# Nichts, was uns hält

Die Philosophie des Nihilismus verspricht Befreiung von Autoritäten, Vorurteilen und Glaubenszwang — sie kann aber auch den Boden bereiten für einen noch schlimmeren Despotismus.

von 
   * Roland Rottenfußer

„Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten lässt, gleichgültig, welchen Ansehens sich dieses Prinzip auch erfreuen möge.“ So sagte es Kirsanow in Iwan Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ (1862). Kein Gott, keine Religion, kein Machthaber, kein Respekt, keine Ideale&nbsp;… Eine solche Philosophie erscheint auf den ersten Blick befremdlich, jedoch mitunter auch verlockend. Haben sich die Autoritäten und Ideologien unserer Zeit nicht längst zutiefst unglaubwürdig gemacht? Wäre es nicht an der Zeit, radikal mit ihnen zu brechen und frei von geistigen Fesseln seinen eigenen Weg zu gehen? Der Begriff „Nihilismus“ wurde in der Geistesgeschichte für sehr unterschiedliche Konzepte gebraucht. Mal ist Friedrich Nietzsches Dekonstruktion aller „Werte“ damit gemeint, mal handelt es sich um eine Bewegung, die im Russland des 19.&nbsp;Jahrhundert ihren Ursprung und reale Gewalttaten zur Folge hatte. Teilweise werden mit dem Begriff radikaler Amoralismus und Zerstörungswut bezeichnet, mal eine besonders destruktive Form des Anarchismus oder die existenzialistische Einsicht in die Nichtigkeit von allem, was ist. Moderne Geistesverwandte der Nihilisten sind gewiss die Transhumanisten. Sie zerstören den Menschen zwar nicht physisch, höhlen ihn aber seelisch völlig aus, so dass er weder Sinn noch Wurzeln kennt und zum Spielball manipulativer Machttechniken wird.

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Das Nichts kam über das Land und verschluckte nach und nach alles, was existierte: Gebäude, Landschaften, Tiere, Menschen … Dort wo einmal Etwas gewesen war, herrschte nun absolute Leere. Für Personen, die ins Nichts schauten, fühlte es sich an, als seien sie erblindet. Und das Nichts breitete sich über das ganze Land aus. Schon bald würde es nichts mehr geben, außer dem Nichts.

Diese gespenstische Vision stammt — viele werden es erkannt haben — aus Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“, erschienen 1979. Wir können von Glück sagen, dass das Land, das von einer solch vernichtenden Krankheit befallen ist, in Wirklichkeit gar nicht existiert. Schon sein Name verrät es: Phantasien. Das Land Phantasien verkörpert die Summe aller Träume und Geschichten, die sich Menschen ausgedacht haben. Da wir alle das Träumen und Erzählen nach und nach verlernt haben, konnte das Nichts wachsen, breitete es sich unaufhaltsam in unseren Seelen aus. Bis wir zu inhaltsleeren Hohlkörpern geworden sind — dem Anschein nach zwar noch Menschen, in Wahrheit jedoch längst eher mechanische Puppen.

Auch das „Nichts“ hat seine Anhänger und Schergen. Der gefährlichste in der „Unendlichen Geschichte“ ist der Wolf Gmork. Er wird zur ultimativen Bedrohung des Indianerjungen Atréju, eines der Helden dieses Romans. Schlimmer noch als die Angst, physisch ausgelöscht zu werden, erscheint die Gefahr, die darin besteht, dass sich die Opfer Gmorks in willenlose Werkzeuge einer dunklen Macht verwandeln. Eine Rede Gmorks an Atréju verdeutlicht die politische Stoßrichtung von Michael Endes Symbolwelt:
## Vom „Nichts“ verschluckt
*“Nur ruhig, kleiner Narr, (...) sobald die Reihe an dich kommt, ins Nichts zu springen, wirst auch du ein willenloser und unkenntlicher Diener der Macht. Wer weiß, wozu du ihr nützen wirst. Vielleicht wird man mit deiner Hilfe Menschen dazu bringen, zu kaufen, was sie nicht brauchen, oder zu hassen, was sie nicht kennen, zu glauben, was sie gefügig macht, oder zu bezweifeln, was sie erretten könnte. Mit euch, kleiner Phantasier, werden in der Menschenwelt große Geschäfte gemacht, werden Kriege entfesselt, werden Weltreiche begründet.*

> Nicht „keine Welt“ ist also Michael Endes Schreckensvision in „Die unendliche Geschichte“ — vielmehr eine durch die Macht gänzlich deformierte, überwachte und kontrollierte Welt, aus der Fantasie, Sinn und Schönheit gewichen sind.

Dem Nichts — dem eigentlich also nicht Darstellbaren — quasi eine Gestalt gegeben zu haben, war der geniale Einfall des deutschen Schriftstellers. Auch die Darstellung des Nichts als eines Werkzeugs der Macht sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns jetzt mit der Philosophie des Nihilismus beschäftigen. „Nihil“ ist der lateinische Begriff für „nichts“. „Nihilismus meint nach Nietzsche die Überzeugung von der Nichtigkeit, von der Zwiespältigkeit, Sinnlosigkeit und Wertlosigkeit der Wirklichkeit“, definierte der Theologe Hans Küng (1928 bis 2021).
## Die großen Verneiner
Als Lebensgefühl und Grundhaltung gegenüber der Welt ist der Nihilismus natürlich viel älter, als es sein Name ist. Hinduistische Philosophie kennt den Begriff der „Maya“, der die Wirklichkeit als Illusion ohne reale Substanz deutet. Ein Holodeck — um es in modernen Worten zu sagen —, dessen „uneigentlichen“ Charakter der Weise erkennen muss, will er Erlösung erlangen. Der Buddhismus seinerseits kennt den Begriff der „Leerheit“ als Grundbeschaffenheit all dessen, was ist, und bestimmt das Leiden als menschliche Grunderfahrung und Ausgangspunkt der Suche nach Befreiung.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach deutete schon 1841 in „Das Wesen des Christentums“ Gott als eine Projektion des Menschen und begründete so den modernen Atheismus, als dessen Nachfolger sich unter anderem Karl Marx und Sigmund Freud verstanden. Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) stellte die „Verneinung des Willens zum Leben“ in den Mittelpunkt des praktischen Teils seiner Philosophie. In Anlehnung an Impulse aus dem Buddhismus betonte er vor allem den leidbehafteten und illusionären Charakter des menschlichen Lebens. Wer aufhört, etwas zu wollen — Glück, Lust, Macht oder auch nur das nackte Überleben —, findet Befreiung von der quälenden Unruhe, die den menschlichen Geist normalerweise beherrscht.
## Das lästige Sein
All diese philosophischen Konzepte weisen Überschneidungen damit auf, was heute als „Nihilismus“ bezeichnet wird. Kein anderer Denker hat aber einen brutaleren und radikaleren Nihilismus beschrieben als Johann Wolfgang Goethe in seinem „Faust“. Goethe „dämonisierte“ diese Philosophie buchstäblich, indem er sie seiner Teufelsfigur Mephisto in den Mund legte:

*„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht.
Drum besser wär‘s, dass nichts entstünde.“*

> Mephisto wünscht schlicht die totale Tilgung des Seins. Er leidet darunter, dass aus dem ursprünglichen Nichts Materie und Lebens entstanden sind (die „plumpe Welt“). Er will den Urirrtum, der darin besteht, dass überhaupt etwas erschaffen wurde, rückgängig machen.

Als Zwischenschritt zum Fernziel der totalen Auslöschung „bearbeitet“ er menschliche Seelen, aus denen er Glauben, Liebe und Hoffnung herauszuoperieren sucht, um besser Zugriff auf diese zu erlangen. Ohne Goethes literarische Formulierung der absoluten Verneinung hätte vermutlich auch Friedrich Nietzsche die europäische Krise Ende des 19. Jahrhunderts nicht so treffend als „Nihilismus“ diagnostizieren können.
## Ein machtvolles philosophisches „Nein“
Nietzsche wollte dem lebensverneinenden Pessimisten Schopenhauer zunächst ein donnerndes „Ja“ entgegenstellen. Er tat dies in seinem an religiöse Verkündigungsschriften erinnernden Frühwerk „Also sprach Zarathustra“ (1881), aus dem vor allem die Idee des „Übermenschen“ hervorsticht. Damit gab Nietzsche der Evolution ein Ziel und eine Richtung. Sinnlosigkeitsgefühle konnten nicht aufkommen, wo sich der Mensch als ein Wesen des Übergangs verstand — wie ein Pfeil abgeschossen in eine grandiose Zukunft.

Die weiteren Werke Nietzsches waren dann jedoch eher essayistische Sachbücher — und sie waren zutiefst „negativ“, indem sie alles dekonstruierten, was Menschen zuvor lieb und heilig gewesen war.

*„Nachdem der jasagende Teil meiner Aufgabe gelöst war, kam die neinsagende, neintuende Hälfte derselben an die Reihe, die Umwertung der bisherigen Werte selbst, der große Krieg — die Heraufbeschwörung eines Tags der Entscheidung.“*
## Das Ende jeder Moral
So Nietzsche in seinem Spätwerk „Ecce Homo“ (1889). Besagter geistiger „Krieg“ zielte vor allem auf „jenen Glauben (…), der die Seele als etwas Unvertilgbares, Ewiges, Unteilbares, als eine Monade, ein Atomon nimmt: diesen Glauben soll man aus der Wissenschaft herausnehmen“. Mit der unsterblichen Seele wurde dann auch die Ethik mit ihrer Unterscheidung von Gut und Böse abgeräumt. Hans Küng fasst Nietzsches Anti-Ethik in seinem Klassiker „Existiert Gott?“ so zusammen:

*„Zu Ende geht es mit ‚fast jeder Moral, die bisher gelehrt, verehrt und gepredigt worden ist.‘ Warum? Weil sie sich ‘gerade gegen die Instinkte des Lebens’ wendet und ‚eine bald heimliche, bald laute und freche Verurteilung dieser Instinkte‘ darstellt: ‚Indem sie sagt: ‚Gott sieht das Herz an‘, sagt sie nein zu den untersten und obersten Begehrungen des Lebens und nimmt Gott als Feind des Lebens.“*

> Aus diesen Zitaten wird deutlich, dass Nietzsche nicht etwa „an gar nichts glaubt“, dass er vielmehr eine idealisierte Vorstellung von „Leben“ zum Fetisch erhebt. Allerdings meint er damit einen starken, archaischen Menschentypus, den es zur Eroberung, zur Unterwerfung Schwächerer und sogar zu „legitimer“ Grausamkeit drängt. 

Vor diesem Hintergrund erscheint der christliche Gott als eine Projektion im Sinne Feuerbachs, jedoch speziell aus der Perspektiver lebensuntüchtiger Menschen mit „Sklavenmoral“ gesehen.

*„Gott zum Widerspruch des Lebens abgeartet, statt dessen Verklärung und ewiges Ja zu sein! In Gott dem Leben, der Natur, dem Willen zum Leben die Feindschaft angesagt! Gott die Formel für jede Verleumdung des ‚Diesseits‘, für jede Lüge vom ‚Jenseits‘! In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen.“* (Quelle: „Der Antichrist“, 1895)

Diese Passage suggeriert, nicht Nietzsche selbst, sondern dessen christliche Gegner verkörperten etwas wie Nihilismus: den „Willen zum Nichts“. Statt des realen Lebens beteten Christen etwas Nichts-Existierendes, ein „Gespenst“ an. Sie nennen es Gott, das Jenseits oder Moral. Unter Berufung auf diese nur illusionären „Werte“, so Nietzsche, werde abgewertet, was wirklich zähle: die leuchtende Existenz in ihrer teils beglückenden, teils grausamen Schönheit.
## Die Heuchelei von Thron und Altar
Nun ist es Zeit für einen Schauplatzwechsel. Interessanterweise entwickelte sich gerade Russland im 19. Jahrhundert zum Epizentrum des Nihilismus. Die Bewegung war sowohl für die russische Literatur höchst fruchtbar als auch unmittelbar geschichtswirksam. Nicht nur inspirierte sie reale kriminelle Gewalthandlungen; auch die Epoche des Sowjetkommunismus berief sich wesentlich auf die geistige „Vorarbeit“ des Nihilismus. Eine mögliche Erklärung ist: Die Verbindung von „Thron und Altar“ war im zaristischen Russland des 19. Jahrhunderts besonders eng, während die Bauernschaft noch stärker als in Westeuropa in Armut gehalten wurde. Drängte sich insofern der Eindruck der Heuchelei mit Blick auf die Sinn stiftenden weltlichen und geistlichen Institutionen in Russland besonders auf?

Wie es scheint, hatten die Institutionen im Land — also vor allem Monarchie und orthodoxe Kirche — einen Grad moralischer und politischer Schizophrenie erreicht, der für die junge, gebildete Generation unerträglich wurde. Im Westen hatte die Aufklärung stärker Fuß gefasst. Nicht dass es sich um einen friedlichen, die Menschenrechte achtenden Erdteil gehandelt hätte — aber Staat und Kirche hatten sich in Westeuropa wenigstens teilweise entflochten. In Russland dagegen war die Russisch-Orthodoxe Kirche eine direkte Behörde des zaristischen Autokratismus. Der Zar galt als von Gott eingesetzt, die Kirche predigte den Bauern unbedingten Gehorsam gegenüber dem Herrscher und den Gutsherren. Wer an der sozialen Ordnung zweifelte, sündigte gegen Gott. Noch bis 1861 lebten Millionen russische Bauern in der Leibeigenschaft — sie waren faktisch Sklaven, die verkauft, geprügelt und ausgebeutet werden durften. Als Zar Alexander II. 1861 die Leibeigenschaft aufhob, geschah dies unter Bedingungen, die die Bauern in noch tiefere Armut stürzten.
## Eine intellektuelle Revolte
> Für junge Intellektuelle drängte sich der Eindruck auf: Religion ist kein Sinnstifter, sondern ein „Opium“, um das Volk dumm zu halten. Um den Zaren zu stürzen, musste man also zwingend Gott aus den Köpfen tilgen. Wenn es keine legalen Institutionen gibt, um die Welt zu verbessern, bleibt dem radikalen Geist nur ein einziger Ausweg: die totale Negation des bestehenden Systems. 

Da man nichts reformieren durfte, beschlossen einige russische Intellektuelle, alles zu zerstören. Dieser Vorgang kann auch als Warnung in Richtung der heutigen Weltgesellschaft angesehen werden, die von vielen bereits als „neofeudalistisch“ bezeichnet wird.

Nikolai Tschernyschewski (1828 bis 1889) galt als eine Art Hohepriester der nihilistischen Bewegung. Er gehörte zu den einflussreichsten radikalen Denkern Russlands. Während seiner Haft in der Peter-und-Paul-Festung schrieb er 1863 den utopischen Roman „Was tun?“, der zur „Bibel“ der damaligen russischen Jugend wurde. Tschernyschewski entwarf darin den Typus des „neuen Menschen“: asketisch, rational, materialistisch und völlig frei von religiösen Dogmen. Als einflussreich erwies sich auch Dimitri Pissarew (1840 bis 1868): Er war ein brillanter und aggressiver Literaturkritiker, der die totale Befreiung des Individuums von allen Traditionen forderte. Pissarew vertrat die radikalste Form des Szientismus (Wissenschaftsglaubens): Kunst, Poesie und Ästhetik hielt er für wertlose dekadente Erzeugnisse einer faulen Oberschicht. Berühmt wurde sein Satz, dass „ein Paar Stiefel mehr wert ist als die gesammelten Werke von Puschkin oder Shakespeare“.

## Antiromantisches Nützlichkeitsdenken

Literarisch folgenreich wurde Pissarow als reales Vorbild für die Figur Basarow in Iwan Turgenjews berühmtem Roman „Väter und Söhne“ (1881). Manfred Alexander und Günther Stökl schrieben in ihrem Standardwerk „Russische Geschichte“:

*„Der Nihilist als Typus des russischen Revolutionäres ging auf die Person des Basarow in Turgenjews 1862 erschienenem Roman ‚Väter und Söhne‘ zurück und gewann eine solche Wirkung, dass die Begriffe ‚russischer Revolutionär‘ und ‚Nihilist‘ schließlich weithin identisch wurden.“*

Alexander und Stökl beschrieben Nihilisten so: „Überlieferte Werte und bestehende Institutionen galten ihnen nichts, wenn sie den Grundsätzen der Vernunft widersprachen.“ Der Unterschied zu Mephisto, dem „Geist, der stets verneint“ wird aber in folgender Bemerkung deutlich:

*„Tschernyschewski und seine zahlreichen Nachfolger waren nicht Nihilisten in dem Sinne, dass sie alles Bestehende negierten, sondern nur darin, dass sie die aktuelle politische Ordnung grundsätzlich ablehnten, ohne von einer neuen mehr als nur vage Vorstellungen zu besitzen.“*

> Wichtig ist bei der Richtung des Nihilismus, die Dimitri Pissarew und Turgenjews Held Basarow vertraten, die Orientierung an Materialismus und Naturwissenschaft und die schroffe Ablehnung jeder „Romantik“ beziehungsweise schöngeistiger Bildung. Basarow: „Wichtig ist, dass zweimal zwei vier ist, alles andere ist Quatsch. (…) Die Natur ist kein Tempel, sondern eine Werkstatt, und der Mensch ihr Arbeiter.“ 

Basarow verachtet jede Schwärmerei und will, dass sich menschliches Handeln allein an Nützlichkeitserwägungen ausrichtet. „Wir handeln nach dem, was wir für nützlich halten“, sagte Basarow. „In der heutigen Zeit ist die Verneinung besonders nützlich — so verneinen wir eben.“ Dieser Akt der radikalen Verneinung ist nicht geknüpft an eine positive Vision dessen, was sich an die Stelle des Zerstörten setzen müsste. Kisanow: „Sie verneinen alles oder, genauer ausgedrückt, zerstören alles … Aber man muss doch auch aufbauen.“ Basarow: „Das ist nicht mehr unsere Sache … Zuerst muss man aufräumen.“

## Die unerbittlichste Zerstörung

Im Gegensatz zu dieser fast satirischen Darstellung durch den großen Schriftsteller, war die Mentalität realer Nihilisten oft durch erbitterten Ernst geprägt, der bis zur Selbstzerstörung gehen konnte. Neben Tschernyschewski und Pissarew ist hier besonders Sergei Netschajew (1847 bis 1882) zu nennen. In seiner unter dem Einfluss des anarchistischen Theoretikers Michail Bakunin 1869 verfassten Schrift „Katechismus des Revolutionärs“ schrieb Netschajew:

*„Ein Revolutionär ist ein todgeweihter Mensch. Er hat weder persönliche Interessen noch Geschäfte, weder persönliche Gefühle noch Bindungen, nichts, was ihm zu eigen wäre, nicht einmal einen Namen. Alles in ihm ist beherrscht von einem einzigen Interesse, von einer einzigen Leidenschaft: der Revolution.“*

Dieser Typ des Revolutionärs hat „nicht bloß in Worten, sondern auch in seinem Tun (…) mit allen Gesetzen (…) sowie mit jeder Moral gebrochen (…). Er kennt nur eine Wissenschaft, die der Zerstörung (und nur ein Ziel), die unerbittlichste Zerstörung.“ Dafür soll er „bereit sein, selbst zugrunde zu gehen und mit eigener Hand alles zugrunde gehen zu lassen, was der Erreichung dieses Zieles im Wege steht“.

Netschajew gründete eine Geheimorganisation („Volksgericht“), um einen bewaffneten Aufstand in Russland vorzubereiten. 1869 ließ er ein Mitglied seiner eigenen Gruppe, den Studenten Iwan Iwanow, ermorden, weil dieser seine autoritären Methoden in Frage gestellt hatte. Nach dem Mord floh er in die Schweiz, wurde 1872 an Russland ausgeliefert und zu Zwangsarbeit verurteilt. 1882 starb Netschajew in einem Gefängnis in Sankt Petersburg.
## „Vollständiger Verlust der eigenen Persönlichkeit“
Fjodor Dostojewski hat der historischen Figur Netschajew in seinem Roman „Die Dämonen“ (1873) quasi ein negatives Denkmal gesetzt — in Gestalt des kalten Ideologen und Mörders Pjotr Werchowenski. Dostojewski konzipierte Werchowenski direkt nach dem realen Vorbild, nachdem er im Exil entsetzt die Zeitungsberichte über den Fall der revolutionären Gruppe „Volksjustiz“ und den realen Mord an dem Studenten Iwanow — im Roman die Figur Iwan Schatow — gelesen hatte.

Werchowenski, der im Roman einer gewaltbereiten Widerstandszelle angehört, verwirft alle Bildung und Wissenschaft und möchte alle menschlichen Bestrebungen einem einzigen „Wert“ untergeordnet sehen: dem Gehorsam. „In der Welt mangelt es nur an einem: Gehorsam. Der Durst nach Bildung ist schon ein aristokratischer Durst.“ 

> Der Nihilist ist auch ein Gegner der Liebe und möchte das ethische Level aller Menschen bewusst und systematisch absenken. Ziel ist die total unterworfene, gleichgeschaltete Gesellschaft.

*„Kaum sind Familie oder Liebe da, so regt sich auch das Verlangen nach Eigentum. Wir werden dieses Verlangen ertöten: Wir werden die Trunksucht, die Klatscherei, das Denunziantentum befördern; wir werden eine unerhörte Demoralisation hervorrufen; wir werden jedes Genie im Säuglingsalter ersticken. Alles wird unter einen Nenner gebracht, vollständige Gleichheit geschaffen werden.“*

Um diese Agenda durchzusetzen, braucht es straffe Führung. „Sklaven müssen Leiter haben. Voller Gehorsam, vollständiger Verlust der eigenen Persönlichkeit.“
## Dostojewskis furchtbarste Vision
Werchowenski wirkt jedoch geradezu gemäßigt im Vergleich zu einem anderen Revolutionär des Aktionsbündnisses, das im Zentrum des Buchs „Die Dämonen“ steht: Er wird Schigalew genannt, Autor eines nihilistischen Manifests, das einer seiner Mitstreiter so zusammenfasst:

*„Er schlägt als endgültige Lösung der Frage die Zerlegung der Menschheit in zwei ungleiche Teile vor. Eine Zehntel erhält die Freiheit der Persönlichkeit und das unbeschränkte Recht über die übrigen neun Zehntel! Diese aber müssen ihre Persönlichkeit verlieren und sich in eine Art von Herde verwandeln und bei unbegrenztem Gehorsam durch eine Reihe von Wiedergeburten die ursprüngliche Unschuld, gewissermaßen das ursprüngliche Paradies wiedererlangen, obwohl sie übrigens auch werden arbeiten müssen.“*

Schigalew beschreibt die irritierende Dialektik von schrankenloser Freiheit und Totalitarismus so: „Indem ich von unbeschränkter Freiheit ausgehe, schließe ich mit unbeschränktem Despotismus.“ Frei sind letztlich nur die Herrschenden, die sich von jeder Anbindung an humane Ethik befreit haben; für den Rest, die „Herde“, ist die Perspektive das Gegenteil von Freiheit.
## Auslöschung der überflüssigen 90 Prozent
Ein anderer Mitverschwörer, Ljamschin, schlägt vor, die „neun Zehntel“ nicht nur zu unterwerfen, sondern sie physisch auszulöschen:

*„‚Ich aber würde‘, rief Ljamschin, ‚statt eines Paradieses, diese neun Zehntel der Menschheit, wenn man nun doch einmal nicht weiß, wo man mit ihnen bleiben soll, einfach nehmen und in die Luft sprengen und würde nur ein Häufchen von gebildeten Leuten übriglassen, die dann ein behagliches, der Wissenschaft gewidmetes Leben führen könnten.‘“*

Man solle „Klubs bilden ausschließlich zum Zwecke allgemeiner Zerstörung, mit der Begründung, wie man auch an der Welt herumkurieren mögen, ganz gesund werde man sie doch nie machen können; wenn man aber durch ein radikales Verfahren hundert Millionen Köpfe abschneiden und sich dadurch eine Erleichterung verschaffe, so könne man besser über den Graben springen.“

> Im Zeitalter der Atombombe erscheint ein solches Szenario, das die Ermordetenzahlen im Zweiten Weltkrieg noch um einiges überträfe, gar nicht so undurchführbar. Ein paar bis an die Zähne bewaffnete Staaten, regiert von „kriegstüchtigen“ Führungspersönlichkeiten, könnten schaffen, was zu Lebzeiten Dostojewskis noch wie eine krude, jedoch unrealistische Dystopie wirkte. 

Die Aufteilung der Menschheit in zwei „Kasten“, die der Vordenker Schigalew vorschlägt, erinnert an heutige transhumanistische Gedankengespinste, die von „überflüssigen“ Menschengruppen sprechen und von Bevölkerungsreduktion handeln. Der schwermütige, stets in die schlimmsten menschlichen Abgründe blickende Dichter hat hier eine Vision gesponnen, die im 20. und 21. Jahrhundert in Teilen schon realisiert wurde.
## Anarchismus ist kein Nihilismus
Hier liegen auch die Unterschiede zum Anarchismus, der dem ersten Blick nach eine verwandte Geistesrichtung darstellt. In den 1860er und 1870er Jahren waren Nihilismus und Anarchismus in Russland praktisch unentwirrbar miteinander verwoben. Der Nihilismus war die Voraussetzung für den Anarchismus und diente quasi als geistige Abrissbirne, die den Weg für Neues freizuräumen versuchte. Bevor man eine herrschaftsfreie Gesellschaft fordern konnte, musste zuerst die heilige Scheu vor den Institutionen verschwinden. Der Nihilismus erledigte diese psychologische Vorarbeit. Er nahm dem Zaren die göttliche Aura und der Kirche die moralische Autorität. Viele junge Menschen, die als Nihilisten — wie Turgenjews Basarow — mit dem Sezieren von Fröschen und dem Lesen naturwissenschaftlicher Bücher begannen, erkannten bald, dass das bloße Verneinen nicht reichte. Sie wollten handeln.

Gerade Pjotr Kropotkin (1842 bis 1921) bewies aber, dass sich Anarchie nicht im Zerstören, Plündern und Brandschatzen nach dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ erschöpft. In seinem [Hauptwerk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902)](https://www.manova.news/artikel/die-doppelmoral) versuchte er zu beweisen, dass in der Natur nicht der grausame Wettbewerb Aller gegen Alle vorherrscht. Nicht die aggressivsten Individuen setzen sich durch, sondern jene, die am besten kooperieren. Solidarität und das Streben nach Gleichheit wären somit keine Erfindungen religiöser Wirrköpfe, sondern biologische Fakten. Kropotkin schlug den Nihilismus somit mit dessen eigenen Waffen und knüpfte an dessen Vorliebe für die Naturwissenschaften an.

Er gründete seine Forderung nach politischer Freiheit auf einem positiven Menschenbild. 

> Da der Mensch im Grunde hilfsbereit und gut sei, könne man ihn auch staatlicherseits gewähren lassen. Dies würde nicht zu Chaos und Gewaltexzessen führen, vielmehr könnte sich die konstruktive menschliche Natur dann endlich ohne staatliche Gängelung entfalten. 

Es ist eine schöne Vorstellung. Leider gehen die Verhältnisse fast überall auf der Welt eher in die Richtung, die Dostojewskis Romanfigur Werchowenski vorgegeben hat: „Voller Gehorsam, vollständiger Verlust der eigenen Persönlichkeit.“
## Eine neue nihilistische Epoche
Ist der Nihilismus also mit Beginn des 20. Jahrhunderts erloschen und auf der Müllhalde der Geistesgeschichte gelandet? Vieles deutet darauf hin, dass er seine größte Blütezeit gerade jetzt erlebt oder sogar noch vor sich hat — auch wenn die Bezeichnung nur noch selten verwendet wird. Der Boden für eine neue nihilistische Großepoche ist bereitet. Der Glaube an religiöse Autoritäten oder gar „himmlische“ Ordnungsinstanzen ist vor allem im Westen weitgehend geschwunden. Gehorsam gegenüber weltlicher Obrigkeit wird noch meistens geübt, beruht aber eher auf Angst als auf Respekt. Auch dürfte die Normalisierung scheinbar sinn- und zielloser Gewalttaten wie bei den jüngsten Ausschreitungen in Paris oder in Frankfurt in naher Zukunft voranschreiten. Hedonismus — gern auch als „Spaßgesellschaft“ verklärt — bei gleichzeitig grassierendem Sinnesverlust floriert, während in den Seelen oft Leere und Stagnation herrscht.

> Eine psychologische Entsprechung des Nihilismus wäre die Depression als eine Form der Antriebslosigkeit, des gefühlten Verlustes von Sinn und Glanz im Leben. Gemeint ist weniger Traurigkeit als die Abwesenheit jeder Form von Gefühl: Stumpfheit, Mattigkeit und ein Zynismus, der nichts mehr als ernst oder wichtig empfindet — schon gar nicht als „heilig“. 

Recht treffend hat es Udo Jürgens in seinem Lied „Ist das nichts?“ dargestellt, das von einem Jugendlichen mit „Null-Bock“-Haltung handelt:

*„Du bist jung und du sagst, es gibt nichts, was dich hält
Da wär‘ nichts, was sich lohnen könnt‘, in deiner Welt
Und du sagst, du siehst wirklich in nichts einen Sinn
Und dann wirfst du alles hin.“*

## Kniefall vor dem Maschinengott

„Nichts, was dich hält“ ist in seiner Vieldeutigkeit sogar eine besonders gelungene Wendung. „Nichts, was dem Menschen Halt gibt“, aber auch „nichts, was ihn zurückhält“, wenn es ihn zu Zerstörung und Selbstzerstörung treibt. Betrachtet man Nihilismus nicht als die Ideologie kleiner elitärer Zirkel, sondern als ein Lebensgefühl, so war sie nie stärker „en vogue“ als gerade heute. Als Katalysator fungiert dabei die Technik. Maschinen und Algorithmen, die Kommunikationsprozesse organisieren, werden vielfach anstelle der Inhalte verehrt. Gleichzeitig richten sich Transzendenz-Hoffnungen auf diese. Transhumanisten suggerieren, der seelenhafte Einzelmensch könnte sich im Zeitalter seiner totalen Vernetzbarkeit auflösen und mit den Apparaten verschmelzen. Später würden dann vielleicht Computer-Gehirn-Schnittstellen den Cyborg-Menschen erschaffen oder Unsterblichkeit ermöglichen, indem menschliches Bewusstsein auf einen Server hochgeladen wird. Die KI, die den Eindruck von Allwissenheit und Allgegenwart erweckt, empfiehlt sich dabei als Wachablösung für einen Gott, der laut Friedrich Nietzsche schon längst tot ist.

> Das Wesen der modernen Technik ist zutiefst nihilistisch, weil sie alles Sein, also auch den Menschen, in nutzbares, verrechenbares Material verwandelt. Die Plattformen, Algorithmen und Endgeräte werden fetischisiert, während die Inhalte, die über sie transportiert werden — etwa banale Videos — oft von einer erschreckenden Substanzlosigkeit zeugen. 

Letztlich erleben wir die Kapitulation des menschlichen Geistes. Indem wir Entscheidungen über Moral, Kunst, Recht und Wahrheit an Algorithmen delegieren, erklären wir das menschliche Bewusstsein für obsolet.

## Das ausgehöhlte Leben

Während Nietzsche zumindest noch an eine Art „Herrenmoral“ der starken und hellen Charaktere glaubte, während die Anarchisten am grundlegend Guten im Menschen und die Kommunisten an der Kraft der Arbeiterklasse zur Selbstbefreiung festhielten, droht der moderne, technikgestützte Nihilismus auch diese letzten Lichtfunken des Geistes zum Verlöschen zu bringen. Es wäre der endgültige Sieg Mephistos — oder [Ahrimans, dem ich einmal einen eigenen Artikel gewidmet habe](https://www.manova.news/artikel/ahrimans-welt). Mephisto wollte das Sein vernichten, scheiterte aber an der schöpferischen Kraft des Lebens. Der moderne, technologische Nihilismus wählt einen subtileren Weg: Er vernichtet das Leben nicht physisch, sondern er entleert es von innen heraus.

Nihilismus ist die ultimative Form des Gottesmordes — wobei ich „Gott“ hier als die Chiffre für alles hernehme, was traditionell mit ihm verbunden wird: Güte, Gnade, Weltschöpfung, die Sinnhaftigkeit des Lebens auch in Anbetracht des Leidens, das Zusteuern auf einen erlösenden Endpunkt der Weltgeschichte. 

> Ein Grund für den „Tod Gottes“ war und ist das Verhalten derer, die in seinem Namen zu sprechen vorgeben. Verhasste kirchliche und weltliche Machthaber in Russland, Deutschland und anderen Ländern haben sich so penetrant mittels ihrer Propaganda an Gott geheftet, dass dieser gerade für die vernünftigeren und humaneren unter den „Untertanen“ obsolet geworden ist. 

War die Vorstellung eines gerechten, liebevollen Gottes in einer Gesellschaft dann erfolgreich zurückgedrängt worden, so wurden auch im Namen seiner angeblichen Nicht-Existenz Gräueltaten verübt. Die Antihelden aus Dostojewskis „Dämonen“ haben es vorgemacht.

## Nach dem Nihilismus
Neue Zerstörung droht in Form des Ökozids, eines neuen großen Krieges, der Selbstauslöschung der Menschheit durch Unfruchtbarkeit, der Selbstaushöhlung durch Zynismus und das Abdriften in Belanglosigkeit. Insofern kann man den Nihilismus als die geheime Philosophie hinter sehr vielen destruktiven Tendenzen unserer Zeit bezeichnen. Aber auch auf einen solchen Winter des Geistes und der Seele kann — wie es in Goethes „Faust“ schön beschrieben wird — ein Osterspaziergang folgen. Und es ist Jürgen Fliege Recht zu geben, der einem seiner Bücher einen ermutigenden Titel gegeben hat:

*„Ach, steh noch einmal auf, du toter Gott!“*


