Nein, meine Seele geb ich nicht!
Für Jürgen Fliege ist der Pazifismus die Frucht reicher Lebenserfahrung und gelebten christlichen Glaubens.
Ein Christ, der auch gegen den Krieg ist — das müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. War da nicht mal was mit Feindesliebe und „Dem Bösen nicht widerstehen“, mit unbedingter Gewaltfreiheit auch bei Bedrohung des eigenen Lebens? Tatsächlich sieht es aber so aus, als ob Pfarrer Jürgen Fliege mit seinem Bekenntnis zum Pazifismus auch innerhalb der christlichen Welt so etwas wie eine skurrile Ausnahme darstellt — viel belächelt und angefeindet, leider selten nachgeahmt. Wie weit ist dieser Kulturkreis von seinen angeblichen Werten, wie weit das offizielle Christentum von seinen Wurzeln abgekommen! Der Autor erzählt in diesem Beitrag für den noch zu vollendenden Bildband „Fotobuch Frieden“ von biografischen Erfahrungen, die ihn pazifistisch auf die Spur gebracht haben. Und davon, dass er Jesus für den großen Wegbereiter in puncto Vertrauen und Frieden hält.
Ich wurde 1947 geboren. Da war meine kleine Welt soldatenfrei, tot oder überlebend. Das Letzte also war für mich das Erste. Nie wieder Krieg bedeutete logischerweise zuerst einmal „nie wieder Soldaten“. Eine Gnade der Nachkriegsgeborenen. Frühe Prägung, die man nie ganz verleugnen kann.
Aber wann und wie beginnt meine innere Auseinandersetzung mit dem Dunklen, dem Bösen, der Macht und der Ohnmacht? Zuerst wohl im Märchen. Aber dann ganz real in der Schule, wo man sich auf dem Schulhof behaupten muss. Als jüngster Junge unter sechs Geschwistern auch schon früher. Damals nannten mich meine Geschwister „Friedchen“. Ich war der Kleinste und konnte nicht siegen. Will ich herrschen oder will ich Frieden? Überleben, ohne zu herrschen!
Mit bald fünf Jahren wollte ich dann Pfarrer werden. Der Pfarrer der kleinen Stadt gratulierte damals meinem Großvater zum Geburtstag und ich war dabei. Und alle Leute meiner kleinen Familienwelt verneigten sich vor dem schwarzen Mann. Und er bekam echten Filterkaffee aus Bremen, Kuchen und Sahne als erster. Das war lebensentscheidend für mich. So ein Herr und so eine Herrschaft schienen mir der Garant für ein angstfreies Leben zu sein. Ich wollte herrschen wie der. Ohne richtige Waffen. Aber mit was eigentlich? Solche Macht würde alle meine Ängste, die keinem Kind fremd ist, lindern, wenn nicht sogar heilen.
Wie viele Jahre hat es dann gedauert, bis ich merkte, dass meine Lebensängste nicht durch Herrschaft ihre Macht verlieren? Ich war da schon 18, als der Musterungsbescheid ins Haus kam und von mir ganz allein eine Entscheidung verlangte? Da wäre es doch nur klug gewesen, sich bei Mächtigen, die nach mir riefen, einzureihen. „Der schwarze Mann kommt, der Teufel kommt, der Russe kommt. Wer fürchtet sich vorm Russenmann? Niemand, wenn er aber kommt, dann siegen wir! Ich aber bin immer wieder gelaufen. Überleben statt siegen. Sein oder Nichtsein. Verrückt, verrückt, verrückt, aber wieder modern. Die Spitze des Todesangstberges taucht wieder aus dem Ozean des Lebens auf. Nicht verarbeitete Traumata aus Generationen, von denen ich jetzt weiß, dass sie wirkende Angstirrtümer in der Zeit sind.
Mein Widerstand muss vorher schon da gewesen sein. Denn als der Bescheid im blauen Briefumschlag kam, war ich schon längst entschlossen zu verweigern. Und so schleuderte ich meinem ständig lavierenden Kaufmannsvater mein entschlossenes „Nein!“ tapfer entgegen. „Deinen dritten Sohn kriegen sie nicht!“ „Schleudern“ stimmt so nicht. Ohne die Szene in meiner Erinnerung zu strapazieren, musste ich mir vor meinem strengen und auch brutalen Vater mit beiden Händen die Hose hochhalten, wenn er mich anschrie. „Was sollen die Leute (Kundschaft) denken …“
Dieses erste entschlossene laut ausgesprochene „Nein“ wurzelt bis heute in einer tiefen Jesusfrömmigkeit, die in mir von meinem Großvater mit seinem „Christlichen Verein Junger Männer“ angelegt und gepflegt wurde. Jesus, der Mann Gottes, der andere Mann, der neue Mann, der die andere Wange hinhält und weiß, dass seine sogenannten Feinde nichts anderes darstellen als eine Projektion ihrer selbst. Der mit geschicktem Mochamed-Ali-Shuffel geduckt jeder Gewalt auswich. Der Mann des Wortes. Der prägte mich. Stichwort: Balken und Splitter!
„Gebt mir Eure Kinder bis zum siebten Lebensjahr, dann könnt ihr sie wieder haben!“, sollen auch die Jesuiten den Müttern und Vätern zugerufen haben. Und Konrad Lorenz mit seinen Gänsen hätte genickt und ich jetzt auch. Meine Prägung: Versteh deine Feinde, dann könnt ihr sie auch lieben, das geschah auf Jesus hin.
„Draußen vor der Tür“ würde dieses „Nein!“ noch lauter aus mir herauskommen müssen. Und das ist es auch in zähen Verhandlungen, um ein anerkannter Kriegsdienstverweigerer zu werden. Später auch bei Ostermärschen und Friedensdemonstrationen.
Das Fundament meines Urschreis gegen die Herrschaft der Angst in allen Lebensbereichen kommt aus meinem — eingebildeten, was sonst — Vertrauen, dass Jesus mich hört, mich sieht und tröstet, mir also irgendwie beim Tragen der Konsequenzen zur Seite steht.
Im Leben und im Sterben! Mein kleiner Enkelsohn lehrt mich gerade, dass es offenbar ganz entscheidend ist, wer einen sieht und auch sehen soll: „Opa schau mal!“ Also, wer sieht mich? Also, wer sieht dich? Jesus, can you see me?
Das muss kein lebendiger Jesus sein. Aber es muss eine Person jenseits des Todes sein, damit dich der Tod nicht so sehr schreckt, wenn sie dir so oder so damit drohen. Es muss eine Figur aus deiner „Traumzeit“ sein, die man nur mit spirituellen Geschichten bereisen kann.
Ein in Coronazeiten an den Rand seiner Existenz gedrängter prominenter Wissenschaftler erzählt mir, dass er zu seiner Oma ans Grab geht, um sich und sein Rückgrat stärken zu lassen. „Nie wieder!“, das hat sie zu ihren Lebzeiten dem kleinen Jungen immer eingetrichtert. „Nie wieder!“ Und der erwachsene Professor Dr. Dr. hat es auf seine Weise am Grab wieder gehört, gehorcht und befolgt. Wie bei Corona — so im Krieg gegen Russland. „Nie wieder!“ Die Stimmen zwischen Himmel und Erde.
Wer nun meint, keinen Jesus zu haben und keine tote Großmutter, der Idee vom entscheidenden Einfluss der persönlichen Traumzeit aber zustimmt, dass es wohl Ermutigungen aus einer umfassenderen Wirklichkeit bedarf, der gehe zu einem unserer Soldatenfriedhöfe — wirklich und in echt! — und bleibe da und lausche, bis es Abend wird. Bis er es hört: „Nie wieder, Nie wieder, Nie wieder!! Oder; Meine Enkel kriegt ihr nicht!“
Und auf einmal das Gefühl, eine Beziehung eingegangen zu sein. Sie warten auf eine Antwort auf ihren Ruf. Sie haben dich in die Lage versetzt, zu antworten, you are able to respond.
Und dann gehst du vom Friedhof zurück in dein Leben, aufgerichtet, mit einem neu ausgerichteten Rückgrat, das tief in deiner Herkunft verankert ist. Ein Edler? Veredelter? Adliger?
Auf was soll ich mich denn sonst stützen, wenn die Trommler der Angst wieder durch unsere Städte und Dörfer ziehen? Städte, die sie nicht gebaut haben, sondern ihre Eltern und verstorbenen, oft vom Krieg gezeichneten Großeltern, Kinderkreuzritter, wenn sie mit ihren Fahnen durch Talkshows und Schulen trommeln, um dort in ihren deo-angstdurchschwitzten Uniformen mit Fähnchen frische Kindersoldaten auszuheben? Und die in der Welt der angebeteten Reichen mit deren frischem Blut die Taschen und Neurosen der blutdürstenden Herren und Damen vollmachen? Diese Feldwebel des Teufels schreien dich doch nieder, die belügen dich, die manipulieren dich, setzen dich nach Mafia-Art unter Druck, benutzen, alle Kniffs ihrer sogenannten Dienste, um dich gefügig zu machen.
Haben tausend und ein Argument, die dich umstoßen sollen. Was, wenn du dann keine Wurzeln hast, die allen Windigen widerstehen? Was dann? Auch spirituelle Wurzeln wachsen im Dunkel der Erde. Frömmigkeit ist so eine alte bewährte Wurzel. Ich weiß wer ich bin. Zu wem gehöre ich, hier stehe ich, ich kann nicht anders: Nein und Amen! — Jesus, Oma, ihr Gefallenen steht mir bei. Stay and stand by me!
Und dann?
Und dann ist das, was ich lebe und lehre auch von dieser Welt. Ganz konkret. Bei uns gibt es immer noch genug Berge für eine Bergpredigt und genug Ausweglosigkeit für Jesu Wort und Tat.
Er lehrte: Zu allen Zeiten werdet ihr Menschen, die ihr doch um euren Tod wisst, Todesangst haben. Sie ist immer da. Sie muss nur wild gemacht werden, dann bricht sie aus ihrem süßen Luxusgefängnis aus und tobt durch euer Herz. Um dieser Menschenangst zu entkommen, gibt es zwei Wege, die beide behaupten, dieser Angst gewachsen zu sein. Erstens: Die Medizin der Macht, des Turmbaus zu Babel, des goldenen Kalbs, des Geldes, der Macht, der absoluten Kontrolle und neu: KI 24/7!!
Oder aber zweitens: eine Kultur des Vertrauens zum leben. Auch 24/7. Es fängt bei unseren nesthockenden Kindern an, die sehr früh alles selber in die Hände nehmen wollen!
Selbst-Vertrauen säen und sammeln. Es hört nicht bei unseren Partnerschaften auf, die in ewigen Wellen von Frieden und Krieg, Trost und Streit, unser Vertrauen in alles Fremde trainieren, und reicht bis in das Vertrauen ins Leben allgemein, das den eigenen Abwehrkräften mehr zutraut als denen der Firma Pfizer.
Und dann sind es die kleinen darin trainierten Gemeinschaften der Amish in Amerika, der Mennoniten in Russland, der Quäker und der kleinen spirituellen geschwisterlichen Gemeinschaften jeder Couleur, der „one man, one vote“ Gemeinschaften, die zeigen, dass der große, mächtige Feind, der Staat und wie er sich auch immer nennt, das Kleine nicht angreift, sondern „links“ liegen lässt. Lieber „sein, statt „nicht sein!“ Keine Frage!
Small is beautyfull!