# Überfall auf Ceuta

Das Einströmen junger Männer in die spanische Enklave wirkt wie ein Regime Change im Slapstick-Format. Jetzt sind sie wieder in Marokko und die Frage bleibt: Wer profitiert von diesem miesen Spiel?

von 
   * Hermann Ploppa

60.000 junge Kerle stürmten für wenige Tage die spanische Exklave Ceuta auf afrikanischem Boden. Und so schnell wie diese Jungmänner Angst und Schrecken in der 84.000 Bürger umfassenden Gemeinde Ceuta zu verbreiten wussten, so rasch und unspektakulär wurden sie von den spanischen Streitkräften wieder zum Nulltarif nach Marokko zurückgebracht. Ein Alptraum, der insgesamt vier Tage angedauert hat.

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Die Boulevardpresse, zu der in diesem Falle auch *Compact* gehört, nutzte die schockierenden Bilder sofort, um wieder archaische Ängste vor Dunkelmännern mit fletschenden Zähnen zu schüren, die aus Afrika „millionenfach“ über Europa rollen und als entfesselte Wilde vor unseren Türen stehen werden (1). Und wir müssen ihnen dann unsere Kühlschränke, SUVs und Frauen wehrlos übergeben. Diese ungeniert rassistischen Assoziationen wurden aber schnell von der Wirklichkeit wieder eingeholt: nämlich dergestalt, dass wir hier lediglich Zeugen eines dilettantischen Regime-Change-Manövers wurden.

Es war nicht mehr länger zu kaschieren, dass die marokkanischen Behörden selber die Jungmänner an die Grenzen zu Ceuta karren ließ, und marokkanische Grenzbeamte bei dem Überfall der spanischen Enklave Ceuta aktiv mitgeholfen haben (2). Ob der marokkanische König Mohammed VI. zuvor auch noch tausende Strafgefangene eigens zu diesem Zweck amnestieren ließ, ist bislang nicht bestätigt. Ist auch nicht erheblich.

Warum „Regime-Change-Manöver“? Nun, die der israelischen Regierung nahestehenden europäischen Presseorgane bissen sich auffällig schnell, ein bisschen zu schnell, an angeblichen Fehlern der spanischen Regierung unter dem Sozialisten Pedro Sanchez fest. So auch die italienische Regierung unter Georgia Meloni. 

>Die Sicherung der Grenzen durch Spanien sei viel zu lasch gewesen. Zudem habe ein Gerichtsurteil in Spanien migrationswillige junge Menschen dazu ermutigt, durch das Wasser nach Ceuta zu gelangen, um auf diese Weise automatisches Bleiberecht zu erlangen.

Eine solche Kritik mag legitim sein. Aber wenn dann gleichzeitig die kriminelle Übergriffigkeit der marokkanischen Regierung durch das systematische massenhafte Fluten von jungen Männern in das Stadtgebiet von Ceuta komplett unerwähnt bleibt, dann ist hier etwas faul. Das erlaubt durchaus, eine gewisse Sympathie oder Komplizenschaft mit dem marokkanischen Vorgehen zu vermuten.

Da gab es auch eine gewisse pseudo-antikolonialistische Argumentation: Was habe Spanien mit seinen Exklaven Ceuta und Melilla denn noch auf dem Boden Afrikas zu suchen? Gute Frage. Aber inwieweit wird das Problem dadurch gelöst, dass man 60.000 junge Burschen eine Stadt überfallen und vandalisieren lässt? Die jungen Burschen wollen sich doch auch gar nicht dauerhaft in Ceuta oder Melilla ansiedeln. Die Youngster wollen weiter nach Europa. Was man ihnen nicht verdenken kann. Denn die unfähige marokkanische Regierung tut gar nichts, um der massenhaft nachwachsenden Generation Z Zukunftsperspektiven zu bieten (3). Antikolonialismus: in diesem Falle: Thema verfehlt!

Reden wir lieber über Dinge, die offen auf dem Tisch liegen. Reden wir über Geopolitik.

*	Marokko ist besonders eng an die NATO angebunden. Zwar ist Marokko nicht Mitglied der NATO. Aber es ist de facto, und ohne Stimmrecht, in die NATO eingebunden ist Marokko ein Aufpasser der USA in Afrika durch das Individually Tailored Partnership Programme (ITPP). Individuell maßgeschneidert bedeutet: gemeinsame Manöver mit der NATO („African Lion“). Interoperabilität. Bedeutet: das Kriegsgeschirr Marokkos wird so eingekauft, dass Rüstung und Munition reibungslos mit NATO-Rüstung synchron agieren können. Also: nach Möglichkeit dieselben Waffen und Munition einsetzen wie die NATO.
*	Der marokkanische König Mohammed VI. wird in ganz besonderer Weise von Deutschland gehätschelt. Vor einigen Jahren war die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock zu Besuch in Marokko. Dabei wurden Verträge über die Lieferung von Wasserstoff an Deutschland abgeschlossen. Im Gegenzug anerkannte die deutsche Regierung die Region Westsahara als integrales rechtmäßiges Staatsgebiet Marokkos. Bis dahin hatte kein einziger Staat die Annexion von Westsahara an Marokko als rechtmäßig anerkannt. Vielmehr ist Beschlusslage auch durch die UNO: Die Westsahara ist ein souveräner eigenständiger Staat. Der Hintergrund: Mitte der 1970er Jahre wurde Westasahara aus der kolonialen Abhängigkeit von Spanien entlassen. Daraufhin hatte sich Marokko gleich die Nordhälfte der Westsahara angeeignet. Mauretanien annektierte damals die Südhälfte. Mittlerweile hat Mauretanien seine Beute längst an Marokko abgetreten. Und jetzt kam also Frau Baerbock und sagte dem marokkanischen König: „Du darfst diese Beute behalten, auch wenn die Völkergemeinschaft etwas anderes sagt!“
*	Marokko ist so eng mit Israel liiert wie kaum ein anderes afrikanisches Land. Die israelischen Geheimdienste helfen Mohammed VI., seine Macht auf Dauer zu zementieren, ungeachtet der Proteste gegen ihn. Mohammed ist dem Mossad in tiefer Schuld verbunden.
*	Zudem ist Marokko Mitglied im so genannten Abraham-Akkord. Es handelt sich um ein Bündnis von USA, Israel und arabischen Scheichtümern. Der biblische Stammvater Abraham ist der Namenspatron. Denn die Religionen Judentum, Christentum und Islam berufen sich allesamt auf den Stammvater Abraham. Damit soll die paradoxe, widernatürliche Verbindung von US-Imperialismus, israelischem Großmachtanspruch mit den islamischen Scheichtümern begrifflich verzuckert werden. Marokko liegt nun eigentlich geographisch weitab von den muslimischen Scheichtümern, und gehört auch nicht zum Orient, sondern zum Maghreb. Das könnte darauf hinweisen, dass der Abraham-Akkord aus weitaus ambitionierteren geopolitischen Bestrebungen genährt ist als nur, den Nahen und Mittleren Osten unter die israelisch-US-amerikanische Kontrolle zu bringen.
*	Das Portal *Actuarium* macht aufmerksam auf einen aufschlussreichen Meinungsartikel im israelischen Online-Organ *Ynet* (4). Dieser Artikel erschien Ende April dieses Jahres (5). Es handelt sich nicht um eine Regierungsverlautbarung und um kein geleaktes Thesenpapier einer einflussreichen Denkfabrik. Aber der Artikel lässt Überlegungen aus einflussreichen Kreisen herunter sickern an gebildete Leser, die solche Positionen dann an ihre Freunde weitergeben können. Sozusagen eine erste Annäherung an gewöhnungsbedürftige, bisweilen extreme Positionen.
*	In besagtem *Ynet*-Artikel lesen wir: *„Seit Monaten fügen sich die Puzzleteile zusammen. Im März 2026 forderte Michael Rubin vom American Enterprise Institute in einem Beitrag für das Middle East Forum die Trump-Regierung auf, Ceuta und Melilla offiziell als besetztes marokkanisches Gebiet anzuerkennen, und bezeichnete Spanien als ‚eine Kolonialmacht, die Kolonien jenseits der Straße von Gibraltar unterhält‘. Einige Tage später erklärte der Abgeordnete Mario Díaz-Balart, Vorsitzender des Unterausschusses für nationale Sicherheit des Repräsentantenhauses und einer der engsten Vertrauten von Marco Rubio im Kongress, öffentlich, dass die Enklaven ‚nicht zum geografischen Hoheitsgebiet Spaniens‘ gehörten, sondern vielmehr zu marokkanischem Hoheitsgebiet, und dass ihr Schicksal ‚zwischen Freunden und Verbündeten festgelegt, ausgehandelt und diskutiert‘ werden sollte. Dies waren keine Äußerungen von Randfiguren. Dies war die Architektur einer koordinierten strategischen Neuausrichtung.“* Interessant, oder?
*	Weiter, an anderer Stelle: *„Die Abraham-Abkommen haben Marokko von einem stillen Gesprächspartner Israels zu einem offiziellen militärischen Partner gemacht. Im Januar 2026 unterzeichneten Israel und Marokko während der dritten Sitzung ihres Gemeinsamen Militärausschusses in Tel Aviv einen gemeinsamen militärischen Arbeitsplan für das Jahr, den die IDF als Vertiefung der Zusammenarbeit mit einem ‚Schlüsselpartner für regionale Stabilität‘ bezeichnete. Die beiden Länder hatten bereits 2021 ein Abkommen über Sicherheitszusammenarbeit geschlossen. Diese bilaterale Struktur verschafft Israel etwas, was es in der nordafrikanischen Politik bisher selten besaß: ein direktes strategisches Interesse am regionalen Erfolg Rabats.“*
*	Doch auch die Amerikaner haben ja bekanntlich nicht nur ein Hühnchen mit Spanien zu rupfen. Es fing schon damit an, dass Trump am Anfang seiner zweiten Präsidentschaft Spanien fälschlich als „BRICS-Staat“ einzuordnen wusste. Dann weigerte sich Sanchez, dem Befehl aus Washington Folge zu leisten, Spaniens Wehretat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben. Ungeheuerlich, statt dessen das Geld für Bildung, Soziales, Infrastruktur und Gesundheit auszugeben! Sanchez wagte es sodann, das Vorgehen Israels im Gazastreifen als Völkermord zu bezeichnen. Zudem anerkannte Sanchez den Staat Palästina und unterstützte die Sumud-Flotilla, die Lebensmittel und Medikamente in das Gaza-Gebiet bringen sollte.
*	Logisch, dass US-Präsident Trump Spanien „furchtbar“ fand und am liebsten Spanien aus der NATO rausgeschmissen hätte. Aber nach all dem Gesagten ist logisch, dass sowohl das Trump- wie auch das Netanyahu-Regime ein großes Interesse haben, diesen Spielverderber Sanchez so schnell wie möglich loszuwerden.
*	Der *Ynet*-Artikel deutet auch noch an, dass eine für die NATO und Israel garantierte Passage durch die Meerenge von Gibraltar sicherer gemacht werden könnte, wenn Sanchez nicht mehr Spanien regiert.
*	Schließlich sei noch erwähnt, dass Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez gerade in diesem Frühjahr Gastgeber der Global Progressive Mobilisation gewesen ist (6). Es hat sich gerade ein internationales Bündnis von fortschrittlichen Regierungen, Parteien, Nichtregierungsorganisationen und Interessenverbänden gebildet, das der neofeudalen trumpistischen Internationale eine Alternative entgegenstellen will. Neofeudale trumpistische Internationale (7)? Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine internationale Bewegung formiert, die gerade aktuell fast alle Regierungen in Lateinamerika übernommen hat. Ein fälschlich als „konservativ“ eingestuftes Machtkartell (8). Ein Bündnis aus rechtsradikalen Oligarchen wie Peter Thiel, Elon Musk oder Marc Andreesen, um nur einige zu nennen, die die souveränen Staatsregierungen aushebeln wollen. Damit die Globalkonzerne dann ungehindert von demokratischer Mitsprache durchregieren können. Die politischen Sprachrohre dieser Machtanmaßung sind die so genannten „konservativen“ Parteien dieser Welt, die unter anderem in der Conservative Polical Action Conference (CPAC) vereinigt sind, und deren politischer Vortänzer Donald Trump ist.
*	Diesem politischen Tsunami versuchen Politiker wie Pedro Sanchez, Brasiliens Präsident Lula und Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum als politische Schwergewichte ein demokratisches Netzwerk entgegen zu stellen. Ihnen haben sich Politiker aus BRICS-Staaten angeschlossen. Nur zu verständlich, dass Trump und seine Freunde Pedro Sanchez durch Regime-Change-Manöver loswerden wollen.

Das war jetzt ein größerer Exkurs. Aber all das ist notwendig, um die Vorgänge in Ceuta zu erklären.

Das Regime-Change-Abenteuer von Ceuta ging jetzt aus wie das Hornberger Schießen. Man könnte darüber lachen, wenn nicht durch die zynischen Kalkulationen gewisser Kreise 72 junge Männer elend in den Fluten ertrunken wären.

>Wir sollten uns nicht länger von Panik-Medien in die Irre leiten lassen, um dann noch mehr Aufrüstung, noch mehr „Sicherheits“-Technologie vor lauter Angst zu akzeptieren.

Denken wir nach vorne. Eine Fluchtbewegung aus Afrika zu uns lässt sich nur verhindern, wenn wir das krasse Wohlstandsgefälle zwischen den beiden Kontinenten verringern und letztlich beseitigen. Indem wir Afrika helfen, sinnvolle Infrastruktur aufzubauen. Nicht, indem wir vom Völkermord an Menschen im Kongo oder Sudan profitieren durch billiges Öl oder billige Handys. Nicht indem den Afrikanern immer neue Waffen von Händlern des Todes aufgeschwatzt werden. Beginnen wir endlich mit echter Partnerschaft.

Dann werden auch niemals Zähne fletschende Dunkelmänner vor unserer Haustür stehen.

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**Redaktionelle Anmerkung:** Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem [Substack]( https://hermannploppa.substack.com/) des Autors unter dem Titel: „[Überfall auf Ceuta: Regime Change im Slapstick-Format]( https://hermannploppa.substack.com/p/uberfall-auf-ceuta-regime-change)“ 


