Libyen am Limit

Der nordafrikanische Staat sieht sich massiven Problemen ausgesetzt: soziale Not, zusätzliche Steuerbelastungen, wirtschaftlicher Zusammenbruch und nun auch noch Proteste dagegen.

Der staatliche Ölkonzern NOC ist bankrott, der Libysche Dinar im freien Fall, die Preissteigerungen treiben Libyer in die Armut und der Gesundheits- und Bildungssektor bricht zusammen. Die korrupten Politiker im Inland machten Libyen in Zusammenarbeit mit ihren ausländischen Komplizen zu ihrem Selbstbedienungsladen. Die Wut der Bürger kocht. Sie fragen: Wohin verschwanden die Erdöleinnahmen?

In Libyen jagte in den letzten Tagen eine Hiobsbotschaft die nächste. Vielleicht die bedeutendste und symbolträchtigste: Libyens staatlicher Ölkonzern, die National Oil Company (NOC), der reichste Ölproduzent Afrikas, erklärte am 23. Februar 2026 faktisch seinen Bankrott. Sämtliche finanziellen und operativen Aktivitäten von allen mit der NOC verbundenen Unternehmen und Einrichtungen wurden laut einer offiziellen Anweisung ausgesetzt. Diese Entscheidung erfolgte, nachdem von staatlicher Seite bereits 2024 weniger als 25 Prozent des erforderlichen Budgets genehmigt worden waren und für 2025 und 2026 überhaupt keine Budgets für den Ölkonzern mehr festgesetzt wurden.

Kursverlust des Libyschen Dinars

Doch damit nicht genug. Am 22. Februar 2026 war der Parallelmarktkurs des US-Dollars auf 10 Libysche Dinar (LYD) gestiegen, bevor er am 24. Februar auf 10,73 LYD kletterte. Der offizielle Dollarkurs beträgt etwa 6,30 LYD. Seit einiger Zeit waren US-Dollar fast nur noch über sogenannte Tauschbörsen auf dem Parallelmarkt verfügbar.

Libyen ist stark vom Import abhängig, nicht nur was Lebensmittel und Konsumgüter betrifft, sondern auch von Kraftstoffen, da es kaum über Raffinerien zur Verarbeitung des Rohöls verfügt.

Zur Bezahlung all dieser Importe benötigt Libyen US-Dollar. Verteuert sich dieser, verteuern sich auch alle eingeführten Waren. Die libysche Landeswährung ist auf das niedrigste Niveau seit der Gründung des Nationalstaates vor 75 Jahren gesunken. Seit Beginn des Jahrzehnts hat der Libysche Dinar fast 80 Prozent seines offiziellen Werts gegenüber dem US-Dollar verloren — in einem Land, das nicht unter wirtschaftlichen Sanktionen steht, in dem die Ölproduktion stetig gestiegen ist und wo die Devisenreserven zu den höchsten Pro-Kopf-Reserven in Nordafrika gehören.

Steve Hanke, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Johns Hopkins University, befand, dass der LYD inzwischen die fünftschlechteste Währung der Welt ist. Am besten sei es, ihn abzuschaffen und durch den US-Dollar zu ersetzen.

Hohe Inflationsrate

Der hohe Kurswert des US-Dollars befeuert die Inflationsrate. Ebenfalls nach Steve Hanke ist sie mit 45,6 Prozent mittlerweile die fünfthöchste der Welt. Dies führt für die libyschen Bürger zu enormen finanziellen Belastungen. Mittlerweile haben viele Libyer ihre Ersparnisse aufgebraucht, 30 Prozent der Libyer fristen ein Leben unterhalb der Armutsgrenze. Doch auch wer Geld auf dem Konto hat, ist deshalb noch lange nicht flüssig: In der Hauptstadt Tripolis gingen in dieser Woche an den meisten Geldautomaten die Geldscheine aus. Bargeld ist rar, und das in einem Land, in dem die meisten Einkäufe mit Bargeld getätigt werden.

Ausgerechnet zu Beginn des Ramadan, des islamischen Fastenmonats, stiegen die Lebensmittelpreise enorm an; so sind die Fleisch- und Geflügelpreise um die Hälfte gestiegen und der Preis für Speiseöl hat sich in den letzten Wochen verdoppelt, falls es überhaupt noch erhältlich ist, denn viele Supermärkte haben ihre Waren rationiert.

Auch Kochgas ist knapp, sodass sich an den Verkaufsstellen lange Schlangen bilden. Für das Nachfüllen der Gasflaschen, das offiziell 1,5 Dinar kostet, sind auf dem Schwarzmarkt an die 75 Dinar (rund 10 Euro) zu berappen. Von steigenden Arzneimittelpreisen und dem Niedergang des Gesundheits- und Bildungssektors soll hier gar nicht die Rede sein.

Neue Steuer auf Konsumgüter

In dieser für die Bevölkerung mehr als prekären Lage erhob die Libysche Zentralbank (CBL) unter ihrem Chef Nadschi Issa auch noch eine neue Steuer auf Konsumgüter, ohne öffentliche Ankündigung, ausgeklüngelt in den politischen Hinterzimmern, unter Umgehung der dafür zuständigen politischen Gremien, des Parlaments und des Staatsrats.

Die öffentliche Empörung kochte und in den sozialen Medien trendete der Hashtag „Nein zu Steuern! Wir sind sieben Millionen Libyer!“.

Alle Sachverständigen sind sich über die Ursachen des Niedergangs eines Landes, das einmal der libysche Staat war, einig. Ausgehend vom NATO-Krieg gegen Libyen im Jahr 2011, der daraus folgenden Auflösung aller staatlicher, insbesondere der für die Sicherheit zuständigen Institutionen, des Bürgerkriegs im Jahr 2014, der Übernahme der Macht durch vom Ausland auserkorene, durch und durch korrupte Politiker und deren Milizen, erfolgte die seither anhaltende Spaltung der Institutionen und Machtzentrum in einen östlichen und einen westlichen Teil. Libyen wird schamlos und für jeden sichtbar von den Machthabenden ausgeplündert und seines Reichtums beraubt, während die Bevölkerung durch brutale Milizen und militärische Verbände unterdrückt und in Angst und Schrecken versetzt ist.

Für viele Libyer waren Wahlen und die Präsidentschaftskandidatur des charismatischen und präferierten Saif al-Islam Gaddafi ein letzter Hoffnungsschimmer. Doch diese seit Langem immer wieder verschobenen Wahlen — bei denen ein Sieg von Saif al-Islam Gaddafi zu erwarten gewesen wäre — konnten keineswegs im Sinne der ausländischen Mächten, die das Land beherrschen, und ihrer libyschen Marionetten sein. Saif al-Islam wurde am 3. Februar 2026 ermordet. Seine Beisetzung in der Stadt Bani Walid, an der abertausende Libyer teilnahmen, geriet zu einer Abstimmung mit den Füßen.

Proteste

In dem Land, das der größten Plünderungswelle seiner Geschichte ausgesetzt ist, wächst der Widerstand.

So demonstrierten in den vergangenen Nächten die Bewohner von az-Zawiya und forderten nicht nur den Rücktritt des Zentralbankchefs Nadschi Issa, sondern auch die Auflösung aller politischen Gremien, den Rücktritt der Politiker und umgehend Wahlen. Dem schlossen sich die Einwohner von Adschilat mit Protestzügen an.

Auch in Tadschura wurde zu Protesten in ganz Libyen aufgerufen. In allen Städten, insbesondere Westlibyens, sollen Protestaktionen auf Straßen und Plätzen folgen.

In Ausstand getreten sind die Justizangestellten, und der Lehrerverband kündigte einen Generalstreik an. Zu Recht wird gefragt, wohin die Milliarden an Öleinnahmen geflossen sind.

Zahlen zur humanitären Lage in Libyen

Hunger: Im Welthunger-Index 2024 belegt Libyen Platz 83 von 127 Ländern. Demnach sind 11,4 Prozent der Bevölkerung von Mangelernährung betroffen, das Wachstum von 35,1 Prozent der Kinder unter fünf Jahren ist verzögert, 9,3 Prozent der Kinder unter fünf Jahren leiden an Auszehrung und 1 Prozent der Kinder sterben vor ihrem fünften Geburtstag.

Entwicklungsindex: Auf dem aktuellen Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen steht Libyen heute auf Platz 115 von 193 ausgewerteten Staaten und weist damit unter den nordafrikanischen Ländern — nach Marokko (Rang 120) — den zweitniedrigsten Wert auf.

Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosigkeit betrug 2024 nach offiziellen Angaben knapp 19 Prozent, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen etwa 50 Prozent.

2024 betrug das Bruttonationaleinkommen je Einwohner 6.310 US-Dollar.

Diese Zahlen des Jahres 2024 dürften sich im Laufe des Jahres 2025 noch einmal deutlich verschlechtert haben.

Zahlen aus dem Jahr 2010 — vor dem NATO-Krieg gegen Libyen (Übersicht KI):

BIP pro Kopf (nominal): Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner lag 2010 bei rund 12.168 US-Dollar.

Das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen (BIP PPP) war zu dieser Zeit mit über 20.000 US-Dollar (Schätzungen variieren) sehr hoch und zählte zu den höchsten in Afrika.

Im Jahr 2010 war Libyen wirtschaftlich stabil und verzeichnete hohe Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasgeschäft.

2010 lag Libyen bei der menschlichen Entwicklung weltweit auf Platz 53 von 169 erfassten Ländern. Libyen galt damit als Land mit „hoher menschlicher Entwicklung“. Indikatoren: Lebenserwartung, Bildung, bezogen auf die Schuljahre, und Pro-Kopf-Einkommen.

Saif al-Islam Muammar Gaddafi sagte am 20. Februar 2011: „Wenn ein Konflikt um Öl entsteht, das die Lebensgrundlage von fünf Millionen Libyern darstellt, wer wird dann für unsere Kinder, unser Essen und Trinken, unsere Krankenhäuser und unsere Schulen sorgen?“