Politisch entfreundet
Die Spaltung in der Gesellschaft hat sich ernorm vertieft — dies beeinflusst zunehmend auch unsere Freundschaften und Beziehungen.
Neben zunehmenden finanziellen Problemen und Zukunftsängsten gibt es ein weiteres Thema, das immer mehr Menschen umtreibt: Viele berichten, dass sich ihr soziales Umfeld in den letzten Jahren spürbar verändert hat. Enge Freunde gingen verloren, Partnerschaften zerbrachen und Familienbande wurden durchtrennt. Wie können wir unsere Beziehungen trotz unterschiedlichster politischer Meinungen aufrechterhalten? Und sollten wir es überhaupt?
Schweigen oder streiten?
„Das muss eine Freundschaft doch aushalten!“ — So wurde mir immer wieder gesagt, wenn ich mich darüber beklagte, dass ich mit bestimmten Freunden nicht mehr auf eine Wellenlänge kam. Und früher, also viel früher, da war das auch so, da stimmte das. Da war dieser eine gute Freund, der immer voller Überzeugung die CDU wählte, während meine anderen Freunde und ich ganz klar zur Fraktion der SPD- oder Grünen-Wähler gehörten. Das tat unserer Freundschaft aber keinen Abbruch, wir kamen alle damit klar. Wir lieferten uns darüber keine unangenehmen Wortgefechte.
So nahm ich beispielsweise eher erstaunt zur Kenntnis, dass besagter Freund und noch ein anderer aus dem konservativen Lager 1990/91 vehement für ein US-amerikanisches Eingreifen im Irak plädierten und Bomben auf Bagdad — „Saddam muss weg“ — forderten, während sie selbst mit allerlei Tricks und Attesten um den damals vorgeschriebenen Wehrdienst herumgekommen waren. Militär war nicht so ihre Sache, Ersatzdienst leisteten sie auch nicht. Dagegen waren ich und meine anderen rot-grünen Freunde strikt gegen jegliche westliche Militäraktionen, wurden zu überzeugten Pazifisten und hatten doch alle brav beim Bund gedient. Seltsam, nicht wahr? Würden wir heute auch noch über so etwas lachen, oder würden wir nicht eher darüber streiten und uns vielleicht sogar darüber entzweien?
Warum funktionierte damals etwas, was heute nicht mehr oder nur sehr schwierig zu funktionieren scheint? Vielleicht habe ich früher einfach viel weniger politisch gedacht, nahm meine politischen Meinungen weniger wichtig als heute. Aber vielleicht reichte damals auch die Politik nicht so tief in unser Leben hinein. 1970er, 1980er, 1990er-Jahre, es ging uns doch gut, mehr oder weniger. Selbst der damalige Kalte Krieg mit dem vielbeschworenen roten Knopf schien lange nicht so bedrohlich zu sein wie die heutige Zeit, in der ein Krieg mit Russland geradezu herbeigeredet wird und die Bundesregierung die Rüstungsausgaben in astronomische Höhen schraubt. Rund ein Drittel des Haushalts soll fürs Militär draufgehen, Tendenz steigend.
Das heißt, wir spüren heute die Auswirkungen der allgegenwärtigen Dauerkrise — Zeitenwende oder Neues Normal genannt — viel direkter als damals, die Bedrohungen rücken näher, und manchen scheint es, als lauerten die größten Bedrohungen in Berlin und Brüssel, während andere sie in Moskau oder Peking wähnen.
Die Dauerkrise, die spätestens mit der Coronazeit 2020 ihren Anfang nahm, oder schon 2015 mit der Flüchtlingsbewegung, die sich mit dem Ukraine- und jetzt mit dem Iran-Krieg fortsetzte, hat unser Leben bereits spürbar verändert. Nicht nur im Geldbeutel, auch die enorm wachsenden Krankenstände können durchaus als Auswirkungen einer Dauerkrise gelesen werden. Wenn Menschen über Jahre permanent in Angst und Schrecken gehalten werden — fast hätte ich die „Klima-Krise“ vergessen —, dann muss sich das zwangsläufig auf ihre geistige und körperliche Gesundheit auswirken. Und selbst die, die der Dauerbeschallung aus den Medien trotzen und einfach nicht mehr hinschauen und hinhören, weil sie längst die Propaganda durchschaut haben, verlieren sich zuweilen im breiten Angebot der alternativen Medien, die leider manchmal ebenfalls heftige Ängste schüren — „Der große Crash ist ganz nah!“.
Vor fünf Jahren sagte eine Freundin und Kollegin zu mir, sie wäre sehr enttäuscht und sauer, wenn ich ihr die Freundschaft kündigen würde, nur weil wir in Sachen Coronapolitik sehr unterschiedliche Ansichten hätten. Aber für mich war das kein „nur“, es war elementar. Ich sagte ihr, das sei nicht mehr wie früher, als der eine Freund die CDU und der andere die SPD wählte, und sie sich trotzdem gut verstanden, heute gehe es ans Eingemachte. Wenn sie zum Beispiel strenge 2G-Regeln befürworte, dann sei das für mich nicht einfach nur eine andere Ansicht, es sei ein direkter Angriff auf mich, den Ungeimpften, den sie damit aus der Gesellschaft weitgehend ausschließen wolle.
Ich weiß nicht, ob sie mich verstanden hat, wir haben heute keinen Kontakt mehr. Zwar habe ich ihr nicht offiziell die Freundschaft „gekündigt“, aber ich habe die Freundschaft nicht mehr weiter gepflegt, und sie auch nicht. Vielleicht war ich in ihrem Fall auch besonders kritisch, weil sie wie ich Journalistin war und ich beim besten Willen nicht verstehen konnte, warum sie diese ganze Coronapolitik nicht hinterfragte und all die haarsträubenden Widersprüche nicht sah. Zwei weitere Freunde, die auch als Journalisten tätig sind, habe ich ebenfalls in dieser Zeit verloren. War ich selbst zu streng, zu ungnädig? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Ich hege keinen Groll gegen sie, aber es ist etwas zerstört worden, was offenbar der Kitt für eine funktionierende Freundschaft ist — eine gemeinsame Wertebasis, ein gemeinsamer Nenner.
Gehen oder bleiben?
„Dann sprich doch einfach nicht mehr über politische Dinge mit ihnen“, wurde mir geraten. Aber das ist leicht gesagt, wenn selbst das Gespräch über den Urlaub im Süden vom omnipräsenten Klimawandel überschattet wird. Man unterhält sich, versucht jedoch permanent, irgendwelchen möglichen Tretminen auszuweichen. Das ist sehr anstrengend. Besonders hat mich zuletzt getroffen, als sich zeigte, dass einer meiner allerbesten, langjährigen Freunde und ich kaum mehr zueinanderfinden. War es das jetzt? Ich weiß es nicht, aber es ist für mich nur schwer auszuhalten, wie er all die Themen wiederkäut, die von den öffentlich-rechtlichen Medien vorgegeben werden: Russland, Israel, Klima, Corona, Gender und so weiter. Er verteidigt diese Medien vehement, während ich sie scharf kritisiere. Als Menschen schätze ich ihn weiterhin sehr, doch ich kann meine Ansichten nicht so einfach beiseitelegen.
Unsere Ansichten, Meinungen und Überzeugungen haben sehr viel mit unserer Erziehung und Sozialisation zu tun, wir suchen uns das nicht völlig frei und unwillkürlich aus. Und diese Einsicht hilft mir sehr, Verständnis für andere Überzeugungen zu haben, auch wenn ich sie nicht teile. Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus all den Erfahrungen ziehen kann: dass ich den Freund, die Freundin, als Menschen weiterhin sehr schätzen kann, auch wenn einer der Eckpfeiler weggebrochen ist, die eine Freundschaft nun mal braucht.
Ich muss mir jedoch selbst treu bleiben, kann mir nicht ständig auf die Zunge beißen und mit meiner Meinung hinter dem Berg halten. Und vielleicht liegt darin eine mögliche Lösung: Einfach ehrlich zu sein, zu sich selbst und den anderen. Es hat keinen Sinn, sich zu verbiegen und seine Ansichten aus Prinzip zu verschweigen.
Ich will offen sein, mit dem anderen reden, ihm sagen, wie ich die Dinge sehe, vielleicht auch sagen, welche Partei ich zu wählen gedenke. Mit einem anderen alten Freund habe ich damit gute Erfahrungen gemacht. Ich empfand es als erleichternd, nicht mehr um den heißen Brei herumzureden und sich offen zu dem zu bekennen, was ich wirklich denke.
Was jeder — aus meiner Erfahrung — unbedingt vermeiden sollte, ist, im Gespräch mit anderen zu „psychologisieren“. Von Freunden, Familienmitgliedern und Partnern weiß man üblicherweise viel mehr persönliche, intime Dinge als von anderen. Dieses Wissen sollte man keinesfalls als Argument in das Gespräch einbringen, auch nicht als Erklärungsversuch. Zu sagen: „Du hast diese Ansichten vermutlich nur, weil du als Kind …“, ist fatal. Es bedeutet, dass man die Meinung des anderen relativiert und nicht ernst nimmt. Ebenfalls hilfreich ist es meiner Meinung nach, immer im Hinterkopf zu behalten, dass wir uns am Ende alle täuschen können, so überzeugt wir auch von unserer Haltung sein mögen.
Glücklicherweise ticken einige meiner alten Freunde ähnlich wie ich, und erfreulicherweise habe ich in der Zeit der Coronakrise einige neue nette Menschen kennengelernt, die ich mich inzwischen traue, Freunde zu nennen. Insofern habe ich ein lachendes und ein weinendes Auge.
Alles hat seine Zeit, auch Freundschaften und Beziehungen. Manche bleiben, manche gehen. Alles kein Grund, im Groll zurückzuschauen und Vorwürfe zu machen.
Auch sich selbst nicht. Ich habe einige Türen hinter mir zugemacht, aber ich habe sie nicht zugeknallt und nicht verschlossen. Ich bin offen dafür, was das Leben noch an Veränderungen bringen mag.