Mehr als Mullahs
Der Irankonflikt lässt sich im Licht seiner jahrtausendealten Geschichte besser verstehen.
Bis heute lässt es sich schwer mit Sicherheit sagen, aus welchen Gründen die USA und Israel diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben. Schließlich kommen schon allein aus dem Pentagon und vom Präsidenten seit Beginn ständig wechselnde Narrative und Kriegsziele — zusätzlich zu allerhand Mutmaßungen und Behauptungen unterschiedlichster anderer Akteure und Analysten. Diese Artikelserie soll der Versuch sein, die Geschehnisse etwas zu ordnen und einen Überblick über die historischen Begebenheiten hin zu den heutigen geopolitischen Gegebenheiten und möglichen Zielen und Interessen zu geben. In diesem ersten Teil der Serie soll es um die antiken Wurzeln des Iran und den Beginn seiner Jahrtausende währenden Geschichte gehen.
Erben einer Hochkultur
Wer heute das Wort Iran (1) hört, wird damit häufig zunächst Begriffe wie „Mullah-Regime“, „Terrorstaat“ oder „Islamismus“ verbinden. Es entsteht das Bild eines rückständigen, religiös fanatisierten und grundsätzlich irrationalen Staates. Bei der Erzeugung dieses Bildes hat die westliche Propaganda ganze Arbeit geleistet.
Weitgehend ausgeblendet wird dabei, dass der Iran kein künstlich geschaffenes Staatsgebilde und auch kein historischer Randakteur ist. Das Land ist Erbe einer der ältesten und einflussreichsten Zivilisationen der Menschheitsgeschichte und besitzt ein staatliches, kulturelles und geopolitisches Selbstverständnis, das weit über die heutige Islamische Republik hinausreicht. Die Reiche der Achämeniden, Parther und Sassaniden machten den iranischen Raum über mehr als zwölf Jahrhunderte zu einer der prägenden Mächte Westasiens (2).
Das Land, das sich heute Iran nennt, war im Westen über den größten Teil seiner bekannten Geschichte unter einem anderen Namen geläufig: Persien. Im Land selbst wurden Bezeichnungen wie Iran beziehungsweise Ērān allerdings schon lange vor der modernen Zeit verwendet. „Persien“ leitete sich ursprünglich von der südwestiranischen Region Pārs beziehungsweise Fārs ab, aus der die achämenidischen Herrscher hervorgingen (3).
Ja, genau jenes Persien, mit dem bereits die alten Griechen Krieg führten und dessen Könige über eines der größten und komplexesten Reiche der damaligen Welt herrschten. Während große Teile Europas noch aus kleineren Stammesgebieten und Stadtstaaten bestanden, verfügte das Achämenidenreich bereits über eine weitreichende Verwaltung, regionale Statthalter, ein ausgebautes Straßennetz und ein organisiertes Nachrichtenwesen. Das Reich verband höchst unterschiedliche Völker, Sprachen, Religionen und Wirtschaftsräume unter einer gemeinsamen politischen Ordnung (4).
Unser heutiges Bild dieses Reiches ist allerdings stark von seinen griechischen Gegnern geprägt. Die Perserkriege wurden in der europäischen Geschichtsschreibung zu einer Art Gründungsmythos: Auf der einen Seite standen angeblich Freiheit, Vernunft und abendländische Zivilisation, auf der anderen orientalische Despotie und eine gesichtslose Masse unterworfener Völker.
Diese Gegenüberstellung sagt jedoch mindestens ebenso viel über das Selbstbild späterer europäischer Gesellschaften aus wie über die historische Wirklichkeit des Perserreiches.
Auch eines der bekanntesten Strategiespiele der Welt trägt bis heute deutliche Spuren persischer Kultur. Die älteste belegbare Vorform des Schachs entstand wahrscheinlich im Indien des 6. Jahrhunderts und war unter dem Namen Chaturanga bekannt. Von dort gelangte das Spiel in das Sassanidenreich, wo es unter dem Namen Chatrang verbreitet und zu einem festen Bestandteil höfischer Kultur wurde. Nach der arabischen Eroberung Persiens entwickelte sich daraus das arabische Shatranj, über das das Spiel schließlich auch nach Europa gelangte (5).
Seine persische Prägung ist bis heute in der Sprache erkennbar. Das deutsche Wort „Schach“ geht auf das persische „Schah“ zurück — den König. Auch das Wort „Schachmatt“ hat persische Wurzeln. Der Ausdruck „Schah mat“ bezeichnet einen König, der keinen Ausweg mehr hat, hilflos oder erstarrt ist. Die oft verwendete Übersetzung „Der König ist tot“ trifft die ursprüngliche Bedeutung dagegen nur ungenau (6).
Das Schachspiel wurde also wahrscheinlich nicht in Persien erfunden. Es wurde dort jedoch aufgenommen, weitergetragen und sprachlich so nachhaltig geprägt, dass sein Name bis heute an den persischen Herrschertitel erinnert.
Das ist mehr als eine sprachliche Kuriosität. Schach steht sinnbildlich für eine Kultur, deren Einfluss nicht allein auf militärischer Macht beruhte. Persien war über Jahrhunderte ein Zentrum von Verwaltung, Diplomatie, Literatur, Wissenschaft, Handel und strategischem Denken. Wer den heutigen Iran ausschließlich als barbarischen oder irrationalen Gegenpol zum vermeintlich aufgeklärten Westen betrachtet, übernimmt daher kein neutrales Geschichtsbild. Er übernimmt eine Perspektive, die bereits in der Antike wesentlich von den Gegnern Persiens geprägt wurde.
Ein Reich zwischen den Welten
Um zu verstehen, wie der heutige Iran auf seine Nachbarn, auf Israel und vor allem auf die westlichen Mächte blickt, muss man deshalb weit zurückgehen. Nicht, weil sich aktuelle Politik unmittelbar aus der Antike ableiten ließe, sondern weil sich das Selbstverständnis eines Landes aus seiner Geschichte speist — und weil der Iran auf eine Geschichte zurückblickt, in der er abwechselnd Großmacht, umkämpfter Raum und Objekt fremder Einflussnahme war.
Das Reich der Achämeniden
Seine erste große Blüte erlebte Persien unter den Achämeniden. Im 6. Jahrhundert vor Christus schuf Kyros II., den die Nachwelt als Kyros den Großen kennen sollte, die Grundlage eines Reiches, das sich unter seinen Nachfolgern von Ägypten und Kleinasien über Mesopotamien und Zentralasien bis in den Nordwesten des indischen Subkontinents erstreckte. Es war das größte Reich, das die antike Welt bis dahin gesehen hatte (7).
Die Achämeniden herrschten dabei nicht nur durch militärische Gewalt. Um ein derart ausgedehntes Gebiet zusammenzuhalten, entwickelten sie ein komplexes System aus Verwaltung, regionaler Selbstorganisation, Verkehrswegen und zentraler Kontrolle. Das Reich wurde in Provinzen, sogenannte Satrapien, gegliedert. Deren Statthalter waren für die Erhebung von Steuern, die Aufstellung von Truppen, die Kontrolle lokaler Verwaltungen und die Verteidigung ihrer Gebiete verantwortlich (8).
Diese Verwaltungsstruktur erlaubte den Perserkönigen, höchst unterschiedliche Regionen und Bevölkerungsgruppen unter einer gemeinsamen Herrschaft zu organisieren, ohne überall dieselben politischen, sprachlichen oder religiösen Verhältnisse erzwingen zu müssen.
Lokale Eliten, Verwaltungsformen und religiöse Einrichtungen konnten vielfach bestehen bleiben, solange sie die Oberhoheit des Großkönigs anerkannten, ihre Abgaben leisteten und sich nicht gegen das Reich erhoben.
Das Achämenidenreich war damit kein moderner und toleranter Rechtsstaat. Es war ein hierarchisches Imperium, das Gehorsam, Steuern und militärische Leistungen verlangte. Für seine Zeit entwickelte es jedoch eine bemerkenswerte Fähigkeit, unterschiedliche Kulturen und Ordnungen in eine übergreifende Herrschaftsstruktur einzubinden.
Straßen, Verwaltung und Kommunikation
Ein ausgedehntes Straßennetz verband die verschiedenen Teile des Reiches. Die bekannteste dieser Verbindungen war die sogenannte Königsstraße, die sich über rund 2.400 Kilometer von Sardes im Westen Kleinasiens bis nach Susa im heutigen Iran erstreckte. Entlang der Strecke lagen in regelmäßigen Abständen Stationen, an denen Reisende, Beamte und königliche Boten versorgt werden konnten. Weitere Verkehrswege verbanden Babylonien mit Medien, Baktrien und den östlichen Grenzen des Reiches (9).
Auch das Nachrichtenwesen war für seine Zeit außergewöhnlich leistungsfähig. Von Susa aus wurden königliche Erlasse und Befehle in nahezu alle Teile des Reiches versandt. Umgekehrt gelangten Berichte der Statthalter und anderer Amtsträger an die königliche Verwaltung zurück. Die in Persepolis gefundenen Verwaltungstafeln geben Einblick in ein weitverzweigtes System aus Versorgung, Transport, Abrechnung und staatlicher Kommunikation (10).
Das Perserreich war also nicht nur eine militärische Großmacht. Es war ein politisches und wirtschaftliches System, das große Teile West- und Zentralasiens miteinander verband. Es schuf Verkehrswege, förderte den Handel und organisierte einen Herrschaftsraum, in dem Menschen, Waren, Nachrichten und kulturelle Einflüsse über enorme Entfernungen zirkulieren konnten.
Persien aus Sicht seiner Gegner
Dass dieses Reich im europäischen Gedächtnis dennoch häufig vor allem als Bedrohung für Griechenland erscheint, liegt auch daran, dass ein großer Teil der erhaltenen Erzählungen von seinen griechischen Gegnern stammt. Marathon, Thermopylen und Salamis wurden später zu Gründungsmythen des Abendlandes. Auf der einen Seite standen demnach die kleinen, freien griechischen Gemeinwesen, auf der anderen ein riesiges, despotisches Reich aus dem Osten.
Dieses Bild war politisch wirksam, aber historisch einseitig. Schon die griechischen Stadtstaaten bildeten keine einheitliche Welt freier Demokratien. Einige standen zeitweise aufseiten Persiens, andere wurden oligarchisch oder tyrannisch regiert, und selbst die attische Demokratie schloss Frauen, Sklaven und große Teile der Bevölkerung von politischer Mitwirkung aus.
Umgekehrt war das Perserreich keine gesichtslose Masse rechtloser Untertanen. Es war ein vielschichtiges, multiethnisches Reich mit regionalen Unterschieden und einer komplexen Verwaltung. Die Gegenüberstellung zwischen griechischer Freiheit und persischer Despotie erzählt daher nicht nur etwas über Persien, sondern auch darüber, wie Europa sich selbst erzählen wollte.
Alexander und das Ende der Achämeniden
Im 4. Jahrhundert vor Christus wurde das Achämenidenreich schließlich von Alexander von Makedonien (besser bekannt als Alexander der Große) erobert. Im Jahr 330 vor Christus endete die Herrschaft der Dynastie. Doch die Eroberung bedeutete weder das Ende der persischen Kultur noch eine vollständige Ersetzung der bestehenden Ordnung.
Alexander übernahm Teile der achämenidischen Verwaltung, stützte sich auf vorhandene Strukturen und band Angehörige der persischen Oberschicht in seine Herrschaft ein. Die Einrichtungen, die dem Perserreich zuvor Zusammenhalt verliehen hatten, waren auch für den Eroberer zu wertvoll, um sie vollständig zu zerschlagen (11).
Nach Alexanders Tod zerfiel sein Reich. Große Teile Persiens gerieten zunächst unter die Herrschaft der Seleukiden, einer hellenistischen Dynastie. Doch auch diese Phase führte nicht zu einer vollständigen kulturellen Auflösung des iranischen Raumes.
Die Rückkehr iranischer Großreiche
Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christus entstand mit den Parthern, auch Arsakiden genannt, erneut ein eigenständiges iranisches Großreich. Seine Herrschaft war weniger zentralisiert als die der Achämeniden und beruhte stärker auf regionalen Herrschern, Adelsfamilien und persönlichen Loyalitäten.
Dennoch konnten sich die Parther über mehrere Jahrhunderte gegen äußere Gegner behaupten und wurden zu einem der wichtigsten Rivalen Roms im Osten (12). Im Jahr 224 nach Christus wurden die Parther von den Sassaniden abgelöst.
Mit ihnen entstand das letzte große persische Reich vor der islamischen Eroberung. Die Sassaniden zentralisierten die Herrschaft stärker, entwickelten eine ausgeprägte staatliche und religiöse Ordnung und beherrschten zeitweise große Teile des Nahen Ostens, Zentralasiens und sogar Ägyptens (13).
Über mehr als vier Jahrhunderte standen sich das Sassanidenreich und das Römische, später Byzantinische Reich als die beiden großen Mächte Westasiens gegenüber. Zwischen ihnen wechselten Kriege, Friedensschlüsse, Grenzverschiebungen, diplomatische Missionen und wirtschaftlicher Austausch.
Für die damalige Welt war Persien nicht irgendein ferner Randstaat. Es war eine der beiden entscheidenden Großmächte zwischen Mittelmeer und Zentralasien.
Ein Kulturraum, der Eroberungen überstand
Schon hier zeigt sich ein Muster, das sich durch die iranische Geschichte zieht: Eroberungen, Dynastien und Religionen wechselten, doch der persische Kulturraum blieb bestehen. Der Iran wurde immer wieder besiegt, geteilt oder von fremden Herrschern kontrolliert, aber selten vollständig kulturell aufgelöst.
Die Vorstellung eines alten, eigenständigen und widerstandsfähigen Zivilisationsraumes ist deshalb keine nachträgliche Erfindung der Islamischen Republik. Sie bildet einen tiefen Bestandteil des iranischen Selbstverständnisses — und sie erklärt mit, warum der Iran sich bis heute nicht als gewöhnlichen Regionalstaat betrachtet, der sich ohne Weiteres in eine von anderen Mächten entworfene Ordnung einfügen soll.