Sportliche Einfalt

In der Welt des Sports, insbesondere im Fußball, triumphiert allzu oft die gleiche Mannschaft. Das hat auch finanzielle Gründe.

Die Pop-Band ABBA brachte es mit ihrem Lied „The winner takes it all“ auf den Punkt: Der Sieger bekommt alles und der Verlierer steht klein und unbedeutend da. Nicht nur im Fußball ist aber mittlerweile zu oft der Sieger immer derselbe. Mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte tragen die Champions denselben Namen. Sie sind eben besser als andere. Jedoch dient die dauerhafte Besser-Sein-Strategie nur den Geldbeuteln einiger weniger.

In den europäischen Fußballmetropolen ist die Spielzeit 2018/19 zu Ende. Es ist Zeit für Gerüchte. Welcher Profi verlässt welchen Verein? Wie viele Euro werden für die vermeintlichen Stars bezahlt?

Ein Jahr gleicht im Fußball dem nächsten. Vereine und Beraterfirmen handeln mit Menschen. Die Ware ist der Fußballprofi. Jeder verkaufte Spieler soll einen möglichst hohen Erlös bringen. Und wofür? Der Grund ist einmal mehr die Gewinnmaximierung. In Anbetracht dieser offensichtlichen Prozesse wirkt der kommerzialisierte Fußball recht monoton. Die Eintönigkeit durchzieht jede Saison aufs Neue die höchsten Spielklassen Europas. Verein verkauft Spieler. Verein kauft Spieler. Spieler spielt, Spieler ist verletzt. Trainer trainiert seine Mannschaft. Trainer trainiert nicht mehr seine Mannschaft, weil er die Erwartungen nicht erfüllen konnte und aussortiert wurde.

Um die Monotonie im Fußball zu verdeutlichen, seien folgende Beispiele angeführt:

  • Meister der 1. Fußball-Bundesliga von der Saison 2012/13 bis zur Saison 2018/19: FC Bayern München
  • Sieger der UEFA Champions League von der Saison 2015/16 bis zur Saison 2017/18: Real Madrid
  • Meister der französischen Ligue 1 von der Saison 2012/13 bis zur Saison 2018/19, außer 2016/17: Paris Saint-Germain

Natürlich sind dies nur einige Beispiele, und doch spiegeln sie die Gegenwart wider. Wer nun die Spannung sucht, wird enttäuscht. Wer sich Vielfalt erhoffte, findet stattdessen Einfalt.

In mindestens den letzten beiden Spielzeiten waren in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, England, Türkei, Österreich, Schweiz, Schottland, Serbien und in der Ukraine ein und dieselbe Fußballmannschaft nationaler Meister. Die Sportberichterstatter kreieren daraus eine unendliche Nachrichtenflut. Schlagzeile folgt auf Schlagzeile. Die Aufmerksamkeit gebührt dem Primus. Glückwünsche, Gratulationen und Belobigungen erhalten die Sieger. Gewitzel, Spott und Anschuldigungen gelten den Verlierern. Auch wenn er es sicher nicht auf den Sport gemünzt hatte — Bertolt Brecht wusste Bescheid:

„Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere, und zurück bleibt die Lüge“ (1).

Spekulationen und Geheimniskrämerei sind die journalistischen Mittel, die in ein Gewand von Dramaturgie gebettet werden, um das Theater spannend zu halten. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer soll einzig und allein dem Schauspiel Fußball zu kommen. Lüge oder Wahrheit, diese Begriffe kennt schwerlich kaum ein Sportinteressent wirklich. Vielmehr ist das Beäugen der Fußballinszenierung in der Bundesrepublik Deutschland ein beliebter Zeitvertreib. Alle paar Jahre gibt sich ein großer Teil der Gesellschaft in vierwöchiger Anspannung diesem Hobby besonders gern hin.

In dem RUBIKON-Beitrag „Werdet hobbylos!“ betonte Nicolas Riedl, was der eigentliche Zweck ist: „Hobbys sind in unserer Wirtschaftsordnung ein wichtiger Teil des Energie-Auflade-Prozesses, der die Lohnabhängigen — im Kollektiv auch das Humankapital genannt — wieder ‚funktionstüchtig‘ macht. Es sind kleine Zugeständnisse des Systems an den Einzelnen, damit dieser unter der erdrückenden Last der Freudlosigkeit im Arbeitsleben nicht vollends zusammenbricht“ (2).

Die Sportberichterstattung von vielen Medienanstalten unterhält den Zuschauer, den Fan. Sie werben für Fußball, für die Millionengehälter von Fußballspielern, für die Unsummen von Geld und eben — für das Hobby vieler.

Trotzdem ist Unmut in den Reihen der Unterstützer zu hören.

Scheu vor dem Neuen

Fußball ist wie manch andere Sportart ein immer in ähnlicher Form wiederkehrendes Hobby, ein Sport, der im gesellschaftlichen Leben einen Teufelskreis symbolisiert. Elf Spieler versuchen sich gegen elf andere Spieler zu behaupten. In der 1. Fußball-Bundesliga kommt das 34 Mal pro Spielzeit vor, Jahr für Jahr.

Regeländerungen kommen beim Fußball nur im kleinsten Maß vor. Wer käme auch schon einmal auf die Idee, dass 13 Spieler ihren 13 Gegenspielern den Ball in die Maschen zaubern? Oder wie wäre es mit nur 17 Spieltagen pro Saison? Was würde passieren, wenn das Spielfeld kein Rechteck mehr, sondern ein Kreis wäre? Würde der FC Bayern München weiterhin den deutschen Spitzenfußball dominieren?

Das Abrücken von dem Altbewährten scheint undenkbar. Besser ändert sich nichts, bevor ich mich verändere. Ist das Bequemlichkeit, Unwissenheit oder die Angst vor dem Unbekannten? Ist es etwa nicht mehr die Garantie, dass Fußball mein Lieblingshobby bleibt? Ist Fußball dann überhaupt noch eine persistente Quelle des Reichtums im Sport?

Gewohntes ist uns vertraut. Die Flucht zu Altem — die Scheu vor dem Neuen? Eine Veränderung birgt Gefahren. Daher strömen immer wieder Phrasen wie „Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten“, „Fußball ist ein Tagesgeschäft“ oder „Ich habe fertig!“ durch die Stadien.

Eine Hauptgefahr für die gegenwärtigen Profiteure wäre sicherlich die dann bestehende Unsicherheit für ihre Profite. Es würde das Geschäft von Ulrich Hoeneß, Martin Kind oder Dietmar Hopp zerstören. Kommerzialisierter Fußball ist gezwungen, an den alten Tugenden festzuhalten. Jede Saison soll möglichst deckungsgleich ablaufen. Der Zuschauer feiert oder leidet 34 Spiele lang mit seiner Mannschaft, zahlt horrende Eintrittspreise, schaut sich reiche und sehr reiche Menschen beim noch reicher werden an. Er freut sich beim Tor oder dem Sieg. Und was hat er von seinem Hobby? Ein wohliges Gefühl, dass seine Mannschaft gewonnen hat? Glückshormone beim Sieg, Stress bei einer Niederlage? Sozialisation?

Die Fankultur ist ein fester Bestandteil der gegenwärtigen Gesellschaft. Sie schafft Verbundenheit, das Interesse für ein gemeinsames Ziel, und lässt den Menschen an der Gemeinschaft teilhaben. Fans organisieren das Umfeld des Vereines und geben Vorschläge für Neuerungen. Fans protestieren, kritisieren, demonstrieren und kommunizieren. Könnte ein Verein wirklich derselbe sein ohne seine Fans, Unterstützer und Zuschauer? Wäre er womöglich dann genauso erfolgreich, hätte er dieselbe Geschichte? Fragen, auf die eine Antwort ausbleiben wird.

Möge der Bessere gewinnen!

Die Spirale des langweilig erscheinenden Fußballs ist kein Einzelfall.

In der deutschen Handball-Bundesliga der Männer dominierte der THW Kiel von 2004 bis 2015 mit einer Ausnahme den Handball. Nur einmal gelang es in diesem Zeitraum einem anderen Handball-Team, den Meistertitel zu holen.

Im Männer-Volleyball zeigt sich ein ähnliches Bild: Seit 1998 wurden ausschließlich zwei Mannschaften deutscher Meister, es dominierten die Berlin Recycling Volleys und der VfB Friedrichshafen.

Bei den Tischtennis-Herren führt Borussia Düsseldorf die Bundesliga seit 2008 an. Nur ein einziges Mal war es im Jahre 2013 dem SV Werder Bremen gelungen, diese Serie zu unterbrechen.

Da stellt sich die Kernfrage: Ist es Sinn und Zweck des Sports, dass immer dieselben Mannschaften auf dem Podest stehen? Um sportliche Fairness auszusprechen, verwenden die Teilnehmer oftmals den Spruch: „Möge der Bessere gewinnen!“ Doch was bedeutet es wirklich, der Bessere zu sein?

Besonders im Fußball spricht manch ein Trainer bei der Pressekonferenz davon, gewonnen zu haben, ohne das bessere Team gewesen zu sein. Dennoch definiert unsere Gesellschaft „besser“ und „schlechter“ am Endergebnis. Ein Triumph bedeutet automatisch, dass der Triumphierende viel mehr geleistet hätte als der Geschlagene. Reiche Fußballoligarchen wie die schon genannten Hoeneß, Kind oder Hopp ersetzen womöglich „die bessere Mannschaft“ durch „die reichere“, ganz in ihrem Sinne eben. Umso mehr erhält dieses sportliche Zitat einen goldenen Anstrich.

Doch sollte der Sportbeobachter nicht vergessen, dass ein Ergebnis nur ein punktueller Wert ist. Zu diesem Zeitpunkt wurde mit einer bestimmten Leistung ein Ergebnis erbracht. Dadurch lässt sich noch längst nicht abschließend sagen, dass der Eine besser als der Andere ist. Jedoch sieht es vor allem die Sportberichterstattung mit ihren endlosen Ergebnislisten, Statistiken und Tabellen so. Sport erschafft ein Konstrukt aus unzähligen Zahlen und Daten.

Diese Vergleiche von Werten und Wertungen zwischen „besser“ und „schlechter“ führen schlussendlich zu Machtkämpfen. George Orwell formulierte dazu sehr passend: „Ernsthafter Sport hat nichts mit Fairplay zu tun. Er ist verbunden mit Hass, Eifersucht, Prahlerei, Missachtung aller Regeln und sadistischem Vergnügen, Gewalt zu erleben: Mit anderen Worten, es ist Krieg ohne Schießen“ (3).

Da stellt sich abschließend nunmehr die Frage: Worum geht es in diesem Krieg gleich noch einmal? Sport ist es wohl nicht.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Bertolt Brecht „Das Verhör des Lukullus“, Suhrkamp-Verlag 1974
(2) https://www.rubikon.news/artikel/werdet-hobbylos
(3) „Serious sport has nothing to do with fair play. It is bound up with hatred, jealousy, boastfulness, disregard of all rules and sadistic pleasure in witnessing violence: in other words it is war minus the shooting”in "The Sporting Spirit", Tribune, GB, London, December 1945; George Orwell, The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell 1903-1950