Ohne Hose im Netz des Bösen

Friedrich Merz ist der fleischgewordene Beweis dafür, dass alle schweigen, wenn der Kaiser nackt ist.

Das Image des besonders in Wirtschaftsfragen kompetenten Kanzlers ist nach über einem Jahr in der Regierung von Friedrich Merz gewichen. Mittlerweile gehen in den sozialen Medien Videos viral, die explizit seine Unbeholfenheit zur Schau stellen, indem sie zeigen, wie er mit Zweifingersystem in seinen Laptop tippt oder erklärt, dass er seiner Tochter einmal ein Holzbrett mit der Aufschrift „Work“ geschenkt habe. Ginge es nach Merz, so würde er zumindest gern wissen, wer es wagt, solche satirischen Zusammenschnitte in den digitalen Äther zu blasen. Der Bundeskanzler möchte „Klarnamen“ sehen, wie er unlängst zum Besten gab. Dabei scheint er selbst und auch sein Publikum nicht zu bemerken, wie unsinnig eine solche Forderung ist. Zumindest aber reiht sie sich ein in die sonstige Qualität seiner Aussagen.

Immer wenn ich den sogenannten deutschen Bundeskanzler sehe — also selbstverständlich nicht in echt, sondern nur auf Fotos und in kurzen Filmchen, bei denen ich fast immer den Ton wegdrehe —, immer wenn ich diese in Zwetschgenmanderlfasson gegossene antiproportionale Mixtur aus tölpischer Überheblichkeit und rasender Schimmerlosigkeit anschauen muss, denke ich unwillkürlich an Donald Duck.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich liebe Donald Duck, und in meiner bisherigen Lebensbilanz nimmt unter dem Posten „Lektüre“ Carl Barks wesentlich mehr Raum ein als Karl Marx, was nicht gegen letzteren, sicher aber für ersteren spricht. Aber es gibt da ein Detail, das mich schon als Kind beschäftigt hat: Donald ist so gut wie immer ohne Hose unterwegs. Und schon als Kind habe ich mich verblüfft gefragt, wieso das niemandem auffällt — nicht nur in der „Außenwelt“, die es schon damals sicher nicht geduldet hätte, wenn jemand im echten Leben oder auch nur im Fernsehen diesen modischen Spleen mit- oder nachgemacht hätte. Sondern auch in den Comics selbst, in denen allerdings kaum jemand mehr anhatte als Hemdchen und Jäckchen. Wenn zum Beispiel Superman, Silberpfeil oder Erik Ode als Kommissar so herumgelaufen wäre — na ja, ich will das nicht zu sehr zerlatschen.

Jedenfalls: Immer wenn ich diesen Merz sehe — und zwar seit bald dreißig Jahren —, geht es mir so ähnlich. Ich frage mich dann unwillkürlich: Sieht das keiner? Merkt das keiner? Wie konnte es geschehen, dass so einer mehr wird als das, was er ist: ein meinetwegen diesbezüglich talentierter Grußaugust der sogenannten „Finanzindustrie“? Die ich „sogenannt“ nenne, weil sie nichts herstellt, sondern nur kassiert — aber das ist ein anderes Thema.

Das mag sich paradox anhören: Wenn er nicht mehr geworden ist, als er ist — nämlich selbiger Pappkamerad, den man als solchen mit Deutschlandflaggenperücke auch mal in hochnotpeinliche Propagandasendungen hineinstellen und als eine Art Goldenes Kalb einer Nationalen Gehirnamputationssekte bejubeln lassen kann —, wieso rege ich mich dann auf?

Weil er halt zumindest nominell mehr geworden ist, nämlich unter anderem Vorsitzender einer sogenannten Partei — also eines Machtkonzerns, der früher mal eine Partei war und sich „christlich“ und „demokratisch“ nannte. Und damit mehr oder weniger Nachfolger unter anderem eines Jakob Kaiser, der zwar seine Fehler hatte und machte — unter anderem den, als Zentrumsabgeordneter Hitlers Infektionsschutz-, Verzeihung, Ermächtigungsgesetz zuzustimmen —, diese aber glaubhaft bereute und zumindest nachweislich einigermaßen denken konnte, seinen demokratischen Auftrag ernst nahm und kein Verbrecher war. Was man angesichts dessen, was sich heute unter dem Signet „CDU“ tummelt, leider dazusagen muss.

Der Merz ist aber noch mehr geworden: nämlich Bundeskanzler. Das heißt heute, nach Merkel und Scholz und all den öffentlich Vergessenen, die das im letzten Vierteljahrhundert auch schon mal fast geworden wären oder werden wollten, nicht mehr viel.

Die halbe diplomatische Welt meldet sich krank und schickt irgendeinen Büroboten vor, wenn mal wieder so ein Exemplar daherfliegt, um vor importierten deutschen Kameras Deutschlands Bedeutung zu betonen und irgendwelche pseudomoralischen Ratschläge zu geben. Es ist aber immerhin ein hohes öffentliches Amt; und obwohl auch in Deutschland selbst nur noch jeder fünfte oder sechste ehemalige Bürger einen Pfifferling auf den Kerl gibt und ihn nicht lieber als Nachtwächter in einem Atommüllendlager sähe, ist es trotzdem ein Amt, mit dem gewisse Privilegien verbunden sind. Zum Beispiel, sich auf einem CDU-Parteitag in einem zehnminütigen Pfeifen-im-dunklen-Wald-Zwangsapplaus zu suhlen, der vorbelastete Verschwörungsverschwörer unwiderstehlich an lange zurückliegende Szenen in einem Berliner Sportpalast erinnerte — die sich lustigerweise fast auf den Tag genau 83 Jahre zuvor ereignet hatten. „83“, liebe „Kontext“-Verschwörungsmythologen, ist übrigens eine Chiffre für „HC“, also „Hardcore“ oder „Hitler-Comeback“ oder beides; aber das nur am unernsten Rande.

Zwei Tage vor diesem Parteitag, also exakt zum Jahrestag von Goebbels’ „Totalem Krieg“, plärrte der Merz auf einem „Politischen Aschermittwoch“ — der an diesem eigentlich „stillen“ Feiertag nur stattfinden darf, weil dabei keinerlei Anflüge von Belustigung und Freude zu befürchten sind — Folgendes: „Ich möchte Klarnamen im Internet sehen! Ich möchte wissen, wer da sich zu Wort meldet!“ Was nichts anderes bedeutet als — um einen notorischen ehemaligen BKA-Chef zu zitieren, der das etwas höflicher formulierte: „Man kann diesen Leuten nur raten, ihren unsinnigen Kampf doch aufzugeben und nicht den Weg zu gehen, der sie in einen solch schrecklichen Tod führt — aufzugeben, denn das kann man wohl sagen: Wir kriegen sie alle!“

Bis vor kurzem wusste ich nicht, was ein „Klarname“ sein könnte oder soll. Der zwanzigbändige Brockhaus schweigt, und selbst in meinem aktuellsten Duden klafft eine unsichtbare Lücke zwischen Klärmittel und Klarschiff. Dass in „Dollheimers Großem Buch des Wissens“ von 1938 so etwas nicht zu finden ist, kann man sich denken.

Aber das verweist auf einen interessanten Aspekt des real existierenden Totalitarismus: Auch Hitler, Goebbels, Himmler und Konsorten hätten sicher gerne verlangt, dass jeder Verfasser eines widerständigen Flugblatts dieses mit seinem „Klarnamen“ unterzeichnet. An so was haben die aber gar nicht gedacht, weil der Totalitarismus damals sozusagen noch nicht mal in den digitalen Kinderschuhen steckte, sondern kaum Füße hatte und auf einen rudimentären „Verfassungsschutz“ namens „Geheime Staatspolizei“ und ganz private Denunzianten angewiesen war, die weder Meldeportale noch millionenteure GONGOs wie „Demokratie leben“ und Hetzagenturen wie „Volksverpetzer“ zur Verfügung hatten, sondern ganz einzeln petzen und sich dafür spätestens hinterher schämen mussten.

Da sind wir heute viel weiter. Die Kommunikation der tapferen Regimegegner findet — der Umerziehung per „Lockdown“ sei Dank — im sogenannten „digitalen Raum“ statt, der sich viel besser überwachen lässt als tausende heimliche Hinterzimmer. Aber halt noch nicht ganz gänzlich und perfekt. Und da fällt einem rüpeligen Rammbock halt nichts besseres ein als „Klarnamen her! Dann kriegen wir euch alle!“

Hm. Ich habe keine Ahnung, wie viele Friedrich Merze es in Deutschland oder im Internet gibt, auch nicht, wie viele Michael Sailers, Franz Meiers, Julia Schmidts, Mohammed Amadous, Mario Sanchez’, Suleiman Batombos, Deng-Shi Lis, Lasse Hellströms, Jack Millers, Katarina Bogdanovs, Jean-Luc sonst was und so weiter. Ich ahne aber: Es sind, abgesehen von Ausnahmen wie „Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf“ oder „Ziehende Wolke über dem Tal, das die Büffel tränkt“, doch meistens jeweils ziemlich viele, an deren möglicher Verwechslung mit einer „Klarnamenpflicht“ nichts zu schrauben und zu bewirken ist.

Da muss schon mehr getan werden, um eine „Sicherheit“ zu gewährleisten und böswillige Täter abzustrafen, zu züchtigen und zu ächten, wenn sie mit ihrer perfiden Taktik von Hess und Hatze brave Volksgenossen desinformieren und es ihnen durch gezielte Verunsicherung erschweren, den Befehlen der Führer bedingungslos zu folgen und sich den Anforderungen des Kriegs gegen das Böse zu unterwerfen!

Ich erinnere mich an einen Mitschüler, der auf die Frage unseres Lateinlehrers, wie er uns ansprechen solle, nicht etwa auf „Klarnamen“ bestand — die es damals noch gar nicht gab —, sondern antwortete: „Sie können uns auch mit der Schuhgröße anreden.“

Und was ist, wenn sich der „Klarname“ ändert? Wenn ich zum Beispiel nächste Woche feststelle, dass die Begeisterung für gewisse bisexuell anmutende Glamrock-Stars in meiner Kindheit nicht etwa ein Anflug der üblichen pubertären Dysphorie war, sondern ein Beweis dafür, dass ich statt Michael lieber Jessica oder Jacqueline oder Sonja heißen sollte? Wechseln dann alle meine früheren Schimpfkanonaden in diversen „sozialen Medien“ bis zurück zum Sanktnimmerleinstag der Internetgeburt ebenfalls automatisch ihr Gender und den „Klarnamen“ und formulieren sich womöglich selbsttätig um in ein typisches Schreckschraubengezeter?

Ich weiß das alles nicht. Ich bin jedoch unter Umständen bereit, „sicher“ zu sein und mich zumindest versuchsweise im warmen Schaumbad der Propaganda zu suhlen, wenn mir das jemand detailliert erläutern kann, weil es mich sonst verunsichern könnte, und zwar noch mehr, als mich die Verunsicherung der Sicherheit durch unsichere Verunsicherer ohne „Klarnamen“ verunsichern könnte. Und deshalb frage ich.

Aber ich erwarte keine Antwort. Die Forderung nach einer „Klarnamenpflicht“ im Internet belegt nur zwei Dinge: Auf der einen Seite die vernagelte Blödheit einer Schießbudenfigur von Grußaugust, der geistig nur deshalb nicht im 18. Jahrhundert steckengeblieben ist, weil man damals Wert auf Bildung legte, wenn einer „regieren“ wollte, und weil er gar nicht bis 18 zählen kann, weil seine Grundrechenarten erst bei einer Milliarde anfangen. Und auf der anderen Seite die vor ein paar Jahren noch als „Verschwörungstheorie“ gegeißelten, inzwischen — im Zuge der „Epstein-Files“ — sogar von der schärfsten Regimepropaganda zaghaft als echte, reale Verschwörung annoncierten Pläne einer ultrabösartigen, ultrareichen und ultramächtigen Pseudoelite von perversen Irren, den Widerstand gegen ihren galoppierenden Wahnsinn dadurch zu ersticken, dass man jeden einzelnen Untertan bis in den letzten Zellkern katalogisiert, programmiert und Tag und Nacht überwacht. Wofür es allerdings ein bisserl mehr braucht als einen „Klarnamen“, und genau den braucht es wahrscheinlich gar nicht. Das Theater, das der komische Kanzler da macht, ist lediglich eine komödiantische Ablenkung von dem, was derweil im gleichen Sinne hinter den Kulissen inszeniert wird: eben die totale Kontrolle aller menschlichen Wesen als Grundlage für deren totale Steuerung in einem postpolitischen Ameisenstaat.

So geht das nun mal, wenn man der Gier nach Macht, die die Spezies Homo sapiens vor etwa fünftausend Jahren befiel wie ein kollektives Krebsgeschwür, sämtliche demokratischen, moralischen, ethischen, politischen und ganz real handgreiflichen Zügel abnimmt und ihr einfach freien Lauf lässt: Dann unterwirft und vernichtet sie erst alles andere und am Ende sich selbst. Die erwähnten „Epstein-Files“ erzählen davon Geschichten, die für 1.000.001 Nacht hinreichen — und in denen übrigens so gut wie sämtliche relevanten „Klarnamen“ geschwärzt sind.

Da staunen jetzt manche, die sich nicht mehr an das erinnern mögen, was die schlimmen „Leugner“ ihnen schon im Frühling vor sechs Jahren, vor zwölf Jahren, vor fünfundzwanzig Jahren zu erklären versuchten. Ja mei. Wenn ihr so gar keine Lust habt, euch damit zu beschäftigen, was zum Beispiel in Deutschland zwischen 1933 und 1945 und seit 2020 passiert — dann lest doch einfach mal einen Klassiker: die „120 Tage von Sodom“. Die hinterließ der Marquis de Sade vor 230 Jahren der Nachwelt, um sie in einem Akt der radikalen Selbstentlarvung darauf aufmerksam zu machen, was bei so etwas herauskommt, wenn man nicht rechtzeitig oder wenigstens irgendwann einen Riegel der Zivilisation dazwischenhaut: Dann drehen „die da oben“ durch. Die Pflicht zum „Klarnamen“ ist da nur ein winziges Hühnertapperl auf dem Weg in den nächsten Abgrund.

Und dann, wenn auch die sturköpfigsten Verschwörungsleugner das begriffen haben, dann reden wir vielleicht mal über Politik. Um die geht es in den erwähnten „Epstein-Files“, ebenso wie schon in den leider wirksam vertuschten „RKI-Files“, nämlich auch — oder vielmehr: vor allem.


Ohne Hose im Netz des Bösen — Belästigungen #44(2)

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