Missverstandenes Versagen

Intelligenz und Begabung sind nicht angeboren oder vererbbar. Sie können deshalb auch bewusst gefördert werden.

Ein neues Schuljahr beginnt, und mit ihm kehren auch die Sorgen vieler Eltern betreffend gewisse Leistungsmängel ihrer Kinder zurück. Viele haben bereits resigniert, weil sie annehmen, mit ihren Söhnen oder Töchtern stimme grundlegend etwas nicht. Gerade jetzt sollten besorgte Eltern deshalb dringend über das Erfahrungswissen pädagogisch-psychologischer Tätigkeit und Forschung informiert werden. Aufgrund mangelnder Aufklärung befürchten Eltern, dass ihre Kinder nicht die nötige Intelligenz und Begabung mitbringen, um das Schuljahr erfolgreich zu bestehen. Aber: Intelligenz und Begabung sind weder angeboren noch vererbbar, wie so manche Experten aus vorpsychologischen Zeiten den Eltern vermittelt haben; diese Fähigkeiten können deshalb zu jeder Zeit gefördert werden.

Intelligenz und Begabung

Obwohl die Intelligenzforschung ein florierender Forschungszweig der Psychologie ist, mangelt es an einer verbindlichen, allgemein akzeptierten Definition ihres Forschungsgegenstandes. In der Regel wird Intelligenz als Fähigkeit zur Anpassung an unbekannte Situationen beziehungsweise zur Lösung von Problemen definiert (1); genauer gesagt umfasst der Begriff die Gesamtheit unterschiedlich ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten zur Lösung eines logischen, sprachlichen, mathematischen oder sinnorientierten Problems.

Sehr oft besteht die Meinung, Intelligenz sei ein isoliertes Vermögen, das entweder vorhanden sei oder auch nicht, weil man sich nicht im Klaren darüber ist, von welchen seelischen Voraussetzungen die kindliche Intelligenz und damit die Schulleistung abhängt. In Wirklichkeit sind Klugheit und Lernfähigkeit vielfach determinierte psychische Funktionen.

So ist es durchaus möglich, dass ein an sich intelligentes Kind beim Lernen versagt. Der Fehler muss dann im gesamtpsychischen Haushalt gesucht werden.

Auch der „Begabungsmangel“ ist ein problematischer Begriff, der einen schulischen Misserfolg nicht erklären kann. Wenn ein Schulkind auf einem einzelnen Gebiet oder in mehreren Fächern versagt, sprechen Eltern oder andere Erziehungspersonen gerne davon, dass das Kind eben darin nicht begabt sei.

Schulversagen ist kein Intelligenz- oder Begabungsmangel

Die Gründe für das Versagen in der Schule sind mannigfaltig und können hier nicht in der nötigen Breite behandelt werden. Wichtig ist jedoch: Organische Störungen der Intelligenz spielen nur in sehr seltenen Fällen eine entscheidende Rolle, weil organisch bedingte geistige Behinderung eine augenfällige Symptomatik hat, sodass diese Kinder stets frühzeitig erfasst und einem eigenen Ausbildungsgang zugeführt werden.

Pädagogisch-psychologische Schulerfahrung und Forschungsergebnisse lehren uns, dass schlechte Schulleistungen oder „Scheindummheit“ in der Regel nicht auf Intelligenz- und Begabungsmangel zurückgeführt werden können, sondern auf erzieherische Fehlhaltungen. Dieser durch die Tiefenpsychologie aufgedeckte Zusammenhang ist bei Schulschwierigkeiten unbedingt in Rechnung zu stellen.

Schulisches Lernversagen ist also keine Willensfrage oder eine Böswilligkeit des Kindes. Oft werden alle möglichen Faktoren als Ursachen des kindlichen Versagens herangezogen; jedoch ist es unbestritten, dass das erzieherische Milieu für die Bewährung des Kindes in der Schule ausschlaggebend ist.

Dies könnte für Eltern ein Anlass sein, nachzudenken und sich zu fragen, ob in der Erziehung der richtige Weg beschritten wurde.

Als Lehrer kann man immer wieder beobachten, dass ein stabiles Selbstwertgefühl die eigentliche Voraussetzung für die kindliche Lernfähigkeit ist. Lebensmut und Selbstachtung erwirbt jedoch vor allem jenes Kind, das in geordneten familiären Verhältnissen aufwächst. So lassen schlechte Eheverhältnisse kein Geborgenheitsgefühl beim Kind aufkommen, und eine autoritäre oder übergewissenhafte Erziehung können ihm frühzeitig vermitteln, dass „man es ja doch nie recht machen kann“. Dieses Gefühl übertragen die Kinder dann auch auf die Schule und erleben die Lehrkraft ebenso wie die Eltern als verständnislose und uneinsichtige Menschen.

Dabei ist nicht nur auf die Beziehung zwischen Kind und Eltern zu achten, auch das Verhältnis der Geschwister untereinander ist von ausschlaggebender Bedeutung. Die Eifersucht eines Kindes ist imstande, sein Schulinteresse zu unterbinden, wenn es sich zum Beispiel gegenüber den Geschwistern benachteiligt oder zurückgesetzt fühlt. Damit können Affekte des Neides oder der Verbitterung mobilisiert werden, die das kindliche Gemüt schwer belasten.

Das eifersüchtige Gebaren, das sich in Zänkereien und Ausfälligkeiten jeder Art äußern kann, zieht oft die ganze Familie in Mitleidenschaft und führt beim Eifersüchtigen selbst zu einem solchen Kräfteverschleiß, dass er für die Schule keine Energie mehr zur Verfügung hat.

Intelligenz als Funktion der psychischen Aufmerksamkeit

Indem die Tiefenpsychologie erklärt, dass jede Intelligenzleistung eine Funktion der psychischen Aufmerksamkeit ist, dass intelligentes Handeln also nur möglich ist, wo anhaltendes Interesse entwickelt wird, knüpft sie an die Befunde der berühmten experimentalpsychologischen Schule des deutschen Physiologen und Psychologen Wilhelm Maximilian Wundt (1832 bis 1920) an.

1879 gründete Wundt an der Universität Leipzig das erste Institut für experimentelle Psychologie mit einem systematischen Forschungsprogramm. Deshalb betrachtet man ihn als Begründer der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft (2).

Aufgrund von Wundts Befunden muss gefragt werden, unter welchen Bedingungen ein Kind daran gehindert wird, an der Schule und am Lernen echtes Interesse zu entwickeln, woraus sich dann der sogenannte Intelligenzmangel ergibt. Nach Erfahrung vieler Lehrkräfte und Kinderpsychotherapeuten sind vermutlich mehr als drei Viertel aller „dummen“ Kinder solche, die infolge ihrer gesamtpsychischen Konstellation nicht in der Lage sind, die von der Schule geforderte Aufmerksamkeit zu entwickeln.

Angst ist die schlimmste Blockade intelligenten Verhaltens im Seelenleben des Kindes

Sehr häufig findet man unter als unintelligent bezeichneten Schülern ängstliche und gehemmte Kinder. Sie fühlen sich durch ihre Schüchternheit in der Schule nicht heimisch. Dadurch erleben sie das schulische Leben als eine derartige Gefahrensituation, dass sie kaum fähig sind, sich in Ruhe dem Lernpensum zuzuwenden. Wo auch immer Kinder oder Erwachsene in Angstzustände kommen, geraten die psychischen Prozesse aus den Fugen.

Der ängstliche Mensch ist aber nicht nur in akuten Prüfungs- und Bewährungssituationen ängstlich; er trägt diese Angst ständig mit sich herum. So leben ängstliche Schulkinder zum Beispiel in dauernder Furcht vor dem Aufgerufenwerden und empfinden oft schon den Blick des Lehrers als Tadel und Zurechtweisung.

Selbst dann, wenn sie ihre Sache zu Hause gut gelernt und eingeübt haben, können sie im Unterricht versagen, sobald es darauf ankommt, das Gelernte zu präsentieren. Dadurch entsteht eine psychische Lähmung, die auch den Lern-Elan drosselt. Oft stellt sich daraufhin eine Resignation ein, die das schulische Training als aussichtslos ansieht und schließlich in eine „Scheindummheit“ überleitet, welche im Grunde nur eine durch Angst gestörte Aufmerksamkeit ist.

Verwöhnung und Verzärtelung sind keine gute Voraussetzung für die kindliche Lernfähigkeit

Andere Formen der „Kinderdummheit“, die Lehrkräfte zunehmend beobachten und deren Pseudocharakter Psychotherapeuten aufdecken könnten, resultieren aus einer verwöhnenden und verzärtelnden Erziehung. Ein solches Erziehungsklima wird von vielen Eltern als wahre Kinderliebe missverstanden. Ein Kind gerne haben heißt aber nicht, es derart mit Zärtlichkeit zu überschütten, dass seine innere Selbstständigkeit erdrückt wird.

Die psychologische Erfahrung lehrt, dass Liebe nicht einfach ein überbordendes Gefühl ist: Es handelt sich vielmehr um eine ernste und nicht leichte Aufgabe, die sorgfältig erlernt werden muss. Die Liebe zum Kind soll wissend und sehend sein; sie darf dem Kind nicht nur Gutes tun wollen, sie muss dem Kind das Gute auch zur rechten Zeit und in der rechten Art zukommen lassen.

Verwöhnende Erzieher können sich somit dem kindlichen Selbstständigkeitsdrang entgegenstellen, indem sie unbewusst von einer positiven psychischen Entfaltung des Kindes befürchten, dass dadurch das geliebte Kind den Eltern entfremdet wird. Das stark verwöhnte Kind lernt somit nicht, eigene Erfahrungen zu machen, und übt dadurch seine vorhandenen Fertigkeiten und Geschicklichkeiten nicht ein. Beim Schulanfang befindet es sich deshalb in Gesellschaft von tüchtigeren und rabiateren Gefährten, denen es sich nicht gewachsen fühlt. Bei Kindern, die innerlich von einer Erziehungsperson abhängig gemacht werden, kann dadurch ein Lähmungseffekt eintreten, der die gesamte Schulkarriere über anhalten und letztlich zum Scheitern führen kann, wenn sie etwas alleine und ohne Hilfe fertigbringen sollen.

Die gute Nachricht bietet meist keinen Anlass für einen Prozess der Selbstbesinnung

So positiv die psychologische Botschaft auch ist, dass Intelligenz und Begabung keine angeborenen und vererbbaren psychischen Faktoren sind und deshalb zum Positiven hin verändert werden können, so bleibt es jedoch meist dabei, dass die Eltern darin keinen Anlass sehen, mit oder ohne Unterstützung eines Psychotherapeuten einen Prozess der Selbstbesinnung einzuleiten, ob sie in der Erziehung den richtigen Weg beschritten haben — und was eventuell verbessert werden könnte.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/intelligenz/7263
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Wundt