Strich durch die Rechnung

Der Abschuss einer US-Drohne über dem Iran zeigt, dass Luftabwehrsysteme die Geschichte beeinflussen können.

Wer die Lufthoheit erringt, kann ein Land terrorisieren und schließlich beherrschen, ohne zunächst Bodentruppen einzusetzen. Das Vorgehen der USA in Ländern wie Irak und Libyen hat das gezeigt. Das Eindringen in den Iran begann mit einer vermeintlich unverwundbaren Drohne, die jetzt von einer iranischen Luftabwehrrakete abgeschossen wurde. Vergleichbares hatte es auch schon am Himmel über der damaligen Sowjetunion gegeben, wo vor 60 Jahren ein US-Spionageflugzeug abgeschossen wurde. Eine funktionierende Luftabwehr gehört zu den machtvollsten Hindernissen für die Weltherrschaftspläne der USA, wie Jochen Mitschka mit einem Streifzug durch die Geschichte belegt.

Viel ist in den vergangenen Wochen über den Abschuss einer 200 Millionen Dollar teuren US-Aufklärungsdrohne durch den Iran spekuliert worden. Vom Himmel holte diese angeblich unverwundbare Drohne eine im Iran entwickelte Luftabwehrrakete im Wert von circa 20.000 Dollar. Und der Iran war sich so sicher, das Ziel mit einer einzigen Rakete zu treffen, dass er nicht — wie bei schwer bekämpfbaren Luftzielen üblich — mehrere losschickte.

Das war eine Machtdemonstration, vergleichbar mit dem historischen Abschuss eines amerikanischen Spionageflugzeuges vom Typ U-2 über der Sowjetunion vor fast 60 Jahren.

Und er weist auf eine Veränderung der Weltlage hin: Ersetzte die absolute Luftüberlegenheit erfolgreich die Kanonenbootdiplomatie der Kolonialmächte (1) in der neokolonialen Epoche der vergangenen dreißig Jahre, zeichnet sich nun das Unwirksamwerden der neuen „Kanonenboote“ ab — der Stealth Jets (Tarnkappenbomber) und der Cruise-Missiles (Marschflugkörper).

Kanonenboote und ihre Gegner

Mit der damals neuen S-75 Luftabwehrbatterie schoss die Sowjetunion am 1. Mai 1960 die Maschine von Francis Gary Powers ab. Dieser Abschuss einer US-Lockheed U-2 Dragon Lady aus 21 Kilometer Höhe in der Nähe des heutigen Jekaterinburg — der nicht der letzte Abschuss eines Höhenaufklärungsfliegers sein sollte — veränderte die Weltpolitik. Der Mythos der unbesiegbaren Überlegenheit US-amerikanischer Technologie verlor seinen Glanz. Und der Respekt gegenüber der Luftabwehr Russlands beeinflusst seitdem die Weltpolitik — bis heute.

Das Flugabwehrsystem S-400 Triumf verändert aktuell die Weltpolitik. (Momentan testet Russland bereits die Nachfolgegeneration. S-500 soll auch gegen Satelliten in erdnahen Umlaufbahnen einsetzbar sein.) Die Angst der USA vor S-400 und vor allem den Radarsystemen, ist so groß, dass Washington riskiert, durch Zwangsmaßnahmen gegen die Türkei die zweitgrößte NATO-Armee aus dem Bündnis zu drängen.

Die Leistungsfähigkeit des russischen Systems scheint so überzeugend zu sein, dass sich bereits China und Indien — trotz massiver Drohungen durch die USA — für einen Kauf entschieden haben. Mit der Türkei wagte sogar ein NATO-Land diesen Schritt — und die politische Elite der USA schäumt. Als Strafe wurden die Türken aus der Gruppe der Zulieferer und Kunden des neuesten US-Multimilliarden-Militärflugzeugprojekts F-35 geworfen. Böse Zungen behaupten, Ankara habe damit die Notbremse bei einem der größten Betrugsfälle der Neuzeit gezogen.

„Allerdings teilt die F-35 das ‚Schicksal’ vieler anderen Kampfjets: Ihre Entwicklung hat über 55 Milliarden Dollar verschlungen, hinzu kommen noch die Beschaffungskosten in Höhe von — je nach Variante — gegenwärtig 89 bis 115 Millionen Dollar pro Stück. Die Gesamtkosten über den gesamten Nutzungszeitraum bis 2070 werden gegenwärtig auf voraussichtlich 1,508 Billionen Dollar taxiert“ (2).

Zur Veranschaulichung hier die Kosten mit allen Nullen: 1.508.000.000.000 Dollar.

Die Türkei hat bereits ein selbstentwickeltes Kampfflugzeug der allerneuesten fünften Generation angekündigt. Unter der Bezeichnung TF-X (Turkish Fighter-X) wurde das Modell in Originalgröße auf der diesjährigen Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris vorgestellt. Zusätzlich bietet Russland die Lieferung seines — angeblich dem F-35 überlegenen — Kampfjet Su-57 an, der dieses Jahr in Standardfertigung gehen soll, für nur ein Drittel des Preises — wie Analysten behaupten. Das ganze Projekt F-35 würde so zu einem gefährlichen Präzedenzfall mit schrecklichen Einbußen für die US-Firmen, sollten weitere potenzielle Kunden abspringen. Und das alles wegen eines Flugabwehrsystems — allerdings eines Flugabwehrsystems, das die modernen Kanonenboote unwirksam machen könnte.

Obgleich der potenzielle Gegner derzeit noch ein Verbündeter ist, macht sich die Türkei unabhängig und militärisch viel schwerer angreifbar. Nicht nur Ankara, sondern die ganze Welt lernte aus den US-Kriegen der vergangenen dreißig Jahre, dass man sehr schnell vom bevorzugten Verbündeten zum Feind und mit einem Angriffskrieg bestraft werden kann. Wir sahen dies bei Saddam Hussein, dessen Krieg gegen den Iran die USA noch großzügig und weiträumig unterstützte, bis er in Ungnade fiel und der Irak in zwei Kriegen zerstört wurde. Oder da war Syriens Präsident Baschar al-Assad, der als Hoffnung der Neoliberalen galt und den man fallen ließ, als die Entwicklung nicht schnell genug ging.

Das Libyen Muammar al-Gaddafis wurde vom reichsten Land Afrikas ins Mittelalter zurückgebombt. Oder schauen wir uns den von den USA eingesetzten Präsident Hamid Karzai an, der sein Amt verlor, weil er den USA Probleme bei der Durchsetzung ihrer Stationierungsbedingungen machte und verlangte, dass Verbrechen von US-Soldaten in Afghanistan vor Gericht kommen müssten. Das Land war bereits zerbombt und zum Teil von den USA besetzt, so dass sich ein weiterer Krieg erübrigte.

Alle diese Kriege liefen nach dem gleichen Strickmuster ab: Stealth-Jets und Cruise-Missiles zerstören zunächst die Luftabwehr und die wichtigsten Verteidigungsstrukturen des technologisch weit unterlegenen Landes. Dann zerbombt die Luftwaffe die Kommandostrukturen und Massierungen von potenziellem Verteidigungsmaterial. Schließlich rücken die Bodentruppen nach, um die letzten Widerstandsnester zu „säubern“.

So zerstörte die USA zwar die Länder, doch es gelang ihr nicht, diese zu kontrollieren. Aber darum geht es ja nicht in erster Linie.

Jetzt ist also der Iran an der Reihe, wie man den Aussagen von Ex-General Wesley Clark entnehmen konnte. Die Strategie „sieben Länder in fünf Jahren“ dauert zwar etwas länger als ursprünglich geplant, ist aber nie aufgegeben worden. Über Jahrzehnte wurde der Iran durch Sanktionen isoliert, und die US-Falken glaubten anscheinend, dass das Land nun langsam reif wäre für die abschließende Militäraktion. Nun aber zeigt sich, dass Teheran — obwohl über Jahrzehnte vom westlichen Know-how ausgeschlossen und mit allen nur denkbaren Repressalien gebeutelt — über ein selbstentwickeltes Flugabwehrsystem verfügt, das eine Gefahr für angreifende US-Flugzeuge und Raketen darstellt.

Die vom Iran vor wenigen Wochen abgeschossene Spionagedrohne war das Modernste, was die USA derzeit an Aufklärungsmitteln zur Verfügung hat. Die Drohne flog extrem hoch und verfügte über elektronische sowie andere Systeme gegen angreifende Luftabwehr. Trotzdem reichte eine einzige Rakete des Iran, diesen Stolz der US-Aufklärung vom Himmel zu holen. Teheran demonstrierte eindrucksvoll, dass es imstande ist, mit einer 20.000-Dollar-Rakete Flugzeuge, die hunderte von Millionen Dollar kosten, vom Himmel zu holen.

Hinzukommend — was nun der Vermutung Nahrung gibt — könnten auch iranische Schiffsabwehr- und Boden-Boden-Raketen zu einer Überraschung für das US-Imperium werden. Denn kein Abwehrsystem ist fähig, im Schwarm angreifende Raketen hundertprozentig zu eliminieren. Sicher könnten die USA den Iran zerstören, müssten aber mit erheblichen Eigenverlusten rechnen. Damit ist die Kanonenbootdiplomatie des 21. Jahrhunderts Geschichte.

Zeitenwechsel

Die derzeitige Situation ähnelt der nach dem Abschuss der U-2 durch die UdSSR. Der Gegner entpuppt sich plötzlich als durchaus wehrhaft, kann nicht mehr militärisch kontrolliert werden und ein Angriff hätte große Eigenverluste zur Folge. Im Fall des Iran muss aber noch ein weiterer Aspekt berücksichtigt werden: Bisher ging man davon aus, den Iran durch einen Wirtschaftskrieg beliebig knebeln zu können, weil er es nicht wagen würde, militärische Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Aber nun hatte Teheran es doch tatsächlich gewagt, das Kapern eines Öltankers vor Gibraltar durch Großbritannien mit dem Aufbringen von gleich zwei britischen Tankern vor seiner eigenen Küste zu beantworten, von denen einer bereits wieder freigegeben wurde.

Der Abschuss der Drohne und das Kapern der Schiffe zeigen deutlich: Der Iran ist nicht bereit, sich durch den Wirtschaftskrieg der USA und ihrer Verbündeten in den Bankrott oder den staatlichen Untergang treiben zu lassen.

Stattdessen riskiert Teheran einen Bombenkrieg — der über die zu erwartenden Verluste des Imperiums zu einem Umdenken führt — als stillhaltend durch Sanktionen unterzugehen.

Im Irak starben durch US-Sanktionen zwischen 50.000 und 1,5 Millionen Kinder, laut Wikipedia 500.000. Das wird im Iran nicht passieren. Vorher eskaliert der Wirtschaftskrieg in einen Heißen Krieg.

Die Krise des Neokolonialismus

Nach marxistischer Wirtschaftstheorie wird es mit wachsender Automatisierung und immer kürzer werdenden Innovationszyklen für kapitalistische Unternehmer immer schwieriger, „ausreichend“ Kapitalzins beziehungsweise Profit zu erwirtschaften. Gleichzeitig werden immer weniger Arbeitskräfte benötigt, das heißt, ein weiterer Kostenabbau durch den Faktor Arbeit bietet immer weniger Spielraum. Ein Ausweg scheint — kurzfristig — die Sicherung preiswerter Rohstoffe und Ressourcen; dazu gehören billige, gerne auch ungelernte Arbeitskräfte — früher nannte man sie Sklaven.

Die Aufrüstung der NATO kann als der Zwang gesehen werden, unter dem die kapitalistischen Länder stehen, sich Ressourcen mit militärischer Gewalt aneignen zu müssen. Dieses Ansinnen gerät nun sowohl durch die Luftabwehrsysteme Russlands als auch deren Hyperschallraketen in Gefahr. Durch eine Verlagerung der Rüstung in den Weltraum wird nun noch mehr Geld für Waffenentwicklung erhofft, um doch wieder „Kanonenboote“ bauen zu können und so die alten kolonialen Privilegien wieder herzustellen.

Mit China hat ein Land längst ein Modell entwickelt, mit dem Angriffskriege, Bomben und Unterdrückung obsolet werden. Das chinesische Seidenstraßenprojekt ist das Gegenmodell zur militärischen Beherrschung: Brücken, Straßen und Eisenbahnen statt Kampfjets, Bomben und Panzer.

Statt die totale Unterwerfung zu fordern, ermöglicht China seinen Partnern eine Entwicklung, die im eigenen Land zu Arbeitsplätzen und Wohlstand führt. Dies generiert wiederum zahlungskräftige Abnehmer für chinesische Produkte und treue Lieferanten von Rohstoffen.

Wie sah über Jahrhunderte das Projekt der westlichen Kolonialländer aus? Durch militärische wie wirtschaftliche Beherrschung wurden die Länder gezwungen, ihre Ressourcen zu Schleuderpreisen zu verkaufen, was den lokalen Eliten große Vermögenszuwächse einbrachte, aber die Massen verarmen ließ. Gleichzeitig dienten diese Länder dem Absatz von hochindustriell gefertigten Gütern zu Preisen, gegen die lokale Anbieter chancenlos waren (2).

Je mehr Länder nun dem Beispiel von China, Indien, der Türkei folgen, und ihre militärische Erpressbarkeit durch den Kauf russischer Waffentechnologien reduzieren, desto größer wird der Druck der US-Falken, Russland direkt „in die Schranken zu weisen“. Eine Gefahr, die Moskau als gering erachtet, was an der Senkung der Rüstungsausgaben — bereits im zweiten Jahr in Folge — erkennbar ist. Die Russen arbeiten längst an Nachfolgesystemen der inzwischen zu Ruhm gekommenen S-400, die ebenfalls im Weltraum aktiv sein und auch dort „Kanonenboote“ in die Schranken weisen sollen.

S-400 nur ein Bluff?

Eine Zeit lang wandten Kritiker Russlands ein, dass die S-400 ein Bluff wäre beziehungsweise die Fähigkeiten des Systems weit überschätzt würden. Denn Moskau habe es nicht gewagt, das System in Syrien einzusetzen. Dabei übersehen diese Zweifler die Tatsache, dass für die Russen ihre S-400 und die Nachfolgesysteme den Stellenwert der Abschreckung haben. Sollten sie jemals zum Einsatz kommen, bedeutet das: Der Krieg ist ausgebrochen.

Letztlich hat die US-Stornierung der F-35-Bestellungen unter Hinweis auf die Fähigkeiten von S-400 entscheidend dazu beigetragen, den Ruf des russischen Systems aus der Grauzone der Spekulation in die Realität der Geheimdiensterkenntnisse zu befördern — das Eingeständnis, dass es ein Mittel gegen die imperialen „Kanonenboote“ gibt.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Kanonenbootdiplomatie, oder auch Kanonenbootpolitik, war die gängige Methode der Machtdemonstration kolonialer Seemächten gegenüber anderen Staaten zur Durchsetzung eigener imperialer Interessen mittels Kriegsschiffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Nach 1945 erlebte diese Politik eine Renaissance, als im Rahmen der Dekolonisation die ehemaligen Kolonialmächte ihre unhaltbar gewordenen Positionen und Einflusszonen nicht ohne weiteres räumen wollten.
(2) https://www.heise.de/tp/features/F-35-oder-S-400-Ein-amerikanisch-tuerkisch-russisches-Ruestungsgerangel-4444907.html
(3) https://youtu.be/hGuziKsya14
(4) https://de.sputniknews.com/technik/20190708325401108-sowjetische-luftabwehr-vs-us-spione/
(5) https://www.rubikon.news/artikel/westliche-dominanz
(6) https://de.sputniknews.com/politik/20190713325433679-tuerkei--vorbote-abgeordnete-s-400-lieferung/
(7) https://www.globalresearch.ca/shifting-alliances-is-turkey-now-officially-an-ally-of-russia-acquires-russias-s-400-exit-from-nato-imminent/5683458