Schluss mit nett
Der strauchelnde US-Präsident nimmt den Mund wie so oft voll und droht dem Iran, mit seiner bisherigen „gemäßigten“ Politik sei es jetzt vorbei.
Ein Mordanschlag hat entscheidend dazu beigetragen, Donald Trump ins Amt des US-Präsidenten zu hieven. Kommt der zweite Attentatsversuch am 25. April ihm nun gelegen, um sich dort zu halten? Jedenfalls könnte Trump einen auf dem Mitleidseffekt basierenden PR-Coup derzeit gut gebrauchen. Sein Stern ist auch in jenen Kreisen der US-Bevölkerung am Sinken, die den Rabauken im Weißen Haus bisher als smarten Deal-Maker und ehrlichen Kerl verehrt haben, der sein Herz auf der Zunge trägt. Ein teurer und riskanter Krieg gegen einen potenten Gegner — den Iran — ist eine Sache; ein Krieg, der zudem noch in einer Niederlage enden könnte, wäre dann wohl des Guten zu viel. Da ist es nur eine skurrile Randnotiz, dass die mangelnde Fähigkeit des Präsidenten zu einer realistischen Selbsteinschätzung nun neue Blüten treibt. Nicht genug damit, dass er sich als KI-generierter Heiland in den Fußstapfen des Herren wähnte. Er wolle jetzt „kein Mister Nice Guy“ mehr sein, gab Trump zu Protokoll, als sei sein bisheriges Verhalten, das Tod und Verwüstung über den Iran gebracht hatte, „nice“ gewesen.
Beim Verfassen dieses Beitrages schlich immer wieder der Gedanke um mich herum: Dieser hier ablaufende präsidiale Amoklauf ruft doch geradezu nach einem Attentat.
Genau dieses Szenario spielte sich vor illustrer Kulisse am 25. März 2026 im zweiten Untergeschoss des Hilton Hotels in Washington ab. Beim traditionellen Hauptstadtkorrespondenten-Dinner nahm neben dem Vizepräsidenten JD Vance auch sein Boss teil. Obwohl kein einziger Schuss im Ballsaal abgegeben wurde, waren alle Kameras auf die Rettung der beiden Regierungsvertreter gerichtet:
„Die Schüsse fielen in einem Kontrollbereich außerhalb des Festsaals, kurz bevor Trump das Wort ergreifen sollte. Der US-Präsident und seine Frau Melania wurden rasch von Sicherheitskräften abgeschirmt und in Sicherheit gebracht. Auch Vize-Präsident JD Vance und alle anderen beteiligten Kabinettsmitglieder überstanden den Vorfall nach Trumps Angaben unversehrt“, berichtet n-tv.de am 26. April 2026.
Man sollte sich das Drehbuch eines zurückliegenden „Anschlages“ auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump am 13. Juli 2024 genau anschauen. Damals war der einzige Ort, von dem man aus die Bühne ins Visier nehmen konnte, freigehalten worden. Ein Flachdach als „Einladung“, um von dort aus Schüsse auf die Bühne abzugeben. Zurück blieben vor allem die heldenhaften Posen eines Donald Trumps, umgeben von Sicherheitsbeamten, die sich alle Mühe gaben, Donald Trump von der sofortigen Wiederauferstehung abzubringen. Das Fazit kann man so zusammenfassen: Das gescheiterte Attentat auf Trump war gelungen. Trump ist vom Kriminellen zum Messias aufgestiegen.
„Wir bieten einen sehr fairen und vernünftigen DEAL an, und ich hoffe, dass sie ihn annehmen, denn wenn sie es nicht tun, werden die Vereinigten Staaten jedes einzelne Kraftwerk und jede einzelne Brücke im Iran lahmlegen. KEIN MR. NICE GUY MEHR!“, schrieb Donald Trump auf Truth Social.
Ist der Mann eigentlich noch bei Trost? Er bietet einen „Deal“ an, nachdem er das Land angegriffen hatte und fortlaufend mit der Zerstörung der Zivilisation gedroht hat?
Sein Gerede von einem „Deal“ hat die Bedeutung eines Wegwerftaschentuches.
Zu Beginn des Angriffskrieges hatte die US-Administration allerhand Pläne:
Man wolle einen Regime Change im Iran, damit endlich Jared Kushner und Co das Land filetieren und die Rohstoffe unter sich aufteilen können. Außerdem wolle man jenes Atomprogramm zerschlagen, das man ja bereits — ein Jahr zuvor — zerstört haben wollte.
Was hat der irre Mann zu sagen? Wer Atomwaffen besitzen darf und kann und nicht? Wer ist er, dass er dazu befugt ist? Wer hat dafür gesorgt, dass Israel in Besitz von Atombomben kommt? Sind das zufällig dieselben, die fürchten, dass Iran dieses „Recht“ ebenfalls in Anspruch nehmen könnte?
Übrigens ein „Recht“, das zehnmal mehr wiegt als irgendwelche „Deals“ mit einem „Jesus“ an der Spitze eines Landes, das davon lebt, dass alle anderen wehrlos sind.
Nordkorea ist wahrlich keine Vision von einer besseren Welt. Es ist eigentlich winzig und ein kleiner Snack für imperiale Anmaßungen, solange das Regime nicht den Nigger für den US-Imperialismus spielt. Nordkorea hat aber Atombomben!
Und genau das ist die sicherste Möglichkeit — bis heute —, nicht Beute imperialer Mächte zu werden.
Außerdem wollte die US-Administration, dass Iran keine Mittelstreckenraketen mehr besitzen darf. So. Wer bestimmt über das Rüstungsprogramm eines fremden Landes? Warum sind Mittelstreckenraketen in Israel und in den USA keine Gefahr für den Weltfrieden, dieselben auf dem Boden des Irans aber saugefährlich?
Immerhin ist der US-Präsident „ehrlich“, womit er der Sache aber nicht annähernd gerecht wird. Wenn er ankündigt, dass er — vom Golfplatz aus — „jedes einzelne Kraftwerk und jede einzelne Brücke“ im Iran zerstören lassen will, dann macht er das, weil ihn Kriegsverbrechen nicht stören, weil „Jesus“ über das internationale Recht, über das Völkerrecht wandelt, wie einst Jesus über das Meer …
Nice company
Nahe liegend, dass Donald Trump eine Nullnummer wäre, wenn es nicht so viele um ihn herum gäbe, die von diesem Wahnsinn profitieren wollen. Sie werden mit ihrer Unterstützung und Komplizenschaft nicht aufhören, weil sie kriminell sind. Was sie aufhält, ist nur eines: Wenn der Krieg zu ihnen kommt.
Das bekommt man in manchen US- und deutschen Medien deutlich zu spüren: Die Unsicherheit wächst, dass das Morden und Foltern — weiterhin — Profite abwirft. Deshalb mokiert man sich ein wenig über Trumps jesualen Wahnsinn.
Das kann jeder jetzt selbst in der Tagesschau sehen und hören. Als am 20. April 2026 der zugeschaltete Reporter aus der Türkei gefragt wurde, wie es um die zweite Verhandlungsrunde in Islamabad/Pakistan stünde, betonte er die ständig wechselnden Bedingungen, die die US-Regierung für ein Ende ihres Angriffskriegs stellte. Auch die Drohung, beim Scheitern dieses Unterwerfungsaktes, Kraftwerke und Brücken dem Erdboden gleich zu machen, fand der Reporter eine klare Einordung: Es handele sich um „Kriegsverbrechen“, mit denen die Trump-Regierung drohe.
Denn eines schweißt alle, die von der alten imperialen US-dominierten Weltordnung profitieren, zusammen: Jede Möglichkeit, die iranische Republik zu schwächen, kommt auch dieser Allianz zugute.
Dabei ist ziemlich egal, ob diese Schwächung mit wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Mitteln erfolgt, ob diese legal oder illegal sind, ob sie Kriegsverbrechen ein- oder ausschließen.
Das ist auch der eigentliche Grund, dieses partiell zurückkehrende Wissen um das Völkerrecht wieder an die Leine zu nehmen. Anderenfalls stünde eine zentrale Konsequenz aus dem UN-Völkerrecht im Raum:
Wenn Verträge unter offen erpresserischen Umständen zustande kommen, dann sind sie „Null und nichtig“! Das gilt für Staaten wie für alle Privatbürger.
„Räuberische Weltordnung“
Auch 2026 veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) einen Bericht über den globalen Zustand der Menschenrechte. Diesmal sind es 406 Seiten geworden, gefüllt mit Beispielen von Verstößen gegen die Menschenrechte und internationale Verpflichtungen, die sich aus dem Völkerrecht ergeben. Das vergangene Jahr sei „weltweit vom raubtierhaften Gebaren der Mächtigen geprägt“ gewesen, wie Amnesty in der Pressemitteilung schreibt. Ein Zustand, der „purer Grausamkeit Vorschub leisten kann“. Worin der Unterschied zwischen einer „räuberischen Weltordnung“ und der „puren Grausamkeit“ besteht, lässt AI offen. Vielleicht soll uns das Hoffnung machen, dass wir die letzte Stufe einer Mafia-Weltordnung noch vor uns haben.
Jean Ziegler bezeichnete bereits 2015 die sich verändernde Weltordnung als „kannibalische Weltordnung“. Jean Ziegler konnte dabei auf einen Berg von Fakten zurückgreifen: Er war jahrelang UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
Er stützte sich dabei auf folgende Kernargumente:
- Hunger und Elend sind keine natürlichen Phänomene, sondern das Ergebnis eines menschengemachten Systems der Profitmaximierung und Finanzspekulation, was er als „Raubtierkapitalismus“ oder „Weltdiktatur der Oligarchien“ charakterisierte.
- Zweiter Kernpunkt seiner Kritik ist die omnipotente Macht von nicht-gewählten Regierungen: Die 500 größten transnationalen Konzerne kontrollieren mehr als die Hälfte des weltweiten Sozialprodukts und üben eine Macht aus, die weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen wie die UNO effektiv kontrollieren können.
- Drittens erwähnt er die neokoloniale Abhängigkeit vieler Länder, die nicht in die Unabhängigkeit „entlassen“ wurden, sondern in eine kostengünstigere Form des Vasallentums.
Wenn man also das Fazit von Jean Ziegler aus dem Jahr 2015 mit dem Fazit von Amnesty International von 2026 vergleicht, dann kann man ganz sicher konstatieren, dass das, was den Trumpismus heute auszeichnet, kein Ausrutscher ist, keinen Exzess markiert, sondern das konsequente Zuendegehen dieser jahrzehntelangen Entwicklung. Dazu gehören unzählige Angriffskriege, deren Kriegspräsidenten bis heute geehrt werden und bis heute nicht als Kriegsverbrecher angeklagt und verurteilt wurden.
Wenn also Trump-Jesus heute einen Angriffskrieg gegen den Iran führt, dann ist das — wie üblich und selbstverständlich — kein Kriegsverbrechen, das mit allen Mitteln gestoppt werden muss und kann. Dann ist dies vielmehr eine „robuste Form der Diplomatie“, die dann in „Deals“ mündet, die vor Irrwitzigkeit kaum noch zu überbieten sind.
Erst ermordet man iranische Regierungsmitglieder und prahlt ungestört damit. Dann greift man das Land an, droht mit der Vernichtung der iranischen Zivilisation und hält das alles für ganz nice, wenn die Erpressten dem Boss die Füße küssen.
Da es die Herrschenden geschafft haben, die gravierenden Unterschiede zwischen Erpressung, Verhandlungen und Diktaten einzuebnen, muss man ein paar Jahrzehnte zurückgehen, um zu erahnen, was gerade als „Verhandlung“ inszeniert und angepriesen wird: In den 1930er Jahren wurden jüdische Menschen in Deutschland bedroht und erpresst, damit sie ihr Hab und Gut für einen Apfel und Ei „verkaufen“. Im Gegenzug dieses „Deals“ durften sie aus ihrer Heimat fliehen und gegebenenfalls ihr Leben retten.
Klingelt hier etwas?
„Friedensverhandlungen“ abgesagt
Seit dem 19. April 2026 zeigten die staatsdevoten Medien ständig Bilder vom abgeriegelten Verhandlungsort in Islamabad/Pakistan. Man rätselte, ob die iranische Delegation kommen würde. Alle verschwiegen dabei gekonnt, worüber der Iran verhandeln will: Das Ende des US-geführten Angriffskrieges, Reparationszahlungen, Ende aller Erpressungsversuche, wozu Wirtschaftsblockaden und der Diebstahl von iranischen Vermögen gehört und internationale Garantien, dass die Souveränität des Irans nicht länger unterminiert werde. Diese Forderungen sind nicht gänzlich überzogen, sondern liegen allesamt auf der Linie des Völkerrechts.
Da Angriffskriege und Erpressungen zum Besteckkasten des Westens gehören wie Butter auf dem Brot, verstehen die Laufstallmedien bis heute nur „Bahnhof“.
Diesbezüglich sind sich auch EU, Deutschland und die USA einig: Donald Trump erklärte wenige Tage vor Ablaufen des Ultimatums als Halbstarker, dass er die Waffenruhe nicht verlängern und dass er die Blockade der Hormus-Enge durch USA fortsetzen werde. Aber klar doch: Schließlich ist die Blockade der Handelswege durch den Iran ein Angriff auf den „freien Welthandel“, während dasselbe durch die USA seit Langem etwas ganz Anderes ist.
Gleichzeitig reinkarnierte Trump ein weiteres Mal als Jesus und hatte für die plötzliche Entscheidung, den zweiwöchigen Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit zu verlängern, eine göttliche Eingebung: Er habe mitbekommen, dass die iranische Regierung zerstritten sei, und da wollte er nicht dazwischen bomben.
Damit gaben sich auch deutsche Medien zufrieden. Und der deutsche Außenminister Johann Wadephul bot sofort Begleitschutz an, indem er den Iran — „dringend“ — dazu aufforderte, die „Friedensverhandlungen“ fortzusetzen. Anderenfalls könne der Iran den richtigen „Zeitpunkt verpassen“. Man sieht, Herr Wadephul übt sich in trumpistischen Andeutungen.
Dass sich die iranische Delegation den Sprit nach Islamabad gespart hatte, da sie weder den Worten Trumps Glauben schenken kann, noch unter erpresserischen Bedingungen einer Täterumkehr zustimmt, verschwieg man in deutschen Medien.
Und da die USA wenig von Verträgen, Vereinbarungen und internationalen Rechtsnormen hält, habe die iranische Regierung verstanden, was zählt. Sie kündigte dazu unter anderem „Überraschungen“ an. Sie veröffentlichte eine Karte von der Hormuz-Enge, auf der etwas zu sehen war, was bisher keine Rolle spielte: Die durch den Persischen Golf verlegten Unterseeinternetkabel, die man als elektronisches Herz des globalen Handels verstehen kann.
Tasnim News, eine iranische Nachrichtenagentur, führte dazu aus: Mindestens sieben wichtige Unterwasserkabel verlaufen direkt durch diesen engen Engpass. Über 97 Prozent des globalen Internetverkehrs für E-Commerce, Cloud-Dienste, Bankwesen und Kommunikation verlaufen durch sie. Der Bericht konzentriert sich darauf, wie die südlichen Golfstaaten VAE, Katar, Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien weitaus stärker von diesen Routen abhängig sind, als der Iran jemals war. Ihre Cloud-Hubs und Rechenzentren befinden sich auf der gegenüberliegenden Seite derselben Gewässer.
Damit ist die Straße von Hormoz nicht nur eine Ölarterie, sondern das digitale Rückgrat der gesamten Region.
Ob die dort verlegten Glasfaserkabel nur wirtschaftliche Daten transportieren oder auch — separat — militärische, ist noch offen. Ob diese sehr gezielten Hinweise auch Teil der iranischen Planungen sind, auf einen weiteren Angriff der USA zu reagieren, wird niemand verraten.
Verraten haben uns hingegen Freunde des Staatsterrorismus bereits Jahre zuvor, dass sie nichts gegen Sabotage haben, wenn es die „Richtigen“ trifft. Es sei an den Sabotageakt 2022 gegen die Pipeline „Nordstream I und II“ erinnert. Durch diese sollten russisches Öl und Gas zu Vorzugspreisen nach Deutschland fließen. Das Ziel dieser Anschlagsserie war klar: Man wollte eine zentrale Ader der russisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen treffen, um die stillgelegte Russlandfeindschaft neu zu befeuern. Damals waren viele, die diese lukrative Verbindung zu Russland kappen wollten, von diesem Sabotageakt begeistert. Manche bedankten sich offen, manche unter vorgehaltener Hand. Passend zu dieser offen bis klammheimlichen Sympathie für „asymmetrische Kriegsführung“ verliefen die polizeilichen Ermittlungen im gut präparierten Sandbett. Ganz vorneweg war die deutsche Bundesregierung nach Gerhard Schröder dankbar dafür, dass keine Täter, geschweige denn staatliche Auftraggeber gefunden werden konnten.
Würde es verwundern, wenn die iranische Regierung diese Anregung als „Vorlage“ aufgreifen würde?