Noch mal 40 Jahre später
Im Rückblick erscheint Ina Deters Lied „40 Jahre danach“ wie ein seltener Lichtblick aus der Zwischenkriegszeit.
In den 1980er-Jahren, im ersten Kalten Krieg, war auch nicht alles angenehm. Es gab schon Kriegspropaganda, Furcht und Misstrauen gegen die Sowjetunion, Aufrüstungspläne und westliche Selbstgerechtigkeit. Also alles ähnlich wie heute. Einen großen Unterschied gibt es allerdings: Eine wirkungsvolle Friedensbewegung war damals in großer Personenzahl aktiv. Auch die Kulturszene muckte nicht selten auf. Zu den kritischen Intellektuellen jener Zeit gehörte auch Ina Deter. Ihr Antikriegslied „40 Jahre danach“ war noch ganz auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs bezogen. Auschwitz und Hiroshima stachen hervor. Das „Nie Wieder“ war in großen Teilen der Bevölkerung noch lebendig. Deter äußerte sogar die Hoffnung, das Böse könne nach diesen furchtbaren Geschehnissen quasi müde geworden sein und sich zurückgezogen haben. Wie es aussieht, war sie da zu optimistisch. Wie sieht es heute, 40 Jahre nach dem Lied „40 Jahre danach“, aus? Die Dignose des Autors ist vernichtend. Die Kriegsgefahr ist ebenso groß oder sogar größer als in den 80ern — der Aufschrei einer größeren Gegenbewegung bleibt allerdings aus.
Ich bin dieser Tage nicht ganz zufällig auf folgendes Lied gestoßen:
40 Jahre danach, von der Ina Deter Band.
Es ist ein bekanntes Antikriegslied. Damals hatte ich nicht besonders darauf geachtet, denn wir hatten viel zu viel mit der Gegenwart zu tun — auch wenn viel für die Zukunft in der Vergangenheit lag.
Unser politisches Feld reichte vom Kampf gegen die neue Startbahn West am Frankfurter Flughafen, Häuserkampf bis zum Kampf gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen, die gegen die angebliche Bedrohung durch die Sowjetunion gerichtet waren und die Unterstützung der Befreiungsbewegungen, insbesondere in Lateinamerika.
Manche Soziologen und Sozialwissenschaftlerinnen hatten für uns die „No future“ Etikette parat. Wenn ich das von heute aus betrachte, muss ich schmunzeln. Vielleicht ahnten wir, dass das keine schlechte Haltung ist.
Jetzt, wo an allen Ecken und Enden für den Krieg getrommelt, bezahlt, eingespart und ertüchtigt wird, wo es nicht im Ansatz eine Massenbewegung gibt, wie in den 1980er Jahren gegen die erfundene „Raketenlücke“ kam mir der Liedtext doch näher.
Insbesondere berührt mich diese Passage:
Ich habe gehofft, das war ernst gemeint,
nach Auschwitz würdet ihr müde sein.
Ich habe geglaubt, das war ernst gemeint,
Hiroshima würde nie wieder sein.
Ich stockte innerlich über diese besondere Formulierung: Wie kann man nach Auschwitz müde sein?
Die Band sprach also nicht von der Überzeugung, dass so etwas nie wieder passieren darf, sondern von der Anstrengung, die Auschwitz gekostet hat. Die Band hatte also nur die Hoffnung, dass sich die Mörder und Nachfolger erholen müssten. Möglichst ganz lange.
In diesem Kontext fragte ich mich also, wie die Band auf den Titel gekommen war: 40 Jahre danach.
Ich rechnete zurück. 1983 erschien der Song. Wenn man also die 40 Jahre abzieht, kommt man auf das Jahr 1943, das Jahr also, in dem die deutsche Generalität den Traum vom „1.000-jährigen Reich“ aufgeben musste. Kurz vor Stalingrad.
Und dann fiel mir ein Satz des SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil ein, der mir in die Knochen ging, weil er den ernüchternden Satz von der „Müdigkeit“ ungewollt aufgriff und ins Positive wendete. Er wollte die Kriegsrhetorik von der „Zeitenwende“, dem „Doppelwumms“ und dem „Lumpenpazifismus“ in einen großen Zusammenhang einbetten und nutzte dafür eine Grundsatzrede.
„Kalter Krieg“
Das war die ganze Schlagzeile in der liberalen Frankfurter Rundschau vom 24. Juni 2022, auf der ersten Seite.
Unter der Schlagzeile waren als Bild keine Panzer oder zerstörte Häuser platziert worden, sondern ein schneeweißer Heizkörper in einem total ordentlichen Zimmer.
Seitdem uns der Bundespräsident Joachim Gauck von seiner Staatsvilla aus aufgerufen hat, für den Krieg an der Seite der Ukraine ein bisschen zu frieren, kann man einen Zusammenhang zwischen „Kaltem Krieg“ und einem Heizkörper herstellen.
Es geht demzufolge nicht um die Kriegsfront, sondern um die Heimatfront, um uns Zivilisten. Da man uns ja nicht gefragt hat, ob und wer für den Krieg an der Seite der Ukraine was opfern will, gehe ich von einer Geiselhaft aus.
Jeder könnte also trotz alledem zuerst einmal beruhigt sein. Denn der eigentliche Wortsinn vom „Kalten Krieg“ ist ein anderer: Er tobt vor dem „heißen“ Krieg, was zugegebenermaßen auch erhellend ist, wenn man also ganz offiziell zugibt, dass es vor einem „heißen“ Krieg (meist) einen „Kalten Krieg“ gibt.
Dann weiß jeder und kann verstehen, dass der Krieg sehr selten mit dem Einmarsch fremder Truppen beginnt, sondern die nächste Phase des Krieges einleitet.
Dann lässt sich das auch historisch einordnen: Die Zeit des „Kalten Krieges“ begann bereits in den 1970er Jahren, als man die damalige Sowjetunion mit militärischen Aufrüstungen, Kriegslügen und Wirtschaftskrieg zur „friedlichen“ Kapitulation zwingen wollte. Tatsächlich hat das auch geklappt und heute weiß fast jedes Kind, dass der „freie“ Westen gar nicht bedroht wurde, sondern dieser die Sowjetunion bedrohte, bis die verhasste und rote Sowjetmacht die Kombination aus „Rüstungswettlauf“ und Wirtschaftskrieg nicht länger durchstand.
Es gibt viele Gründe zu frieren
Der SPD-Parteivorsitzende Lars Klingbeil hielt am 21. Juni 2022 auf der Tiergarten-Konferenz der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin eine Grundsatzrede vor Seinesgleichen, in der er der von seinem Kollegen Olaf Scholz ausgegebene „Zeitenwende“ eine uralte Richtung gab:
Nach Herrn Klingbeil habe Deutschland „nach knapp 80 Jahren der Zurückhaltung heute eine neue Rolle im internationalen Koordinatensystem“.
Man überliest das schnell, bis es einen frieren kann — wenn man bereit ist nach- beziehungsweise zurückzurechnen: Knapp 80 Jahre habe sich Deutschland zurückgehalten, womit er nicht die sexuelle, sondern die militärische meinte.
Wenn Herr Klingbeil im selben Jahr lebt wie wir alle, dann lag das letzte Jahr vor der „Zurückhaltung“ so um das Jahr 1941/42.
1941 begann die Krieg gegen die Sowjetunion, unter dem Decknamen „Barbarossa“, der nun wirklich nicht viel verdeckt: Unter Barbarossa versteht man im Italienischen einen Rotbart, also in diesem Kontext die „Roten“.
Auch damals waren viele westlichen Länder dankbar für diesen Krieg — gegen den Kommunismus, gegen die „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“. Denn die „Ostfront“ war eine gemeinsame Kampflinie. Man sah zu, man kam der Sowjetunion nicht zur Hilfe, weder politisch noch mit Waffen. Im Gegenteil. Nazi-Deutschland hatte mit diesem Krieg etwas für viele andere westlichen Staaten getan.
2022 minus 80 = 1942
1942 mordeten sich deutsche Soldaten bis nach Stalingrad durch. Dort begann dann der Anfang vom Ende des Dritten Reiches, das im Osten über Polen, Ukraine bis nach Russland reichen sollte. Dort kam die 6. Armee, plus Verbündete, mit etwa 300.000 Soldaten zum Stehen, wurde eingekesselt und musste 1943schließlich aufgeben. Der „Führer“ verweigerte eine Kapitulation. Im Winter war es dort ziemlich kalt, so um die minus 30 bis 40 Grad. Meine Mutter, damals im „Bund deutscher Mädel“ (BDM) aktiv und engagiert, strickte warme Socken und schickte Winterkleidung an die Front.
Es nutzte alles nichts.
Seitdem gilt „Stalingrad“ als die Schmach für deutsche soldatische Tugenden, die wohl Herr Klingbeil mitaufruft. Nach „Stalingrad“ gab es eigentlich nur noch einen lang gezogenen Rückzug, der 1945 mit der umfassenden Kapitulation endete.
Wer sich diese Zeitspanne 1942/43 vor Augen hält, die fast 80 Jahre „Zurückhaltung“ dazurechnet, der bekommt eine gruselige Ahnung davon, wie der Zweite Weltkrieg, die Kapitulation und die eigentlich beabsichtigte Demilitarisierung Deutschlands im Innersten verstanden wird.
Nicht nur unter den „Ewiggestrigen“, den „Stahlhelmfraktionen“ in den Parteien und auf der Straße, sondern gerade auch unter führenden Sozialdemokraten. Eine Zeit der erzwungenen „Zurückhaltung“, also eine maßlose Demütigung, die man den Siegern, vorne weg der Sowjetunion nie verzeihen wird.
Aber auch Klingbeils Blick auf die Zeit nach 1948, auf die Gründungsjahre der Bundesrepublik Deutschland ist an revanchistischem, reaktionärem Gedankengut satt genährt. Was fällt nach Klingbeils Ansicht also alles unter diese „Zurückhaltung“?
Zum Beispiel die Proteste gegen den Aufbau der Bundeswehr, also ihre Wiederbewaffnung in den 1950er-Jahren, der Kampf gegen die „Notstandgesetze“ in den 1960er Jahren, die es erlauben sollen, die Bundeswehr auch im Inneren einzusetzen, die Versöhnung mit Frankreich, der berühmte Kniefall von Willy Brandt, die Entspannungspolitik, die Friedensbewegung der 1980er-Jahre, als man eine „Raketenlücke“ erfand, um die atomare Aufrüstung mit Pershing I und II auf die Spitze zu treiben, die „Gorbi, Gorbi-Rufe“ bei der Wiedervereinigung, die zahlreichen Zusagen, dass man sich bei der NATO-Osterweiterung „zurückhalten“ werde …
All das fällt in Klingbeils Weltbild letztlich unter eine „Zurückhaltung“, die man jetzt endlich abschütteln und aufgeben kann.
Zurück ins Jahr 1983, also zum Song: 40 Jahre danach
Wer das heute hört, also nochmal 40 Jahre drauflegt, wird traurig und wütend gleichzeitig:
„All eure Lügen kommen gut an.
Sie sind so verpackt,
dass man sie glauben kann.
Vom kleinen Mann
fürchtet ihr kein Protest.
Ihr habt ihn
für eure Dienste erpresst.
Der hat schon mal
Kanonen geschrien,
statt Butter, und lag so
vor euch auf den Knien.
Ihr habt ihn damals
auch betrogen,
und seid schon wieder
genau so verlogen.
Ich habe gehofft, das war ernst gemeint,
nach Auschwitz würdet ihr müde sein.
Ich habe geglaubt, das war ernst gemeint,
Hiroshima würde nie wieder sein.
Ihr gebt ihm ’n Auto
´n Kühlschrank und mehr,
dafür trägt er euch
dann das Gewehr.
Er fragt nicht mal
nach dem ganzen Sinn,
hält widerstandslos
den Kopf für euch hin.
Ihr braucht unsre Kinder
für euer Vorhaben,
und wollt auch noch
die Frauen haben.
Es wird von uns
kein neues Leben
für eure schmutzigen
Kriege geben.
Ich habe gehofft, das war ernst gemeint,
nach Auschwitz würdet ihr müde sein,
ich habe geglaubt, das war ernst gemeint,
Hiroshima würde nie wieder sein.
Ihr Menschenverächter
haltet euch bereit,
bald kommt eine andre Zeit,
wir lösen unser Versprechen ein,
Auschwitz wir kein zweites Mal sein.
Und Hiroshima wird nie wieder,
Hiroshima wird nie wieder,
wird nie wieder sein.“