Ode an den Menschen

Anstatt uns weiter kleinzuhalten, können wir uns an das erinnern, was in uns steckt.

Sünder, Mängelwesen, Missetäter, bloße Ressource, Rädchen im Getriebe, eine Gefahr für sich selbst und für andere — so ist der Mensch für viele. Das negative Bild, das viele von der eigenen Spezies haben, prägt unser Verhalten. Wer nicht weiß, was in ihm steckt, wer keinen Zugang zu seinem Potenzial hat, lässt sich leicht kontrollieren, manipulieren, erniedrigen, ausbeuten oder einsperren. Im Interesse machthungriger Menschen liegt es, dass das so bleibt. In unserem Interesse liegt es, dass wir mit anderen Augen auf uns selbst blicken.

Der Mensch hat keinen guten Ruf. Menschen mögen keine Menschen. So hört es sich an, wenn wir über uns als Spezies reden. Wir sind zu irrational, zu egoistisch, zu aggressiv, zu gefährlich, zu manipulierbar, zu konsumorientiert oder zu viele. Am besten, so meint mancher, sollten wir so schnell wie möglich von diesem Planeten verschwinden, um nicht noch mehr Unheil anzurichten.

Die Fehlerhaftigkeit wurde in die Wiege unserer Kultur gelegt. Unsere Religion hat uns zu Sündern gemacht, unsere Wissenschaft zu Mängelwesen, unsere Wirtschaft zur Ressource, unsere Gesetze zu potenziellen Verbrechern und unsere Medizin zu Ersatzteillagern. Allein auf unseren Verstand sind wir stolz. Doch der wird gerade von der Künstlichen Intelligenz (KI) überholt.

Das negative Menschenbild hat uns tief geprägt. Viele gehen nicht aufrecht durch das Leben, sondern gebeugt. Das Menschenbashing ermöglicht ein System, in dem einige wenige die Macht in ihren Händen bündeln.

Wären wir uns unserer Gaben und unserer Würde bewusst, ließen wir uns das nicht gefallen. Es gäbe keine Eliten und keine Technologie, die die Menschen verdrängt, wenn wir aufhören würden, uns selbst gering zu schätzen.

Hoch begabt

Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir bei dem Bild ansetzen, das wir von uns selbst haben. Wer ein schlechtes Bild von sich hat, lässt mit sich machen. Nur ein positives Selbstbild kann uns davor bewahren, dass wir uns weniger manipulieren und ausbeuten lassen. Damit ist nicht gemeint, sich aufzublasen, sondern zu erkennen, welches Potenzial in uns ruht und was wir ungenutzt lassen.

Wir können mehr als essen, schlafen und konsumieren und haben mehr drauf als ein paar Überlebensmechanismen. Wir können nicht nur sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken. Menschen sind hochbegabt. Wir können denken und uns Dinge vorstellen, die nicht existieren. Wir können abstrahieren, planen, analysieren, vergleichen, uns erinnern und Visionen für die Zukunft entwickeln.

Menschen sind lernfähig. Sie können ihr Verhalten verändern und aus Erfahrungen wachsen. Wir können zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen und Verantwortung übernehmen, können Gedanken, Gefühle und Erfahrungen austauschen und uns mit anderen Menschen, Tieren, Orten oder Ideen verbinden.

Wir sind kreativ. Wir gestalten unsere Umgebung, bauen Häuser, komponieren Musik, legen Gärten an, schreiben Bücher, bilden Gemeinschaften und entwickeln Kulturen. Wir können nach Sinn suchen und auf die Frage antworten, wer wir sind und was uns wichtig ist. Wir haben die Fähigkeit, zu vergeben und aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Wir können über uns selbst hinauswachsen, Ängste überwinden, Mitgefühl entwickeln, Leiden in Weisheit verwandeln, in Krisen Sinn finden, Schönheit erschaffen und lieben, obwohl wir verletzt worden sind.

Unterschätzt

Anstatt uns immer wieder zu erniedrigen, können wir uns darauf besinnen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Menschen zerstören nicht nur. Sie können verbinden, staunen, heilen, vertrauen und glauben. Sie können nicht nur Dinge erleben, sondern sich auch darüber bewusst sein, dass sie sie erleben. Sie können sogar Dinge tun, die die Wissenschaft noch nicht akzeptieren kann und vielleicht auch nicht akzeptieren will, solange sie im Dienst des Geldes steht.

Fähigkeiten wie Intuition, Telepathie, Präkognition, Hellsehen oder Psychokinese – die Fähigkeit, Materie durch den Geist zu beeinflussen – sind, obwohl gut dokumentiert, bisher nur Randgebiete der Forschung. Doch auch unabhängig von der Wissenschaft sind Menschen dazu in der Lage, Gedanken und Gefühle anderer direkt wahrzunehmen, durch Präsenz zu heilen, zukünftige Ereignisse zu erahnen oder von Dingen zu träumen, die später eintreten. Sie können von plötzlichen Gewissheiten erfüllt sein, Informationen über entfernte Orte oder Ereignisse wahrnehmen und mystische Erfahrungen machen. Menschen können Dinge, die alle anderen Lebewesen auf diesem Planeten nicht können.

Auch die Maschine kann dem Menschen nicht das Wasser reichen.

KI kann viel. Sie rechnet schneller, erinnert sich mehr und analysiert besser. In Sekunden kann sie Millionen von Textmustern miteinander verbinden, enorme Mengen an Informationen verarbeiten, Strukturen, Argumente und Zusammenhänge erkennen, Texte schreiben, zusammenfassen, übersetzen und umformulieren, Ideen aus verschiedenen Bereichen miteinander verbinden und Perspektiven, Denkweisen und Argumentationen nachbilden. Doch sie kann nicht menschlich sein.

Am eigenen Wesen genesen

KI hat kein eigenes Leben, keine Kindheit, keine Mutter, keinen Körper. Sie kennt keine Krankheit, keine Sterblichkeit, keine Verluste, keine Sehnsucht, keine Liebe. Sie weiß um diese Dinge, doch sie erlebt sie nicht. KI empfindet keinen Schmerz und keine Freude, und sie kann nicht an ihren Erfahrungen wachsen. Sie kann über die Liebe schreiben, aber nicht lieben. Sie kann keine Verantwortung übernehmen und keinen Sinn erschaffen. Sie kann nur damit arbeiten.

KI kann uns viel nehmen, wenn wir uns weiter entmenschlichen lassen. Doch sie kann uns auch vieles geben, wenn wir uns unseres Menschseins nicht schämen. Sie kann sichtbar machen, was wirklich menschlich ist: Bewusstsein, Liebe, Gewissen, Freiheit, Verantwortung, Mitgefühl und Kreativität aus gelebter Erfahrung heraus.

Die größten menschlichen Fähigkeiten liegen nicht im Kopf, sondern im Herzen, im Körper und im gelebten Bewusstsein. Je leistungsfähiger die Maschinen werden, desto kostbarer werden diese Bereiche. Wenn wir von uns selbst glauben, mehr oder weniger defekte Maschinen zu sein, eine Fehlentwicklung der Natur, wenn wir uns für bloße Produzenten und Konsumenten halten, für Informationsverarbeiter und Problemlöser, dann haben wir verloren. Die Maschine wird uns abhängen. Wenn wir jedoch erkennen, dass wir fühlende, beziehungsfähige, sinnsuchende und schöpferische Wesen sind, dann haben wir eine ganz andere Zukunft vor uns.

Affe zu Affe

Das Wachsen der Effizienz der Maschine wird nicht aufzuhalten sein. Diese Entwicklung ist nicht zu stoppen, auch dann nicht, wenn wir uns ihr widersetzen. Die Frage ist nicht, was wir gegen sie machen können, sondern wie wir uns mit ihr weiterentwickeln können.

KI führt uns vor Augen, wo wir uns geirrt haben. Wir haben vor allem auf Fähigkeiten wie analytisches Denken, Logik, Rechnen oder Detailverarbeitung gesetzt. Menschen, die sich und ihresgleichen darauf reduziert haben, stehen jetzt tatsächlich wie Deppen da. Anstatt sich entsorgen zu lassen, können sie sich darauf besinnen, dass sie zwei Gehirnhälften, ein Herz und einen Bauch haben, die zusammenarbeiten.

Die Zeit der großen Köpfe ist vorbei. Jetzt geht es darum, uns daran zu erinnern, was wir einmal konnten. Zum Beispiel Gärten anlegen, unsere Nahrung selbst zubereiten, Kleidung, Möbel und Werkzeuge herstellen, Häuser bauen, Musik machen, Geschichten erzählen, Träume deuten, in den Sternen lesen und uns Dinge selbst ausdenken.

Wir verfügen über eine Intuition, die uns sagt, dass es auf der Evolutionsgeraden so nicht weitergeht. Wenn wir so weitermachen, werden wir möglicherweise tatsächlich zu dem, woher wir gekommen sein sollen: Primaten. Unsere Vergangenheit würde damit gewissermaßen zu unserer Zukunft, eine Art Self-fulfilling-Prophecy, eine Erwartung, die gerade dadurch wahr wird, dass Menschen an sie glauben und ihr Verhalten entsprechend anpassen.

Am Anfang war das Bewusstsein

Der Vedenforscher Armin Risi schlägt eine andere Variante vor: Nach seinem Buch Ihr seid Lichtwesen sind wir keine Produkte biologischer Evolution, sondern haben einen geistigen Ursprung. (1) Dem Modell der Evolution stellt er das Modell der Involution zur Seite. Demnach liegt allem Materiellen eine geistige beziehungsweise göttliche Wirklichkeit zugrunde.

Im Laufe der Zeit hat sich das Bewusstsein in immer dichtere Ebenen hinabgefaltet, bis es schließlich durch die Verdichtung Form angenommen hat. In diesem Verständnis ist der Mensch ursprünglich ein geistiges Wesen, das sich in der materiellen Welt verkörpert. Nicht die materielle Welt ist der Ursprung des Bewusstseins, sondern umgekehrt: Wie in der indischen Kosmologie oder in manchen neuplatonischen Lehren war nicht die Materie zuerst da, sondern das Bewusstsein.

Auch die Bewusstseinstrainerin Sandra Weber benutzt den Begriff Involution. (2) Wie Risi geht sie davon aus, dass Menschen ursprünglich geistige Wesen sind, deren spirituelle Entwicklung eher ein Erinnern oder Erwachen als eine rein biologische Evolution ist. Nach diesem Menschenbild sind wir sozusagen hinter den Vorhang des Vergessens gefallen. Wir wissen nicht mehr, wer wir eigentlich sind und welchen Wert wir haben.

So konnte es kommen, dass wir uns immer mehr verdinglichen und entmenschlichen ließen. Doch heute, so sehen es viele, zerreißt der Vorhang des Vergessens. Die Schleier fallen und die Wahrheit dahinter wird sichtbar. Damit erhält das aktuelle Chaos eine mögliche Erklärung. Alles, was jetzt hochkommt, war vorher schon da. Wir konnten es nur nicht erkennen.

Zwischen Zerfall und Neuanfang

Zwei Bewegungen stehen sich gegenüber: diejenigen, die hinter den Schleier schauen, und die, die daran glauben, was auf dem Etikett steht, und die an der alten Ordnung festhalten, in der der Mensch und alles Lebendige immer weniger wert ist.

In welche Richtung es weitergeht, ist noch nicht ersichtlich. Gehen wir als Menschheit zugrunde oder gibt es ein Erwachen aus einem Schlaf, der mehrere Jahrtausende gedauert hat? Werden wir eine neue Bewusstseinsstufe erreichen, auf der Telepathie, Präkognition, Hellsehen oder Psychokinese zu unserem Alltag gehören?

Lernen wir, die eigenen Gedanken bewusst zu steuern und ein noch viel ausgeprägteres Gefühl für uns selbst und andere zu entwickeln? Können wir Stimmungen und Atmosphären bewusst wahrnehmen? Vertrauen wir unserer Intuition und spüren unsere Hellsinne? Haben wir das eigene Energiesystem unter Kontrolle? Lernen wir, wirklich präsent zu sein und aus Gedanken und Worten Realitäten entstehen zu lassen? Fühlen wir, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt? Sind wir offen für Synchronizitäten und entwickeln die eigene Medialität, anstatt Medien zu konsumieren?

Es gibt so viel zu tun! Wie anders wäre unser Leben, wenn Neugier, Forscherdrang und Begeisterung im Mittelpunkt des Lebens stehen würden und nicht Scham, Schuld, Angst oder Hass?

Wir würden auf einer ganz anderen Ebene vibrieren und die Dinge bewusst per Resonanz anziehen, anstatt gegen sie anzukämpfen oder ihnen hilflos hinterherzulaufen. Wir würden uns nicht mehr kontrollieren und dominieren lassen, wenn wir erkennen, dass wir kreative, schöpferische Wesen sind, denen unendlich viele Möglichkeiten mit in die Wiege gelegt wurden.

Egal, wie wir uns entscheiden: Das Potenzial bleibt in uns allen enthalten, solange wir Menschen sind. Unsere höchsten Fähigkeiten warten auf uns: Liebe, Mitgefühl, Weisheit, Selbsterkenntnis. Die Gelegenheit, sie zur Entfaltung zu bringen, war vielleicht nie größer als jetzt, mitten in einem Chaos, das alles offenlässt.