welche bestreiten, dass der russische Feind einen Angriff auf Deutschland, Frankreich oder Großbritannien vorbereite. Das sind die Länder, welche die Rüstung mit dem höchsten Finanzaufwand betreiben. Die Vernunft schließt auch aus, dass Moskau Länder zurückerobern will, die man fünfzig Jahre zuvor aus der Sowjetunion friedlich entlassen hat. Doch die gültige Doktrin lautet: Wer irgendein Argument gegen die Feindschaft mit Russland bringt, betreibt russische Propaganda auf der Seite des Feindes und muss sanktioniert werden. Das ist der kleine europäische Krieg um die große mediale Aufmerksamkeit.

Wenn es morgen an deiner Tür klingelt und dort stehen ein paar kräftige Leute in schwarzen Uniformen, weil du diesen Text hier gelesen hast, dann schenke ihnen keine Aufmerksamkeit. Öffne nicht, sondern verlasse das Gebäude auf einem Schleichweg unter Mitnahme von Ausweis, allen wichtigen Papieren und so viel Geld wie möglich — aber schnell.