Naidoos Rückfall
Die Epstein-Files holten Deutschlands bekanntesten Soul-Sänger aus der Versenkung. Seine ersten Statements zeigen, dass er im guten wie im schlechten Sinn „der Alte“ geblieben ist.
„Es sind Dämonen, Kinderfresser … Das sind keine Menschen.“ So beschrieb Xavier Naidoo einen nicht näher benannten „elitären“ Kreis, dem er schlimmste Verbrechen vorwirft. Am 17. Januar 2026 forderte er vor dem Kanzleramt ein Gespräch mit Friedrich Merz und stellte Behauptungen auf, die überall für Kopfschütteln sorgten. Die Epstein-Files haben den für Jahre verstummten Sänger quasi wieder aus dem Stand-by-Modus herausgeholt. Schon länger hatte sich Naidoo („Dieser Weg“) erschüttert über rituellen Kindesmissbrauch gezeigt. Nach Vorwürfen, unter anderem wegen antisemitischer Äußerungen und zu großer Nähe zu „Reichsbürgern“ nahm sein Siegeslauf als einer der populärsten deutschen Popkünstler ein jähes Ende. Xavier Naidoo tauchte für Jahre ab. Nun ist er wieder da — was leider auch für seine problematischste Eigenschaft gilt, die Neigung, extreme, jedoch unbewiesene Behauptungen mit emotionaler Geste „rauszuhauen“. Dabei ist ein guter Wille in vielen der Lieder und Interviews des überzeugten Christen und furchtlosen Regimekritikers spürbar. Auch Überschneidungen mit der Weltanschauung unserer „alternativen“ Medienszene gibt es zweifellos — etwa die Kritik an den Coronamaßnahmen oder eine allgemeine Skepsis gegenüber dem politischen Machtapparat. Vielfach kann man mit Naidoos Äußerungen mitgehen, die in einem allgemein konformen Kulturumfeld als mutig auffallen. Oft jedoch rauft man sich ob seiner neuesten Verlautbarungen die Haare oder ist schlicht ratlos. Der Autor versucht, Xavier Naidoos bisherigem Weg und seiner facettenreichen Wesensart nahezukommen.
Xavier Naidoo hatte uns gewarnt: „Du willst es also wissen, was sich auf der dunklen Seite verbirgt? Hm — bist du sicher?“ Diese für Popmusik ungewöhnlichen Worte leiten die dritte CD von Naidoos Album „Alles kann besser werden“ (2009) ein. Finster wirkt dann vor allem das Lied „Raus aus dem Reichstag“, in dem der Sänger und Texter die etablierte Politik rüde angreift. Unfreiwillige Berühmtheit erlangte später vor allem diese Passage:
„Baron Totschild gibt den Ton an. Und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock is'n Fux und ihr seid nur Trottel.“
Der Begriff „Schmock“ stammt aus dem Jiddischen und bezeichnet einen unsympathischen Aufschneider.
Die Zeile gehört zum wichtigsten belastenden Material, das von der Presse gegen Xavier Naidoo herbeizitiert wurde, als dieser für kurze Zeit als Deutschlands ESC-Hoffnung galt. Nicht nur erhob sich im Netz ein „Shitstorm“ gegen den Unliebsamen; auch Redakteure des NDR, der die Veranstaltung organisierte, beschwerten sich in einem Brief beim Programmleiter: Sie fürchteten um ihr Ansehen angesichts eines Kandidaten, der „mit Antisemitismus, Homophobie und Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht wird“. Nachträglich, anlässlich des deutschen Desasters beim „Grand Prix 2016“, fragt man sich unwillkürlich, ob der stimmgewaltige Vollprofi nicht mehr erreicht hätte. Aber hätte man die Bedenken ignorieren sollen?
Belastendes Material
Die Vorwürfe „Antisemitismus“ und „Homophobie“ beziehen sich auf fragwürdige Äußerungen Naidoos in Liedtexten, die man aber auch anders als auf die schlimmste mögliche Weise deuten kann. So bezog sich der Satz „Warum liebst du keine Mösen?“ aus einem Lied, dass der Sänger zusammen mit Cool Savas aufgenommen hatte, eher auf Pädophile, nicht auf alle Schwulen. „Verschwörungstheorien“? Xavier hatte alternative Deutungen der „Nine Eleven“-Anschläge in Erwägung gezogen. Selbstverständlich bleiben solche Theorien Hypothesen, über die man streiten kann.
Die Tatsache, dass man heutzutage jemanden mit dem Hinweis, er werde „mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht“ diffamieren kann, ohne begründen zu müssen, warum man die betreffende Theorie für falsch hält, ist jedoch höchst bedenklich. Und: Wie soll man sich dagegen wehren, mit etwas „in Verbindung gebracht“ zu werden?
Sicher sind Antisemitismus und Homophobie wirklich gefährliche Weltanschauungen. Speziell auch in Deutschland sollten sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Fraglich ist nur, ob sich Naidoo dessen wirklich schuldig gemacht hat.
Es gibt noch einen vierten Vorwurf: Verbrüderung mit den „Reichsbürgern“. Xavier Naidoo trat am 3. Oktober 2014 bei einer Demonstration der als rechtsextrem geltenden Gruppierung auf. Sie stellt unter anderem die Behauptung auf, das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 bestehe bis heute fort, die BRD sei somit völkerrechtlich illegal. In seiner kurzen Rede vor den Reichsbürgern ging Naidoo jedoch auf die scheinjuristischen Konstruktionen der Gruppe nicht ein. Stattdessen kritisierte er die Politik der USA. Diesem Land sei zu verdanken, „dass aus Rammstein Drohnen geflogen werden, die dann tatsächlich Menschen töten“. Zum 11. September 2001 sagte Naidoo:
„Wer das als Wahrheit hinnimmt, was da präsentiert wird, der hat einen Schleier vor den Augen.“
Mit seinem Auftritt verlor Naidoo seinen Status als — auch von den Stadtoberen — hochgeschätzter Botschafter Mannheims.
Ungeschickt war der Auftritt sicherlich; hatten sich die „Reichsbürger“ nach der Jahrtausendwende doch tatsächlich von „wirr“ zu „klar rechts“ gewandelt. Die Schlussfolgerung, Naidoo vertrete ein geschlossenes „rechtes“ Weltbild, wäre aber verfehlt. Ohnehin liegt dem farbigen Sänger Rassismus fern. „Meine Eltern haben sich aus dem Apartheidssystem in Afrika losgekämpft“, erzählte er den „Reichsbürgern.“ Naidoo engagierte sich für Amnesty, trat bei „Rock gegen Rechts“ auf und praktizierte schon durch die Wahl seiner Duettpartner aktive Völkerverbrüderung.
Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass Xavier aus einer Mischung von Eifer und Ahnungslosigkeit heraus ins Reichsbürger-Fettnäpfchen stolperte. „Ich hab‘ keine Ahnung, wer hier steht, ich repräsentiere die Liebe“, meinte er. Ahnung zu haben, wäre aber keine schlechte Voraussetzung gewesen, wenn man sich öffentlich politisch äußern will.
Von Außenseiter zum Liebling Fußballdeutschlands
Xavier als Outcast — eigentlich liegt ihm die Rolle nicht. Er sehnt sich nach Harmonie. Neun Jahre vor dem Eklat war der Mannheimer noch Everybody’s Darling gewesen. Das war anlässlich der als „Sommermärchen“ bekannt gewordenen WM 2006 in Deutschland. Auf allen Kanälen war Naidoo damals mit schwarz-rot-gold bemalter Backe als First Fußballfan der Nation unterwegs. Ausgelöst hatte den Boom Nationalspieler Gerald Asamoah, der seiner Mannschaft eines Tages in der Kabine ein Lied vorspielte: „Dieser Weg wird kein leichter sein“. Das Lied, frisch veröffentlicht auf Xaviers CD „Telegram for X“, wurde zur Hymne der Mannschaft und ganz „Fußballdeutschlands“. Er sang es vor Millionen bei der WM-Abschlussfeier am Brandenburger Tor. Damals, für kurze Zeit, war Xavier Naidoo Helene Fischer: Deutschlands Vorzeigestar.
Keine schlechte Karriere für jemanden, dessen Eltern von Südafrika nach Mannheim gezogen waren. Einen „bunten Hund“ mit afrikanischen, indischen und irischen Wurzeln. Es war auch in den Siebzigern und Achtzigern noch nicht selbstverständlich, in Deutschland als Farbiger aufzuwachsen. Naidoo gibt an, oft in der Schule gehänselt worden zu sein. Vielleicht erklärt das teilweise seine betonte Heimattreue, was Mannheim und Deutschland betrifft. Er will dazugehören. Xavier Naidoo entdeckte in Schul- und Kirchenchören das Singen, wurde Musicalstar, Backgroundsänger und schließlich aufgrund seiner überragenden Soulstimme auch als Solist entdeckt. Sein erster großer Erfolg war die Single „Frei sein“ (1997) zusammen mit der Rapperin Sabrina Setlur. Seine erste CD „Nicht von dieser Welt“, ein Jahr später, wurde 1 Million Mal verkauft — der Durchbruch.
Armageddon kommt
Stilistisch setzte Naidoo wie Michael Jackson auf ausgeprägte Beats und technisch perfekte Produktion zu eingängigen Refrains. Ein Stilmix aus Rock, Soul, Gospel und Rap, angereichert durch Passagen in englischer Sprache, will eine Art Weltmusik erschaffen, universell verständlich und menschheitsverbrüdernd. In diesem Geist gründete Xavier Naidoo 2000 auch die Gruppe „Söhne Mannheims“, die ebenfalls sehr erfolgreich war. Interessanter in unserem Zusammenhang sind Naidoos Texte. Er ist bekennender Christ und neigt gleichzeitig politisch zu radikalen Ansichten, was dazu führt, dass er an vielen Fronten kämpfen muss.
Naidoo zeigt sich in seinen Texten als spiritueller Anarchist, erfüllt von tiefem Misstrauen gegen staatliche Institutionen. Der politisch-ökonomisch-militärische Komplex ist für ihn — in biblischer Analogie — das „Babylon-System“.
Diesem sagt der Sänger den Kampf an: „Denn jeder Staat, außer dem Ameisenstaat, ist mein Feind.“ Auch offene Gewaltdrohungen gegen Machthaber gehören zum Repertoire: „Wenn ich schon Kinder hätte, dann müsste ich euch bedrohen (…) und falls ihr nichts ändert, spende ich euer Blut.“
Die politische Anklage ist aber bei Xavier Naidoo stets mit religiösen Metaphern aufgeladen. Die Verfehlungen der Menschheit sind Sünde, der drohende Welt-Kollaps somit eine gerechte Strafe Gottes: „Diese Welt war nie rein. Sie liegt am Boden, um zu sterben, und ich lass sie sterben, denn ich weiß, so soll es sein.“ Nicht ohne Befriedigung konstatiert der Sänger: „Denn die Tage sind gezählt, dann stirbt das Babylon-System.“ Manche haben Naidoo deshalb auch einen christlichen Fundamentalisten genannt. Vieles an seinen Texten wie „Armageddon“ klingt verdächtig nach Treppengesprächen mit Vertretern der Zeugen Jehovas: „Nur für Einhundertvierundvierzigtausend wird es Rettung geben.“ Zur christlich inspirierten Privatmythologie das Mannheimers gehört — neben Verderbnis und Apokalypse — auch noch ein drittes Element: die Erlöserfunktion einer auserwählten Avantgarde.
Er ist nicht von dieser Welt
Wer von Xavier Naidoo nur ein paar der radiogängigen Soul-Balladen kennt, etwa „Ich kenne nichts, das so schön ist wie du“, mag über dessen radikale Seite staunen. Öffentlich tritt er ja vor allem als der Sänger der Liebe in Erscheinung. Seinen Einstieg in die Charts schaffte Naidoo mit der Zeile „Sie ist nicht von dieser Welt, die Liebe, die mich am Leben hält.“ Liebe, Selbstfindung und Ermutigung dienen bei Xavier Naidoo auch der Vorbereitung auf das kommende Reich Gottes. Der Hörer wird in seinen Texten direkt angesprochen und in die suggerierte Aufbruchsstimmung miteinbezogen. Er wird ermutigt, eine umfassende Bewusstseinsveränderung zu vollziehen, um reif für den großen Umbruch zu werden. So schaffte es Naidoo, auf ein und derselben CD folgende Titel unterzubringen: „Bitte hör nicht auf zu träumen“, „Gib dich nicht auf“ und „Halte durch“.
Hört man Xavier Naidoo in Interviews, gewinnt man — im Gegensatz zu manch revolutionären Tönen in seinen Liedern — den Eindruck, es mit einem netten Kerl zu tun zu haben: Vegetarier, Idealist, Menschenfreund, Versöhner. Es scheint, als würde der spirituelle Anarchist in seinen Texten mehr bellen als er persönlich beißt. Dennoch waren seine Ansichten selbst in der frühen Karrierephase vielen schon zu gefährlich. Das „Naidootum“ als alttestamentarisch inspiriertes, die Moderne frontal angreifendes Mythengemisch schafft ein hochemotionales Gegengewicht zur säkularen Gesellschaftskritik der Linken. Es gibt nicht nur dem Verstand, sondern auch dem Unbewussten reichlich „Futter“. Ein mit spirituellem Heroismus getränkter Aufruf zur Revolte, transportiert durch gut gemachte Popmusik — eine solche Mischung polarisiert. Sie droht gar den resignativen Pragmatismus eines sicherheitsbedürftigen Wahlvolks aufzubrechen. Ist „Babylon“ gerade dabei, gegen den Umstürzler zurückzuschlagen?
Opfer einer Kampagne?
So fragwürdig einige Ansichten Naidoos auch sein mögen — in der öffentlichen Kampagne gegen ihn war und ist der Versuch zu erkennen, Personen zu diffamieren, die sich „kreativ antikapitalistisch“ äußern.
Der Vorwurf gegen eine Person, „rechts“ zu sein, taugt dazu, den kapitalismusfrommen Mainstream und die Linke zu einer Entrüstungsgemeinschaft zusammenzuschweißen und damit verhaltensauffällige Zielpersonen abzuschießen.
Bei vielen Kritikern ist der Affekt gegen „rechts“ ehrlich gemeint. Ja, Wachsamkeit erschien vor dem Hintergrund einer neuen Welle von Fremdenfeindlichkeit, die in den Zehnerjahren aufflammte, sogar besonders geboten. Im Ergebnis wurden durch solche Kampagnen aber oft transatlantische Netzwerke, Geheimdienste, Kriegs- und Finanzindustrie gegen berechtigte Kritik abgeschirmt. Xavier Naidoo hat sich wie sonst kaum ein bekannter Künstler gegen Kriegstreiberei und versteckte Formen der Ausbeutung in Stellung gebracht: „Zins und Zinseszins haben ausgedient“, sang er. Wurde ihm (auch) dies zum Verhängnis?
Im Oktober 2015 wurde der Mannheimer sogar noch zum alleinigen Kandidaten für die deutsche Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest erkoren, dann wenige Wochen später quasi unehrenhaft entlassen. Krude Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut wurden ihm vorgeworfen. Zwar hat Naidoo noch bis vor kurzem seine Show „Sing my Song“ moderiert, und auch seine CD „Nicht von dieser Welt 2“ (2016) war erfolgreich. Jedenfalls schien Naidoo zurückzurudern und lieferte ein politikfreies Album fast ohne Provokationen ab. Eigentlich handelt es sich dabei um eine wie immer perfekt produzierte Werbe-CD für Gott. Ja, der „Saviour Naidoo“ schien seine Wurzeln eher im Himmel zu haben, was dazu führt, dass er auf Erden manchmal ins Stolpern gerät. Aber seine zentrale Botschaft an die Hörer verbindet beide miteinander: „Du wurdest darauf angesetzt, den Himmel um die Erde zu erweitern.“
Das Marionettentheater der Macht
Zwischen den beiden Polen „Repräsentant der Liebe“ und „Aggressiver Agitator mit Gewaltfantasien gegen das Establishment“ schwankt Xavier Naidoo bis heute ständig hin und her. Steht mal eine der beiden Facetten im Vordergrund, kann man darauf wetten, dass das Pendel bald in die Gegenrichtung umschlagen wird. Und tatsächlich: Das Album „MannHeim“ der „Söhne Mannheims“, das 2017 herauskam, verstörte wieder mit einem Song: „Marionetten“. Darin erklärte Naidoo die etablierten Politiker zu Puppen dubioser Hintergrundmächte.
Wie lange wollt ihr noch Marionetten sein?
Seht ihr nicht? Ihr seid nur Steigbügelhalter
Merkt ihr nicht? Ihr steht bald ganz allein
Für eure Puppenspieler seid ihr nur Sachverwalter.
Dies war natürlich die perfekte Passvorlage für jene Kritiker, die ihn ohnehin gern zu einem notorischen Antisemiten erklärten.
Ist die Botschaft unklar und wird „irgendjemand“ zum perfiden Puppenspieler erklärt, so schießt vielen Mainstreamjournalisten sogleich das Wort „Jude“ in den Kopf. Das mag deren spezieller Fixierung geschuldet sein, nicht der Naidoos — das Klischee von der jüdischen Weltverschwörung, das zunächst nur in den Gedanken der Kritiker herumspukt, wird auf diese Weise kurzerhand auf den Sänger projiziert.
Fakt ist, dass Xavier nicht ausgerechnet mit einem solchen Lied aus der Schwurbler-Ecke herauskam, in die viele ihn gestellt hatten. Erst recht nicht, wenn er Politiker beschimpfte und ihnen mit Gewalt drohte:
Alles nur peinlich und sowas nennt sich dann Volksvertreter
Teile eures Volkes nennen euch schon Hoch- beziehungsweise Volksverräter
Alles wird vergeben, wenn ihr einsichtig seid
Sonst sorgt der wütende Bauer mit der Forke dafür, dass ihr einsichtig seid.
Der Begriff „Volksverräter“ hatte einen eindeutig rechtsextremen Sound. Naidoo erwies sich insofern als Vorreiter, als er frühzeitig Themen besetzte, deren große Zeit erst später kommen sollte. So auch das Vorrücken „rechter“ Themen und Sprachmuster in die „Mitte der Gesellschaft“, die er als Fußballfan und souliger Liebesbarde eine gewisse Zeit lang zu verkörpern wusste. Auffällig auch — schon 2017 — das Wort „Pizzagate“, das durch die Epstein-Enthüllungen der Gegenwart wieder Tagesthema geworden ist.
Als Volks-in-die-Fresse-Treter stoßt ihr an eure Grenzen
Und etwas namens Pizzagate steht auch noch auf der Rechnung
Und bei näherer Betrachtung steigert sich doch das Entsetzen
Wenn ich so ein'n in die Finger krieg', dann reiß' ich ihn in Fetzen
Corona-Rebell und Migrationskritiker
Xavier Naidoo erwies sich als zunehmend „unbezähmbar“, was die extremen Ausschläge seiner weltanschaulichen Schwankungen betraf. Die „Mitte“ war dabei, ihn endgültig zu verlieren.
Es verwunderte dann auch nicht, dass Xavier Naidoo in der Corona-Krise tapfer gegen den Strom schwamm. In einem Video, aufgenommen in einem Auto, riss er sich symbolträchtig die Corona-Maske vom Gesicht.
„Diese Dinger hier sind für’n Arsch. Ich glaube, es sollte jetzt jedem klar sein, dass wir uns nicht mehr verarschen lassen sollten.“
Dieser Auftritt ist umso bemerkenswerter, als damals der Freiheitsverrat berühmter Sänger und Künstler nahezu flächendeckend war.
Naidoo gehörte aber auch zu jenen Akteuren, die von Gegnern der Freiheitsbewegung immer wieder mühelos „rechts“ geframt werden konnten. Im März 2020 erschien ein Video, das bereits die Debatten des Jahres 2020 um Flüchtlingskriminalität vorwegzunehmen schien.
„Eure Töchter, eure Kinder sollen leiden. Sollen sich mit Wölfen in der Sporthalle umkleiden. (…) Weit und breit ist hier kein Mann, der dieses Land noch retten kann. (…) Aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht? Bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt. Dann muss ich harte Worte wählen. Denn keiner darf meine Leute quälen. Wenn doch, der kriegt's mit mir zu tun. Lass uns das beenden und zwar nun.“
Eine halbherzige Entschuldigung
Naidoo tauchte dann nach heftigem Gegenwind für eine Weile ab, um dann im April 2022 überraschend eine Art Entschuldigungsvideo zu veröffentlichen. Darin sagte er:
„Ich habe mich Theorien, Sichtweisen und teilweise auch Gruppierungen geöffnet, von denen ich mich ohne Wenn und Aber distanziere und lossage. Ich war von Verschwörungserzählungen geblendet und habe sie nicht genug hinterfragt, habe mich zum Teil instrumentalisieren lassen. Ich stehe für Toleranz, Vielfalt und ein friedliches Miteinander. Nationalismus, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus sind mit meinen Werten nicht vereinbar. Und ich verurteile diese aufs Schärfste.“
Das Video machte auch erstmals einem breiteren Publikum bekannt, dass Julia, die Ehefrau des Sängers, aus der Ukraine stammt. Diese Tatsache hat offenbar dazu beigetragen, dass sich Naidoo in dieser einen politischen Frage des „Schwurbelns“ enthielt und eher das antirussische Mainstream-Narrativ unterstützte. Ja, es könnte sogar sein, dass ihn die Ukrainefrage dazu brachte, auch an den übrigen „alternativen“ Narrativen zu zweifeln und in den Schoß des „Normalen“ zurückzukehren. Vorläufig zumindest oder zum Schein. Auf neue Musik des Sängers, Texters und Komponisten musste seine verbleibende Fangemeinde trotzdem noch weitere vier Jahre warten.
„Sie verdienen einen besonderen Schutz“
Um nun den Bogen zu den jüngsten Ereignissen zu schlagen, müssen wir uns mit dem Thema „sexuelle Gewalt gegen Kinder“ in seinem Leben und Werk auseinandersetzen. Xavier Naidoo erklärte 2021, selbst ein Betroffener zu sein, ein Erwachsener habe ihn als Kind sexuell berührt. Einmal fuhr er durch das belgische Städtchen Charleroi und hatte einen nicht erklärbaren Anflug von Angst und Beklemmung. Kurz nach diesem Erlebnis erfuhr er aus den Medien vom Fall Marc Dutroux und den von diesem verübten schlimmen sexuellen Gewalttaten. 2009 veröffentlichte Naidoo zu diesem Thema auch den Song „Sie verdienen einen besonderen Schutz“, auf seiner „dunklen“ CD im Rahmen des 3-CD-Sets „Alles kann besser werden“.
Bekannt wurde ein Video, in dem Xavier Naidoo vor der Kamera hemmungslos weinte.
Seine Diktion war aufgrund des emotionalen Ausbruchs so unklar, dass der Zuhörer nur schwer rekonstruieren konnte, was eigentlich der Inhalt war. Es ging offenbar um Kinder, denen in brutalen Ritualen der Stoff „Adrenochrom“ zum Zweck der Verjüngung der Täter entzogen wurde — eine Erzählung, für die vor allem die Vereinigung „QAnon“ bekannt geworden war. „Es kommen immer mehr Details raus“, stieß Naidoo unter Tränen mit einiger Mühe hervor.
„Wenn ich richtig verstehe, werden in diesem Moment in verschiedenen Ländern der Erde Kinder aus den Händen pädophiler Netzwerke befreit. Aber nicht so wie ihr denkt (…) Adrenochrom (..:) Geht auf „Adrenochrom“ (…) Bilder (…) wenn ihr das ertragen könnt …“
Die Gefühle im Video wirken authentisch. Wir müssen davon ausgehen, dass Naidoo Filmmaterial gesichtet und Texte gelesen hat, deren Inhalt absolut unerträglich ist. Über den Sänger, der „ausgetickt“ sei, zu spotten, scheint mir nicht angebracht.
Vielleicht haben seine Kritiker einfach nicht gesehen, was er gesehen hat. Auch mit Blick auf die heutige Debatte um die „Epstein-Akte“ ist das Video interessant. Wir erhalten zwar keinen genauen Einblick in das, was wirklich in den Schattenbereichen organisierten Missbrauchs geschieht — aber wir bekommen eine Ahnung davon, wie schlimm es sein muss.
Belangloses zu „Liebe und Frieden“
Im Dezember 2025 tauchte Xavier Naidoo dann scheinbar „aus dem Nichts auf“ und gab ein Konzert in Köln. Eine kleine Tournee folgte. Das Songmaterial, das er performte, verriet allerdings nichts von den politischen Kämpfen des vergangenen Jahrzehnts. Das Pendel war wieder in die Gegenrichtung ausgeschlagen. Ein in die Jahre gekommener Soul-Sonnyboy gab eine Auswahl seiner schönsten Liebeslieder zum Besten — mit einem Schuss religiöser Erweckungsrhetorik. „Bei meiner Seele — Du bist herzergreifend liebevoll“, hieß es da. Sogar ein neues Lied präsentierte der Barde. Die Themen: Frieden und Liebe
„Einmal noch für die Liebe!
Hoch auf den Frieden!
Bald wünschten wir, wir wär’n geblieben.
Einmal noch auf die Liebe!“
Musikalisch wie textlich hatten wir da schon Aufregenderes zu hören bekommen. Die Konzerte waren recht erfolgreich und ausverkauft. Es schien, als hätten zumindest seine Fans ihm die Eskapaden der letzten Jahre verziehen — oder als würden sie speziell das „Verschwörungstheoretische“ in seinem Oeuvre goutieren. In der Presse bekämpften sich zwei Lager. Die einen merkten gnädig an, man müsse dem Delinquenten doch jetzt verzeihen, schließlich habe er sich entschuldigt; die anderen argumentierten, Antisemitismus verjähre niemals und die vermeintliche Kehrtwende des Dauer-Schwurblers reiche für eine Rehabilitation bei weitem nicht aus.
„Das sind keine Menschen“
Letztere konnten sich bestätigt fühlen, als Xavier Naidoo am 17. Februar 2026 auf einmal auf einer Demonstration für Kinderrechte vor dem Kanzleramt auftauchte, die offenbar durch die jüngsten Enthüllungen der „Epstein Files“ motiviert war. Naidoo wirkte im Vor-Ort-Interview aggressiv und gereizt.
„Wir reden nicht von normalem Sex Trafficking und jungen Frauen — nee, die fressen unsere Babys, verdammt noch mal“, rief er aufgebracht.
„Ich bin doch nicht hier, dass ich irgend’ne Entschuldigung krieg (…) Unaussprechliches Leid! Ich kann hier nicht mal drüber sprechen. (…) Ich nenn sie, wie sie sind. Es sind Dämonen, Kinderfresser. (…) Das sind keine Menschen. Bitte nenn sie nicht Menschen. Sobald du Menschenfleisch gegessen hast, bist du kein Mensch mehr.“
Er geht noch weiter:
„Unwissentlich haben wir bestimmt alle schon einen Menschen gefressen.“
Wie das? Naidoo führt aus, ein großer Hersteller von Kartoffelchips hätte seine Produkte mit „embryonalen Gewürzmitteln“ versehen. Denn „denen ist das Allerwichtigste, dass wir alle Kannibalen werden. Mit ihnen zusammen, damit wir alle in die Hölle runterfahren.“
Wieder mal: Antisemitismus
Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume hält die Menschenfresser-These für verkappten Antisemitismus. So berichtete es unter anderem ein Artikel der Zeit. „Ein großer Teil seiner Anhängerschaft wird daher auch die Begriffe ‚Kinderfresser‘ und ‚Menschenfresser‘ als antijüdische Verschwörungsmythen aufnehmen“, sagte Blume. Tatsache ist, dass im Mittelalter antisemitische Erzählungen in Umlauf kamen, wonach Juden das Blut christlicher Kinder für ihre Rituale verwendeten. Dass Xavier Naidoo auch dieser Auffassung ist, dass er also seine Theorie über Kindsmord ethnisch-religiös auflädt, möchte ich nicht unterstellen. Festzustellen ist aber, dass er bisher nichts belegen konnte — weder die Behauptung, dass Menschenfleisch gegessen wurde, noch seine Vorwürfe gegen einen Chips-Hersteller im Speziellen.
Jasmin Kosubek deutet in einem Interview mit dem Rapper B-Lash an, sie zögere, Aussagen Xavier Naidoos pauschal als Unsinn abzukanzeln. Schließlich hätte sich so manches, was er früher behauptet habe, im Nachhinein durch die Enthüllungen der Epstein-Files als wahr herausgestellt. „Ich wäre da zumindest zurückhaltend“, sagte Kosubek. Das ist sicher ein guter Rat.
Wir können einerseits nicht ausschließen, dass es sehr schlimme Vorgänge auf dieser Welt gibt, deren Existenz noch nicht bewiesen ist. Zu oft legen wir dabei unsere eigene, leidlich gesunde Wesensart zugrunde. Wir würden „so etwas“ nicht tun, also können wir uns auch nur schwer vorstellen, dass andere es tun. Andererseits sollten wir etwas nicht einfach als Tatsache akzeptieren, nur weil eine Einzelperson es behauptet.
„Ein ewig‘ Rätsel will ich bleiben mir und anderen“, sagte der exzentrische bayerische König Ludwig II. Für Xavier Naidoo gilt das nicht minder. Vorherzusehen, was als Nächstes von ihm kommen wird, ist unmöglich. Angekündigt hat er — und so mancher wird das als Drohung verstehen — „100 neue Lieder“, die er angeblich in den Jahren seines Rückzugs aufgenommen hatte. Darin soll es auch um die Themen gehen, die er bei seinem Auftritt vor dem Kanzleramt angesprochen hatte. Wenn er die wirklich alle veröffentlichen sollte, steht ihm sicher kein leichter Weg bevor.