# Vier Verschwindungen

Den Kapitalismus für alles verantwortlich zu machen, ist keine Analyse; ihn für nichts verantwortlich zu machen, aber ebensowenig. Eine Replik auf einen Beitrag von Roberto De Lapuente. 

von 
   * Ulrich Gausmann

Dass die Wörter „links“ und „rechts“ ihre Treffsicherheit verloren haben, dürfte nichts Neues mehr sein. An der Diskussion um sie hängen allerdings noch zahlreiche weitere Begriffe wie etwa der des Kapitalismus. Manova-Autor Roberto De Lapuente widmete diesem — oder genauer dem Umgang einiger seiner Zeitgenossen mit ihm — einen Beitrag, der nicht bei allen auf Gegenliebe stieß. Seine These: Gerade Linke machen den Kapitalismus für nahezu jedes Übel verantwortlich, teils ohne gute Argumente und um die eigene Unfähigkeit zur tatsächlichen Analyse zu überspielen. Ulrich Gausmann inspirierte dieser Text zu einer durchaus kritischen Replik, denn auch wenn er Teile von De Lapuentes Kritik teilt, empfand er sie doch ebenfalls als analytisch verkürzt. 

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Roberto J. De Lapuente hat einen [Text](https://www.manova.news/artikel/der-lieblingsfeind-der-linken ) veröffentlicht, der sich mit sichtlichem Behagen an einer verbreiteten Mode, besser noch: Marotte des linken Milieus abarbeitet, nämlich an der Gewohnheit, jedes Übel dieser Welt, ob Krieg, Pandemie, Migration oder Klima mit dem pauschalen Verweis auf „Der Kapitalismus ist schuld“ zu erledigen und die Sache damit für erklärt zu halten. 

Der Vorwurf De Lapuentes an dieses Milieu ist nicht neu und auch beileibe nicht aus der Luft gegriffen, und ich stoße mich auch an denjenigen Linken, die den Begriff gebrauchen, wie Gläubige in der Kirche „Amen“ sagen. Insofern trifft der Verfasser einen wunden Punkt, und man könnte seinen Beitrag mit Gewinn lesen, wäre er das, als was er auftritt: eine nüchterne Abrechnung mit der Denkfaulheit. Er ist meines Erachtens nicht derjenige, der endlich einmal ausspricht, was viele zwar ahnen, aber nicht offen sagen, und ihm unterlaufen dabei folgenreiche Verwechslungen. Zunächst drängt sich beim Lesen ein Verdacht auf, den der Verfasser durch ein Geständnis selbst nährt. Mitten im Text erinnert er sich an einen „in der Szene nicht unbekannten“ Altlinken, mit dem er einst eine Gesprächsreihe aufnehmen wollte und an dem das Vorhaben scheiterte, weil jener jedes Thema „vulgär auf den Kapitalismus herunterbrach“. 

>Man muss kein Seelenkundiger sein (und gerade der Verfasser, der die Kapitalismuskritik der anderen so bereitwillig auf ein psychisches Bedürfnis zurückführt, sollte hier hellhörig werden), um zu fragen: Steht am Anfang dieses Textes womöglich weniger eine Erkenntnis als ein Ärgernis? 

Wurde hier ein geplatztes Gespräch in die Nähe einer Weltanschauung erhoben, der Groll über einen einzelnen, gewiss anstrengenden Gesprächspartner rückwirkend über eine ganze Tradition ausgegossen? Es spräche einiges dafür, und es wäre erst noch die freundlichste aller Erklärungen dafür, dass ein Beitrag mit so viel Temperament so wenig Gegenstand trifft.

Es verbreitet sich nun ein eigentümliches Schauspiel: Wo immer der Verfasser nach etwas Festem greift, nach dem Begriff, nach dem Gegner, nach der Ursache, nach der Theorie, löst es sich ihm unter der Hand in eine Geste auf. Der Text, der anderen die Unschärfe vorhält, ist selbst eine kleine Lehre im Verdunsten. Ihr sei im Folgenden nachgegangen, in vier Schritten.

**Erstens** verschwindet der Begriff. Man frage den Text, was er unter Kapitalismus verstehe, und man erhält keine Antwort, sondern Hinweise auf Bewegungen. Mal ist es die Gier, mal das System, mal die Profitrechnung der Fugger, mal, kühn genug, das Kalkül der Edlen am Hofe des Xerxes. Dass dies dreierlei ist und nicht einerlei, entgeht ihm. Denn der Kaufmann, der billig kauft und teuer verkauft, ist so alt wie der Handel; die Produktionsweise hingegen, in der die Arbeitskraft zur Ware und die Verwertung zum Zwang des Ganzen wird, hat einen Anfang in der Zeit; und die kapitalistische Gesellschaft schließlich, in der jene Logik Recht, Staat und Kultur ergreift, ist noch einmal etwas anderes. Der Verfasser widerlegt die erste, um die dritte loszuwerden. Das ist bequem, aber mutet an wie ein Taschenspielertrick. Nach diesem Verfahren wäre schon der erste Mensch, der ein Fell gegen zwei tauschte, ein Frühkapitalist gewesen, und der Kapitalismus begänne, streng genommen, mit dem Faustkeil, was die Sache immerhin vereinfacht: Dann ist alles kapitalistisch, und man dürfte das Wort ebenso gut weglassen. Xerxes freilich hätte sich über seine Beförderung zum Kapitalisten gewundert.

Wie leicht er zu durchschauen wäre, führt ausgerechnet ein Buch der Stunde vor. Sven Beckert, in Harvard lehrend, hat 2025 1.066 Textseiten „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ vorgelegt und die frühen Kaufleute von Aden bis Guangzhou „Kapitalisten ohne Kapitalismus“ genannt: profitgierig gewiss, und doch eingebettet in Welten, die anderen Gesetzen gehorchten. 

>Schon Braudel hatte den Markt, die durchsichtige Sphäre des Tausches, vom Kapitalismus geschieden, jener darüberliegenden Zone des Monopols und der Macht.

Wer bei den Fuggern bereits den Kapitalismus wittert, verwechselt den Markt mit seinem Gegenteil. Die Gegenfrage lautet demnach schlicht: Welchen Kapitalismus meinen Sie eigentlich?

**Zweitens** verschwindet der Gegner. Kaum hat man den Begriff festhalten wollen, entzieht sich auch er: Zunächst sind es „Altlinke“, dann korrigiert sich der Verfasser zur „Neuen Linken“, und schließlich stellt er den guten, dialektischen Marx gegen dessen missratene Erben. Man wartet auf die Namen der Missetäter und bekommt zwei geliefert, die schlechter nicht gewählt sein könnten: die Frankfurter Schule und Antonio Gramsci. Ausgerechnet. Beide zu Kronzeugen des ökonomischen Kurzschlusses zu erküren, ist von bemerkenswerter Kühnheit, hat doch keiner von beiden diesem Kurzschluss je das Wort geredet, im Gegenteil. Denn die Frankfurter wurden von orthodoxer Seite zeitlebens nicht des ökonomischen Kurzschlusses bezichtigt, sondern des Gegenteils: der Abkehr vom Primat der Ökonomie, der Hinwendung zu Kultur, Psyche und Charakter. Und Gramsci, den er als „Konsorten“ abtut (der vom faschistischen Regime von Benito Mussolini zu 20 Jahren, vier Monaten und fünf Tagen Haft verurteilt wurde und an den Folgen der Folter starb), ist der Theoretiker, der die mechanische Ableitung des Überbaus aus der Basis eigenhändig zerlegt hat; ihn der Monokausalität zu bezichtigen, heißt schlicht, ihn, insbesondere seine „Gefängnistagebücher“, nicht zu kennen.

Bleibt die Frage, wen der Verfasser eigentlich meint. Die Antwort kennen wir bereits: jenen einen Altlinken aus der gescheiterten Gesprächsreihe. Aus einem missglückten Gespräch wird so eine ganze Epoche, aus einem anstrengenden Zeitgenossen ein ganzes Denken, eine gewagte Hochrechnung. Die Stichprobe ergibt die Größe eins. Man möchte höflich nachfragen: Hat der Verfasser je eine Seite der Autoren gelesen, deren Namen er als Vokabeln des Denkfehlers benutzt?

**Drittens** verschwindet die Ursache. Nun aber, verspricht der Text, komme das Eigentliche: statt der faulen Monokausalität die ganze Fülle: Außenpolitik, Kultur, Demographie, Psychologie, Religion, Technik. Man spitzt die Ohren und wartet auf die Ordnung, die dieser Fülle Sinn gäbe. Sie kommt nicht. Was kommt, ist der Satz, die Menschen hätten „schon immer Gründe gefunden, einander umzubringen“. 

>Damit ist die verworfene Monokausalität nicht überwunden, sondern nur umgetauft: An die Stelle des Kapitalismus tritt die Natur des Menschen, die ehrwürdigste aller Ausreden, weil sie alles erklärt und im Unerklärlichen verschwindet. 

Der ewige Mensch ist überdies der bequemste aller Angeklagten: Er gesteht jede Tat und erscheint zu keinem Termin. Es ist die säkularisierte Erbsünde, und sie hat den unschätzbaren Vorzug, niemanden zu belasten.

Wer den Krieg aus dem ewigen Menschen erklärt, muß nicht mehr fragen, wem die Rüstung gehört und wer am langen Krieg verdient. Interessant nur, dass der Verfasser diese Zusammenhänge selber einräumt (die Konzerne verdienten, die Staaten dienten dem Kapital, die Ressourcen spielten „regelmäßig eine Rolle“) und im selben Atemzug bestreitet, dass daran etwas Regelhaftes sei. Er gesteht jede Prämisse zu und verweigert den Schluss. Ein Ermittler, der Motiv, Tatwaffe und Nutznießer benennt, um den Fall sodann als bedauerlichen Zufall zu den Akten zu legen, käme in keinem ordentlichen Kriminalroman über das erste Kapitel hinaus. Die Gegenfrage: Wenn es nicht die Eigentumsordnung ist, die immer wieder dieselben Nutznießer an dieselben Stellen setzt, was tut es dann? Der Zufall? Die gleichbleibende Bosheit des Menschengeschlechts?

**Viertens** verschwindet die Theorie, und zwar durch bloßes Naserümpfen. „Marx-Exegese-Stuhlkreise“, „theoretisches Geplauder“, „schlecht durchblutete Füße“: So entsorgt man ein Jahrhundert Denkarbeit, ohne einen einzigen ihrer Sätze widerlegt zu haben. Der Verfasser klagt, die Linke nehme die Geopolitik nicht als eigenen Gegenstand ernst, sondern als bloßes Symptom. Ein Griff ins Regal hätte ihn eines Besseren belehrt, vorausgesetzt freilich, man greift ins Regal und nicht bloß zur Empörung. Immanuel Wallerstein hat den Kapitalismus als ein einziges, datierbares Weltsystem beschrieben, mit Zentrum und Peripherie und dem rastlosen Zwang zur endlosen Akkumulation, das genaue Gegenteil der konturlosen Ewigkeit, die er dem linken Denken andichtet. Und der Neogramscianismus eines Robert Cox, eines Stephen Gill, eines Kees van der Pijl analysiert die Geopolitik von innen, aus der Formierung transnationaler Machtblöcke, als Hegemonie wohlgemerkt, die der Zustimmung bedarf, nicht der geheimen Absprache.

Der aufschlussreichste Fehler des ganzen Textes: Der Verfasser wirft die strukturelle Analyse mit der „Weltverschwörung“ in einen Topf. Wer aber Struktur und Komplott nicht auseinanderhält und damit das Wesentliche verwechselt, beschreibt allerhöchstens die Struktur ohne Verschwörer, denn die Verschwörung wirkt nichts ohne Struktur. Es ist wie beim Unterschied zwischen Meteorologie und Regentanz; wer ihn nicht bemerkt, sollte über keines von beiden schreiben. Eine Bibliothek, die von Piketty gelobt und auf jeder Bestenliste geführt wird, liegt in den Auslagen, nur nicht, wie es scheint, auf dem Schreibtisch des Kolumnisten. Da gäbe es viel zu erfahren.

Ein Text, dem der Gegenstand viermal unter den Händen zergeht, ist keine Analyse, sondern eine Stimmung. Diese zu veröffentlichen ist legitim, sehr zugestanden. Nur: Der Verfasser hat den Kapitalismus nicht durchdrungen, er hat ihn verlegt, die Linke nicht widerlegt, sondern sie sich ausgedacht und zuletzt die Monokausalität mit ihrer Umbenennung nicht überwunden. Das darf man ohne Häme feststellen, weil nicht die Person getroffen werden soll, sondern ein Handwerk, das hier nicht geübt wurde.

Beinahe möchte man bedauern, dass jene eingangs erwähnte Aufnahme nie zustande kam, vielleicht hätte das Gespräch beiden mehr gebracht als die spätere Abrechnung. Und weil der Verfasser eine schöne Formel gefunden hat, sei sie ihm dankend zurückgereicht: Ständig dem Kapitalismus die Erklärungskraft abzusprechen und an seiner Statt den ewigen Menschen an die Wurzel allen Übels zu setzen, ist keine Analyse, sondern kultivierte Vernebelung der Realität.

Und doch soll nicht der Tadel das letzte Wort behalten. Denn das Unbehagen, aus dem dieser Text erwächst, teile ich: die Ungeduld mit einer (orthodoxen) Linken, die den Begriff wie eine Monstranz vor sich herträgt, statt mit ihm zu arbeiten; den Verdruss über wohlfeile Schuldzuweisungen, die das Denken beenden, wo es doch gerade erst beginnt. 

In dieser Ungeduld ist De Lapuente kein Gegner, sondern ein Verbündeter, und es gehört einiger Mut dazu, dem eigenen Lager die Leviten zu lesen. Der Streit geht mithin nicht darum, ob man den Kapitalismus kritisieren solle, sondern wie: als Losung oder als Analyse, als Reflex oder als geduldige Arbeit am Gegenstand. Möge der Verfasser diese Arbeit fortsetzen und beim nächsten Mal jenes Gespräch führen, das ihm der Altlinke schuldig blieb. Es wäre der Sache wie der Debatte zu wünschen.


