Männer sind Schweine
Christopher Nolans Film „Die Odyssee“ zeigt die Antiheldenreise eines traumatisierten Kriegsverbrechers, der nur kraft des weiblichen Prinzips Erlösung finden kann.
Ein König, der viele hundert seiner Männer in einen sinnlosen, zehn Jahre andauernden Krieg führt und ein Massaker an der Zivilbevölkerung in dem überfallenen Land verübt. Ein Mann, der den gesamten Rest seiner Mannschaft auf einer gefährlichen Abenteuerreise verliert, dann gebrochen heimkehrt zu seiner Frau, die er fast 20 Jahre allein gelassen und mit allerlei „Nymphen“ betrogen hat, während sie selbst ihm in stählerner Treue verbunden blieb. Ein Mann, der, um zuhause wieder Herr der Lage zu werden, als Erstes Dutzende junge Männer seines Landes in einer Saalschlacht niedermetzelt ... Wie nennt man so eine Person? Die offizielle Bezeichnung dafür ist „Held“. Homers „Odyssee“ ist die klassische „Heldenreise“ der Weltliteratur schlechthin. Starregisseur Christopher Nolan („Batman“, „Oppenheimer“) verfilmte den Stoff jetzt neu. Und das Erfreuliche: Er problematisiert kriegerischen Heroismus so eindeutig, wie es ein solches Thema erfordert. Im Umfeld einer anschwellenden globalen „Kriegstüchtigkeit“, welche von anderen Blockbustern wie „Avatar“ ideologisch gestützt wird, setzte das düstere Kino-Genie ein Zeichen gegen die wahnhafte Gewaltneigung und verrohte Dumpfheit, in die sich gerade Männer immer wieder hinabsinken lassen. Solche interessanten Aspekte des Films traten aber lange Zeit in den Hintergrund, weil sich ein Kulturkampf „Woke“ gegen „Konservativ“ rund um die Besetzung der Schwarzen Lupita Nyong’o als „Schöne Helena“ und der Transperson Elliot Page als „Krieger Sinon“ entspann. Vor dem fertigen Werk verblassen Querelen um diskutable Details aber schnell. So nervig ahistorische „Wokeness“ in neuen Filmen auch sein mag — der Erfolg von Christopher Nolans „Odyssee“ zeigt, dass auch der intolerante konservative „Backlash“ mit seinen künstlich erzeugten Aufregungswellen inzwischen an seine Grenzen stößt. „Die Odyssee“ trifft sicher nicht in jedem Detail den richtigen Ton, zeigt aber einen Ernst, eine Relevanz und epische Wucht, die in Hollywood lange fehlten. Nicht zuletzt ist der Film eine bewegende Generalabrechnung mit Krieg als dem großen Zerstörer jeder Kultur und Humanität.
Per Zeitreise im antiken Griechenland auftauchen. Dort den Dichter Homer treffen, den Vater der abendländischen Literatur und Dichter von „Ilias“ und „Odyssee“. Wenn dieser Homer nun vor Ihnen stünde, was würden Sie ihn fragen? Die Schauspielerin Lupita Nyong’o, gecastet als „Schöne Helena“ in Christopher Nolans Filmepos „The Odyssey“, antwortete auf eine derartige Frage eines Journalisten mit selbstbewusster Koketterie. Anstatt dem Klassiker — zumindest in ihrer Fantasie — mit Respekt zu begegnen, beschied Nyong’o ihm, er habe nicht ordentlich gearbeitet. Grund: Er hätte in seinem Werk Frauen mehr Gewicht verleihen müssen. „Homer, wie fühlst du dich, wenn du siehst, wie viel Screentime diesen Frauen gegeben wurde, verglichen damit, wie wenig Zeit du ihnen eingeräumt hast?“
Der Clip „ging viral“ und erntete überwiegend negative Reaktionen. Zu stark kommt dabei die Arroganz des gegenwärtigen Zeitgeists zum Ausdruck, der Verhaltensweisen vergangener Epochen zu bekritteln oder gar zu zensieren versucht. Homer hat es versäumt, eine Frauenquote einzuhalten, die erst rund 2.700 Jahre nach Abfassen der „Odyssee“ überhaupt in Mode kommen sollte. Setzen, sechs, alter, weißer Mann!
Damit ist aber noch kein Wort über Nyong’os Hautfarbe gesagt, die den eigentlichen Skandal auslöste. Die schönste Frau der Welt zu spielen — das hängt die Latte für jede Schauspielerin sehr hoch.
Eine schwarze Schauspielerin — das fordert die Seh- und Denkgewohnheiten der Zuschauer, die nicht ohne Grund eine Griechin, also eher mediterraner Typus, zu sehen wünschen, zunächst einmal heraus. Bei einer blonden — gar deutschen — Frau wie Diane Kruger, die Helena in Wolfgang Petersens „Troja“ von 2004 spielte, fiel das vielen weit weniger schwer.
Steckt also doch ein Stück Rassismus hinter dem Nyong’o-Bashing?
Farben- und genderblindes Casting
Fakt ist, dass Film- und Serienmacher die Geduld des Publikums in den letzten Jahren sehr strapaziert haben. In der Netflix-Serie „Bridgerton“ tauchten Schwarze, Inder und Asiaten als Adelige in Kostümen der britischen Regency-Ära auf — der Epoche, in der zum Beispiel Jane-Austen-Romane spielen. „Colourblind Casting“ nannte man das. In „Maria Magdalena“ trafen wir auf einen schwarzen Petrus, in der Netflix-Serie „Troja“ auf einen schwarzen Achilles, in „Die Ringe der Macht“, einer Amazon-Prime-Serie, gar auf schwarze Elben und Zwerge.
Es gab viel Spott und heftige Abwehr gegen diese Praxis. Witzbolde stellten sogar einen Trailer zu einem fiktiven Film her, in dem der weiße Schauspielstar Ryan Gosling in einem Biopic als Barack Obama zu sehen war. Die Lehre, die Konservative der von ihnen verhassten „woken“ Kulturindustrie damit erteilen wollen, ist klar: „Da seht ihr mal, wie es sich anfühlt, wenn ‚wir‘ uns in ‚eure‘ Rollen drängen!“ Ein Clip mit einem KI-animierten Samuel L. Jackson als Helena sollte offenbar das Argument der „Woken“ ad absurdum führen, es komme überhaupt nicht darauf an, ob ein Schauspieler von seiner physischen Erscheinung her zur Rolle passe.
Ellen und seine zweite große Nolan-Rolle
Dies war aber nur der zweitgrößte Skandal, den der Film „The Odyssey“ vor seinem Start erlebte. Der größte betraf den Schauspieler Elliot Page. Viele kannten die Transperson noch als Ellen Page aus dem Film „Juno“, in dem sie eine schwangere Teenagerin spielte, oder auch als Ariadne in Christopher Nolans „Inception“. Page also durchlebte 2020 eine „Transition“ und nennt sich fortan Elliot. Die Öffentlichkeit reagierte überwiegend verständnisvoll auf diese Veränderung, dennoch war es nicht ganz leicht für die schauspielende Person, nun in Männerrollen zu reüssieren. Elliot Page nämlich ist mit 1,55 Metern speziell für einen Mann außergewöhnlich klein, was man bei der Premiere der „Odyssee“ durch den Größenvergleich mit dem Leibwächter des Stars drastisch vor Augen geführt bekam.
Viel Spott erntete Page, nachdem das Gerücht durchgesickert war, er solle in „The Odyssey“ die Rolle des Achilles spielen, des stärksten Kriegers der Griechen, seinerzeit mit unüberbietbarer Virilität verkörpert von Brad Pitt. Eine Welle satirischer Reels überflutete das Internet, alle mit der Aussage, dass diese Rolle für eine kleinwüchsige Transperson doch ein paar Schuhnummern zu groß sei. Indem sie sich hämisch an dem unglücklichen Darsteller abarbeiteten, feierten die KI-Filmchenmacher zugleich ihre Verehrung für markige, kraftmeierische Männlichkeit. Das neu geschaffene Genre der KI-gestützten Elliot-Page-Witze erwies sich dann aber als völlig inhaltsleer, als bekannt wurde, dass der Schauspieler nicht Achilles, sondern einen weniger bedeutenden griechischen Krieger, Sinon, spielen sollte. In dieser Rolle brauchte es kein Kraftpaket als Darsteller. Wer sich mit den Kampagnen gegen Lupta Nyong’o und Elliot Page also vor allem lächerlich machte, war die auf Wokismus hypersensibel reagierende Shitstorm-Unkultur des rechten „Backlashs“, angefeuert durch Trumps „MAGA-Bewegung“.
Bemerkenswert an den Skandalen ist nicht die Kritik an „Colourblind Casting“ als solchem; vielmehr die Wucht und gehässige Brutalität der Kritik. Hochdramatische Verrisse stimmten bereits Grabgesänge auf Nolans Film an, bevor dieser bei der Premiere am 6. Juli 2026 aus der Taufe gehoben wurde. „Flop“, „Desaster“, „Schlechtester Film des Jahres“ — kein negatives Superlativ schien drastisch genug, um dem Ekel der Rezensierenden Ausdruck zu verleihen. Vorgeworfen wurden Nolan auch noch die „feministische“ Homerübersetzung von Emily Wilson als Textgrundlage, moderne und somit ahistorische Redewendungen („Dad“) sowie Kostüme, die viele als billig oder lächerlich empfanden. Der „Ruf“, der dem Film vorauseilte, überdeckte lange Zeit die Frage, wie gut oder schlecht „Die Odyssee“ dann am Ende tatsächlich sein würde. Als er dann im Kino anlief, hagelte es überwiegend positive bis begeisterte Kritiken — sogar von 96 Prozent Lob beim Filmforum „Rotten Tomatoes“ war die Rede.
Hollywoods Diversitätspflicht
Mich stört keineswegs die eine oder andere exzentrische, experimentelle Besetzungsentscheidung von Regisseuren, wie auch im Fall der charismatischen Darstellerin Lupita Nyong’o, die in „The Odyssey“ gute Arbeit leistet. Schwierig wird es nur, wenn „Diversität“ zu einer Pflichtübung wird. Die Kriterien für die Zulassung eines Films für die Oscarverleihung wurden vor ein paar Jahren in „woker“ Manier umgearbeitet. Um sich für die Kategorie „Bester Film“ bei den Academy Awards zu qualifizieren, müssen Filmproduktionen seit der 96. Verleihung offiziell zwei von vier vorgegebenen Diversitätsstandards erfüllen. Mindestens eine Haupt- oder wichtige Nebenrolle muss aus einer unterrepräsentierten ethnischen Gruppe stammen oder mindestens 30 Prozent der Besetzung zwei oder mehr unterrepräsentierten Gruppen (etwa Frauen, LGBTQ+, Menschen mit Behinderung) angehören.
Faktisch wird damit die Kreativität von Produzenten und Regisseuren im Sinne einer bestimmten Ideologie eingeschränkt. Man kann nicht mehr selbst seinen Weg zwischen historischer Treue und der Einbeziehung von Vielfalt bestimmen. Der Oscar-Jury haftet seither das Image an, Filmemacher zeitgeistkonform zu tyrannisieren. Regisseuren, die eine Schwarze oder eine Transperson casteten, wurden als Opportunisten kritisiert, die ihre filmische Vision der Gier nach einer Oscar-Nominierung zum Opfer brachten. Und die ausgewählten Schauspieler mussten sich den Verdacht gefallen lassen, dass sie nur wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung ausgewählt wurden.
Dies ist für die Kultur insgesamt keine gute Entwicklung, weil sich die Kategorie „Hautfarbe“ ja gerade durch performative Abgrenzung von „Rassismus“ andauernd in den kulturkritischen Diskurs einschleicht, anstatt dass man sich auf die dem Stoff angemesseneren Themen fokussiert.
Ein „moderner Roman“, geschrieben 700 vor Christus
Wie sachfremd all diese Debatten sind, merkt man speziell, wenn man einen Stoff schon seit Jahrzehnten kennt. Begonnen hat meine Begeisterung für die Sage mit einer Hörspiel-Schallplatte: „Die Irrfahrten des Odysseus“, die chronologisch erzählt war und die verschiedenen leuchtkräftigen Abenteuer des Helden in den Mittelpunkt stellte. Später las ich dann eine ausführliche Nacherzählung von Gustav Schwab, die sich an die verschachtelte Zeitstruktur von Homers „Odyssee“ hielt. Die Rückblendenstruktur der „Odyssee“ — entstanden um 700 v. Chr. — erinnerte bereits an den modernen Roman mit seinem Faible für „Retrospektive“ und multiperspektivische Darstellungen — man denke etwa an „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink oder „Gruppenbild mit Dame“ von Heinrich Böll.
Interessant zum Thema „Was würden Sie Homer fragen, wenn er vor Ihnen stünde?“ ist ja der neueste Stand der Forschung zur „Homerischen Frage“. Sie lautet: „Wer war Homer — und wenn ja, wie viele?“ Nach Ansicht vieler Althistoriker und Philologen wurden „Ilias“ und „Odyssee“ nicht von derselben Person verfasst. Beide Epen weisen viele Unterschiede in Erzählweise, Theologie, Ethik und Wortwahl auf. Die Theorie, dass zwei verschiedene Dichter am Werk waren, wird von der sogenannten „Chorizonten“-Forschung (den „Trennenden“) vertreten. Die „Odyssee“ entstand vermutlich etwa eine Generation nach der „Ilias“. Der Autor dieses Werkes könnte ein Dichter gewesen sein, der die „Ilias“ kannte, wodurch stilistische Ähnlichkeiten zwischen beiden Werken erklärbar sind.
Der Bettler als Fairness-Tester
Ein für mich sehr bewegender Aspekt an der Odyssee ist die Aufwertung von „Dienergestalten“. Es scheint für den Autor der „Odyssee“ zwei Arten des Adels zu geben. Die eine ist der Geburtsadel, der über die charakterliche Vornehmheit eines Menschen jedoch überhaupt nichts aussagt. Speziell im Fall von Antinoos, dem „frechsten der Freier“ von Penelope. Die andere ist eine Art Seelenadel, der auf Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Anstand beruht. Auch der Schweinehirte Eumaios, Inhaber eines sozial wenig angesehenen Berufsstands, wird vom Dichter mit hochstehenden charakterlichen Qualitäten ausgestattet.
Diesbezüglich besteht eine der genialsten Handlungswendungen in der Verwandlung des Odysseus in einen hässlichen alten Bettler durch die Göttin Athene. Als Bittsteller am eigenen Hof agiert er quasi als Testperson für die Fairness und Menschlichkeit aller Beteiligten.
Während Telemachos und Penelope, aber auch die Viehhirten, den Bettler immer gut behandeln, wird er von den präpotenten Freiern oft mit Fußtritten verjagt. Dieser Fairness-Test funktioniert umso besser, als die Königswürde des Odysseus niemandem bekannt ist. Es zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Die „Odyssee“ schaut also hinter die Kulissen vornehmer Herkunft und kriegerischer Qualitäten und entwirft als Gegenbild das Ideal eines „goldenen Herzens“, das sich durch Treue, Gastfreundschaft und Mitgefühl auszeichnet.
Das „ewig Weibliche“ als positive Kraft
Während der Dichter der „Ilias“ noch ein aus heutiger Sicht recht krudes Krieger-Ethos transportierte, körperliche Kraft und Gewalt idealisierte und Frauen nur die Funktion einer Kriegsbeute für Männer zugestand, schuf der Autor der „Odyssee“ eine Reihe starker Frauengestalten, deren „Screentime“ sogar Lupita Nyong’o zufriedenstellen müsste, würde sie genauer hinsehen. Odysseus’ Frau Penelope natürlich, die eine unerschütterliche menschliche Vornehmheit und natürliche Würde ausstrahlt. Die Nymphe Kalypso, eine aufrichtig Liebende, die Odysseus freiwillig ziehen lässt, um ihm die Heimkehr zu ermöglichen. Die Zauberin Circe, sicher keine von den „Guten“, jedoch eine ausgeprägte Persönlichkeit. Die patente Amme Eurykleia, die Odysseus — abgesehen vom Hund Argos — als Erste erkennt. Nicht zu vergessen natürlich die Göttin Athene. Sie alle „becircen“ den Helden nicht nur, sie dominierten das Geschehen über weite Strecken.
Dabei ist speziell Penelope natürlich jene „ideale“, fast übermenschlich geduldige Gattin, die Odysseus im Grunde gar nicht verdient. Ihre Liebe ist für den seelisch tief verwundeten Kriegsverbrecher die letzte Chance, aus seinem verfehlten Leben noch etwas zu machen und zur Schaffung einer gerechteren, friedlicheren Weltordnung beizutragen. So stellt es jedenfalls die Version von Christopher Nolan dar. Odysseus ist bei ihm kein makelloser Superheld der Antike, sondern eher ein schuldgebeugter Bruder im Geiste von Goethes Faust, von dem Engel am Ende verkünden: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan“.
Das Epos als pazifistische „Passvorlage“
Im antiken Epos „Odyssee“ war Kriegskritik schon als Möglichkeit angelegt, wurde aber nur selten explizit formuliert. Für den mitfühlenden Leser ergeben sich pazifistische Schlussfolgerungen aber schon aus der brutalen Natur des Geschehens. Christopher Nolan nutzt jede pazifistische „Passvorlage“ Homers optimal aus und fabuliert noch so manches Detail dazu. Im bellizistischen Umfeld, das in den USA wie auch in vielen anderen Ländern herrscht, in denen sein Film läuft, ist dies eine Großtat widerständiger Kunst zum richtigen Zeitpunkt. Ein paar Beispiele:
- Nolan charakterisiert Agamemnon, den Heerführer der Griechen, als den kriegstreiberischen „Bad Guy“ par excellence. An einer Stelle heißt es, nicht die Entführung der Schönen Helenas durch den Trojaner Paris sei der wahre Kriegsanlass gewesen, sondern Agamemnons Wunsch, die Handelswege in der Ost-Ägäis zu kontrollieren. Eine „Verschwörungstheorie“, wie sie im Buche steht — aber eine plausible.
- Christopher Nolan verfilmt andeutungsweise auch die Geschichte der Opferung Iphigenies durch ihren Vater Agamemnon. Der Heerführer ließ seine minderjährige Tochter auf einem Altar schlachten, weil ein Götterorakel ihm geraten hatte, nur dieses Opfer könne die Götter gnädig stimmen und den griechischen Kriegsschiffen Rückenwind verschaffen. So geschah es. Eine ungeheuerliche Symbolgeschichte, die veranschaulicht, dass das Kinderopfer durch Machthaber in der Natur jedes Krieges liegt.
Die Gespenster eines sinnlosen Krieges
- Als Odysseus in der Unterwelt den Seher Teiresias aufsucht, rennt eine Horde männlicher Gespenster auf ihn zu. Es sind all die Männer, die der König von Ithaka auf seinen Feldzügen und „Irrfahrten“ geopfert hat, während er sich selbst stets aus der Affäre zu ziehen verstand. Odysseus kann sich der Konfrontation mit seiner Verantwortung nur noch durch die Flucht entziehen. Eindringlich bekommen die Toten des Krieges, die „Universal Soldiers“, so ein Gesicht und eine Stimme.
- Odysseus ist am Ende durch seine „Abenteuer“, die Todesgefahr, aber auch sein anschwellendes Schuldkonto derart traumatisiert, dass er sich in einen Zustand drogeninduzierter Amnesie flüchtet. So deutet Christopher Nolan jedenfalls jene Episode, in der der „Held“ über sieben Jahre auf der Insel der Nymphe Kalypso verweilt und seine eigentliche Absicht — die Heimkehr zu Gattin Penelope — vergisst.
- Als die Zauberin Circe — wie aus der Sage bekannt — Odysseus’ Männer in Schweine verwandelt, erklärt sie dies so: Sie habe mit ihrem Zauber nur deren wahre Natur sichtbar gemacht. Die Soldaten des Odysseus hätten auf Befehl geplündert und vergewaltigt, wann immer sich die Gelegenheit dafür bot. Sie aßen und tranken mit einer an Tiere erinnernden Gier — welcher Unterschied bestünde da noch zu Schweinen? Der Liedtitel der Ärzte, „Männer sind Schweine“, erhält so einen ganz neuen Sinn.
Der ultimative Zivilisationsbruch
- Christopher Nolan deutet die berühmte List des Odysseus, Troja mit Hilfe des „Trojanischen Pferdes“ zu erobern, als ultimativen Zivilisationsbruch. Nicht nur das Vertrauen der Trojaner sei missbraucht, auch der mit der Darbringung eines Holzpferds verbundene religiöse Ritus sei geschändet worden. Hinzu kommt, dass dieser gemeine Betrug nur als Startschuss für ein furchtbares Massaker an der trojanischen Zivilbevölkerung dienen sollte: für Plünderung, Brandschatzung und Massenvergewaltigungen. Im Grunde handelt es sich um Völkermord aus niederen Beweggründen und mit heimtückischen Mitteln. Symbolisch steht dafür die Ermordung einer jungen, unschuldigen Priesterin der Göttin Athene. Die Schauspielerin Zendaya, die das Mädchen spielt, tritt — quasi als Halluzination im Geist des Odysseus — auch als Athene auf, als handle es sich um eine Personifizierung seines schlechten Gewissens.
- Im Film ist häufiger von einer Bedrohung durch marodierende Seeleute die Rede, gegen die sich Ithaka verteidigen müsse. Es stellt sich aber heraus, dass es sich bei dem „Feind“ um Odysseus selbst und seine Mannschaft handelte.
- Die Saalschlacht gegen die Freier Penelopes ist wegen ihrer Bedeutung für die Sage ein „unvermeidlicher“ Showdown und wird moralisch mit deren schlechtem Benehmen begründet. Wie die von Circe in Schweine verwandelten Mannen des Odysseus sind auch die Freier haltlose Säufer und Prasser, die das Bild des männlichen Geschlechts im Film weiter verdunkeln. Die Episode, die manche vielleicht als einen „befriedigenden“ Abschluss des Handlungsbogens empfinden, zeigt aber auch, dass Gewaltimpulse, wenn sie einmal in der Welt sind, immer wieder Unordnung in eine Gesellschaft tragen und durch Verkettung von Umständen weitere Gewalttaten nach sich ziehen.
- Mehrfach wird gesagt, die griechische Zivilisation hätte durch grobe Tabubrüche die Gunst der Götter verwirkt und ihren humanen Kern verraten. Nur durch Reue und das Ehren der Toten könne der Grundstein für eine Wiedergeburt im Rahmen einer Kultur des Friedens gelegt werden. So darf Odysseus auch am Ende — abweichend von der Vorlage — nicht in Ithaka bleiben, letztlich unwürdig des Königstitels, den er an seinen Sohn Telemachos übergibt.
Odysseus und die Hybris des Westens
Der stets durch intellektuellen Scharfblick glänzende Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt fasst die (selbst)kritische Botschaft des Films so zusammen: „Wenig Heroisches bleibt am Ende. Denn die Barbaren, vor denen man warnte, das sind ja wir“. Dies erinnert an die Worte Obi-Wan-Kenobis zu Anakin Skywalker in dem Blockbuster „Star Wars: Die Rache der Sith“ (2005): „Du hast diesem dunklen Lord erlaubt, deinen Verstand zu verdrehen, bis jetzt bist du genau das geworden, was du zu zerstören geschworen hast.“ Dies war in „Star Wars“ und es ist in der „Odyssee“ ein so machtvoller wie unbequemer Weckruf an die Adresse des globalen Westens und seines selbstgerechten Kriegsbündnisses, der NATO.
„Was, wenn die Bösen, die Odysseus und seine Leute heraufbeschworen, sie selbst waren?“, fragt Schmitt in Anlehnung an Christopher Nolans Filmdrehbuch.
„Wovor musste man sich eigentlich verteidigen? Zivilisten werden getötet, ein Mädchen geköpft. So sehen wir hier die deutlichen Bezüge. Denn auch heute erleben wir, dass man sich gern auf das Völkerrecht beruft — dann nämlich, wenn man seinem Gegner damit schaden kann. Und sonst — nun — ist es nicht so wichtig.“
Schmitt vergleicht das in „Die Odyssee“ oft herbeizitierte „Gesetz des Zeus“ — eine Art universelle ethische Richtlinie für die Menschheit — mit dem modernen Völkerrecht. Beide Gesetze wurden aufs Gröbste verletzt, wodurch eine dunkle Epoche der Menschheitsgeschichte ihren Anfang nahm. „Der Film nimmt Stellung zur Hybris des Westens, ohne es durch aktuelle Bezüge ganz explizit zu machen“, analysiert Schmitt. Er führt dann auch Christopher Nolans letzten Film „Oppenheimer“ an. In diesem geht es um das Heraufbeschwören einer Weltkatastrophe durch das US-Militär infolge der Spaltung der Welt in einen „guten“ und einen „bösen“ Teil.
„Odysseus muss seine Hybris überwinden“, erklärt der Filmkritiker. Er stehe damit „stellvertretend für eine Zivilisation, die sich so sehr überhöhte, dass sie selbst dabei barbarisch wurde.“
Man muss sich angesichts eines solch hellsichtigen künstlerischen Programms wirklich fragen, warum gegen „Die Odyssee“ aus nebensächlichem Anlass eine Kampagne gefahren wurde, die die Zuschauer davon abhalten sollte, sich selbst einen Eindruck von dem Film zu verschaffen.