Sein letzter Fahnengruß
Die Geschichte eines sterbenden Demenzpatienten und seines ganz besonderen Rituals gewährt Einblicke in den Pflegealltag.
Demente leben oft in einer eigenen, von außen schwer zugänglichen Welt. Sie pflegen ihre Rituale, geringste Abweichungen schon können sie aus dem Gleichgewicht bringen. Für Pflegepersonen ist es meist besser, den alten Menschen, so weit es geht, in ihre Realität zu folgen, anstatt sie darüber zu belehren, wie die Dinge „wirklich“ liegen. Erschwerend kommt dazu, dass viele der heute in Pflegeheimen Untergebrachten Kriegserlebnisse zu verarbeiten haben. Die Erinnerung daran vermischt sich auf eigentümliche Weise mit aktuellen Erfahrungen. Ansprüche an politische Korrektheit darf man als einfühlsamer Begleiter dabei nicht stellen. Die Autorin berichtet in diesem menschlich berührenden Text von ihren persönlichen Begegnungen mit dem Demenz-Betroffenen Oskar, der zweimal täglich auf dem Gelände der Einrichtung vor einer besonderen Fahne salutierte. Er tat dies mit großer Beharrlichkeit, bis ihn der Tod von der selbst ernannten Pflicht entband. Der Bericht spricht von der Begegnung zweier Menschen, die nicht über gleiche Fähigkeiten verfügen, denen jedoch gleiche Menschenwürde zukommt.
Oskar kann nicht gehen. Oskar kann nicht bleiben. Sein flacher Atem, durchsetzt von Pausen und heftigem Aufbäumen, spricht eine deutliche Sprache: „Ich kann noch nicht!“ Oskar stirbt. Weit geöffnet fokussieren seine Augen eine Ferne, die ihm immer wieder zu entgleiten scheint. Irgendwo dort leuchtet Frieden, dieses ersehnte, vermisste, nicht zu zügelnde fremde Ding. Er spiegelt sich bereits in Oskars Augen.
Oskar setzt sich auf, fällt wieder ins Kissen zurück, sein Widerstand kostet Kraft, die er nicht mehr hat. Oskars Hände nesteln an unsichtbaren Schalthebeln, drücken Benzinknöpfe, polieren Tankanzeigen, drehen klemmende Regler. „Die Maschine ist kaputt, ich komm nicht runter.“ Ich summe ein altes Kinderlied für Oskar. Oder summe ich es für mich? Wir hören beide zu. Es hängt wohl mit dem Frieden zusammen, denkt es in mir. Nach allem, was ich von Oskar weiß, ist er Frieden nicht gewöhnt, musste lernen, ihn auf Abstand zu halten, ihm Angst zu machen. Oskar brachte Frau und Tochter bei, dass Frieden nicht von ihm zu erwarten sei. Und Liebe? Die Tochter lehnt Kontakt zum Vater ab. Sie wird ihre Gründe haben.
Ein echter Mann ist Oskar, einer, dem keiner, aber auch wirklich keiner, ein X für ein U vormachen kann. Einer wie sein Vater vielleicht, ein Held, Fliegerheld mit Abschussquoten wie kein anderer, asketisch, zäh und gestählt, ein im großen Krieg verschollener Held, einer, von dem Geschichten erzählt werden lange über sein Verschwinden hinaus. Ist er gefallen, hat er die Familie verlassen, war er ein Heimkehrer, der seine Sprache verloren hat? Meine Fragen, so lernte ich, bringen Oskars innere Bilder in Unordnung.
Demenziell erkrankte Mitmenschen sind nicht nur häufig multimorbid, sie leiden oft unter Angststörungen. Bilder, Bedürfnisse und Gefühle aus der Vergangenheit sind im Hier und Jetzt genauso präsent wie aktuelle körperliche Empfindungen. Dieses Gebräu hat Oskar täglich zu jonglieren, jede Störung bringt sein sorgsam tariertes Gleichgewicht ins Taumeln.
Oskar pflegt seine Rituale, sie rhythmisieren seinen Tag. Für andere Bewohner sind die Mahlzeiten ein Taktgeber. Jede unpünktliche Minute kann als Ablehnung empfunden werden, als Benachteiligung, als Mangel an Aufmerksamkeit. Das Gefühl, nicht gesehen zu werden, ist vorherrschend im, nun, ich nenne es Wolkenheim. Das mag einerseits am grassierenden Hospitalismus, ausgelöst durch Reiz- und Beziehungsarmut, liegen, anderseits an Beziehungstraumatisierungen der im Krieg geborenen Kinder, die im Alter innerseelisch nicht mehr moderiert werden können.
Schwierig wird diese Gemengelage, wenn betroffene Bewohner auf ebenfalls beziehungstraumatisiertes Pflegepersonal treffen — Nachfahren von Vätern und Müttern, deren Kriegs- und Vertreibungstraumen nie aufgearbeitet wurden. Dann konkurrieren plötzlich die Bedürfnisse zweier ungesehener Kinder. Im hierarchischen System der Pflege steht der Gewinner fest und manifestiert die vorhandenen Überlebensstrategien aller Beteiligten. Retraumatisierung ist der rosa Elefant ohne Namen. Wer von Qualitätssicherung in der Pflege spricht, muss dieses Thema integrieren.
Zurück zu Oskar. Oskar braucht keine Mahlzeiten, um seinen Tag zu strukturieren. Er braucht die Flagge am Mast und etwas Kraft im linken Arm. Zweimal täglich fährt er mit dem Rollstuhl zum Fahnenmast vor dem Eingang des Hauses. Dort weht die Fahne mit dem Logo des Trägers, der die Pflegeeinrichtung betreibt. Oskar sieht in dem Logo ein Hakenkreuz. Weithin sichtbar auf einem Hügel stehen Mast und Fahne über der kleinen Stadt. Wichtig, wichtig, rufen sie ins Land.
Resterampe, schimpfe ich an schlechten Tagen mit chronisch hohem Krankenstand, fragiler Digitalisierung, diesem prompten „Kein Geld“, wenn es um die Verbesserung der Lebensqualität in den Räumlichkeiten geht. Von wegen Würde, steigere ich mich in meine Systemkritik hinein, die zwar ins Leere läuft, sich für den für den Moment aber hervorragend eignet, um den Ball der Überforderung von meinem Spielfeld zu kicken.
Es gibt Momente, an denen ich mir ebenfalls eine Hospitalisierung diagnostiziere. Besser sei es hier als in anderen Einrichtungen, wiegelt die Leitung ab, deren ganzer Stolz die schwarzen Zahlen sind. Nein, nur weil es woanders noch schlechter ist, heißt das noch lange nicht, dass es gut ist!
Meine Worte verhallen ungehört, aber ich hör nicht auf, sie zu sagen. Fachlich kompetente Pflege ist wichtig. Dieser äußerst dynamische Prozess wird engmaschig mit einem fein gestrickten Qualitäts- und Prüfsystem kontrolliert und dokumentiert. Das halte ich für richtig. ABER: Jede pflegerische Intervention ist Beziehungsarbeit. Die Qualität der Beziehung lässt sich nicht standardisieren, sind wir doch Menschen und keine Maschinen. Was sich nicht kontrollieren lässt, passt in kein Bewertungssystem und kann nicht monetarisiert werden.
Altenpflege ist Beziehungsarbeit. Punkt. Hier fällt gern das Wort Augenhöhe. Ich ersetze es mit Gleichwürdigkeit.
Beziehung, Intuition, Kreativität, kollegialer Austausch — derlei Kompetenzen finden unter dem Radar ihre Gestalt. Dabei ist dieses vierblättrige Kleeblatt ein starkes Mittel gegen das diffuse Graugelb des Heimalltags, es vermag die Hässlichkeit der langen Flure, der viel zu hell ausgeleuchteten Räume in etwas Warmes, Gemütliches, Gewährendes zu wandeln. Es vermag die Magie der Nähe während des Wartens auf den Fahrstuhl herzustellen und mildert die Scham inkontinenter Bewohner mit einem Augenzwinkern. Ich bin davon überzeugt, dass viele Pflegende nicht unter mangelnder Wertschätzung leiden, sondern darunter, dass man sie ihre Arbeit nicht in der Involviertheit machen lässt, die sie empfinden. Selbstfürsorge und ein instinktiver Überlebenswille zwingen sie im übergriffigen System der Pflege, sich innerlich zu verabschieden. Auch das ist Gewalt in der Pflege. Beziehung ist dann nicht mehr möglich, weder zu den Bewohnern noch zu sich selbst.
Träger von Pflegeeinrichtungen beanspruchen ein humanes Menschenbild als Leitkultur — ja was denn sonst? Wunderbare Konzepte ruhen in Ordnern, werden gern zitiert, um kritischen Stimmen das Wort zu entziehen. Es wird Zeit, sie umzusetzen. Am Willen der Pflegenden mangelt es nicht. Es mangelt an der Rückmeldung der Leitungsebenen, die da lauten könnte: SOS: Unter dem derzeitigen Finanzierungsdruck ist die Qualität der Pflege nicht mehr gewährleistet.
Zurück zu Oskar.
Oskar rührt mein Herz, er hat die Augen eines Kindes, denen ich nicht widerstehen kann. Verletzlich, unternehmungslustig, wach. Hat sich seine Frau in diese Augen verliebt? Frau? Oskar erinnert sich nicht. Tochter, irgendetwas war da, etwas, das ihn in Rage bringt, wenn Erinnerungsschnipsel sich zu Bildern zusammenfügen. Von Diebstahl und Verrat spricht er. Hat sie ihm die unerfüllten Bedürfnisse seiner Kindheit streitig gemacht? Ängstigte sie sich vor seiner Gnadenlosigkeit, war schwach und leidig? Hat seine Erwartungen verraten, Erwartungen, die vielleicht mehr ihm selbst galten? Ein Fliegersohn ist beinahe selbst ein Flieger. Und wer kann das schon auseinanderhalten? Hat sie die Augen verdreht, wenn er ausufernd Flugrouten und Abschüsse beschrieb, die technischen Details seiner Messerschmitt aufzählte?
Oskar ist 1936 geboren. Zum Kriegsende war er ein Bub von neun Jahren. Ich begleitete Oskar während seiner letzten zwei Lebensjahre. Täglich zwei Mal positionierte er sich mit entschlossenen Blick und stolz geschwellter Brust vor dem Haupteingang des, ich nenne es weiterhin so, Wolkenheims. Er fokussierte die Fahne und fuhr in exakt gerader Linie zum leuchtend weißen Mast. Ein unsichtbarer Faden schien sein Haupt und das nachfolgende Rückgrat himmelwärts zu ziehen. Konzentriert auf das Hakenkreuz, das nur er sah, hob er den linken Arm, spannte seine geöffnete Hand bis ins letzte Fingerglied und entbot der Flagge seinen Gruß. Als ich ihn fragte, warum er diesen Gruß dreimal wiederholte, erklärte er mir, dass es so sein müsse, sonst wirke es nicht.
Seine Antwort erinnerte mich an Rituale meiner Kindheit, die mir halfen, im nachtdunklen Zimmer die bösen Geister fernzuhalten. Wenn Oskar nach dem Gruß wieder in sein Zimmer fuhr, wirkte er gelöst, beinahe zufrieden. Als ich die ersten Male Zeugin seiner „Pflichtausübung“ wurde, schrie mein Körper: „Stopp, das darf nicht sein!!!“
Wie unterbindet man bei einem demenziell Erkrankten etwas, das er dringend muss? Es geht schlicht nicht. Und warum überhaupt? Für Oskar gab es scheinbar etwas, das ihn aufrichtete, ihn beruhigte, wenn er bei Wind und Wetter sein Ritual vollführte. Ich verstand: Es ging um das Ritual an der Flagge, das Hakenkreuz entstand lediglich in seinem Kopf und nun auch in meinem — es war der Hitlergruß, der es malte.
Oskars sich stetig wiederholende Erzählungen über sein Leben als Flieger, die abgeschossenen Engländer und seine eigene Bruchlandung ergaben keinen Sinn, zum Ende des Nationalsozialismus war er zu jung, um in den Krieg eingezogen zu werden. Hörte ich die Fantasien eines alt gewordenen Kindes über seinen verschollenen Vater? Legenden über den Großvater? Bruder? Verleibte er sich die Erzählungen seiner Mutter ein und machte sie zu den eigenen Erlebnissen? Ich weiß es nicht, aber in jedem Fall erschienen mir Flaggengruß und das beständige Wiederholen der Fliegerheldengeschichte sinnhaft für den Erhalt seiner Integrität. Sei's drum, Überlebensstrategien sind so vielfältig, wie es Menschen auf dem Planeten gibt.
Ich sitze an Oskars Bett, befeuchte seine trockenen Lippen; pelzig klebt seine Zunge am Gaumen. Ich versuche, sie mit einem in Honigwasser getunkten Wattebausch anzufeuchten. Oskar schlägt meine Hände weg. Ich verstehe und seh auf die Uhr. Während ich hier sitze, übernehmen die Kolleginnen meine Arbeit. Ich weiß das zu schätzen und übernehme ein anderes Mal. Für Sterbebegleitung, für desorientierte Bewohner, für mit Fäkalien dekorierte Zimmer, für gerontopsychiatrische Krisen oder die Suche nach nicht auffindbaren Bewohnern und all die täglichen großen und kleinen Lebensalarme ist der knappe Personalschlüssel nicht vorgesehen.
Ich sitze an Oskars Bett und lausche der Stille in dem kleinen, 14 Quadratmeter großen Zimmer; mehr steht Oskar laut Heim-Mindestbauverordnung nicht zu. Das Pflegebett beansprucht 2 Quadratmeter davon. Der Pflegerollstuhl hat laut DIN-Norm einen Platzbedarf inklusive Wendekreis von 2,25 Quadratmetern. Der Rollator muss sich mit sich 1,50 mal 1,50 Metern inklusive Wendekreis begnügen. Theoretisch sollte auf beiden Seiten des Pflegebetts ausreichend Platz für pflegerische Intervention sein. Ein Patientenlifter ist beim besten Willen nicht einsetzbar bei so viel Platzarmut. Der Stuhl, auf dem ich sitze, blockiert den schmalen Gang zwischen Tür und Fenster. Wenn vom drohenden Kollaps des Pflegesystems gesprochen wird, dann wird er hier ganz stofflich illustriert.
Oskar ist es egal; er lebt in seiner eigenen Welt und konzentriert sich, dem Frieden zu widerstehen. Er bündelt seine Kräfte. Ob es die letzten Kräfte sind? Ich kann ihm nicht helfen auf seinem Weg, er würde es nicht mögen.
Er flüstert: „Ich komm nicht hoch, ich kann nicht starten.“ Wieder nestelt er an den unsichtbaren Schalthebeln seiner Messerschmitt. Starke, kräftige Hände hat Oskar, harte Nägel, gewohnt zu werkeln, zu reparieren, zu ordnen, zu drohen, die gebrauchten Inkontinenzbinden auf der Heizung zu trocknen, sie akribisch gefaltet hinter die Schuhe im Fernsehschrank zu stapeln, die Geldbörse zu verstecken und überhaupt für schlechte Zeiten vorzusorgen. Bis vor wenigen Tagen schnitt er die geschmierten, entrindeten Brotscheiben in kleinste Streifen und aß sie lange einspeichelnd mit größter Hingabe. Wenn ich ihm dabei zusah, fühlte ich mich an Kindheitstage erinnert, an denen ich Höhlen baute und dort Lebensmittelknappheit spielte. Ich türmte Apfelschnitze und erfreute mich des reichlichen Vorrats, den ich mir gut einteilen musste, um nicht Hungers zu sterben.
Meine Großmutter und ihr Vater überlebten den Holocaust in Berlin-Pankow im Versteck. Das präsente Schweigen über Emigration und das Verschwinden der Vorderen schulte mein Gehör, den Mangel an Worten kompensierte ich mit Bildern aus Büchern und meinen eigenen Ängsten. Manchmal mutete mein Spiel wie eine Zwangshandlung an, es war mir nicht möglich, es nicht zu spielen. Heute weiß ich, dass mein Spiel mir half, Eintritt in die angehaltene Gefühlswelt meiner schwer traumatisierten jüdischen Familie zu erhalten; ich wollte dazugehören.
Trauma trennt, erfuhr ich im Laufe meines Lebens. Trauma erzeugt Zwangshandlungen, eine starke Droge gegen die verstörende Einsamkeit und den Schmerz eines Kindes, nicht gesehen zu werden.
In mir keimt ein Gedanke. Ich wäge ihn ab und entscheide, ihm zu folgen. Vielleicht muss Oskar die Flagge ein letztes Mal grüßen? Kann den Frieden erst zulassen, wenn er sein Ritual vollzogen hat? Ich halte Rücksprache, meine Kolleginnen vermuten Ähnliches. Das nenne ich Kleeblattkompetenz.
Wir setzen Oskar in den Rollstuhl, wickeln ihn in eine Decke und bringen ihn zum Mast. Oskar nimmt Haltung an. Er schafft es nicht, den Arm zu heben. „Oskar, soll ich dir helfen?“ Er nickt, ohne die Flagge aus dem Blick zu lassen. Ich richte Oskars Arm auf, es ist der rechte Arm, aber das bemerkt er nicht. Er versucht, seine Hand in Grußstellung zu bringen, es geht nicht. Verzweifelt sieht er mich an. „Soll ich die Hand halten?“ Oskar hat keine Kraft zu antworten. Ich öffne seine Hand und stabilisiere sie mit der meinen. Gemeinsam blicken wir zur Fahne mit dem Logo des Trägers, der unser Haus betreibt. Wir sehen beide etwas anderes.
Wieder im Bett, schläft Oskar ein. Am nächsten Morgen steht eine große Kerze vor seiner Zimmertür.
Lieber Oskar, du bist schon zwei Monate tot, ich denke oft an dich. Ich wünsche mir, dass du im Himmel deinen Fliegerhelden triffst und dass er sich bedankt für deine Treue und das Leben, das du ihm schenktest.