Trumps Verrat

Er wollte die endlosen Kriege der USA beenden, wollte ein Friedenspräsident sein, doch der Wahlkampf ist längst vorbei, und der 47. Präsident der Vereinigten Staaten hat sich als feuchter Traum der neokonservativen Falken entpuppt.

Vor etwas mehr als einem Jahr trat Donald Trump seine zweite Amtszeit an. Damals gingen wohl die meisten davon aus, er sei kriegsmüder als seine Kontrahentin Kamala Harris. Schließlich hatte er im Wahlkampf vielfach betont, er werde dem ewigen Interventionismus der Vereinigten Staaten ein Ende setzen. Auch die ersten Monate waren noch halbwegs geprägt von dem Vorhaben, sich selbst als Friedenspräsident zu profilieren. Schließlich winkte damals auch noch der Friedensnobelpreis. Heute ist davon kaum noch etwas übrig. Die Angriffe auf den Iran lassen daran keinen Zweifel zu. Wer ihm damals geglaubt hatte, fühlt sich heute möglicherweise hilflos angesichts der Erkenntnis, dass selbst jemand, der das völlige Gegenteil propagiert, im Zweifelsfall Kriege beginnt und fortführt. So berechtigt dieses Gefühl auch ist, darf nicht vergessen werden, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt, sich zur Wehr zu setzen, die bisher unerprobt blieben.

Bei der Präsidentschaftswahl 2024 äußerte nur einer der beiden Hauptkandidaten eine Anti-Kriegs-Position: Donald Trump. Es folgen einige seiner damaligen Aussagen:

„Ich werde keine Kriege beginnen, ich werde Kriege beenden.“

„Wir werden diese endlosen Kriege beenden.“

„Wir werden das Blatt für immer wenden in Bezug auf diese törichten, dummen Tage der endlosen Kriege. Sie hörten nie auf.“

„Ich werde die Kriegstreiber aus unserem nationalen Sicherheitsapparat entfernen (...) und der Kriegsgewinnlerei ein Ende setzen.“

„Er (sein Vorgänger) schickte unser Blut und Vermögen los, um Regimewechsel zu unterstützen — im Irak, in Libyen, in Syrien und in jeder anderen globalen Katastrophe seit einem halben Jahrhundert.“

„Wir glauben, dass die Aufgabe des US-Militärs nicht darin besteht, endlose, sinnlose Regimewechsel-Kriege auf der ganzen Erde zu führen. Die Aufgabe des US-Militärs ist es, Amerika vor Angriff und Invasion hier daheim zu schützen.“

„Diese endlosen Kriege gehen immer weiter, und überall werden Menschen getötet und dabei Milliarden und Abermilliarden ausgegeben.“

„Es muss eine umfassende Verpflichtung eingegangen werden, das gesamte globalistische neokonservative Establishment zu demontieren, das uns ständig in endlose Kriege zieht, indem es vorgibt, im Ausland für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. (...) Wir hätten nie nach Nahost gehen sollen. Unter meiner Führung werden wir das Blatt für immer wenden in Bezug auf diese törichten, dummen Tage endloser Kriege. (...) Dumme, sinnlose, endlose Kriege ...“

Und er sagte nicht erst 2024 solche Sachen. 2019 sagte er: „Lindsey Graham würde am liebsten die nächsten Tausend Jahre im Nahen Osten bleiben, mit Tausenden von Soldaten, die anderer Leute Kriege führen. Ich will raus aus Nahost.“ 2013 sagte er: „Die USA sollten sich aus Syrien heraushalten.“ 2011: „Die Vereinigten Staaten haben zwei Billionen Dollar und Tausende von Leben im Irak verbraten. Jetzt bombardieren wir Libyen und helfen dort Rebellen. Was tun wir da?“ Und Mitte der 2000er Jahre: „Wir hätten dort niemals sein sollen (im Irak).“

Trump beendete seinen Wahlkampf 2024, indem er in seiner Siegesrede sagte: „Ich werde keine Kriege beginnen, ich werde Kriege beenden.“

Ich hatte gehofft, dass er diesen Worten treu bleiben würde. Ich bin manchmal naiv und neige dazu, an das Beste in den Menschen zu glauben, aber ich war auch nicht der einzige, der seine Anti-Kriegs-Rhetorik ernst nahm. Neokonservative Falken glaubten ihm ebenso, weshalb viele von ihnen seine Gegner bei den Vorwahlen und in der Wahl unterstützten. Bill Kristol, Max Boot, Robert Kagan, David Frum, John Bolton, Liz Cheney und Elliot Abrams stellten sich alle öffentlich gegen ihn. Ein Jahr später hat Trump ihre wildesten Träume wahr gemacht.

Was ist geschehen? Steht ein dunkles Geheimnis hinter seiner unterwürfigen Treue zu Israel? Fühlte er sich zu den aller-kriegsbessensten Neokonservativen wie Lindsey Graham, Tom Cotton und Ted Cruz hingezogen, weil er deren politische Unterstützung brauchte? Machten ihn sein narzisstisches Ego und sein Größenwahn empfänglich für Manipulation durch Schmeichler, die Ruhm und Ehre versprachen? Oder waren seine Anti-Kriegs-Aussagen schon Mitte der 2000er von Vornherein reine Heuchelei?

Ich überlasse es anderen, das herauszufinden. Jetzt ist es das Wichtigste, diesen Krieg zu beenden, bevor er noch weiter außer Kontrolle gerät. In jedem Fall ist die alte Weltordnung tot. Entweder verlieren die Vereinigten Staaten diesen Krieg, oder sie werden „gewinnen“ mit Mitteln, die so inhuman sind, dass sie zerstören, was noch von ihrer Seele übrig ist. Wie dem auch sei: Die US-Führungsrolle ist vorbei.

Je mehr der Krieg außer Kontrolle gerät, desto mehr wird das Chaos die Zeit danach bestimmen.

Es kann noch viel schlimmer kommen. Gibt es irgendetwas in den Taten oder Charakterzügen des Präsidenten, das uns die Sicherheit gibt, dass er keine Atomwaffen anwenden wird? Die abgedrehten, grausamen, kindischen, irren Erklärungen aus dem Weißen Haus bieten da wenig Beruhigung.

Oberste Priorität hat jetzt die Beendigung dieses Kriegs. Vielleicht wird der Sturm negativer öffentlicher Meinung im Verein mit ökonomischen Turbulenzen Trump dazu bringen, absurderweise den Sieg zu verkünden und seine Truppen zurückzuziehen. Aber während ich dies schreibe, scheint er eher in die andere Richtung unterwegs zu sein: zu weiterer Eskalation.

Wenn dem so ist, sollten wir besser in Aktion treten, und zwar schnell. Ich bin skeptisch, ob Massendemonstrationen auf der Straße angemessen sind. Die letzten tatsächlich wirkungsvollen Protestmärsche und Demonstrationen gab es einst zu den Bürgerrechten und Vietnam. Seither sind sie zu einer Art Theater verkommen. Überdies kennt sich die Obrigkeit damit aus, sie mit Agents Provocateurs kaltzustellen, mit Nachrichtensperren oder „Zonen der freien Meinungsäußerung“, wo die Leute Dampf ablassen und wieder heimgehen können.

Traditionelle Straßenaktionen haben schon eine Bedeutung, aber ich glaube, wir sollten mehr Fantasie entwickeln. Wir leben heute in einer digitalisierten Gesellschaft, und neue Formen des digitalen Protests können unmittelbar eine riesige Wirkung erzielen.

Ich rede hier nicht von Online-Petitionen und Briefkampagnen. Ich rede vom Gebrauch des mächtigsten Symbols, das wir kennen: Geld. Die Öffentlichkeit kann Unternehmen, Finanzinstitute und Regierungen sehr schnell in die Knie zwingen durch unterschiedliche Formen elektronischer Aktion: Boykotte, Schuldenstreiks und Steuerproteste, um nur ein paar zu nennen. Am Freitag stürzte der Aktienkurs von BlackRock um 7 Prozent, als sie die Auszahlungen aus einem ihrer Vorzeige-Kreditfonds blockieren mussten: Investoren — offenbar viele aus arabischen Ländern — hatten gerade mal 10 Prozent des Fondswerts abgezogen. Das Finanzsystem ist so eng verflochten, dass sogar ein Verlust von 10 Prozent der Einlagen oder verwalteten Gelder das gesamte System gefährden kann, denn die Institute kämpfen um Liquidität.

Ich weiß nicht genau, wo man diese Taktik anwenden könnte, aber ich stelle die Idee in den Raum, um eine Diskussion in Gang zu bringen. Welche Institutionen tragen besonders viel Schuld? Welche sind für das System am wichtigsten? Welche Aktionen üben den meisten Druck auf das politische Establishment aus?

Eine andere Form des Massenprotests ist eine Schuldenrevolte. Was wird passieren, wenn auch nur 10 oder 20 Prozent der Schuldner ihre Kreditraten aussetzen? Die Gläubiger werden eine plötzliche Liquiditätskrise erfahren und müssen rasch Geld auftreiben, um ihren eigenen Verpflichtungen nachzukommen. Die Auswirkungen würden sich sofort ausbreiten. Wenn das nur ein paar wenige Menschen machen, werden sie vernichtet. Ihr Kredit ist weg, sie kommen vor Gericht, ihr Vermögen wird einbehalten. Wenn jedoch Zig-Millionen Leute das machen, zwingen sie das System in die Knie.

So hilflos wir uns auch vorkommen, so hilflos wir auch gemacht wurden — die Mächte, die über uns herrschen, sind dennoch von unserer Zustimmung abhängig.

Solch eine Aktion muss stimmig, organisiert, zielgerichtet und zeitlich gut angepasst erfolgen. Sie erfordert mehr Mut als das Unterzeichnen einer Petition. Sie wird sich nicht symbolisch anfühlen. Sie wird sich real anfühlen. Sie wird sich anfühlen, als würdest du alles aufs Spiel setzen, und so wird es sein.

Was muss passieren, damit jemand sagt: „Scheiß auf die Konsequenzen. Mir reicht’s jetzt!“? Was muss passieren, bevor wir „Nein!“ sagen, und hinter diesem Nein auch wirklich stehen? War der „Doppelschlag“ auf eine Mädchen-Grundschule genug? Die erste Bombe tötete 165 Schulmädchen, die zweite die Ambulanzen und Eltern, die zum Ort des Geschehens kamen, um die Verletzten zu versorgen und nach Überlebenden zu suchen.

Werden die in den letzten beiden Tagen abgefeuerten Bombardements auf Teheran, eine Stadt von 8 bis 10 Millionen Einwohnern, auf seine Treibstofflager, die die Stadt mit giftigem Rauch überziehen und Öl aus dem Himmel regnen lassen, auf eine Entsalzungsanlage, die zahllose Zivilisten mit Trinkwasser versorgt (...) wird das genug sein? Sagen wir „Nein“, wenn Präsident Trump aus Verzweiflung, weil er den Krieg verliert, Atomwaffen einsetzt?

Ein Massenaufstand wird kommen, ein Massen-„Nein!“ Er wird diesen Krieg beenden und die Trump-Regierung zur Strecke bringen. Er wird das System niederreißen, das diese Regierung überhaupt erst hervorgebracht hat und das die endlosen imperialen Kriege führte, die Trump in seinem Wahlkampf selber angeprangert hat. Er wird die Epstein-Akten und alle anderen Stränge der globalen Macht bis zu ihrer Quelle verfolgen. Wir haben die Gelegenheit, das Gewebe der Macht aufzutrennen, nun, da für alle sichtbar ist, woraus es besteht.

Totale Herrschaft. Kinderschänder und die Kriegsmaschinerie handeln nach genau demselben Prinzip. Hier sind die Worte des Kriegsministers Pete Hegseth:

„Im Flugzeug über ihrer Hauptstadt. Den ganzen Tag lang Tod und Zerstörung aus dem Himmel. Wir spielen um alles oder nichts. Unsere Krieger haben die höchste Befugnis, vom Präsidenten persönlich und hochachtungsvoll verliehen. Unsere Einsatzbefehle sind mutig, präzise und darauf ausgelegt, die Macht Amerikas zu entfesseln, nicht sie zu fesseln. Dies sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist auch kein fairer Kampf. Wir schlagen auf sie ein, wenn sie am Boden liegen, und genau so sollte es sein.“

Diese Aussage destilliert das finsterste Wesen der Macht heraus: Freude über Leiden und Demütigung anderer zu empfinden.

Unser Aufstand wird „Nein“ dazu sagen. Dann wird die Frage auftauchen: „Wozu sagen wir ja?“ Das neue Ja beginnt mit der Art, wie wir Nein sagen. Wir lassen ab jetzt die Kriegsmentalität hinter uns. Wir sehen die Welt nicht mehr als Freunde und Feinde, Konflikte und Kämpfe, Helden und Schurken. Nein, nicht einmal Pete Hegseth, Lindsey Graham oder Donald Trump. Wir weigern uns, diese Männer zu entmenschlichen, unabhängig von unserer Wut und Angst angesichts ihrer Verbrechen.

Wir streben nicht nach Rache; wir streben nach Wandel. Wir verwenden keine Kriegsnarrative in unserer Friedensbewegung. Wir rechtfertigen keine Verletzung von irgendwem, denn wir verstehen, dass Krieg immer gerechtfertigt ist – in dem Sinne, dass der Angreifer sich immer rechtfertigt. Wir wollen nicht, dass irgendjemand leidet. Wir haben keine Freude am Leiden und der Entmenschlichung anderer. Stattdessen sagen wir „Ja“ zu Würde. Wir sagen „Ja“ zu Zustimmung. Wir sagen „Ja“ zu Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück. Uns ist bewusst, dass jeder Mensch, unabhängig von Volks- oder Staatszugehörigkeit, gleichermaßen heilig ist. Das sind die Jas, die wir in die nächste Version unserer Nation einbauen werden.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Betrayal, Refusal, and the Yes that Follows“ auf dem Substack von Charles Eisenstein und wurde von Ingrid Suprayan und Christa Dregger übersetzt und im Zeitpunkt veröffentlicht.