Sterbearmut

Von Tod, Trauer, Sterbekosten und einer Schönheit, für die es kein Geld braucht.

In einem ernst-lakonischen Kurzessay zum Tod legt Tamás Török die Wertigkeiten dieser Zivilisation aus und stellt dem die Schönheit des Vergänglichen gegenüber, die vom Sterbenden zehrt und darauf erblüht.

Vor einigen Jahren habe ich Annie Ernaux’s „Der Platz“ gelesen, in dem sie über ihren Vater schreibt. Dessen Tod kam plötzlich und unerwartet, so wie der Tod immer kommt, denn selbst die auf ihn Wartenden werden vom exakten Moment dann doch überrascht. Der Sensenmann kommt, zumindest aus menschlicher Perspektive, immer zu früh oder zu spät, nie rechtzeitig.

Was mir von „Der Platz“ jedoch am meisten hängen blieb, ist, wie alltäglich und pragmatisch das Ableben des Vaters hingenommen wird, hingenommen werden muss. Denn er führte mit Ernaux’s Mutter eine Kneipe und als würdige Vertreterin ihrer Klasse kann sie es sich nicht leisten, die Kneipe zuzusperren, sondern serviert ihren Stammkunden weiterhin Halbe und schleicht in ruhigeren Momenten die Treppen in die Wohnung hoch, um kurze Augenblicke mit ihrem aufgebahrten Ehemann zu verbringen.

Meine nächste Lektüre war „The Year of Magical Thinking“ von Joan Didion. Didion, die ihr Geld als Autorin von Essays für Vogue, The New Yorker, mit Romanen und Hollywooddrehbüchern verdient hat, widmet sich in „The Year of Magical Thinking“ mit ihrer präzisen und schonungslos analytischen Art der Trauer. Doch was hauptsächlich auffiel und hängen blieb, war der grundlegende Unterschied im Umgang mit dem Tod. Denn Didion trauert intensiv das titelgebende Jahr lang und vertieft sich in der Literatur, Flucht und Ergründung zugleich, die ich selbst voller Hingabe betreibe. Sie sammelt Daten und Anekdoten über Tod und Trauer, versucht zu verstehen und verarbeiten und erschafft schlussendlich ein Kunstwerk über Tod und Trauer, die natürlichsten Dinge im Leben.

Mein eigener Stiefvater ist Ende Mai verstorben. Er war Chefkoch und starb, wie er gelebt hat, allein in einer Küche, fern von der Familie, für die er vor langer Zeit in anderen Hotelküchen stand. Meine Mutter hat sich nämlich vor über zwanzig Jahren von ihm getrennt und meine Beziehung zu ihm war eine Abwesenheit, so wie jene zu meinem leiblichen Vater, der vor meiner Geburt einen ungarischen Abgang gemacht hat. Kurz und würzig, szervusz, baba, Alimente gibt’s im nächsten Leben.

Mein eigenes Leben ging hingegen weiter. Bereits am Tag nach seinem Tod folgte um 06:30 die Schicht als Frühstückskellner zwischen dem gewohnten Milchschaumdampf und Besteckgeklimper.

Während der darauf folgenden Tage habe ich jedoch bruchstückhaft mitgekriegt, dass der Tod — der natürliche Zerfall eines Körpers, der aus verdauter Nahrung besteht, die der Erde entwächst, die wiederum aus zerfallener und von Mutter Erde verdauter Biomasse besteht — schweineteuer ist.

Ich denke mir schon seit Langem, dass das Leben in Innsbruck billiger sein könnte, denn ich zahle 655 Euro monatlich für meine 23 Quadratmeter Garconniere. Was im Vergleich zu anderen Wohnungen sogar noch billig ist. Aber mit dem Tod kann selbst die Hauptstadt der Alpen nicht mithalten, denn ein Tag in der Kühlzelle kostet 600 Euro, während all das, was in der Erde kreucht und fleucht sich mit Vergnügen umsonst darum kümmern würde, um das Gras und die Blumen der kommenden Jahre zu nähren.

Insgesamt beliefen sich die Bestattungskosten auf ungefähr 6.000 Euro. Mit meinem sparsamen Lebensstil habe ich im letzten Jahr laut Steuerbescheid knapp 14.500 Euro verdient. Mein Tod wird mich also ein halbes Jahr meines Arbeitslebens kosten, falls ich meine Angehörigen nicht als lästiges Ausgabengespenst heimsuchen und in die Sterbearmut treiben möchte.

Dabei wäre das Leben so schön, all die Bäume und Pflanzen blühen über dem verfaulten Laub des vergangenen Jahres und die Sonne strahlt so unerträglich hell. Bloß die Trauer ist ein Privileg und der Tod eine Investition.