Meinung als Statussymbol
Bei jeder Gelegenheit das eigene Linkssein zu betonen, hat keine gesellschaftliche Funktion, wohl aber eine egozentrische.
Was bedeuten die Worte „links“ und „rechts“ heute im politischen Kontext überhaupt noch? Die Antwort muss wohl lauten: immer weniger. Das liegt nicht daran, dass das, was ursprünglich einmal klassisch links und rechts gewesen ist, an Bedeutung verloren hätte, sondern daran, dass beide Begriffe heute derart randomisiert verwendet werden, dass kaum mehr jemand sagen kann, was genau damit eigentlich gemeint ist. Während „rechts“ zur ultimativen Beleidigung geworden ist — wenn gleich diese nicht gerade sparsam verwendet wird — ist das Label „links“ durchaus beliebt; unter anderem auch bei Menschen, die man früher niemals als klassische Linke gesehen hätte. Der Begriff sagt heute wenig aus über die sozial-, wirtschafts- und friedenspolitischen Haltungen einer Person, dafür jedoch viel darüber, wie wichtig es ihr ist, zu den Guten zu gehören.
Kürzlich rückten einige Autorinnen und Autoren für fünfzehn Minuten in den Mittelpunkt: Sie distanzierten sich von ihrem Verlag, dem Westend Verlag — teilweise bestand zwischen den Beteiligten ohnehin keine Zusammenarbeit mehr. Dennoch machten sie plakativ bekannt, dass mit ihnen nun nicht mehr zu rechnen sei.
Als Grund führten sie an, dass der Verlag im Laufe der letzten Jahre auch Bücher veröffentlicht habe, die bis ins konservative Lager hineinreichen würden. Mit Wolfgang Kubicki zum Beispiel — oder mit Ulf Poschardt. Diese zwei Namen hätten die Autoren noch hingenommen. Aber das Buch von Julian Reichelt und Pauline Voss, ihres Zeichens Chefredakteure von Nius, wäre für sie nun als Dammbruch zu betrachten. Aus und vorbei die großzügige Gönnerhaltung, die man noch bei Kubicki und Poschardt an den Tag legte. Nun muss gehandelt werden.
Was so viel heißt wie: Es muss nicht mehr gehandelt, nicht mehr geschrieben werden — zumindest nicht mehr für den Westend Verlag. Die ganze Vorstellung ist ziemlich langweilig, es lohnt sich nicht, einigen Autoren, die — entschuldigen Sie meine Offenheit — ihre schwindende öffentliche Bedeutung in den letzten Jahren damit auffangen wollen, Aufmerksamkeit über Figuren zu erzeugen, die sie aus welchen Gründen auch immer ablehnen. Spannend ist an dieser Causa nur — auch wenn Heiner Flassbeck aus gutem Grunde die Frage für unerheblich hält —, wie sehr sich die Unterzeichner an einer Begrifflichkeit von „links“ festklammern und dabei glauben, dass diese Richtungsangabe auf irgendeine kuriose Weise von zentraler Bedeutung sein soll. Wie kommen sie nur darauf?
Die Fetischisierung des Linksseins
Das allseits so beliebte Linkssein wird meist ausschließlich als kulturelle Selbstbeschreibung zelebriert. Es fungiert kaum noch als Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse oder als der Versuch, soziale Konflikte auszutragen und aufzulösen, sondern lebt sich als Ausdruck persönlicher Identität aus.
Entscheidend ist für die mit dem Linkssein hausierenden Zeitgenossen nicht so sehr, was politisch und damit gesamtgesellschaftlich erreicht wird, sondern was die eigene Haltung über einen selbst aussagt. Linkssein wird demnach zur ethischen Signatur, zur ästhetischen Verortung innerhalb eines bestimmten Milieus — man präsentiert quasi seinen „linken Fußabdruck“.
Wer sich „diesem Linken“ zugehörig fühlt, demonstriert dies durch abgesprochene Sprachchiffren, für ethisch bewerteten Konsum, kulturelle Vorlieben und vor allem durch die gut sichtbare Distanz zu all denjenigen, die außerhalb dieses als moralisch legitim empfundenen Raumes stehen. Das gerne hochgehaltene Linkssein hat insofern Symbolcharakter — und es steht isoliert vom materiellen Bezug, auf dem sich jede Gesellschaft gründet.
In dieser Auslegung des symbolischen Linken muss man dann wohl auch den Grund für die eigentümliche Gereiztheit vieler gegenwärtiger Debatten suchen. Denn wer politische Überzeugungen zu einem Bestandteil der eigenen Persönlichkeit überhöht, erlebt Widerspruch nicht mehr als einen typischen Bestandteil öffentlicher Auseinandersetzungen, sondern als Angriff auf das eigene Selbstbild. Der politische Andersdenkende wird zum moralisch Kontaminierten, dessen bloße Präsenz im schlimmsten Falle bereits als Provokation empfunden wird.
Argumente haben auf dieser Ebene keine Überlebenschancen mehr — stattdessen frönt man der demonstrativen Zurschaustellung von Distanz, gerade so, als wäre der so gewonnene Abstand das Argument schlechthin. Die Sorge um die eigene moralische Reinheit ersetzt die inhaltliche Auseinandersetzung — man kann getrost behaupten, dass das heute so demonstrativ in Szene gerückte Linkssein stark narzisstische Züge trägt. Die Lust an öffentlichen Abgrenzungsritualen wird dabei als demokratische Praxis fehlinterpretiert, weil das eigene Milieu das Distanzierungsgehabe mit sozialer Anerkennung quittiert.
Vor zwei Jahrzehnten tat sich die Gesellschaft wesentlich schwerer mit denen, die ihr Linkssein in den Mittelpunkt rückten. Eine Partei dieses Namens — damals entsprach dieser noch dem Wesenskern der parteilichen Ausrichtung, heute trägt sie ihn nur noch aus naheliegenden Imagegründen — erlebte, wie sich um sie herum eine Brandmauer auftürmte.
Man nahm sie damals als Gefahr wahr, denn ihr Anspruch war eine wirtschaftliche Neujustierung, die in den vermögenden Kreisen der Gesellschaft ganz und gar nicht goutiert wurde. Mit seinem Linkssein wuchern zu können, dafür Applaus und Zuspruch zu bekommen: das wurde erst möglich, als das Linkssein sich dazu entschloss, zu einer reinen Identitätsfrage zu verkümmern. Es setzte eine Fetischisierung des Linksseins ein — eine inhaltliche wie politische Entleerung, die bis heute ritualisiert vorgetragen wird und sich rein auf kulturelle Bekenntnisse und ethische Nabelschau fokussierte.
Linker Kaufmannsladen im Kindergarten
Wie im heutigen Diskurs die eigene linke Befindlichkeit hochgehalten wird, ist in der Tat verwunderlich. Man konnotiert diese Haltung mit Coolness und Abgeklärtheit, mit dem Guten sowieso — ohne den Gegenspieler von rechts, hat sie jedoch so gut wie keine Kontur. Es gab Zeiten, da mussten sich Menschen noch bewähren, um als anständiger Zeitgenosse anerkannt zu werden.
Mir kommt dabei im Rückblick ein Mann in den Sinn, der mich meine ganze Kindheit und Jugend „begleitet“ hat. Auf jedem Fest in unserem Ingolstädter Großstadtdorf stand er in seiner Uniform des Roten Kreuzes und verkaufte Lose. Er brachte eine kleine Lostrommel und eine Kasse mit — über zwei Jahrzehnte hinweg begegnete er mir und meinen Mitbürgern immer wieder, er war sozusagen stadtbekannt. Auf diese Weise half er, dem Roten Kreuz Einsatzfahrzeuge zu finanzieren. Heute müsste er nur betonen, dass er ein Linker ist und dass das Linkssein ein Wert an sich sei — eben auch, weil links nicht rechts ist — und schon erhielte er Anerkennung und Lob für das Gute, das er vorgaukelte.
Das Herauskehren der linken Identität nimmt teils so infantile Züge an, dass man sich an manches Kindergartenspiel erinnert fühlt. So wie die Kleinen Kaufmannsladen spielen und damit den Einkauf der Erwachsenen simulieren wollen, so mimt man heutzutage das Linkssein.
All das erinnert vielleicht noch viel stärker an das kindliche Spiel von Räuber und Gendarm — fast alle wollten den Polizisten spielen, weil der für das Gute stand. Was die Kinder freilich nicht ahnen konnten: nicht selten sind Gesetzeshüter überall auf dieser Welt in Geschäfte verwickelt, die dieser moralischen Einschätzung nicht entsprechen.
Diese naive und infantile Einteilung in eindeutig Gutes und eindeutig Böses prägt heute wieder viele politische Milieus — insbesondere jenes, das sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit des eigenen Linksseins brüstet, um sich so mit dem Attribut des Guten zu schmücken.
Hierzu benötigt man noch nicht einmal Mut. Längst ist die Zurschaustellung des Linken im Innersten kompatibel mit Karriere und Lifestyle geworden. Es gilt für das eigene Milieu, sofern man sein Linkssein wie ein Accessoire trägt, als Ausdruck von Weltläufigkeit, moralischer Verlässlichkeit und gesellschaftlicher Sensibilität — allesamt Eigenschaften, die heute wie Statussymbole gehandelt werden. Gerade deshalb wirkt vieles daran so unerquicklich und so selbstgefällig. Ein politisches Risiko gibt es nicht, wenn man sich so positioniert. Die routinierte Wiederholung der richtigen Sprachcodes, um Zustimmung und Anerkennung zu erhalten, mag langweilig sein — wird aber anerkennend begrüßt. Linkssein besteht heute in weiten Teilen als gespielte oppositionelle Haltung — man simuliert eine Ausgrenzung, die es nicht gibt, die man vor allem aber selbst betreibt. Und die man dennoch aufbauscht und zur Wahrheit erklärt. Das gehört zur Dekoration des „Linksseins aus Kalkül“.
Die Bürger wollen gute, nicht linke Politikkonzepte
Eines wird bei diesem ganzen Gewese um links oder rechts, um zu wenig links und zu viel rechts — oder andersherum — gerne übersehen: Den meisten Menschen ist die politische Selbstverortung irgendwelcher Akteure ziemlich einerlei. Wer morgens zur Arbeit muss, auf verspätete Züge wartet, Probleme hat, seine Miete oder das Geld für seine Stromrechnung und für einen vollen Tank aufzubringen, sich abends fürchtet, auf Straßen und Plätze zu gehen, den jucken politische Richtungsangaben nicht. So jemand möchte, dass eine Tagespolitik gemacht wird, die zu Verbesserungen führt — so jemand will gehört werden.
Die Bürger beurteilen Politik — und politische Entscheidungen — weitaus pragmatischer als die Milieus, die im ständigen Abgrenzungswahn verharren. Sie sähen gerne Resultate, etwas, das sich auf ihr direktes Leben auswirkt und ihnen Vorteile oder wenigstens Erleichterungen bringt.
Funktioniert der Staat noch oder nicht? Kann ich auch morgen noch davon ausgehen, dass es eine gewisse Ordnung gibt — oder eben nicht? Und nimmt man wahr, dass ich Sorgen habe und Nöte erlebe, die ich gerne abgemildert sähe? Solche Fragen treiben die Menschen um.
Während sich akademische, halbakademische, quasiakademische und mediale Kreise an Sprachregelungen, Symbolen und Distanzierungsritualen abarbeiten, sind die meisten Bürger dieses Landes damit beschäftigt, die Realitäten auszuhalten und zu bewältigen.
Glaubt denn wirklich irgendjemand aus dem Milieu derer, die das Linkssein hochhalten, dass am Ende der Bürger in seinem Wohnzimmer sitzt und urteilt: „Hm, das ist aber ein gutes linkes Gesetz?“ Oder dass er fordert: „Ich will nur rechte Reformen!“
Das ist doch albern und zeigt die vollkommene Weltentfremdung mancher Leute.
Tagespolitik ist keine ästhetische Kategorie — im besten Falle orientiert sie sich an den Notwendigkeiten und versteht sich als die Kunst des Möglichen.
Dass das im zeitgenössischen Berlin — und anderen Hauptstädten — selbst von Politikern nicht begriffen wird, ist Teil dieses gesellschaftlichen Problems, das wir seit einigen Jahren als Spaltung kennen.
Der deutliche Vertrauensverlust der Bürger in Deutschland speist sich selbstverständlich aus dieser Haltung, die den politischen und kulturellen Betrieb erfasst hat. Sie spüren, dass das moralische Erscheinungsbild höher gewichtet wird als die Lebensrealitäten, die man sehen könnte, so man sie sehen wollte — oder wenn man weniger Zeit auf die ideologische Imagepflege verwenden würde.
Diese permanente Selbstvergewisserung eines kultivierten Linksseins wirkt auf viele nicht progressiv oder auf irgendeine Art solidarisch, sondern schlicht entrückt, selbstgefällig und egozentrisch. Wer Politik nur noch als moralische Selbstdekoration begreift, darf sich nicht wundern, wenn ihm irgendwann niemand mehr zuhört — wer die Gesellschaft nach diesen Kategorien sortieren will, verliert seine Deutungshoheit. Letzteres ist mittlerweile ein Stück weit eingetreten. Man darf das getrost als einen Grund dafür betrachten, dass manche ihr Linkssein nun noch aggressiver in Szene rücken. Die Folge wird sein, dass sich noch mehr von diesem unwürdigen Gebaren abwenden.
Redaktionelle Anmerkung: Roberto J. De Lapuente ist Redakteur beim Overton-Magazin, das zum Westend-Verlag gehört.