Leerstand in den Köpfen

Auch „eigene Meinungen“ sind heutzutage meist vorgekautes geistiges Junkfood.

Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns Zeit zum Nachdenken zu nehmen? In einer Welt, in der Meinungen schnell geteilt, Schlagzeilen emotional aufgeladen und Diskussionen immer häufiger zu Glaubensfragen werden, gerät das kritische Denken leicht ins Hintertreffen. Ein Plädoyer für geistige Unabhängigkeit, echte Neugier und den Mut, einen Gedanken zu Ende zu denken, statt ihn sofort in die Welt hinauszuposaunen. Ein leicht gereizter Bericht aus dem Zeitalter der geistlosen Inhalte, verfasst von jemandem, der sich noch daran erinnert, dass die Nachrichten früher nicht von Shampoo-Herstellern gesponsert wurden.

Es gab eine Zeit, noch gar nicht so lange her, da mussten die Menschen noch selbst denken. Nicht, weil es gerade im Trend lag, mit dem Hashtag #Mindful versehen war oder zur eigenen Markenidentität gehörte, sondern weil niemand sonst da war, der das für sie übernehmen konnte. Das Telefon sagte einem nicht, was man glauben sollte. Der Toaster bot keine täglichen Motivationssprüche an. Es gab keine Vordenker, sondern nur ein paar mürrische Onkel und einen Nachbarn, der tatsächlich noch Bücher mit Buchrücken und Fußnoten las.

Und jetzt schauen Sie sich um.

Wir leben in einer Zeit, in der kritisches Denken als Mikroaggression gilt. In der „selbst zu recherchieren“ bedeutet, sich ein TikTok-Video eines 22-jährigen Life-Coaches anzusehen, der vor einem Ringlicht sitzt und einen Abschluss in der Manifestation positiver Schwingungen vorweisen kann. Nachrichtensprecher beugen sich mit gerunzelter Stirn nach vorne, um ihre hauchig vorgetragenen Interpretationen des Weltgeschehens zu präsentieren, als würden sie für eine Seifenoper mit dem Titel Amerika brennt und ich bin so mutig, dass ich Ihnen davon erzähle vorsprechen.

Früher berichteten Journalisten, was passiert war. Heute erklären sie Ihnen, wie Sie sich dabei fühlen sollen: wütend, beschämt, euphorisch, schuldig, selbstgefällig — oder alles auf einmal, und zwar in weniger als 90 Sekunden. Und wir schlucken es bereitwillig, weil es einfacher ist, als selbst zu denken. Nachdenken braucht Zeit. Nachdenken könnte zu Unbehagen führen. Schlimmer noch: Nachdenken könnte dazu führen, dass Sie Ihre Meinung ändern.

Aber das will inzwischen niemand mehr.

Die Köpfe sind hart wie Beton, gegossen in die Formen muffiger Parteilinien und unter der Wärmelampe der Bestätigung durch soziale Medien zum Aushärten gebracht. Entscheiden Sie sich für Ihr Lager, wählen Sie Ihre Influencer, wiederholen Sie die Parolen und halten Sie sich bereit, über jeden herzufallen, der das falsche Pronomen oder den falschen Kriegsvergleich verwendet.

Selbst die Diskussionen am Esstisch werden inzwischen von den Nachrichtensendungen im Kabelfernsehen bestimmt. Früher stritten wir darüber, wer beim Baseball der Beste war und ob Cousin Danny jemals das Geld zurückzahlen würde, das er sich geliehen hatte. Heute werfen wir mit Begriffen um uns die wir gar nicht verstehen, wie „Spätstadium des Kapitalismus“ und „toxische Männlichkeit“. Wir haben sie ungeprüft von Leuten übernommen, die sie ihrerseits von anderen übernommen haben, die irgendwann während ihres Studiums einmal einen Gedanken gefasst haben und seitdem nicht mehr davon loskommen.

Währenddessen ist „freie Meinungsäußerung“ zum Code für „Dinge sagen, denen ich ohnehin schon zustimme“ geworden, und „offener Dialog“ bedeutet, dass zwei Menschen mit Mikrofonen, die wie Therapiekatzen geformt sind, aneinander vorbeischreien. Inzwischen hat jeder einen Podcast. So kommt es eben, wenn man dem Dorftrottel ein Kondensatormikrofon und einen Patreon-Account in die Hand drückt.
Und da halte ich inne.

Denn ich frage mich:

Bedeutet das, dass ich mich still und heimlich wieder der Weltanschauung meiner Großeltern und Eltern annähere, obwohl ich mir geschworen hatte, das niemals zu tun? Jener Weltanschauung, die stets in einem Seufzer und einem gemurmelten „Früher war alles besser“ endete?

Und ist es möglich … dass sie recht hatten?

Das ist ein gefährlicher Gedanke. Einer von der Sorte, die sich in der Abenddämmerung einschleichen, nachdem die Nachrichten einen wieder einmal mit ihrer Gaslighting-Taktik an der eigenen Wahrnehmung haben zweifeln lassen und bevor das zweite Glas Wein an der Reihe ist. Vielleicht waren sie ja nicht einfach nur sentimentale alte Knacker, die Wählscheibentelefone und einen festen Händedruck vermissten. Vielleicht waren die Dinge tatsächlich besser. Nicht perfekt, nicht utopisch, aber zumindest weniger beleidigend dämlich.

Es gab Zeit zum Nachdenken. Raum für Meinungsverschiedenheiten. Und deutlich weniger Algorithmen, die an der eigenen Identität mitwirkten.

Ich erinnere mich noch daran, als Schweigen nicht als verdächtig galt. Als ein Mann drei Stunden auf seiner Veranda sitzen und ins Leere starren konnte, ohne dass jemand eine Diagnose stellte oder ihn interviewte. Wir nannten das Nachdenken. Oder möglicherweise Verdauen. Wie auch immer: Es war Privatsache.

Heute gilt jeder Gedanke, den man nicht postet, als verschwendet.

Gott bewahre, Sie bilden sich eine Meinung und teilen sie dann nicht mit 800 Facebook-Freunden und einem Bot namens „Craig4Trump2028“. Privatsphäre steht inzwischen unter Verdacht. Differenzierung gilt als elitär. Zweifel sind ein Zeichen von Schwäche. Und Schweigen? Schweigen ist Mitschuld — es sei denn, es ist Teil einer sorgfältig inszenierten Reise zur psychischen Gesundheit, die mit sanfter Klaviermusik untermalt und öffentlich erzählt wird.

Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.

Irgendwo, genau jetzt, zieht ein Teenager den Stecker aus seinem Handy, weil der Akku leer ist und er das Ladegerät verlegt hat. Zufällig geht er nach draußen und sieht einen Baum. Keine Tree App™ und kein Tree NFT, sondern einen echten Baum. Und plötzlich beginnt er, sich Gedanken zu machen. Über Bäume. Über den Himmel. Darüber, warum eigentlich niemand mehr einfach mal die Klappe halten kann.

Und genau dort, in diesem kurzen Moment zwischen zwei Ablenkungen, beginnt er nachzudenken. Es ist ein zerbrechlicher, flüchtiger Moment, und niemand verdient daran. Und ich sage: Halte daran fest. Denn selbstständig zu denken ist der letzte große Akt der Rebellion in einer Welt, in der alle darauf dressiert wurden, zu reden, bevor sie etwas verstanden haben. Zu reagieren, bevor sie nachdenken. Zu folgen, statt auf eigene Faust loszuziehen.

Und wenn Sie diesen Essay lesen und denken: „Er meint die anderen“, dann muss ich Sie enttäuschen. Ich meine Sie.

Und so dreht sich die Welt weiter, lauter als früher, schneller, oberflächlicher und ein bisschen selbstgefälliger. Die Schlagzeilen laufen wie Lottozahlen über den Bildschirm, und wir tun so, als würden wir sie verstehen. Wir tragen unsere Meinungen wie Trikots unserer Lieblingsmannschaften und tauschen Neugier gegen Gewissheit, Fragen gegen Streit.

Doch irgendwo da draußen, jenseits des Lärms, warten die alten Dinge noch immer. Die Stille einer Bibliothek. Das Knarren eines Schaukelstuhls. Die bedeutungsvolle Pause zwischen „Ich weiß es nicht“ und „Lassen Sie mich darüber nachdenken“.
Vielleicht ist die Seele der Welt gar nicht tot, sondern ruht sich einfach nur … aus. Erschöpft davon, den ganzen Tag angeschrien zu werden.

Und vielleicht kehrt etwas Gutes zu Ihnen zurück, wenn Sie nur still genug und lange genug dasitzen, wenn Sie es wagen, einen Gedanken bis zum Ende zu denken, ohne dabei einen Streit gewinnen oder ein Like einsammeln zu müssen.

Etwas Kleines, Klares und Altes. Der Klang Ihres eigenen Geistes bei der Arbeit.
Und ist das nicht etwas Besonderes?


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst am 20. Juni 2025, auf dem Substack von Hans Casteels unter dem Titel „Critical Thinking: Now With Less Thinking: Thoughts, Prayers and Pre-Chewed Opinions”. Er wurde ehrenamtlich von Silvia Lorenz für Manova übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektorat-Team lektoriert.