Rohstoff Angst

Der Kapitalismus ist mit ursächlich dafür, dass Depressionen zu einer Volkskrankheit geworden sind. Exklusivauszug aus „Exodus. Aufbruch in eine neue Gesellschaftsordnung“.

Ist der pandemische Albtraum jetzt vorbei? Nein, Depressionen sind noch immer auf dem Vormarsch. Selten sind sie Medienthema, und wenn doch, ist die Angelegenheit mit einem gut gemeinten Psychologeninterview abgetan. Das Leiden der Betroffenen geht weiter. Die Therapieplätze werden rar, und selbst wer einen ergattert, tut sich schwer, in einem kranken Wirtschaftssystem nachhaltig zu genesen. Steigender, entgrenzter Arbeitsdruck, der auch die Freizeit überwuchert, machen das Innehalten für Arbeitnehmer zu einem Luxus, der mit dem Gefühl individuellen Versagens vergiftet ist. Die Angst zu scheitern, nicht mehr mithalten zu können in diesem erbarmungslosen Rattenrennen, geht um. Ebenso wie man dafür aber nicht nur den einzelnen Arbeitenden verantwortlich machen kann, wäre es verfehlt, ausschließlich diesen oder jenen Arbeitgeber anzuklagen — so als müssten nur genügend Menschen einen besseren Job finden, damit die Depression als Volkskrankheit der Vergangenheit angehört. Das System des Kapitalismus selbst ist es, das die Menschen in Kollaps und Antriebslähmung treibt. Ein Auszug aus dem Buch „Exodus. Aufbruch in eine neue Gesellschaftsordnung“ von Ernst Hellmann.

Dieses Kapitel setzt sich mit den Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik für das Individuum Mensch und die menschliche Gesellschaft auseinander und greift das aktuelle Thema „Volkskrankheit Depression“ auf.

Dazu schreibt Cornelia Beuel:

„Jede Zeit hat ihre Krankheiten. So gab es Phasen, die durch virale oder bakterielle Infektionen gekennzeichnet waren. Zumindest in Europa und der westlichen Welt bestimmen — nicht zuletzt durch verbesserte Lebensbedingungen und geeignete Medikamente — diese Krankheiten nicht mehr den Alltag. Das 21. Jahrhundert scheint, pathologisch betrachtet, neuronal bestimmt zu sein: Depression, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom), Borderline Persönlichkeitsstörung, Burnout-Syndrom und so weiter und so weiter. Nicht Infektionen, keine biologischen Erkrankungen, sondern seelische Zusammenbrüche, „psychische Infarkte“ markieren zusehends die pathologische Landschaft unserer Zeit. Ganz oben steht die Depression. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird sie in nur zehn Jahren die zweithäufigste Volkskrankheit sein. In Deutschland sind derzeit 5,8 Millionen Menschen betroffen. Das sind sechs Prozent der Bevölkerung, die stationär behandelt werden müssen. Ihre Zahl hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt“.

Wenn man nur die erwerbsfähige beziehungsweise erwerbstätige Bevölkerung in Deutschland betrachtet, ergibt sich ein noch bedeutungsvolleres Bild. Von den circa 42 Millionen Menschen, die einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, sind circa 15 Prozent von einer depressiven Krankheit betroffen.

Arbeitsdruck und Stress belasten die Berufstätigen in Deutschland. Im Jahr 2012 lag die Zahl aller Arbeitsunfähigkeitstage, die auf psychische Probleme und Verhaltensstörungen zurückgehen, bei rund 61,5 Millionen. Mehr als jeder sechste Krankheitstag fällt in diese Kategorie.

Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die dem Spiegel vorliegt. Als Gründe für die Zunahme werden wachsende berufliche Leistungs- und Flexibilitätsanforderungen sowie unterbrochene Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit genannt.

Frau Beuel meint weiter:

„Ob Führungskraft oder Geringverdiener, selbst ernannte Leistungselite oder sogenanntes „Prekariat“, ob Workaholic oder erwerbslos — die Depression mäandert durch alle Altersgruppen, Bildungsschichten und Gehaltsklassen. Für die Pharma- und Wellnessindustrie, für Psychotherapeuten, Ratgeberschreiber oder andere Experten für die Seele ist das gewiss ein lukratives Geschäft. Doch allmählich wird es zu teuer, wie den Klagen von Unternehmen wegen Arbeitsausfällen oder den periodisch erscheinenden Krankenkassenberichten zu entnehmen ist. Die soziale Frage wird dabei weitgehend vermieden. Wer aber die falschen Fragen stellt, bekommt — wenn nicht gerade falsche — so doch unzulängliche Antworten. Sind die psychischen Symptome der klinisch Behandlungsbedürftigen das Resultat ihrer individuellen Lebenssituation? Handelt es sich bei den Betroffenen nur um bedauerliche Einzelfälle? Oder geben die Erkrankungen Auskunft über den Zustand der Gesellschaft? Vieles deutet darauf hin, in der Depression, insbesondere der Erschöpfungsdepression, dem Burnout-Syndrom, eine psychische Manifestation unserer pervertierten „Kultur“ zu sehen, die den Wert des Subjektes mehr denn je ausschließlich an seinem „Marktwert“ misst und als Diktum in Köpfe und Seelen hämmert, bis sie kollabieren. Die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche zeigt hier ihre verborgene destruktive Kehrseite.“

Cornelia Beuel macht darauf aufmerksam, dass eine halbe Million Heranwachsender trotz Erwerbsarbeit auf Hartz IV angewiesen ist, weil ihr Einkommen für das Auskommen nicht reicht. Millionen Älteren in allen Beschäftigungszweigen geht es nicht anders. Längst sind US-amerikanische Verhältnisse auch in der bundesdeutschen Realität angekommen. Die „working poor“ gehören seit 2003, mit Einführung der Agenda 2010, zum Geschäfts- und Erfolgsmodell. Dank der damaligen SPD/Grünen-Bundesregierung, die damit die Steilvorlage zur weiteren Verschärfung sozialer Demontage für die nachfolgenden Re-gierungen geliefert hat.

Nach Berechnungen der Nationalen Armutskonferenz bestand 2012 für 15,8 Prozent der Bevölkerung eine akute Armutsgefährdung. 13 Millionen Menschen verfügen über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Zurzeit sind das 952 Euro für Alleinstehende. Deutschland ist zu einem Eldorado für Lohndumping geworden. Diese bedrückenden Tatsachen werden von der Bundesregierung bewusst verschwiegen. Warum? Weil die systematische Verarmung seit Langem geplant und politisch gewollt ist. Es geht darum, eine stille Reservearmee von Erwerbslosen und arbeitenden Armen zu schaffen. „Die Angst vor Arbeitsplatzverlust war seit jeher ein probates Mittel des Kapitals, um lohnabhängig Beschäftigte zu schwächen und zu disziplinieren.“

In seinem Werk Der flexible Mensch (The Corrosion of Character), 1998, beschreibt Richard Sennett, ein US-amerikanischer Soziologe, die Auswirkungen des neuen Flexiblen Kapitalismus auf den Charakter.

„Durch die Flexibilisierung der Arbeitswelt verlieren Wertvorstellungen und Tugenden an Bedeutung: zum Beispiel Treue, Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsethos ebenso wie die Fähigkeit, auf sofortige Befriedigung von Wünschen zu verzichten und Ziele langfristig zu verfolgen. Gründe für diese Entwicklung sind die Beschleunigung der Arbeitsorganisation, die stetig wachsenden Leistungsanforderungen, die zunehmende Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse sowie die Notwendigkeit, jederzeit aus beruflichen Gründen den Wohnort zu wechseln.“

Das „flexible Selbst“, so Sennett, mutiert zum immer „erschöpfteren Selbst“. Im Rahmen einer IG-Metall-Aktion gegen Leiharbeit im März 2012 wurde folgender Protest auf eine Wand gesprüht:

„Ich will Arbeit-Geld-Familie-Zukunft.“

Die polemischen, den Arbeitnehmern gegenüber geringschätzigem Worte des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder — dem Arbeitersohn — im Januar 2005 vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos: „Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Damit wurden die Weichen gestellt und die Schicksale für Millionen Menschen in unserem Land besiegelt. „Marktkonforme Demokratie“ sagt dazu die heutige Kanzlerin. Von Gerechtigkeit des Sozialstaates kann in diesem Zusammenhang selbst der größte Optimist nicht sprechen.

Aus den Medien wurde bekannt, dass die Bundesregierung den Armuts- und Reichtumsbericht 2012 an entscheidenden Stellen umarbeiten ließ, ihn geschönt hat. Die Opposition reagierte empört und warf der Regierung unter Führung der Bundeskanzlerin Merkel unter anderem vor, die wachsende Ungleichheit zu vertuschen und anstatt die richtigen politischen Schlussfolgerungen zu ziehen, missbrauche sie den Bericht mit dreisten Verfälschungen zur Manipulation der öffentlichen Meinung, um ihre zahlungskräftige Klientel zu schützen. Der „Schattenbericht“ zur Armut und sozialen Ausgrenzung in Deutschland, erarbeitet und vorgelegt von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Gewerkschaften, der die akute Armutsgefahr durch die schamlose Ausweitung des Niedriglohnsektors belegt, wurde von der Bundesregierung ignoriert.

Die Bilanz: Der „Sozialstaat“ baut seine Sozialkomponenten ab. Heute wachsen nicht Löhne sondern Armenküchen, Tafeln genannt, und die Bezieher von Hartz I bis IV wachsen mit.

Währenddessen vergrößert sich die Diskrepanz zwischen Managergehältern und Beschäftigteneinkommen nach dem „Verteilungsbericht 2012“, einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung immer weiter. Es schuften Abertausende in miesen Jobs für Hungerlöhne, von denen keiner menschenwürdig leben kann.

Ein DAX-Vorstand verdient circa 54-mal so viel wie der durchschnittliche Angestellte im gleichen Unternehmen. Es scheint alles möglich und alles zumutbar — dank des Hartz-IV-Kartells.

Dazu bemerkt Cornelia Beuel provokativ:

„Der Verwertungsmaschinerie für das jederzeit austauschbare ,Humankapital‘ — allein dieser Begriff spricht Bände — sind kaum noch Grenzen gesetzt.“

Unbeschränkte Verfügbarkeit

In den Praxen der Psychotherapeuten häufen sich die negativen Auswüchse der gesellschaftlichen Zustände. Psychologen und Mediziner müssen immer mehr Patienten betreuen, die krank werden von der Angst, die Jagd zu verlieren, von Stress, Selbstbestimmungsverlust, Sinn- und Hoffnungslosigkeit. Psychische Erkrankungen treiben in Deutschland immer mehr Arbeitnehmer in die Frührente. Vier von zehn Beschäftigten, die vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, sind psychisch krank, wie nach einem Bericht der Welt am Sonntag aus Statistiken der Deutschen Rentenversicherung (DRV) hervorgeht. Der DGB macht für die Entwicklung eine stetig zunehmende Belastung am Arbeitsplatz verantwortlich. Im Jahr 2011 machten rund 41 Prozent der Arbeitnehmer, die eine Erwerbsminderungsrente beantragten, Depressionen, Angstzustände oder andere psychische Erkrankungen geltend, wie die Zeitung unter Berufung auf die DRV-Daten schreibt. Im Jahr 2000 hatte dieser Anteil bei 24 Prozent gelegen; bis 2010 war er auf 39 Prozent gestiegen.

Dazu meint Beuel:

„Zeiten für Erholung und Distanz zur Arbeit gehören der Vergangenheit an. 'Optimiertes Time Management', mehr Effizienz, höhere Flexibilität, ständige Verfügbarkeit sind die heutigen Gebote der schönen neuen Arbeitswelt. Mehr Leistung und mehr Konsum führen dabei unweigerlich zur Vernichtung von Human- und Naturressourcen. Und was vermeintlich mehr Freiheit und Selbstbestimmung schaffen sollte — gemeint sind die neuen Kommunikationstechnologien — bewirkt das Gegenteil: die Erosion des Privaten. Das Büro kommt mit ins Wohn- und Schlafzimmer, mit in den Urlaub. Längst hat sich der Laptop neben der Badehose eingerichtet, geht mit spazieren oder mit ins Restaurant. Die Arbeit ist omnipräsent und nie zu befriedigen. Man lebt nicht von, sondern mit ihr.

Körper und Seele sind in ständiger Standby-Position. Immerzu flackert, flimmert oder piepst es irgendwo. Der elektronisch vernetzte Mensch wird, dank nimmermüder Technologien wie Tablets, Smartphones & Co, die ihn aus jeder Ecke angrinsen und zu immerwährender Dienstfertigkeit antreiben, zum Opfer des totalitären Verfügbarkeitsanspruchs. Dabei werden die To-do-Listen immer mehr und immer länger. Massiver Druck und das Gefühl, 'es reicht nie', besetzen sukzessive das komplette Dasein, das Denken, Handeln, jede Lebensäußerung, ob beim Abendessen, wenn man die Kinder ins Bett bringt oder mit dem Hund spazieren geht.

Bedingung und Voraussetzung dieser entgrenzten Schufterei ist die selbstvergessene Anpassung, eine totale Identifikation mit Unternehmer- oder Betriebsinteressen, Sedierung, Ausblendung des eigenen Ichs. Geschmiert und angetrieben wird diese Endlos-Rotation vom 'Rohstoff' Angst. Angst, den Anschluss zu verlieren, abgehängt und ausgespuckt zu werden, von einem Konstrukt, einem System, das als 'alternativlos' gilt. Und selbst das, was als körperliche Entspannung bezeichnet wird, ist noch leistungsorientiert. In jedem Fitnessstudio läuft dauernd eine Uhr mit, tickt ein Schrittzähler, leuchtet eine Gewichtsskala“.

Cornelia Beuel beschreibt hier in beeindruckender Weise, wie der Mensch dem „Gespenst“ der Bedeutungslosigkeit nur noch schwer entrinnen kann. Die Konditionierung der Individuen durch Wirtschaft und Politik in der vom „Markt“ dominierten Welt, lässt vielfach einen verängstigten, seelisch kranken und nach Antworten suchenden Menschen zurück.

Bedingungslose Anpassungsbereitschaft

Neben Sennet hat auch der Philosoph Byung-Chul Han mit dem Begriff vom „entgrenzten Können“ den subtilen und verhängnisvollen Zwangscharakter unserer Leistungsgesellschaft in aller Schärfe auf den Punkt gebracht und die suggestive Kraft, die stetige „Gehirnwäsche“ des „flexiblen Kapitalismus“ unserer Tage verdeutlicht.

Dazu meint Han, dass die zunehmende Fragmentierung, die Atomisierung des Sozialen ihm immanent seien und führt weiter aus: „Die damit einhergehende 'Bindungsarmut' macht den Menschen leer und mürbe, verstärkt seine Ängste, verloren zu gehen, ausgeliefert zu sein.“ Hinzu kommt die strukturelle, die „systemische Gewalt“, die zu „psychischen Infarkten“ führt.

Beuel meint, dass „Entgrenztes Können“ der neue Imperativ des Neoliberalismus sei und äußert dazu:

„Sein Prototyp ist nicht der autonome Souverän, sondern der reduzierte Mensch, der allzeit bereit, rund um die Uhr 'freiwillig' schuftet. Ihm fehlt jegliche Souveränität und Freiheit. Die Symbiose zwischen Fremd- und Selbstausbeutung ist vollzogen, 'freiwillig' und scheinbar ganz ohne Zwang, verinnerlicht durch die unbedingte Anpassungsbereitschaft an die Verhältnisse. Krank macht diese tiefe Verinnerlichung angeblich 'alternativloser' Leistungsansprüche der modernen Arbeitsgesellschaft in dem Moment, in dem der einzelne Mensch nicht mehr funktionieren, nicht mehr 'können kann' — und die Erschöpfung, die Depression, die Angst ausbricht.“

„Nichts ist mehr möglich“, schreibt Byung-Chul Han, „wird nur in einer Gesellschaft wirklich, die suggeriert: 'Nichts ist unmöglich.'

„Die Not des Einfach-nicht-mehr-Könnens mündet für das Individuum in Selbstvorwürfe, Versagensängste und in eine destruktive Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Depressive wird zum seelischen Krüppel, zum 'Invaliden' dieser verinnerlichten Kriegführung. Dabei ist die Aufforderung zum 'entgrenzten Können', zur Allzeit-Schufterei stets und zwangsläufig mit dem Scheitern verbunden, denn sie ist auf Dauer für das Individuum nicht realisierbar, nicht durchzuhalten. Auch nicht mit dem „intelligentesten“ Hightech-Phone oder der allerneuesten App.“

Freiwillige Selbstausbeutung

Die Überlegungen des Berliner Philosophen Byung-Chul Han kreisen aktuell um den Neoliberalismus und die damit einhergehenden Strategien der freiwilligen Selbstausbeutung.

Die Freiheit selbst werde dabei im Dienste der Profitmaximierung ausgebeutet, wie Han es auf eine rhetorisch bündige Formel bringt: „Erst die Ausbeutung der Freiheit erzeugt die größte Ausbeute.“

Dabei scheint Hans Begriff der Freiheit einigermaßen voraussetzungsreich: „Das Gefühl der Freiheit stellt sich im Übergang von einer Lebensform zur anderen ein, bis sich diese selbst als Zwangsform erweist.“

Beuel ist der Meinung, dass in diesem Sinne die Depression Ausdruck und Spiegel einer Gesellschaft sei, die sich selbst zerstöre, indem sie ihre humanen neben allen anderen Ressourcen verschwende, verbrauche und wegwerfe.
Weiter führt sie aus:

„Freiheit und Zwang sind zu Synonymen geworden. Nennt man es nun 'freiwillige' Zwangsverpflichtung oder aufgezwungenes und nie eingelöstes 'Freiheits'-Versprechen. Das Ergebnis ist dasselbe: Ausbeutung. Und effizienter als jede Fremdausbeutung ist es für den neoliberalen Kapitalismus allemal, wenn seine modernen Arbeitssklaven selbst für die Ausbeutung sorgen, wenn auch flankiert und versüßt von der Illusion der Freiheit und Individualität, der Magie vom 'guten' Leben'.“

Der Philosoph Oskar Negt schreibt in seinem Plädoyer gegen eine Ökonomie erster und zweiter Klasse:

„Es hat nie in der Geschichte eine so enge, dürftige, offizielle Definition des Menschen gegeben wie hier: abgemagert, um seine Potenziale, seine Fähigkeiten gebracht. Er soll sich nicht ausruhen in der Bildung, Muße und Mußefähigkeit entwickeln, sondern sich schnell umbilden, flexibel sein, vergessen, was er gestern gedacht hat. Gegen diesen Aberwitz eines manipulierbaren, jedes Eigensinns beraubten und allseitig verfügbaren Menschen entschieden Einspruch zu erheben, das wäre einer breiten Kulturoffensive wert.“

Politisch nicht gewollt und von den Wirtschaftsvertretern auf vielfältige Weise bekämpft, wird diese in Deutschland wohl noch lange auf sich warten lassen. Cornelia Beuel meint, dass bis dahin jedoch die Zahl der neuronalen Erkrankungen weiter ansteigen werde; der Gesundheitsmarkt boomen und die Verkaufszahlen der Ratgeberliteratur weiter steige; und die Ministerien oder andere Behörden werden vielleicht noch „sorgfältiger“ ihre Studien in Auftrag geben, Statistiken frisieren und Verhältnisse schönreden. Oder anders:

Wer sich mit dieser Welt im Einklang wähne, sich in ihr aufgehoben, zufrieden, gar frei fühle, müsse geisteskrank sein.



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