Raus aus der klebrigen Matrix
Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß.
Wir fallen zu schnell in die klebrige Matrix. Und dagegen setzt Dirk C. Fleck seine funkelnden Textsplitter, verspielten kleinen Cumuli-Wolken gleich. Nein, er rennt vor dem Schweren nicht davon, im Gegenteil. Er zielt darauf, um es zu verwandeln. Zwischen Tod und Erotik oszillieren seine Zeilen in diesen Splittern und retten damit die Sinnlichkeit, die in diesen Tagen unter alle Räder gerät. Am Ende steht keine Glättung, kein Ausblenden des Schrecklichen, vielmehr eine andere Gültigkeit. Eine von drüben ...
Wie man ein Defizit nutzen kann, habe ich in der Schweiz erfahren, als ich während eines Vortrages feststellen musste, dass sich die Batterien meiner Hörgeräte ausgerechnet in dem Moment verabschiedeten, als ich mit dem Publikum in einen Dialog treten wollte. Da ich die Fragen rein akustisch nicht verstand, stieg ich kurz entschlossen vom Podium und gesellte mich den Fragestellern an die Seite. Auf diese Weise kam es zu sehr persönlichen Begegnungen, die auf das Auditorium abstrahlten und eine Atmosphäre des Vertrauens schufen. Die Achtsamkeit, der Respekt füreinander, die zungenlösende Nähe — all das vermittelte mir das Gefühl, als würde ich auf unsichtbaren Schwingen durch den Raum getragen. Ich hörte mich reden und fragte mich, wer da wohl durch mich sprach. Behutsamer und gleichzeitig eindringlicher hätte ich mich dem Thema TOD nicht nähren können, um das es an diesem Abend ja ging.
Der Vortrag fand im Anschluss an den Film „Das Ende ist mein Anfang“ statt. Der Film basiert auf einem Interview von Folco Terzani mit seinem Vater Tiziana. Der bekannte italienische Journalist und Schriftsteller Tiziano Terzani (1938 bis 2004, in dem Film gespielt von Bruno Ganz) reflektiert, teils in ungewöhnlich humorvoller Form, seine Erkenntnisse über das Leben und Sterben, insbesondere über seinen bevorstehenden Tod aufgrund einer Krebserkrankung. Am Schluss der Veranstaltung, so schien es, hatte jeder der Anwesenden das Gefühl, ein Stück lebendiger geworden zu sein. Ich auch.
Warum erzähle ich das? Weil wir nach der gelegentlichen Einsicht, dass der Tod im Zyklus des Lebens unabdingbar ist, sehr schnell zurück fallen in die klebrige Matrix der Täuschung, die wir zu gerne für die Realität halten, selbst wenn sie uns beständig mit Ängsten unterfüttert — in der wir eigentlich schon tot sind. „Tod ist, wenn einer lebt und es nicht weiß,“ hat Rilke gesagt.
Da fällt mir ein, was Sean Penn, dieser US-amerikanische Schauspieler, Filmregisseur und Drehbuchautor, in einem Interview von sich gab. Es erklärt unsere willfährige Gesellschaft recht gut:
„Wissen Sie, was ich glaube? Dass wir in eine Welt hineingeboren wurden, in der sich niemand mehr die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist — und all diese Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen Menschen, die sich diese Zeit nehmen.“
Wer sich jedoch diese Zeit nimmt, wer also aus der Norm tritt, der ist nicht länger manipulierbar. Wir haben ja nur uns selbst. Wir sind das einzige Medium, das uns die Welt erklärt, unsere Sinne und unser Herz sind es, über die wir sie wahrnehmen, die uns demütig und ehrfürchtig werden lassen.
Was für ein süßes Gefühl, wenn man die Verbundenheit mit allem Lebendigen zu spüren beginnt und sich nicht mehr unter das Joch jener stellt, die in ihrer Egomanie sämtliches Leben mit Füßen treten, um es auf grausamste Weise zu beherrschen.
Es gibt ja keine Zufälle, und so ist es auch keiner, dass mir vor ein paar Tagen ein Buch geschenkt wurde, das ich seitdem als tägliches Doping in kleinen Dosen zu mir nehme. Autor ist der Biologe und Philosoph Andreas Weber (Jahrgang 1967), der mit „Lebendigkeit“ einen Titel gewählt hat, wie er auf den ersten Blick banaler nicht hätte sein können. Doch der Untertitel macht extrem neugierig: „Eine erotische Ökologie“. Schon mal gehört den Begriff? Ich nicht, obwohl er mitten ins Herz trifft. Der Autor geht in brillanter Sprache der Frage nach, wie wir die Welt berühren und uns von der Welt berühren lassen.
„Nicht einsame, autonome, souveräne Wesenheiten bevölkern die Welt,“ schreibt er, „vielmehr besteht diese aus einem beständig oszillierenden Netz von dynamischen Interaktionen, in den sich alles durch das andere verwandelt. Die Beziehung zählt. Das ist der erotische Grundfaden, der aus den Dingen beständig andere macht. Dabei ist der Tod unvermeidbar, aber der Tod erst macht die Welt lesbar. Und diese in begehrenden, zerbrechlichen Leibern geschriebene Schrift versteht jedes Wesen gleichermaßen. Der Stoffwechsel verwandelt die Materie in unserem gemeinsamen Körper. Und dessen Verletzlichkeit schmiedet uns in einem gemeinsamen Geist zusammen.“
Für all jene, die in Verbindung geblieben sind, die ihre Neugierde und Sehnsüchte bewahrt haben, denen Friede mehr ist als ein beständiges Zittern vor dem großen Knall, ist die augenblickliche Situation unerträglich geworden. Wie kann es sein, dass die Mehrheit unseres Volkes unter der Knute wild gewordener Kriegstreiber begeistert abnickt, dass die Medien ihr propagandistisches Feuerwerk tagtäglich in den Hirnen von Millionen zünden dürfen, ohne dafür von ihren Konsumenten abgestraft zu werden?
Der Psychotherapeut Stanislav Grof benennt die Ursachen dafür:
„Alle Erfahrungen geänderter Bewusstseinszustände werden ganz automatisch als psychotisch bezeichnet und in den meisten Fällen mit unterdrückender Pharmakotherapie behandelt. Wir haben praktisch die gesamte spirituelle Geschichte der Menschheit pathologisiert.“
Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973) beschrieb unsere Ohnmacht sehr eindrucksvoll in dem folgendem Gedicht, das wie ein einziges trauriges Kopfschütteln anmutet:
Wir kommen ungefragt und müssen weichen.
Doch dass wir sprechen und uns nicht verstehen
und keinen Augenblick des anderen Hand erreichen,
zerschlägt so viel: wir werden nicht bestehen.
Vielleicht sollten wir uns einfach wieder mehr Geschichten erzählen, anstatt bis zur Erschöpfung gegen ein System zu kämpfen, das sich von ganz allein abschaffen wird. Es sollten spannende Geschichten sein, Liebesgeschichten, aufregende, abenteuerliche, stille Geschichten — Geschichten, über die wir des Anderen Hand erreichen…
Mullah Nasrudin ist der berühmteste Schelm der Welt. Man kennt ihn in China, in Indien, in Teilen Afrikas, in Israel und im Nahen Osten. Nasrudin soll in der Türkei gelebt haben, wo er im Jahre 1208 starb. Es gibt hunderte Anekdoten über ihn. Diese hier mag ich besonders:
Ein Anhänger traf ihn auf einem Marktplatz in Bagdad.
„Oh, weiser Nasrudin“, sagte der eifrige Schüler, „ich muß euch eine äußerst wichtige Frage stellen, wir alle suchen die Antwort darauf. Was ist das Geheimnis des Glücks?“ Nasrudin dachte eine Weile darüber nach, dann antwortete er: „Das Geheimnis des Glücks ist ein gutes Urteilsvermögen.“ — „Ahh“ sagte der Schüler, „und wie bekommen wir ein gutes Urteilsvermögen?“ — „Durch Erfahrung“, antwortete Nasrudin. „Ja“, erwiderte der Schüler, „aber wie erlangen wir Erfahrung?“ — „Durch ein schlechtes Urteilsvermögen.“
Urteilen wir also selbst.
Beantworten wir uns die Frage, ob vor dem Great Reset hier alles mit rechten Dingen vor sich geht. Und ob es nicht besser ist, wieder zu uns selbst zu finden, dorthin, wo die Manipulationsversuche der armseligen Weltenbeherrscher ins Leere laufen.
Wo uns jeder Atemzug, der uns vergönnt ist, wie ein Kuss des Lebens erscheint. Ein Leben, das in seiner Vielfältigkeit und Vergänglichkeit akzeptiert und geliebt wird. Bis über den Tod hinaus, der uns wieder einbinden wird in das unerschöpfliche Energiemeer, dem wir entsprungen sind und auf dessen kurzfristigem Wellenschlag wir als glitzernder Tropfen Gestalt annehmen durften.