# Oh diese Botschaften

Die Poetik-Ecke LIV lenkt den Blick auf das Mythische im Alltag. 

von 
   * Werner Köhne

Der Filmemacher, Essayist und Dichter Werner Koehne ist einer der wenigen Intellektuellen hierzulande, dem dieser „Titel“ wirklich noch zukommt. Seine Einwürfe während des Virenflugs, seine Arbeiten davor und seine Einwürfe jetzt: Sie zielten und zielen nie auf die Bekundung einer Haltung oder einer Position. Seine Corona-Litanei, damals herausgekommen bei Sodenkamp & Lenz, hätte er auch beim Wiener Passagen Verlag publizieren können, das heißt: Seine Kritik an den Verhältnissen war und ist so tiefgehend, dass mit dem gängigen „Screening“ eine Einordnung seiner Arbeit nicht möglich ist, ansonsten hätte ein Systemverlag, und sei er so intellektuell ausgerichtet wie der Passagen Verlag, eine Publikation eines Dissidenten nicht in Betracht gezogen. Dass mit wenigen Zeilen mehr an Wirklichkeit einzufangen ist als mit zweistündigen Referaten und Talkrunden, zeigen die folgenden drei Short Cuts. Mythen des Alltags.   

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## Short Cuts. Mythen des Alltags

Was läuft

im Echoraum für letzte Ziele
starrt euch das immer Gleiche an
Die Hunde bellen früh und ohne Grund
sie lecken sich die Lefzen wund
Bleibt wo ihr seid — und fordert nichts
der Himmel rutschte in die Funktionale
und ließ seither kein Sinn-Finale
mehr zu
Der Alltag treibt ins Ungefähre
in Tranchen von Beliebigkeit
die Macht rückt vor
vermint das Feld der Gegenwart  
von nassen Dächern tropft die Zeit
und ihr Vergehn
entpuppt sich höhnisch als Verseh’n
trübt euer Schicksal ein

wir Kinder aber tanzten einst 
in der November Dunkelheit
rund um rote Grabeslichter
voll heißen Bluts
schien uns alles klar und dichter 


**Januar 2021**

*Früh am Bus*

Passagiere die in die 969 nach Horrem einsteigen
gezeichnet von Bildern der Nacht
benommen noch
und dem Alltag entrückt 
wie wenn ein ferner Chor
die Be-Troffenen
sanft geleiten wollte
an die Ufer der Flüsse von Babylon
um dort zu klagen 
gegen ihr biblisches Verstummen
 
beißender Morgenwind 
breitet sich in Wellen 
im Inneren des Busses aus
bis der Fahrer auf leichten Knopfdruck hin
die Türen wieder schließt
ohne die Tickets geprüft zu haben
müde Zärtlichkeit
verschattet sein Gesicht
wenn er sich den Schutzbefohlenen 
bei leise laufendem Motor
zuneigt

draußen aber treibt dichter Nebel
der sich im feuchten Atem
der Zurückbleibenden verfängt


**Nachmittags am Strand**

*Wir lagen schon tief in der Macchia 
als du endlich herankrochst* (Paul Celan)

Schatten
noch im Oktober
auf heißen Sand geworfen
gesäumt vom Rauschen 
der Unendlichkeit

Oh diese Botschaften
über die Meere
die Gier
nach dem Anhalten der Welt


