# Stromboli

In der Poetik-Ecke LIX lässt Werner Köhne Hölderlin über eine Insel, über einen Film und über uns hereinbrechen.

von 
   * Werner Köhne

Stromboli ist der Name der berühmten liparischen Insel mit dem gleichnamigen Vulkan drauf. Stromboli heißt weiter auch ein Film des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini: ein bedeutendes Werk des Neorealismus aus dem Jahre 1950, gedreht auf der Insel Stromboli und mit der Insel und dem Vulkan als Thema. Der Film hat außerdem den Regisseur mit „der Fremden aus dem Norden“ zusammengebracht: mit der damals schon berühmten Ingrid Bergmann, welche die Rolle eben dieser Fremden auf der Insel spielte. Aus der (auch) privaten Verbindung der beiden ist die Schauspielerin Isabella Rossellini hervorgegangen und diese wiederum war mit David Lynch liiert. Ebenso aus dem Film hervorgegangen ist das Poem von Werner Köhne, der in seinem Projekt „Short Cuts“ Werke aus der Filmgeschichte aufgreift, um in fast Hölderlinscher Manier Bilder und Motive des Menschseins zu destillieren. Nur das CUT sticht schmerzvoll heraus und damit auch der Zuschauer, der die Konsumkultur repräsentiert — unsere heutige noch mehr als die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten. Man braucht den Film „Stromboli“ nicht gesehen zu haben, um die Wucht und die Schönheit zu erkennen, mit der Köhne Themen wie Fremdheit, Unentrinnbarkeit und Ausgeliefertsein des Menschen am Rande eines Vulkans in Worte fasst. Dass darin eine Symbolik liegt, in der sich das Geschehen dieser jetzigen Zeit spiegelt, versteht sich fast von selbst. Das betörend mediterrane Poem kann Anlass sein, sich dem Film zuzuwenden, bevor (auch) die Film-Geschichte(n) unwiederbringlich in Algorithmen sich auflöst. 

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I.
du Insel
im Welten-Aus
schroff und feindlich
ragt aus dem Meer
dein schwarz blutender Vulkan
  
oh ihr Sirennen
die ihr aus diesiger Ferne lockt
und dunkelnd weiterlebt
in namenlosen Fischern

ihr Chöre der Meere
mal tosend mal flüsternd 
sendet ihr eure Versprechen 
durch blitzende Hirne und Zeiten 

oh ihr Jäger
im fahlen Grau des Morgens
von schwankenden Booten aus
werft eure Netze 
hinein in die aufreizende Gischt 

haltet eure Speere bereit
spannt eure Finger
um den rauen Schaft
bis die Knöchel erbleichen
wie Maskenweiß

und lasst euch ein
ohne Dünkel und Zorn
in das tönende Fieber der Jagd
 
II
 
du dagegen
Fremde
die aus dem Norden kam
durch falsches Erinnern nach Heimat und Glück
an diesen öden Strand geschwemmt

du Unversöhnte
in deren Wut
sich unverhofft mischt
eine Spur trotziger Lebensgier

so wirst du uns fühlbar
auf deinen wahnhaften Gängen
im Bannkreis
von Schotter, Mörtel und Stein
stockend manchmal oder huschend
an Häusern vobei,
in den Berg gerammt
ohne den begütigenden Wurf der Schatten

oh du Fremde – warum deine Abscheu
vor allem was sich zur
Gelassenheit befreien könnte
spürst du denn nicht
wie sich die Wogen sanft um deine Waden schmiegen und
zwischen deinen Füße
die Wellen sich leise kräuseln 
als könnten sie zu Zeichen werden
für Fügung und Verzicht
 
ein Schicksal
das du nie teilen wirst
mit dem Stoizismus
der jagenden Schar

oh du fremde Frau
Verfemte der Ozeane
meide alle verlockenden Bilder 
und öffne deine Sinne
dem stummen Schrei der Fische
schwing dich ein ins lodernde Echo
des immerwährenden Weltengesangs
in dem sich alles Sein verhüllt und entbirgt
und die Seelen der Heimatlosen
durch brüchige Winde wandern müssen
dorthin wo jedes Sehnen endet
und sich selbst das Glück 
an den Abhängen
des Kraters
zum Sterben niederlässt

III

Oh wir selbst aber –  Randständige
in diesem Drama – bleiben zurück 
als Zuschauer in dunklen Kinosälen
umsorgt und betreut von erkauften Erzählungen
an denen wir uns blind ergötzen
wie auch an den bizzaren Stimmen
der johlenden Meute

der letzte Cut von Rosselini aber gilt
dem Gesang der Opfer
den scharfen Flossen der Fische
die sich in den Netzen verfangen
ehe sie hart aufschlagen
auf das peitschende Wasser

und schon blitzen die Speerspitzen auf
bevor sie in die
übereinander purzelnden Leiber eindringen
und die Verendenden  in scharfem Ruck über den
blutenden Bordrand geschleift werden

IV
 
Oh wir alle sind Kreaturen
ausgesetzt
in die Leere der Geschichte und
das Fragile der Existenz

zwischen Hauch und Sturm
wogt das Meer und des Menschen
Schicksal zwischen Lust und Weh
dort
wo sich Fremdheit und Begehren
von jedem weltlichen Urteil lösen
und sich alles was ist verwandelt
in den  Lichtstrahl
eines Traums


