Mehr als Mullahs

Der Irankonflikt lässt sich im Licht seiner jahrtausendealten Geschichte besser verstehen. Teil 2.

Bis heute lässt sich nur schwer mit Sicherheit sagen, aus welchen Gründen die USA und Israel diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben. Schließlich kommen schon allein aus dem Pentagon und vom Präsidenten seit Beginn ständig wechselnde Narrative und Kriegsziele — zusätzlich zu allerhand Mutmaßungen und Behauptungen unterschiedlichster anderer Akteure und Analysten. Diese Artikelserie soll der Versuch sein, die Geschehnisse etwas zu ordnen und einen Überblick über die historische Entwicklung hin zu den heutigen geopolitischen Gegebenheiten sowie den möglichen Zielen und Interessen der beteiligten Akteure zu geben. In diesem zweiten Teil der Serie soll es um den Fall des persischen Großreiches und dessen Eingliederung in die frühe muslimische Welt gehen.

Halten wir zunächst fest: Trotz wechselnder Herrscherdynastien konnte sich der persische Kultur- und Staatsraum in der Antike über Jahrhunderte behaupten und einen für seine Zeit überaus fortschrittlichen Verwaltungsapparat innerhalb eines multiethnischen Reiches etablieren. Es entstand eine übergeordnete politische und kulturelle Ordnung, die den verschiedenen Völkern und Regionen ein erhebliches Maß an Eigenständigkeit ließ, solange sie die Herrschaft des Großkönigs anerkannten und ihren Verpflichtungen gegenüber dem Reich nachkamen.

Trotz zahlreicher Konflikte, Eroberungen und Dynastiewechsel blieb der persische Kulturraum über lange Zeit erstaunlich widerstandsfähig. Die frühen persischen Reiche erlebten eine beeindruckende antike Blüte und gehörten über Jahrhunderte zu den bestimmenden Mächten Westasiens.

Doch im 7. Jahrhundert geriet diese Ordnung in eine existenzielle Krise.

Zwei erschöpfte Imperien

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts standen sich in Westasien zwei alte Großmächte gegenüber: das Römische beziehungsweise Byzantinische Reich und das persische Sassanidenreich. Seit Jahrhunderten konkurrierten beide um Einfluss, Territorien und die Kontrolle wichtiger Regionen und Handelswege.

Der letzte und verheerendste dieser Kriege begann im Jahr 602. Der römische Kaiser Maurikios, der dem persischen Herrscher Chosrau II. Jahre zuvor geholfen hatte, seinen verlorenen Thron zurückzugewinnen, wurde durch den Offizier Phokas gestürzt und gemeinsam mit seinen Söhnen ermordet. Chosrau nahm dies zum Anlass, dem Römischen Reich den Krieg zu erklären. Die Ermordung seines früheren Verbündeten war dabei gleichermaßen Anlass wie willkommener Vorwand für eine groß angelegte Expansion (1).

Zunächst schien das persische Kalkül aufzugehen. Die Sassaniden eroberten Syrien, Palästina, Jerusalem und schließlich Ägypten. Persische Truppen standen zeitweise unmittelbar vor Konstantinopel, und das Byzantinische Reich schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen (2).

Doch ab 622 wendete sich das Kriegsglück. Kaiser Herakleios führte eine Gegenoffensive tief in persisches Gebiet. Nach der Niederlage der Sassaniden bei Ninive im Jahr 627 und dem weiteren Vormarsch der Byzantiner brach auch die politische Stellung Chosraus zusammen. Er wurde 628 gestürzt und getötet, sein Nachfolger schloss schließlich Frieden mit Byzanz (3).

Nach 26 Jahren Krieg wurden im Wesentlichen die alten Grenzen wiederhergestellt. Auf der Landkarte hatte sich damit wenig verändert, doch beide Imperien waren militärisch, wirtschaftlich und politisch schwer erschöpft. Für Persien kam eine schwere innere Krise hinzu: Innerhalb weniger Jahre wechselten zahlreiche Herrscher auf dem Thron, während verschiedene Adelsfraktionen um die Macht kämpften (4).

Nur wenige Jahre später erschien eine neue Macht auf der Bühne. Die arabisch-muslimischen Heere griffen die geschwächten Reiche an.

Für Byzanz bedeutete das den Verlust großer Teile seiner orientalischen Provinzen.

Für das Sassanidenreich bedeutete es das Ende.

Die arabische Eroberung

In diese geschwächte Ordnung stießen ab den 630er-Jahren die arabisch-muslimischen Heere des frühen Kalifats vor. Nach der Konsolidierung der arabischen Halbinsel richtete sich die Expansion des jungen islamischen Staates nahezu gleichzeitig gegen die beiden alten Großmächte der Region: Byzanz im Westen und Persien im Osten.

Für das Sassanidenreich wurden vor allem zwei Niederlagen entscheidend: Die Schlacht von al-Qādisīya öffnete den Arabern den Weg nach Ktesiphon, der sassanidischen Hauptstadt am Tigris. Wenige Jahre später folgte die Niederlage bei Nihāwand. Diese wird als Schlüsselmoment betrachtet, nach dem der Weg auf das iranische Hochland offenstand (5).

Diesen Krieg auf einen rein religiösen Konflikt zu reduzieren, wäre zu kurz gegriffen. Neben einem religiösen Sendungsanspruch stehen hier — wie so oft in der Geschichte — ganz weltliche Interessen, wie machtpolitische Expansion, Beute, Land und der Zugriff auf die reichen Agrar- und Steuergebiete Mesopotamiens.

Die neue islamische Ordnung war zugleich religiös, politisch und militärisch. Sie brachte nicht nur einen neuen Glauben, sondern auch ein neues Herrschaftssystem.

651 starb mit Yazdegerd III. der letzte sassanidische Herrscher. Damit endete das letzte große vorislamische persische Reich. Persien war militärisch besiegt.

Aber Persien verschwand nicht.

Islamisch, aber nicht arabisch

Genau hier liegt einer der wichtigsten Punkte für das Verständnis Irans: Die arabische Eroberung bedeutete nicht, dass die iranische Bevölkerung über Nacht vollständig muslimisch wurde. Die Islamisierung vollzog sich über Generationen und verlief regional unterschiedlich. Zoroastrier, Christen, Juden und andere Gruppen existierten weiter, auch wenn sich ihre Stellung unter der neuen Herrschaft veränderte (6).

Ebenso wenig bedeutete die Eroberung eine vollständige Arabisierung. Arabisch wurde zur Sprache der Religion, der Verwaltung, der Gelehrsamkeit und des Kalifats. Doch die persische Sprache und Kultur verschwanden nicht. Im Gegenteil: Nach einer Phase arabischer Dominanz trat das Persische wieder deutlich hervor und wurde zu einer der großen Kultursprachen der islamischen Welt, nicht unähnlich dem Französischen in der europäischen Neuzeit.

Ausgerechnet das eroberte Persien prägte die Welt seiner Eroberer mit. Sassanidische Verwaltungspraktiken, höfische Formen und Sitten, Steuerwesen, Münzprägung und bürokratische Erfahrung wurden in der islamischen Welt vielfach übernommen. Die neuen Herrscher konnten auf das administrative Wissen eines Reiches zurückgreifen, das es über Jahrhunderte verstanden hatte, große Räume zu organisieren (7).

Die Perser wurden also nicht einfach aus der Geschichte gedrängt. Sie wurden Teil der islamischen Welt und veränderten diese Welt selbst.

Das ist für den heutigen Blick auf Iran entscheidend. Wer Iran nur als „Mullahregime“ oder als Ausdruck eines uns fremden, fanatischen Islam betrachtet, übersieht, dass der Islam im iranischen Raum selbst historisch geformt wurde. Persien wurde islamisch, aber es hörte nicht auf, Persien zu sein.

Ein eigener iranischer Islam

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der im westlichen Blick häufig verloren geht: Der heutige schiitische Charakter Irans ist nicht einfach das direkte Ergebnis der arabischen Eroberung. Über viele Jahrhunderte war der iranische Raum religiös vielfältig, und große Teile der muslimischen Bevölkerung waren sunnitisch geprägt. Zwar gab es früh schiitische Zentren und Strömungen, etwa in Qom oder Teilen Chorāsāns, doch die Zwölfer-Schia wurde erst sehr viel später zur bestimmenden Staatsreligion Irans (8).

Der Islam Irans entwickelte sich daher nicht als bloße Kopie der arabischen Ursprungsgesellschaft. Er verband sich mit persischer Sprache, Literatur, Verwaltungstradition, Mystik, Philosophie sowie einem starken historischen Gedächtnis und Selbstverständnis. Besonders deutlich wurde dies später in der persischen Dichtung, im Fortleben älterer iranischer Herrschaftsvorstellungen, in der höfischen Kultur und in den großen wissenschaftlichen und theologischen Zentren der islamischen Welt.

Gerade deshalb ist die heutige westliche Reduktion Irans auf religiösen Fanatismus so verkürzt. Iran ist nicht einfach „der Islam“ in staatlicher Form. Es ist ein alter Kulturraum, der vom Islam erobert, verändert und geprägt wurde, den Islam aber seinerseits kulturell, politisch und geistig mitprägte.

Persien wurde islamisch, aber nicht arabisch. Es verlor sein vorislamisches Reich, aber nicht sein historisches Gedächtnis.

Persien im neuen Gewand

Mit der arabischen Eroberung endete das Sassanidenreich, aber dies löschte den persischen Kulturraum nicht aus. Im Gegenteil: Nach einer Phase arabischer Vorherrschaft begann Persien, die neue islamische Welt selbst tiefgreifend mitzuprägen.

Insbesondere unter den Abbasiden — die ab 750 über das Kalifat herrschten — verschob sich das politische und kulturelle Zentrum der islamischen Welt stärker nach Osten. Bagdad wurde zur Hauptstadt eines Weltreichs, das nicht nur arabisch, sondern zunehmend auch persisch, mesopotamisch und zentralasiatisch geprägt war. Persische Verwaltungsformen, höfische Sitten, Beamte wie Gelehrte spielten in dieser neuen Ordnung eine stetig wachsende Rolle (9).

Das war allerdings keine Rückkehr zum alten Sassanidenreich. Aber es war auch keine vollständige Unterordnung Persiens unter eine rein arabische Welt. Vielmehr entstand eine neue persisch-islamische Kultur, in der Sprache, Literatur, Verwaltung und historisches Gedächtnis des iranischen Raumes fortlebten.

Die Rückkehr der persischen Sprache

Ab dem 9. Jahrhundert entstanden im Osten der islamischen Welt abermals regionale Dynastien, die zwar oft noch formal die Oberhoheit des Kalifen anerkannten, de facto aber immer eigenständiger wurden. Besonders wichtig waren dabei die Samaniden, die in Chorāsān und Transoxanien herrschten. Unter ihnen erlebte das Neupersische einen entscheidenden Aufstieg (10).

Persisch wurde wieder zur Sprache von Hof, Dichtung und Verwaltung. Es war nun nicht mehr einfach die Sprache eines vorislamischen Reiches, sondern eine islamische Kultursprache mit iranischem Gedächtnis. In ihr konnten religiöse, wissenschaftliche und literarische Inhalte der neuen Zeit ausgedrückt werden, ohne die Verbindung zur älteren persischen Tradition vollständig aufzugeben.

Das ist für die Geschichte Irans kaum zu überschätzen. Viele Regionen der islamischen Welt wurden nach der arabischen Eroberung sprachlich weitgehend arabisiert und vollständig assimiliert. Persien dagegen wurde islamisch, bewahrte aber eine eigene Sprache, in der sich eine neue Hochkultur entfalten konnte.

Firdausi und das Gedächtnis Persiens

Das bedeutendste Symbol dieser kulturellen Selbstbehauptung ist das Schahname, das „Buch der Könige“, des Dichters Firdausi. Um das Jahr 1010 vollendet, erzählt es in gewaltigem Umfang die mythische und historische Geschichte Irans von den sagenhaften Urkönigen bis zum Untergang des Sassanidenreiches (11).

In einer bereits islamisch geprägten Welt schrieb Firdausi damit die Erinnerung an das vorislamische Persien in eine neue, veränderte Gegenwart hinein. Alte Könige, Helden, Schlachten, Verrat, Ehre und Untergang wurden nicht vergessen, sondern literarisch bewahrt und zur identitätsstiftenden Legende.

Das Schahname war deshalb mehr als ein dichterisches Meisterwerk. Es wurde zu einem Speicher für iranische Identität und Selbstverständnis. Es erinnerte daran, dass Persien älter war als die arabische Eroberung und dass die iranische Geschichte nicht erst mit dem Islam begann.

Genau darin liegt seine politische und kulturelle Sprengkraft: Persien hatte sein Reich verloren, aber nicht seine Erzählung von sich selbst.

Die kulturelle Schwerkraft Persiens

In den folgenden Jahrhunderten kamen zunehmend türkischstämmige Dynastien an die Macht, darunter die Ghaznawiden und später die Seldschuken. Auf den ersten Blick erscheint dies wie ein weiterer Bruch: Nach der arabischen Eroberung folgte nun also die Herrschaft türkischer Militärdynastien.

Doch erneut zeigte sich die besondere Widerstandskraft des persischen Kulturraums. Viele dieser Herrscher übernahmen nach und nach persische Verwaltungsformen, Hofkultur und Sprache. Die Ghaznawiden förderten persische Literatur und Kultur, während die Seldschuken Persisch als Sprache der Verwaltung und der Hofkorrespondenz verwendeten (12).

Persien wurde also nicht einfach von fremden Dynastien verdrängt. Vielmehr besaß es eine kulturelle Schwerkraft, die selbst seine Eroberer anzog und nicht mehr freigab. Wer im iranischen Raum dauerhaft herrschen wollte, musste sich häufig jener Sprache, Verwaltung und höfischen Kultur bedienen, die dort bereits tief verwurzelt waren.

Aus diesem Grund reicht es nicht, die Geschichte Irans als Abfolge fremder Eroberungen zu betrachten. Ebenso wichtig ist die Gegenbewegung: die Fähigkeit dieses Kulturraums, Eroberer aufzunehmen, umzuformen und in eine persisch geprägte Ordnung hineinzuziehen.

Wissenschaft, Dichtung und Mystik

Zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert wurde der iranisch-persische Raum zu einem der großen Zentren der islamischen Gelehrsamkeit. Mathematik, Medizin, Philosophie, Astronomie, Dichtung und Theologie entwickelten sich in einem Kulturraum, der arabische, persische, griechische, indische und zentralasiatische Einflüsse miteinander verband. Er war ein Schmelztiegel von Wissenschaft und Kultur, der in der seinerzeit bekannten Welt seinesgleichen suchte.

Namen wie Ibn Sina (im Westen häufig als Avicenna bekannt), al-Chwarizmi, Omar Chayyam oder später Dichter wie Attar, Saadi, Hafez und Rumi stehen für eine Welt, die mit dem westlichen Klischee eines rückständigen und geistig engen Orients wenig zu tun hat. Sie zeigen vielmehr, dass der persisch-islamische Raum über Jahrhunderte zu den intellektuellen Zentren der damaligen Welt gehörte (13).

Natürlich war auch diese Welt nicht frei von Machtkämpfen, religiösen Konflikten, sozialer Ungleichheit und Gewalt. Aber sie war eben auch nicht jene Karikatur, die entsteht, wenn Iran und die islamische Welt im heutigen westlichen Diskurs fast ausschließlich über Fanatismus, Terrorismus und Rückständigkeit beschrieben werden.

Vor dem Sturm

Bis zum 12. Jahrhundert hatte Persien also eine erstaunliche Transformation vollzogen. Das alte Sassanidenreich war untergegangen. Die politische Ordnung hatte sich verändert, die Religion hatte sich verändert, und fremde Dynastien hatten über große Teile des Landes geherrscht.

Und doch war Persien nicht verschwunden. Es hatte sich selbst neu erfunden und seine Eroberer nachhaltig verändert.

Die persische Sprache war zurückgekehrt. Das historische Gedächtnis war im Schahname bewahrt und verfestigt worden. Fremde Herrscher hatten persische Kultur und Verwaltung übernommen. Aus dem eroberten Land war erneut ein prägender Raum der islamischen Welt geworden.

Persien hatte sein vorislamisches Reich verloren, aber nicht seine Sprache, nicht seine Erinnerung und nicht seine kulturelle Schwerkraft.

Doch gerade als diese persisch-islamische Kultur eine neue Blüte erreicht hatte, näherte sich aus dem Osten eine Gewalt, die selbst für die lange Geschichte Irans einen Einschnitt von kaum vorstellbarem Ausmaß bedeuten sollte: der Mongolensturm.