Ultimativer Ungehorsam
Die Erinnerung an ein uraltes Wissen kann ein Schlüssel in die Freiheit sein.
Das Chaos der aktuellen Zeit ist nicht allein vom heutigen Standpunkt aus zu verstehen. Es braucht einen weiten Blick, um Erklärungen für das zu finden, was uns heute beschäftigt. Hinter der materiellen Welt, hinter den wahrnehmbaren Ereignissen wirken möglicherweise Kräfte, die lange in Vergessenheit geraten sind. Darin liegt ihre Macht. Was vermeintlich nicht existiert, zieht ungestört im Verborgenen die Fäden. Die 1945 wiederentdeckten gnostischen Schriften sind mehr als ein historischer Fund. Sie öffnen das Bewusstsein für das, worum es eigentlich geht. Man muss das nicht glauben. Doch man kann sich dafür interessieren, was einmal in die Wiege unserer Kultur gelegt wurde und was nichts mit Gehorsam zu tun hat.
Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in der ägyptischen Wüste ein spektakulärer Fund gemacht. Schriften tauchten auf, die, so heißt es, über 1.600 Jahre lang verschollen waren. Es sind nicht die einzigen gnostischen Schriften, die es bis in die heutige Zeit geschafft haben. Doch es ist die umfangreichste Sammlung, die bisher gefunden wurde. Die Texte zeugen von einem ganz anderen Wissen, als es im biblischen Kanon überliefert wurde (1).
Die Nag-Hammadi-Schriften sind eine Bibliothek urchristlicher Lehren mit starken jüdischen Wurzeln, die der Gnosis zugeordnet werden. Es handelt sich nicht um eine einheitliche Lehre, sondern um ein Wissen, in dem es nicht um Unterordnung, sondern um Freiheit geht, nicht um Glauben, sondern um Erkenntnis, nicht um einen alleinigen Gottvater, sondern auch um eine große Mutter (2).
Dieses Wissen widersprach zutiefst dem Machtstreben der aufsteigenden christlichen Kirche und konnte nur verbannt werden.
Denn wenn den Menschen klar geworden wäre, dass sie keinen Mittler zwischen sich und dem Göttlichen brauchen, wäre es schnell vorbei gewesen mit der Herrschaft Roms.
Das revolutionäre Potenzial in der urchristlichen Lehre hat das Zeug dazu, die heutigen Machtstrukturen aufzulösen. Nicht mit blutiger Gewalt, die ohnehin nur wieder Gegengewalt auslösen würde, sondern im Sinne einer friedlichen Revolution, für die Jesus Christus steht. Nach der gnostischen Lehre war ihm nie daran gelegen, eine neue Religion zu gründen. Auch sprach er nie von Gott. Er war ein Botschafter, ein Übermittler. Und er hatte eine wichtige Nachricht zu überbringen.
Seele auf Reisen
Gnosis bedeutet Erkenntnis: eine tiefe Einsicht in die wahre Natur Gottes, des Menschen und der Welt. Die gnostischen Schriften unterscheiden sich grundsätzlich von den kanonischen Evangelien des Neuen Testaments. In ihnen geht es nicht um Gehorsam und Unterordnung, sondern um die Befreiung der menschlichen Seele, die keinen von außen kommenden Retter braucht. Im Zentrum der Erkenntnis stehen keine Täter und Opfer, sondern die Einladung an die Seele, ihre kosmische Reise weiter fortzusetzen.
In der Pistis Sophia, einer der Schriften aus Nag Hammadi, wurde die materielle Welt von einem Demiurgen, einem blinden und unwissenden Gott erschaffen, der sich für einen Alleinherrscher hält. Jesus taucht hier nicht als Erlöser auf, an den man glauben muss, um gerettet zu werden. Der Mensch muss nicht tun, was man ihm sagt. Er muss selbst für sich einstehen.
Es geht nicht um Sünde, sondern um Seele, nicht um Auferstehung, sondern um Wiedergeburt, nicht um Dominanz, sondern um Eigenverantwortung. Welcher Mensch, der sich auf diesen Weg macht, wäre bereit, die Macht eines Papstes anzuerkennen oder die Hierarchie der Priesterkaste? Es versteht sich von selbst, dass alle frühchristlichen Bewegungen, in denen das gnostische Wissen noch lebendig war, verfolgt und vernichtet wurden.
Gemeinsam
Während die kanonischen Evangelien von der Masse leicht zu verstehen sind, haben es die gnostischen Lehren in sich: Sie sind komplex, voller Symbole, Allegorien und Geheimnisse. In der Pistis Sophia heißt es, dass von den Jüngern Jesu Maria Magdalena die Einzige gewesen sein soll, die sie verstand. Ein Grund mehr, sie zu verdrängen und das Weibliche eine untergeordnete Rolle spielen zu lassen.
Sicher waren auch Eitelkeit, Stolz und Sturheit mit dabei, die zum Verschwinden des gnostischen Wissens geführt haben. Es braucht Toleranz, Offenheit und geistige Beweglichkeit, um sich mit derartigen Lehren zu beschäftigen und zu Erkenntnis zu kommen.
Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Frauen offener sind, wenn es um grundsätzliche Lebensfragen geht. In Diskussionen mit Männern komme ich schnell an Grenzen.
Die meisten Männer, die ich kenne, meinen schon alles zu wissen. Frauen sind neugieriger. Ihnen fällt es weniger schwer, mit Zweifeln umzugehen, sie berufen sich weniger auf Zahlen und Fakten und sind offener für neue Erkenntnisse.
In meiner Wahrnehmung sind viel mehr Frauen als Männer dort anzutreffen, wo es um psychologische und spirituelle Themen geht, um das Zusammenspiel von Körper und Geist, um Gefühle und um die Frage, die so alt ist wie die Menschheit: Wer bin ich? Frauen begegnen mir gemeinhin mit Neugierde, wenn ich von Maria Magdalena spreche, von Lilith oder Sophia, während viele Männer sich nicht dafür interessieren, worum es da eigentlich geht.
Das sollten sie aber. Denn es braucht die weibliche Komponente für den Erwachungsprozess, der gerade im Gange ist. Es braucht nicht nur männliches Kalkül, sondern auch weibliche Intuition, um zu Erkenntnis zu gelangen, nicht nur Hirn, sondern auch Herz, nicht nur Verstand, sondern auch Inspiration.
Am Scheideweg
Wenn heute vielen alternativen und regierungskritischen Medien die Einnahmen und die Leser wegbrechen, dann liegt das vielleicht nicht nur an den Zensurmaßnahmen, sondern auch daran, dass immer mehr Menschen neue Wege der Erkenntnis suchen. Es war und ist wichtig, aufzudecken. Doch was machen wir damit? Rackern wir uns weiter an Dingen ab, an denen wir sowieso nichts ändern können — oder kommen wir zum Eigentlichen, dorthin, wo wir gefragt sind?
Das Wesentliche sind nicht die Informationen, mit denen wir tagein, tagaus gefüttert werden. Das Wesentliche spielt sich in uns ab und betrifft unseren eigenen Erkenntnisprozess. Die Gnostiker glauben, dass nur Erkenntnis den schlummernden göttlichen Funken entfachen kann, den jeder Mensch in sich trägt.
Der Demiurg, Schöpfer der materiellen Welt, kann diesen Funken nicht löschen. Er kann nur versuchen zu verhindern, dass wir uns an ihn erinnern. Das ist ihm zu großen Teilen gelungen. Die Seele ist zur Psyche geworden und das Bewusstsein zu einem Teil unseres Gehirns, das mit dem Tode erlöscht.
Die Geheimnisse sind aus unserer Welt verschwunden, die Mystik und alles, was einer schnellen, oberflächlichen Erklärung nicht standhält. Das Leben ist auf das Materielle reduziert, eine höhere Bedeutung gibt es nicht. Der Mensch ist Ressource geworden. Seine Intelligenz wird von der künstlichen Intelligenz (KI) abgelöst und sein Körper künstlich am Leben gehalten. Das nennt er Fortschritt.
Schattenwelten
Archonten, niedere und böswillige Geistwesen, heißen in den gnostischen Texten die Kräfte, die den Menschen auf seinem Weg der Erkenntnis behindern. Sie sind die Helfer des Demiurgen, der die Seelen gefangen hält und die Menschen betäubt, manipuliert und sie daran hindert, aufzuwachen.
Die Menschen sollen den Traum des blinden Gottes weiterträumen und ihn und seine Diener mit Energie versorgen. Als Ressource sind sie geschaffen worden, eine Art Melkvieh, den Mächtigen zu dienen. Sie sollen sich nicht an den göttlichen Funken erinnern, der dennoch in ihnen schlummert. Mit ihrer Angst, ihrer Empörung, ihrer Verwirrung, ihrem Hass, kurz: mit allem, was sich nach außen richtet und das innere Feuer klein hält, sollen sie die böswilligen Geistwesen nähren.
Genau das tun wir, wenn wir uns mit negativen Informationen geradezu mästen lassen. Wir lassen unsere Kräfte regelrecht absaugen und von anderen nutzen, anstatt sie für uns selbst zu verwenden. Solange wir uns auf diese Weise kleinhalten lassen, machen die Archonten weiter damit, Materie zu formen und Machtsysteme zu implementieren, Vergessen zu säen und Verwirrung zu stiften.
Sie sind es, die uns glauben machen, unsere Gedanken seien unsere Identität und unser Körper die einzige Realität. Sie schüren den Glauben, Besitz und Anerkennung von außen würden unsere innere Sehnsucht stillen. Die Archonten reduzieren uns auf unseren Instinkt und das Animalische in uns. Sie halten uns im Überlebenskampf und hindern uns zu leben.
Über sie sind wir mit der Schwere verbunden, dem Schmerz und den Verletzungen, die wir erfahren haben. Sie verwirren den Geist und bringen die Seele dazu, sich mit der Wunde und der Angst zu identifizieren. Dadurch erhalten wir eine falsche Identität und geben uns als die, die wir in Wirklichkeit nicht sind.
Sie, so steht es in den gnostischen Texten, wiegen uns in einer falschen Gewissheit, verführen uns zu Irrsinn und verkehrter Weisheit, zu Überheblichkeit und Information ohne Erkenntnis, zu Spiritualität ohne Transformation. Sie haben eine Schattenwelt erschaffen, eine Art Matrix, aus der wir nicht mehr herauskommen sollen.
Erwachen
Was in Jahrtausende alten Schriften zu finden ist, hat einen Widerhall in der Matrix-Trilogie gefunden. Ähnlich wie in der Gnosis wird hier die materielle Welt als ein Gefängnis dargestellt. Sie ist Illusion, erschaffen und kontrolliert von dem „Architekten“. Neo ist der Offenbarer, der die Menschen aus der Illusion befreit.
Vielleicht beruht der Erfolg des Films auch darauf, dass viele Menschen sich durch ihn an etwas erinnert fühlen. Immer mehr Menschen fühlen sich in dieser Welt wie fremd, nicht mehr wirklich zu Hause. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt.
„Die Normalsten sind die Kränkesten. Und die Kranken sind die Gesündesten.“ So drückte es Erich Fried aus. Wer sich unwohl fühlt, der merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Er ist noch nicht so abgestumpft, dass er sich mit einer scheinbaren Realität arrangiert, und beginnt, auszubrechen.
Wer einmal so weit ist, für den gibt es kein Zurück. Die Zahnpasta ist aus der Tube. Das Gefängnis, obwohl vielleicht hübsch dekoriert, ist zu eng geworden. Zweifel machen sich breit, die vor nichts Halt machen, auch nicht vor etablierten Gewissheiten und ganz alten Glaubensvorstellungen.
Kann das sein? Ist das wirklich so? In diesem Erwachen wird alles infrage gestellt. Kein Bereich des Lebens bleibt unberührt. Es geht nur ganz oder gar nicht. Man kann nicht nur ein bisschen schwanger sein. Was geboren werden will, braucht unsere gesamte Kraft. Wir verschwenden sie nicht mehr an äußere Ereignisse, sondern konzentrieren uns auf den inneren Geburtsprozess. Denn hier spielt sich das Entscheidende ab, während die äußere Welt mit ihren Ablenkungen immer unwichtiger wird.
Den kosmischen Käfig verlassen
Das ist der Beginn des Weges der Erkenntnis, der erste Schritt aus dem Gefängnis der materiellen Welt heraus. Das Erwachen beginnt mit Rissen, durch die das Licht scheint. Es entstehen Löcher in der Hülle der Illusionen, die nicht mehr zu schließen sind. Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg, wenn wir sie lassen.
Wenn sie im Menschen aufleuchtet, geht es mit der Macht der Archonten zu Ende, und auch der Demiurg muss fallen. Das ist die Christusbotschaft. Es ist eine Revolution der Liebe, eine Umkehrung des Verdrehten und Verzerrten, das Ende der Illusion. Nicht Kampf befreit uns aus der Hermamene, dem kosmischen Käfig, sondern Erkenntnis, nicht Kontrolle, sondern Kontemplation und die bedingungslose Annahme dessen, was ist.
Die Epinoia, das innere Licht, die göttliche Erkenntnis, führt die Menschen aus der Gefangenschaft heraus. Der Weg ist lang und voller Hindernisse. Immer wieder wird der Mensch auf die Probe gestellt, das Echte und das Verdrehte voneinander zu unterscheiden. Die Archonten werden nicht müde, immer wieder neue Kopien anzufertigen und sie zu verfälschen, um den Menschen zu verwirren.
Schlüssel in die Freiheit
Copy and paste — mehr können sie nicht. Die Technologie der Archonten kann nichts erschaffen. Ihnen fehlt der göttliche Funke, das, was Menschen haben. Bis zum Schluss werden sie versuchen, ihn von der Erkenntnis abzubringen. Ein falsches Licht werden sie ihm vorspiegeln. Vielleicht werden wir darauf hereinfallen, werden überheblich oder halten uns selbst für auserwählt. Vielleicht werden wir versuchen, Macht aus unserem Wissen zu ziehen und uns über andere zu stellen. Dann sind wir auf dem falschen Weg (3).
Der Weg der Erkenntnis kennt keine Wertung. Es ist ein Weg der Beobachtung und der Betrachtung. Als stille Zeugen sind wir unterwegs, nicht als Kämpfer.
Transparenz ist das gnostische Schwert, „Ich sehe dich“ der Schlüssel in die Freiheit. Es ist, was es ist, sagt die Liebe (Erich Fried), die dann zum Vorschein kommt, wenn die Schichten der Illusion aufgelöst sind und die Gedankenmauern unseres Gefängnisses gefallen.
Sie sind es, die uns eigentlich einschließen: unsere Gedanken. Wer unsere Gedanken beherrscht, der beherrscht die Welt. Wer die Macht über die Bilder hat, die in unser Gehirn gelangen, der hat die Fäden in der Hand.
Hier gilt es anzusetzen. Ob wir sie Archonten oder Eliten nennen — beide haben dasselbe Ziel. Die Gnosis gibt uns einen Schlüssel in die Hand, sie zu überwinden. Nehmen wir ihn. Glauben wir nicht, schon alles zu wissen. Machen wir uns auf den Weg zu einer Wahrheit, die Freiheit mit sich bringt. Daran können wir sie letztlich erkennen.