Moral als Steuerungsinstrument
Die herkömmlichen, auf Macht, Hierarchie und Manipulation beruhenden Ordnungssysteme sind gescheitert — eine Neuorientierung ist überfällig, fällt aber schwer.
Wer im Supermarkt des medialen Spektakels nach Antworten auf konkrete Fragen sucht, steht vor überfüllten Regalen. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Das planetare Geschehen wirkt aus dieser Perspektive undurchdringlich. Wo könnte in diesem Wirrwarr der rote Faden aufgenommen werden, um über einen Verhaltenskodex als Voraussetzung für eine Neuorientierung der Gesellschaft zu diskutieren, welcher auf die Reste von Moral, Sitte und Selbstzucht zurückgreift und einen positiven sozialen Impuls setzt? Vielleicht ist der Anfang dort zu finden, wo ein allmächtiges Ordnungssystem in aller Stille den Untergang eines ganzen Volkes als Naturschauspiel aufführt: am Rand des Dschungels.
Teil 1: Der Rand des Dschungels
Das Ameisenkarussell (1) ist ein seltener Fehler im sehr effizienten Verhaltensrepertoire von bestimmten Arten von Wanderameisen. Sie haben ihre Sehfähigkeit verloren und nutzen Pheromone, um sich zu orientieren. Diese Duftstoffe werden von den Ameisen abgegeben, wodurch eine Spur entsteht, der andere Ameisen folgen, die ihrerseits die Duftspur durch die Abgabe weiterer Pheromone verstärken. Dadurch können sehr schnell alle Ameisen einer Kolonie in einer koordinierten Formation und Linie marschieren. Diese Variante der Kommunikation, die Struktur, Ordnung und Autorität vereint, ist vorteilhaft, um bei Beutezügen und der Futtersuche die gesamte Ameisenarmee gezielt einzusetzen. Sie kann sich ins Gegenteil verkehren, wenn zum Beispiel durch Wind oder Regen die Pheromonspur plötzlich unterbrochen wird.
Das denkbar schlechteste Ergebnis
Der unerwartete Zwischenfall entwickelt sich zum Worst Case, wenn er einzelne Ameisen oder Gruppen dauerhaft von der Hauptspur trennt. Ohne visuelle Orientierung und andere Sinne zur Korrektur des Weges verlieren die isolierten Tiere den Anschluss an die Kolonne. Als Reaktion suchen die Ameisen instinktiv nach der stärksten Duftspur, die sie finden können. Das kann auch ihre eigene sein.
Führt die zurückgelegte Strecke eventuell um ein Hindernis herum, laufen die Ameisen schon bald im Kreis. Folgen noch mehr Ameisen, wird die Spur wie gewohnt durch immer mehr Duftstoffe verstärkt. So entsteht eine positive Rückkopplung, die den Kreis stabilisiert, ihn größer werden lässt und die Rotation wie bei einem Uhrwerk antreibt. Die Ameisen halten nicht an, um sich über das, was wirklich los ist, einen Überblick zu verschaffen. Sie rennen weiter und weiter, bis sie vor Erschöpfung umfallen und sterben.
Eine Notwendigkeit, das Spektrum der Orientierung durch evolutionäre Anpassung zu erweitern — was ohnehin nicht mehr möglich ist, weil es sich um eine Form der Überspezialisierung handelt — wird durch den Betriebsunfall nicht begründet. Das System ist perfekt abgestimmt auf die nomadische Lebensweise der Art. Auch ist die Zahl der Opfer im Normalfall überschaubar, sodass große Kolonien, die aus Millionen von Ameisen bestehen können, den Aderlass leicht kompensieren. Aber jede Regel kennt Ausnahmen.
In seinem Buch „Edge of the Jungle“ (deutsch: Der Rand des Dschungels) berichtet der US-amerikanische Naturforscher und Vogelkundler William Beebe von Wanderameisen der Art Eciton burchelli. Er beobachtete sie Anfang des 20. Jahrhunderts in den Wäldern von Guyana bei ihrem Umzug in ein neues Nest. Das riesige Eciton-Heer hatte komplett die Orientierung verloren. Die Tiere waren in eine Todesspirale mit einem Umfang von rund 400 Metern geraten. (2)
„… die Ameisen waren fest davon überzeugt, dass sie auf dem Weg zu einem neuen Zuhause waren (…) Eine Stunde lang, zur Mittagszeit, während es stark regnete, schwächte sich die Kolonne ab und verschwand fast, aber als die Sonne wieder herauskam, schlossen sich die Reihen und der Teufelskreis ging weiter.“ (3)
Das Ameisenvolk rannte sich unbeirrt selbst hinterher und in die Katastrophe hinein. Das Endergebnis, der sichere Untergang der Kolonie, ist an dieser Stelle aber ohne Bedeutung. Das Interesse liegt auf dem Mechanismus, der ins Desaster führt.
Innerhalb des Systems, das unter bestimmten Bedingungen keine Abweichung vom eingeschlagenen Weg zulässt, verhalten sich die Ameisen absolut regelkonform. Das einzelne Tier kann den Kreis nicht verlassen, ohne gegen das zu verstoßen, was sein Verhalten bislang erfolgreich machte. Die verlorene Orientierung wird deshalb durch konsequente Nachahmung ersetzt und die fehlende Richtung durch permanente Bewegung ausgeglichen. Da alle Ameisen dasselbe tun, und ein äußerer Bezugspunkt ebenso fehlt wie eine korrigierende übergeordnete Instanz, bestätigt sich das Ameisenkarussell durch sich selbst. Es ist, weil es existiert, nicht, weil es einen Sinn hat.
Obwohl es kein Ziel kennt, bleibt das Karussell stabil. Durch die Beibehaltung der gleichförmigen Aktivität wird es in seiner Fortschreibung weder gestört noch durch einen Ausbruch aus der Formation infrage gestellt. In Kombination mit der eingeschränkten Orientierungsfähigkeit unterdrückt die organisatorische Überregulierung, die sich als Erfolgsmodell etabliert hat, die nötige Verhaltensvariabilität jeder einzelnen Ameise und letztlich des ganzen Ameisenvolkes, um angemessen auf überraschende Veränderungen zu reagieren. Die Tiere tun also das, was sie immer tun: sie rennen, obwohl sie stehen bleiben müssten.
„Blinder Aktivismus“ ist dafür eine naheliegende und doch zu verkürzte Beschreibung. Von einer „Selbsttäuschung“ zu sprechen, die die Ameisen überwältigt, wird der Problematik auch nicht gerecht. Genaugenommen ist es die Konsequenz, die sich aus der Einschränkung der individuellen Entscheidungs- und Handlungskompetenzen und der Lenkung durch eine zentrale Kraft ergibt.
Gehorchen. Laufen. Springen.
Diese strukturelle Beziehung, ein für die Ameisen im Grundsatz vorteilhafter Freiheitsentzug, den sie natürlich nicht als einen solchen wahrnehmen, eignet sich als gedanklicher Ausgangspunkt für die Betrachtung von menschlichen Gesellschaften und Organisationsstrukturen. In ihnen wird unter dem Eindruck der fortschreitenden technologischen Evolution, aus Gründen der Effizienz, der Aktionsgeschwindigkeit, aber auch zum Erhalt bestehender Machtstrukturen, der Raum des Denkens und Handelns durch regulatorische Eingriffe progressiv verengt.
Das spiegelt sich wider in Formeln wie „Befehl und Gehorsam“, „Anweisung und Ausführung“ oder „Regel und Sanktion“, wie sie beim Militär, in Unternehmen und im Staatsapparat zu finden sind.
Wer die Marschrichtung in diesen Konstrukten festlegt und Verweigerung sanktionieren kann, hat Macht über Menschen. Zumindest solange, wie die Empfänger der Botschaft glauben, sie hätten durch ein situativ richtiges Abweichen von einem eingeforderten, aber als falsch bewerteten Verhalten mehr zu verlieren als zu gewinnen. Sie tun daher, was der Absender von ihnen erwartet: gehorchen, springen und laufen.
Hier zeigt sich der Unterschied zur Ameise. Das Insekt hat keine Wahl, der freie Mensch schon.
Die Frage, wie Macht zu begrenzen ist, damit sie nicht missbraucht werden kann, gehört nicht umsonst zu den ältesten Themen politischen Denkens. Schon in der Antike wurde erkannt, dass jede Ordnung, die sich selbst absolut setzt, zur Instabilität neigt. Die Gegenwart ist von einer solchen Absolutheit geprägt. Das Maß ist verloren, es herrscht die Anmaßung. Den Beweis liefert die tägliche Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine und das Gerede über die Freiheit Europas, die auf dem Schlachtfeld verteidigt werden muss. Dabei geht es vor allem ums Geschäft. Hier und dort zeigt sich die nackte Realität: „Rheinmetall Aktie: Friedensangst schockt Anleger“ — diese Schlagzeile von Boerse-Express vom 21. November 2025 ist ein Mahnmal für die Ewigkeit. (4)
Moral oder Recht
Kam es deshalb zu einer Korrektur in der medialen Darstellung des Krieges? Nein. Bestimmte Fragen gelten als legitim, andere als unzulässig oder störend. Komplexe politische, sozial-ökonomische und technologische Veränderungsprozesse werden entlang vorgezeichneter Deutungsmuster ausgerollt. Keine oder lediglich eine geringe argumentative Auseinandersetzung erfahren abweichende Positionen.
Handlungsoptionen, die zur Lösung einer Problemstellung sinnvoll sind, aber ein Verlassen des festgelegten Ordnungsrahmens oder eine substanzielle Verschiebung der Entscheidungskompetenz voraussetzen, um Wirkung entfalten zu können, verschwinden durch ausdrückliche Verbote, geraten in Vergessenheit, werden ignoriert oder in Ausschüssen und Kommissionen zu Tode diskutiert. Das verschriftlichte Recht hat die Moral vom Thron gestoßen.
Als Beispiel genügt es, daran zu erinnern, dass es in Deutschland trotz ansteigender Armut — einem sichtbaren Indikator für die Veränderung der Lebensrealität — nach wie vor strafbar ist, wenn ein Mensch mit leerem Magen weggeworfene Essensreste aus einer Mülltonne nimmt, die ihm nicht gehört, um seinen quälenden Hunger zu stillen. (5)
Damit verletzt er die heilige Kuh der christlich-abendländischen Hochkultur: den Privatbesitz. Der Hungerleider hat zu begreifen, dass in der Oase des Wohlstands selbst ausgespucktes Brot vom Recht geschützt wird. Es zu nehmen und in der Not zu verschlingen, ist Diebstahl. So steht es geschrieben in § 242 des Strafgesetzbuches. Sich am Elend anderer zu bereichern, verbietet kein Gesetz.
Die Barmherzigkeit, die der Fast-Anarchist Jesus einforderte, ist kein zulässiges Argument des Einspruchs. Die Religion wird zwischen den verführerischen Mühlsteinen Konsum und Unterhaltung zerrieben. Der Glaube erodiert. Die Zahl der Konfessionslosen hat die der Kirchenmitglieder überschritten. Die religiös aktive Bevölkerung schafft mit Wohlwollen gerade noch die 5-Prozent-Hürde. (6)
Bedenken gegen die Kriminalisierung von Armut, auch wenn eine Strafverfolgung in den meisten Fällen ausbleibt (7), sind innerhalb der zulässigen Muster natürlich erlaubt, solange die Verteilungsfrage vermieden und das Recht in seiner Gesamtheit nicht infrage gestellt wird. In einer solchen Debatte bestünde die Gefahr, zu erkennen, dass Gesetze den Verlust moralischer Prinzipien, die den Verfall einer Gesellschaft verhindern, nicht ausgleichen können. Eine solche Einsicht muss jeder fürchten, der Macht in seinen Händen hält. Um die geht es und um nichts anderes.
Die letzte Bastion
Durch die endlosen Diskussionen in Ausschüssen, Gremien, Parlamenten und den digitalen Räumen von X, YouTube & Co., wird davon abgelenkt. Gesprochen wird über „unsere“ vielfältigen Schwierigkeiten. Es geht um die Rettung „unseres“ Planeten, um „unser“ Europa, „unsere“ Werte, „unsere“ Kultur, „unseren“ Fachkräftemangel, „unsere“ Autoindustrie, „unseren“ Wohlstand, „unsere“ Demokratie, „unsere“ Gleichberechtigung, „unsere“ Grenzen, „unsere“ Freiheit, „unsere“ Kriegstüchtigkeit und so weiter. Getroffen wird sich am Ausgangspunkt: der Reform von Institutionen, Regeln und Gesetzen et cetera, in dessen Schatten die Probleme gedeihen konnten. Das System kommt — wenn auch langsam — den gewünschten Anpassungen nach. Es reagiert augenscheinlich, behält den Kurs bei und noch größere Probleme wachsen heran.
Der Dialog über das Ganze, die gesellschaftliche Ordnung als Ursache für Unglück, Unzufriedenheit, Krieg und so weiter, versinkt im Morast des Unwesentlichen. Er sollte das Hauptthema sein, gerade weil die wichtigste Bastion attackiert wird, die dem Dasein im System Sinn verleiht: die Erwerbsarbeit. Sie definiert den sozialen Status und trennt die beherrschten Schichten in Leistungsträger, die nicht fähig sind, einen Acker zu bestellen, fleißige Bienen mit Systemrelevanz, Unterqualifizierte ohne Relevanz, arbeitslose Faulpelze, die knapp über dem Niveau der Habenichtse schweben, die unter Brücken schlafen. Es sind die Konturen einer Konkurrenzgesellschaft, in der jeder einen Schwachen findet, auf den er herabschauen kann, während von ganz oben auf alle Verlierer herabgeschaut wird.
Roboter, künstliche Intelligenz (KI) und ihre Agenten erobern derweilen für ihre Eigentümer und Shareholder das Internet, die Büros, die Fabriken, den Code des Lebens und die Unendlichkeit des Universums. (8) Der Arbeiter wird von körperlich schwerer Tätigkeit befreit, die Kopfarbeiter von öden Routineaufgaben und alle von kreativen Fähigkeiten und geistigen Herausforderungen. Lesen, Schreiben, Rechnen, Musik, Kunst, Dichtung, Film, Grafik, Konstruktion — mit KI kann jeder alles, selbst der, der es nicht kann. Die neuen Technologien werden bald die überzeugenderen Influencer sein und sind schon jetzt die besseren Content Creator und Angestellten. Sie werden nicht krank, verlangen keine Lohnerhöhung, kennen keinen Stress, sind hochmotiviert und kommen nicht auf die Idee, zum Streik aufzurufen. Die spannende Frage bleibt, was „unsere“ fleißigen Menschen, deren Arbeitskraft künftig nicht mehr gebraucht wird, tun sollen, um Einkommen zu erzielen.
Vom Extrem der Freiheit zum Karussell
Insbesondere materielle Not, aber auch Habgier, Abenteuerlust, der Wunsch nach Zugehörigkeit und die Faszination, die von einem Leben abseits aller Vorschriften ausgeht, erklärt zum Teil, warum sich Menschen zu Banden vereinen. Das Piratentum des 17./18. Jahrhunderts liefert markante Beispiele für menschliche Gesellschaften, in denen Entscheidungsmacht vom freien Individuum auf einen Anführer überging.
Die Grundlage der Piratengesellschaft war ein Kodex, in dem Verhaltensregeln, Formen der Disziplinierung, die Aufteilung der Beute und so weiter, fixiert wurden. Die Mitglieder der Mannschaft verpflichteten sich zur Einhaltung durch Unterschrift und Verschwur. Der Kapitän wurde durch Wahl bestimmt. Seine Rolle war nicht mit besonderen Privilegien verbunden. Er führte die Mannschaft in den Kampf, bekam einen höheren Anteil an der Beute und war ansonsten ein Gleicher unter Gleichen. Die herrschenden Regeln galten für alle. Die Piratengesellschaft wurde durch den gemeinsamen Erfolg stabilisiert. Blieb er aus, trennten sich die Wege. Gesetzeslosigkeit und Brutalität, Entbehrungen, Krankheit und oft genug der gewaltsame Tod, waren der Preis für diese Form der Freiheit, die sich durch Plünderung, Raub und Mord vollendete.
Um zu verdeutlichen, warum der Kodex, der sich in wenigen Sätzen abbilden lässt, ein taugliches Mittel darstellt, um eine Gesellschaft zu vereinen, ist ein Blick auf das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) hilfreich. Wie der Kodex soll das BGB unter anderem die Aufgaben erfüllen, den inneren Frieden zu sichern und die soziale Ordnung zu regeln. In den fünf Büchern des BGB finden sich fast 2.400 Paragrafen. Dazu kommen auf Bundesebene etwa 2.860 Rechtsverordnungen mit rund 44.500 Einzelnormen. Wie viele davon mag ein Durchschnittsbürger kennen, und wo ist in dieser Vielfalt das verbindende soziale Element zu finden?
Hierarchische und klassenbasierte Gesellschaften, das heißt Modelle der Ungleichen, sind ständig gefordert, Macht und Ohnmacht auszubalancieren. Ordnung und Autorität – zu deren Durchsetzung Sanktion, Strafe und physische Gewalt gehören — engen die freie Entscheidung durch verordnete Regeln, Normen, Bestimmungen usw. ein und sichern die Herrschaft gegen Begehrlichkeiten strukturell ab.
Kurz: Wer die Struktur kontrolliert, beherrscht die unterworfenen Menschen. Aufstände, Revolutionen und Kriege verändern diese Verhältnisse.
Die industriell-technologische Gesellschaft, die situatives Agieren durch Handlungs- und Verhaltensvorgabe einschränkt und sozial verbindende Moral durch entfremdendes Reglement ersetzt, ist ein überreguliertes System verfestigter Herrschaft. Sie erstickt die geistige Freiheit durch informelle Denkverbote und diktiert sogar dem Zufall des Lebens die Richtung, weil es die Technik erlaubt, die der herrschenden Klasse gehört. Die Totalität der Technik verformt die Gesellschaft und passt die Subjekte den Zweckmäßigkeiten der industriell-technologischen Struktur an. Die Bedeutung menschlicher Schaffenskraft sinkt, was sich unter anderem in der Automatisierung zeigt. Als Kompensation der entstehenden Leere dienen Annehmlichkeiten, die das Leben erleichtern und die körperliche und geistige Bequemlichkeit fördern.
Übersättigung und moralische Belehrung stellen die Masse ruhig. Jeder ist in diesem Ameisenkarussell austauschbar: Arbeiter, Lehrer, Künstler, Experten, Mutter, Vater, Präsidenten, Diktatoren et cetera. Wichtigkeit wird simuliert.
Beamte, Politiker und Funktionseliten aller Couleur sind Zahnräder des Getriebes. Bei Bedarf werden sie ersetzt oder eingesetzt, ohne einen Richtungswechsel zu befürchten. Man denke beispielsweise an die Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Pandemie, die die regulatorische Macht der Herrschaft, die sich auf „unsere“ nächste Pandemie vorbereitet, durch ihre institutionelle Existenz bestätigt. (9)
Am Kipppunkt spielen systemische Fehlleistungen und Ungerechtigkeiten keine Rolle mehr. Das Individuum ist isoliert und abhängig. Es fühlt sich beobachtet und auf Schritt und Tritt verfolgt. Jede Bewegung, jedes Wort überlegt es sich haargenau und bewacht sich schließlich selbst — und die anderen auch. Die Herde der Entfremdeten wird durch die soziale Gewalt eingeschüchtert, die sie selbst reproduziert. Kostengünstiger und effizienter lässt sich Macht nicht durchsetzen.
Das Finale ist antizipierbar: der Mensch wird in dieser Ordnung zur Sache, zum verwalteten Ding, zum Wegwerfgegenstand — schlimmer, als es Franz Kafka in seinem Klassiker „Die Verwandlung“ beschrieb. Wer etwas anderes möchte, der verlässt die Spur. Die Suche nach Orientierung und Perspektive setzt den Ausbruch aus dem Kreislauf voraus. Außerhalb findet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Route, die dem Anspruch auf Sinn, Zufriedenheit und Freiheit gerecht wird. Das lehren die Beobachtungen am Rand des Dschungels und das historische Wissen über den Aufstieg und Fall von Imperien, Königreichen und das Verschwinden von Zivilisationen.