# Medien als Düngemittel

Unzeitgemäße öko- und anderslogische Betrachtungen über die Zeit, die gekommen ist.

von 
   * Manovas Literaturredaktion

In einem wohltuend unaufgeregten und von einer feinen Ironie durchzogenen Text denkt Burgi Tötsch, eine neue Stimme im Salon, über das Wesentliche nach, das unsere  Zivilisation im Innersten zusammenhält. Nämlich über Information und Müll. Darin integriert ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit, auf dass wir nicht alle Perspektiven verlieren&nbsp;...   

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*von Burgi Tötsch*

In meinem Haushalt türmen sich Zeitungen und Werbeprospekte zu ansehnlichen Papierstapeln. Mit großem Appetit stürze ich mich auf die Welt der gedruckten Worte.

Die reichlich aufgetragenen Informationsmahlzeiten können meinen Hunger nur bedingt  stillen. Aber da der Fernseh/Kühlschrank mit Nachrichten, Geschichten und Berichten stetig aufgefüllt wird, ist es wohl verständlich, dass es mir beinahe unmöglich ist, der Versuchung zu widerstehen. Und so nehme ich beinahe ununterbrochen Informationsmahlzeiten zu mir.

Die einzigen Pausen gewähren die Schlafphasen. 

Ich fürchte, meine psychische und physische Konstitution ist schon arg geschwächt, zumal ich nicht weiß, ob mein Geist, mein Hirn, die überflüssigen und die überschüssigen Informationskalorien sinnvollerweise ausscheidet, oder sie an geheimen gefährlichen Stellen lagert. Die Müllproblematik meines Informationskonsums hat ein bedrohliches Ausmaß erreicht, die Entsorgung bleibt ein Rätsel.

*„Kaufen Sie Jetzt! Zahlen Sie später!“*

*„Bestellen Sie sofort! Morgen ist es zu spät!“*

*„Greifen Sie zu! Zwei Stück zum Preis von Einem!“*

> Die Wirtschaft kann nur funktionieren, wenn wir andächtig konsumieren. Die Andachten werden in Konsumtempeln zelebriert, die unsere Lust und Sehnsucht kräftig anheizen.

Die geflissentliche, aber besonders höfliche Sprache der Verkäufer, die Werbeverlautbarungen sind Gebete, derer es bedarf, um uns zu überzeugen, dass wir die Sehnsucht befriedigen müssen, wenn wir uns nicht um unser Leben betrügen wollen.

Die Forschung arbeitet daran, das Buch des Lebens zu entschlüsseln, verkündet der Wissenschaftsbericht meines von mir abonnierten Wochenmagazins. 

*„Die Biotechnologie ist für die Menschen bedeutungsvoller als die Mondlandung, denn die Biotechnologie wird es ermöglichen, dass die Menschen gesünder und länger leben. Und gesunde Menschen, die länger leben, werden viele Handys und Computer kaufen.“*
  
Die Wissenschaft liegt mit dem Kapital im Bett. Offiziell sind sie aber nicht einmal miteinander verlobt. Besonders die Wissenschaft bestreitet jede Affäre mit der Wirtschaft. Die Verbindung sei rein platonisch.

> Zweifellos wird das Rad der Wirtschaft durch die Genforschung heftig angekurbelt. Und die gesunden, kapitalstarken, ewig jungen Menschen hängen sich an ihre Speichen und werden vom Schwung mitgerissen. 

Direkt vor dem gigantischen Konsumtempel hält das Wirtschaftsrad inne und schüttelt die jungen, kaufkräftigen Menschen zielgerichtet vor dem Eingangsbereich ab. Ein warmer, duftender Saugstrom zieht die Menschen durch ein hydraulisches Tor. Drinnen ist die Liturgie im Gange und alle feiern mit.

Heute hat mich ein Beamter, genauer gesagt, ein Detektiv der Wirtschaftskammer aufgesucht. Er hat im Zuge von Ermittlungen herausgefunden, dass mein Kaufverhalten nicht den allgemein gültigen Maßstäben entspricht, die für ein notwendiges Wirtschaftswachstum unverzichtbar ist.

„So können sie nicht weitermachen“, hat er mir ins Gewissen geredet. „Wir alle müssen unseren Beitrag zum Wirtschaftswachstum leisten. Wirtschaft muss wachsen, Stillstand bedeutet Zusammenbruch. Es ist wie beim Radfahren. Das Gleichgewicht wird durch Bewegung hergestellt, bei Stillstand kippt es.

Wir schicken Ihnen täglich gratis glänzende, farbige Werbeprospekte, wir rufen sie an, wir appellieren in Fernsehen und Rundfunk, an der Kommunion beziehungsweise Konsumation teilzunehmen. Und Sie ignorieren das einfach! Warum?“ fragt er drohend, „richten Sie Ihre Wohnung nicht neu ein? Warum kaufen Sie sich keine neuen Kleider und Schuhe. Und überhaupt, warum besitzen Sie kein Handy? Das ist glatte Konsumverweigerung, und ist nach den heutigen Gesetzen strafbar. Sie brauchen keines, behaupten Sie? Ich sage Ihnen, was Sie brauchen, bestimmen nicht Sie, sondern wir!“ 

„Aber die wachsenden Müllberge!“, wage ich mit kläglicher Stimme einzuwenden.
„Papperlapapp, auch die Müllberge bewegen die Wirtschaft!“, hat mich der aufgebrachte Wirtschaftskammerdetektiv belehrt.

Er hat ja recht. Das Müllentsorgungsgewerbe hat viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Nun ja, vielleicht mache ich wirklich aus einer Mücke einen Elefanten, und die riesigen Müllgebirge sind in Wahrheit sanfte, fruchtbare Hügel, die eine besonders wohltuende Strahlung verbreiten&nbsp…

Irgendwie scheint es mir unvorstellbar, dass es im Laufe meines Lebens, — und ich bin noch kein halbes Jahrhundert alt —, eine Zeit gab, in der „Müll“ weder als Wort noch als Sinn bekannt war. In der Verschwendung als Unmoral verteufelt wurde, und Sparsamkeit und Konsumverzicht als höchste Tugend gepriesen wurden.

Und die Menschen waren bei Gott tugendhaft. Alles was sie besaßen, behandelten sie achtsam, behüteten es sorglich. Die Lebensdauer der Geräte und Werkzeuge endete frühestens dann, wenn sie nicht mehr reparaturfähig waren. Der Kartoffelschäler, dessen Schadhaftigkeit meine Mutter zum Lamentieren brachte, hatte immerhin fünf Jahrzehnte hinweg seinen Dienst versehen. Selbstverständlich wurden die Löcher und Risse in den Socken, Strümpfen, Kleidern und Hosen gestopft und genäht. Unbrauchbare Kleider wurden zu Fleckerlteppichen und Hausschuhen verarbeitet.

Natürlich gab es auch schon Zeitungen. Bei uns zu Hause die Bauernzeitung und das Kirchenblatt. Sie lieferten Informationen ausschließlich schwarz auf weiß, und blieben eine Woche lang gültig. Aber damit war die Funktion der Zeitungen noch lange nicht erschöpft.

> Wenn alle Familienmitglieder die Zeitung gelesen hatten, wurde die Bauernzeitung in handliche Stücke geschnitten und fand als Toilettenpapier Verwendung. Im Herbst wurde sie also als Düngerbeimengung mit den Fäkalien der Hausbewohner und dem Mist der Kühe und Schweine auf die Felder und Äcker verbracht. Wenn im Sommer das Gras hoch stand, und das Gemüse reif wurde, ernteten wir von dem Dünger, der auch aus der Bauernzeitung bestand. 

Wie wahrhaft fruchtbar sie doch war, die Bauernzeitung! Dem Kirchenblatt blieb diese Fruchtbarkeit verwehrt, denn ihre Verwendung als Toilettenpapier schien den Menschen wohl zu frevelhaft. Immerhin leistete es bei der Schuhtrocknung durchaus wertvolle Dienste.

Die Menschen besaßen nicht viel, aber genug, um überleben zu können. Sie erarbeiteten im Schweiße ihres Angesichts das Brot, das sie ernährte. Waren sie zufrieden?

> Gott sagte nach der Erschaffung der Erde: „Es ist gut!“ Nach der Erschaffung des Menschen sagte er: „Es ist sehr gut!“ Und der Mensch sagte, nachdem er nicht mehr hungern und frieren musste: „Es ist sehr gut, aber es könnte noch besser sein!“

Und Gott schloss sich dieser Meinung vorbehaltlos an.

Meine Ausführungen lassen den Wirtschaftskammerdetektiv kalt, ja, ich spüre seinen verächtlichen, mitleidigen Blick. Aber mit dem Schluss ist er einverstanden, er nickt eindeutig zustimmend. Als ich ihm meine Lustlosigkeit beim Einkaufen schildere, ihm auseinandersetze, dass ich Skrupel hätte, Dinge wegzuwerfen, nur weil sie nicht mehr zeitgemäß sind, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. Schließlich holt er ein Formular aus seiner Aktentasche. Eine Therapieverordnung, die mich verpflichtet, mich einer Behandlung zu unterziehen, die meine Einkaufslust steigern wird und meine wirtschaftsschädigenden Skrupel zum Verschwinden bringen. 

Ich kann mich der Therapie nicht entziehen, denn der strenge  Wirtschaftskammerdetektiv droht damit, dass ich im Falle einer Weigerung mit Einschränkungen beim persönlichen Luft- und Wasserverbrauch zu rechnen hätte&nbsp;…


