Verwüstetes Instagram-Paradies
Der Influencer-Sehnsuchtsort Dubai wird durch den nahen Irankrieg mit der grausamen Wirklichkeit der Region konfrontiert — die dort lebenden Content-Creator versuchen dennoch, den Anschein des materiellen Paradieses aufrechtzuerhalten.
Das Image Dubais schmilzt wie die gleichnamige Schokolade unter der Sonne. Bis vor wenigen Wochen schien es noch, als sei die Wüstenmetropole in den Emiraten immun gegen die Erschütterungen geopolitischer Verwerfungen. Doch das Mekka der Influencer und der neureichen Geschäftsleute ist nicht nur auf Sand gebaut, sondern auch inmitten einer krisenanfälligen Region. Mit den Eskalationen im und rund um den Iran wird den gut betuchten Einwohnern Dubais schonungslos vor Augen geführt, dass sie sich in falscher Sicherheit gewogen haben. Die harte und grausame Wirklichkeit der Welt klopft an den prunkvollen Türen an. Anstelle von Einsicht und Selbsthinterfragung kommen von den Influencern Beschwichtigungen und Verharmlosungen. Einschläge von Raketen und Drohnen — das sei alles nicht so wild und immer noch besser, als in der Heimat hohe Steuern zu zahlen. Der Verdacht drängt sich auf, dass jene Bewohner Dubais die Situation nicht aus freien Stücken herunterspielen, sondern gute Miene zum bösen Spiel machen müssen. Kritische Inhalte oder solche, die das Image Dubais schädigen können, sind von dem dortigen Regime nicht gern gesehen und werden teils mit äußerster Härte geahndet. Der neue Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten lässt auch die Kulisse der verlogenen und trügerischen Instagram-Scheinwelt in Flammen aufgehen. Der verzweifelte Versuch der Influencer, mit Filtern und Bildausschnitten die Illusion von Dubais Dolce Vita am Leben zu halten, während der Tod immer engere Bahnen zieht, steht sinnbildlich für die Spätdekadenz eines verkommenen Systems, das seine Schlachtreife erreicht hat.
„Swipen Sie weiter! Hier gibt es nichts zu sehen … außer mir natürlich.“ So in etwa lautet die einhellige Botschaft der in Dubai ansässigen und nun festsitzenden Influencer. Die Einschläge der grausamen, weil kriegerischen Wirklichkeit kommen den Rändern der Instagram-Kacheln unaufhaltsam näher. Doch diesseits der Bildränder setzen die genannten Influencer alles daran, dieses Trugbild aufrechtzuerhalten – eine aalglatte, mondäne Welt, befreit von jeder Negativität und vollendet inszeniertem Glamour.
Schweigen! The show must go on!
Die Raketenangriffe des Irans werden heruntergespielt und verharmlost, ganz so, als handle es sich dabei um ein Unwetter, das man gut überstanden habe. Dieses Verhalten steht konträr zu den sonst stets greifenden Mechanismen in der tagtäglichen Dokumentation des luxuriösen Alltags, mit denen jedes noch so bedeutungslose Malheur katastrophisierend zu einem reichweitenstarken Drama hochgejazzt wird.
Während so etwas wie das missratene Ergebnis eines Hundefriseur-Besuchs zu einem tagelangen Top-Thema der Influencer wird, laufen Raketeneinschläge in der Nachbarschaft unter ferner liefen.
Die Aushebelung dieses sensationsheischenden Mechanismus hat einen bestechend einfachen Grund: Influencer, neureiche Krypto-Millionäre und anderweitige Jungunternehmer sind bei ihrem „Pursuit of happiness“ am arabischen Golf gut damit beraten und auch gesetzlich verpflichtet, keinen Content zu veröffentlichen, der dem Regime der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und seiner Interessen zuwiderlauft. Das durchaus wirklichkeitsgetreue Bild zu vermitteln, wonach Dubai inzwischen kein sicherer Ort mehr ist, wäre oder ist selbstredend ein immenser Imageschaden für das arabische „Money-Maker-Mekka“. Wer würde noch in die Emirate reisen, wenn es sich herumspricht, dass die Hitze nicht allein von der Sonne, sondern inzwischen auch von detonierenden Kamikaze-Drohnen ausgeht?
Der Stern unternahm den Versuch, mehrere Dutzend deutsche Influencer in Dubai zu kontaktieren, um sie nach der aktuellen Situation zu befragen. Ebenso wollte das Magazin in Erfahrung bringen, ob die Influencer von dem Regime einen „Maulkorb“ verpasst bekommen hätten und daher in den Reels und Storys nicht über die wirklichen Umstände berichten dürften. Abgesehen von Georgina Fleur und Julian Zietlow reagierte niemand auf die Anfragen. Ob aus Angst oder Desinteresse, ist unbekannt. Letztgenannter Influencer bestätigte vage, dass man nichts Regimekritisches posten dürfe. Ebenso berichtete er von Einschlägen, die die Fensterscheiben zum Zittern gebracht hätten. All das sei, so Zietlow weiter, „ein Riesenschauspiel, es ist aber trotzdem nicht schlechter oder besser als alles, was aus Deutschland kommt.“ An dieser Stelle muss man sich einfach nur für einen kurzen Augenblick vergegenwärtigen, was es bedeuten würde, wenn in Deutschland lebende Influencer ihren Alltag dokumentierten während wenige hundert Meter weiter eine Rakete einschlüge. Wenn nicht gerade Silvester in einer deutschen Großstadt ist, wäre dies ein absoluter Ausnahmezustand, der auf den (a)sozialen Medien bis in das letzte Detail ausgeschlachtet werden würde.
Man würde stundenlange Live-Übertragungen senden, in denen die Influencer durch ihre Handykameras ihrer Fangemeinde versichern, dass es ihnen gut gehe.
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Auf Sand gebaute Scheinwelt für menschliche Werbekörper
Die Dubai-Influencer machen gute Miene zum bellizistischen Spiel und zeigen damit einmal mehr, was sie ihrem Wesen nach sind: Werbekörper. So bezeichneten Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt „Influencer“ in ihrem gleichnamigen Buch und skizzierten darin, wie diese Menschen zu wandelnden, lebendigen Werbeflächen werden. Ob Werbung für gewisse Produkte und Serviceleistungen oder PR für bestimmte Ideologien – Influencer stellen sich mit ihrem ästhetischen Kapital, mit Haut und Haaren, in den Dienst ihrer Auftraggeber.(1) Zu diesen zählen dann eben auch Städte wie Dubai, die diese Menschen als wandelnde Litfaßsäulen für das Anpreisen des luxuriösen Stadtbildes benutzen.
Der Hauptmotor für das Getriebensein der Influencer dürfte – das gehört nun nicht mehr zu Nymoens und Schmitts Analyse – eine narzisstische Wunde sein, aus der ein tiefes, innerseelisches Bedürfnis erwächst, gesehen zu werden – ein Hunger, der durch keine noch so große Zahl an Likes gestillt werden dürfte.
Eine in ihrem heutigen Erscheinungsbild ahistorische und damit seelenlose Metropole wie Dubai, ist das „artgerechte“ Habitat für verlorene Seelen, wie es Influencer zumeist – nicht alle – sind. Entsprechend werden die Vorgaben der Stadthalter befolgt, um aus diesem Paradies nicht vertrieben zu werden – und, wenn es nötig ist, nicht darauf hinzuweisen, dass eben dieses Paradies erste höllische Risse bekommt. Wobei in diesem Zusammenhang anzumerken ist, dass das Paradiesische nur eine Ebene der VAE ist, die allein jenen zugänglich ist, die über das nötige Geld verfügen, um dem Dubai-Traum zu frönen. Für einen Großteil der dort ansässigen, einheimischen Menschen und insbesondere den importierten Arbeitern, die mit Fug und Recht als moderne Sklaven bezeichnet werden dürfen, sind die Früchte des Paradieses unerreichbar. In den Instagram-Kacheln der Dubai-Influencer sehen wir ständig die gläsernen Prachtbauten – allerdings niemals jene Menschen, die diese unter unmenschlichsten Arbeitsbedingungen errichtet haben. Für sie gelten die meritokatischen Glaubenssätze nicht, die von den Influencern gebetsmühlenartig gepostet und proklamiert werden, wonach alle „es“ schaffen können, wenn sie sich nur genug anstrengen und an ihren Traum glauben.
Genau hierin liegt der Knackpunkt: Alle können es schaffen. Nur nicht jeder. Alle anderen werden schließlich gebraucht, um die umliegende allgemeine Infrastruktur aufrechtzuerhalten, ohne die die Influencer ihren Lebensstandard gar nicht leben könnten – für die sie sich aber gleichzeitig nicht mehr verantwortlich fühlen.
Wie sich Influencer als Teil dieser Welt betrachten oder auch in ihrer Rolle als Menschen unter Menschen, lässt sich als eine Art selektiven, situativen (Anti-)Etatismus beschreiben. Dem heimischen Staat wird der Rücken gekehrt, um dort keine und anderorts nur vergleichsweise sehr wenig Steuern und Sozialabgaben zahlen zu müssen – schließlich will man die Freiheit leben. Das ist als freiheitsliebender Mensch nur allzu verständlich. Nur wird diese Freiheit dann eben nicht konsequent ausgelebt, nicht bis in jede Lebenslage und jede Situation hinein. Ab dem Augenblick nämlich, in dem die Freiheit sich von ihrer gefährlichen Seite zeigt, darf es der heimische Staat mit einem Male wieder richten. Hilfesuchend wandten sich manche deutsche Influencer an den deutschen Staat und baten darum, sie zu evakuieren. Ganz anders reagierte der Influencer Vagif Gadimov. Er teilte auf Instagram mit, dass er lieber von einer Rakete getroffen werden würde, als von 50 Prozent Steuerlast. Sehr trefflich spottete der Postillion, dass Deutschland die in Kriegsgefahr geratenen Influencer erst in die Heimat fliegen würde, nachdem diese ihre Steuererklärung abgeben hätten.
Es ist eine tragikomische Rolle, die den Influencern als funktionselitärer Adel zukommt, speziell in Dubai. Zum einen ist ihnen ein Leben im materiellen Überfluss beschieden, bei gleichzeitiger Dauerbestätigung im Netz und im äußeren Umfeld – angeblich als wichtige und relevante Persönlichkeiten. Gleichzeitig sind sie auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, sich den Launen der Trends sowie dem Willen der Werbekunden und der modernen Stadthalter, wie jenen von Dubai, zu beugen. Sie geraten in die Illusion und Abhängigkeit einer gegen die Lebenswirklichkeit imprägnierten Scheinwelt. Entsprechend wiederstandsschwach – um nicht zu sagen: wie ein Ochs vor dem Berg – stehen jene Influencer, all die Marie Antoinettes mit Selfie-Stick da, wenn diese künstliche Welt Risse bekommt, die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit trotz aller Imprägnierung in die Traumwelt einsickert und aus ihr einen Albtraum werden lässt.
Das babylonische Dubai
Nichts steht der Influencer-Welt so diametral gegenüber wie der Krieg. Diese Scheinwelt ist durch Glätte sowie durch die Abwesenheit jeglicher Negativität charakterisiert. Alle sind immer gut gelaunt, „healthy“, ewig jung, stets auf „high energy“ und überhaupt läuft und ist alles glatt: das Interieur, der Glanzlack des Sportwagens, die Smartphones, die gepflegte Haut, die Nagel-Maniküre und natürlich die Instagram-Benutzeroberfläche. Der Krieg hingegen stellt das genaue Gegenteil dar. In ihm und an ihm ist alles rau, rissig, chaotisch und unberechenbar.
Ein regelrechter Treppenwitz wäre es gewesen, wenn die bis vor Kurzem noch in Dubai ansässige Influencerin Anna-Maria Ferchichi nicht nach Grünwald bei München gezogen wäre, sondern immer noch in dem krisengebeutelten Golfstaat leben würde. Ihr Ehemann, der ehemalige Rapper Bushido, prahlte nämlich vorletztes Jahr noch großkotzig damit, wie viel Gewinn er mit Rheinmetall-Aktien gemacht habe. Wären beide, samt ihrer Familie, immer noch in Dubai, würden sie die potenziell tödlichen Früchte ihrer Aktiensparte vielleicht nicht hautnah, aber gefährlich nahe zu spüren bekommen. Der Kalenderspruch „Du kriegst, was du gibst“ bekäme in diesem Kontext einen sehr makaberen Wortsinn. Die genannte Influencerin äußerte sich im Übrigen sehr zurückhaltend, was die Lage in ihrer – ehemaligen – Wahlheimat anbelangt. Die Instagram-Storys drehen sich primär um das nicht minder dekadente Leben im Münchner Speckgürtel.
So lange es eben geht, wird die Wirklichkeit der Welt mit all ihren Härten, Beschwerlichkeiten und Grausamkeiten aus der eigenen Instagram-Erlebniswelt herausgefiltert. Die Bezeichnung der als „Filter“ beschriebenen Farbüberlagerungen bei Instagram bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz spezielle Bedeutung. Sie filtern nicht nur Farbtöne, sondern auch die näher rückende Kriegsrealität. Sie wird bestmöglich ausgeblendet, um den Anschein des unbeschwerten Glamourlebens aufrechtzuerhalten: am Strand Cocktails schlürfen, sein Workout und Frühstücksmüsli filmen und mit dem Sportwagen über die halbleeren mehrspurigen Schnellstraßen brettern, während ringsherum der Krieg tobt und sich punktuell in dem Steuerparadies niederschlägt.
Es sind geradezu ikonische Sinnbilder eines moralisch verrotteten, spätdekadenten, verkommenen Systems, das schon lange den Zustand der Schlachtreife erlangt hat und sich folglich in beschleunigten Schritten seinem Zynismus-Zenit nähert.
Die Selfies aus Dubai, die in den letzten Tagen entstanden sind, haben einen historischen Wert. Sie liefern für die Nachwelt ein Zeugnis davon, wie eine Zivilisation in den Dämmerstunden ihres Bestehens durch Dekadenz und Sittenverfall implodiert. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass eine Zivilisation an derartigen Erscheinungsformen der Verkommenheit zugrunde geht. Unmittelbare Parallelen zeigen sich bereits auf der optische Ebene, wenn man Dubais bekanntestes Wahrzeichen, den Burj Khalifa – das höchste Gebäude der Welt – mit dem Turm von Babylon vergleicht. Bereits auf der Formebene sind gewisse Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Doch auch symbolisch zieht sich ein roter Faden zeitlich von von dem einen Bauwerk zum anderen. Beide recken sie sich zum Himmel empor – nur ist es jeweils ein anderer Himmel, den es zu erlangen galt und gilt. War es bei Babylon noch ein göttlicher Himmel, der mit dem Turmbau zugänglich gemacht werden sollte, so ist es beim Burj Khalifa ein materieller. Die obersten Etagen selbst sind bereits der Himmel. Wer es dorthin geschafft hat, bis dahin treu dem schnöden Mammon diente, der ist im „Sky“ angekommen, der zugleich „the limit“ ist – darüber hinaus gibt es keine metaphysische Ebene mehr.
Ob Burj Khalifa oder Babylon – bei beiden Bauten war und ist der Hochmut ursächlich für den Einsturz, auch wenn nur letztgenannter Turm – nach biblischer Überlieferung – tatsächlich kollabierte; der Sturz des ersteren ist ein rein symbolischer.
In „Der kleine Prinz“ schrieb Antoine de Saint-Exupéry: „In der Wüste bin ich das wert, was meine Götter wert sind.“ Die Götter dieser nihilistischen und im Materialismus verhafteten Wüstenbewohner sind Besitztümer und Followerzahlen – allesamt Dinge, die sich im Angesicht des Todes als eines erweisen: profan.