Vollkommenheit im Chaos
Wer von sich erwartet, die Welt zu retten, verzweifelt früher oder später und täte gut daran, auch seinen eigenen Frieden nicht zu vergessen, solange er den globalen nicht über Nacht herstellen kann.
Sich Tag und Nacht mit den politischen Zuständen in Deutschland und der Welt zu beschäftigen, ist sicher kein Rezept dafür, besonders glücklich zu werden, besonders nicht aktuell. Doch wie so oft ist das Leben komplex und vor allem widersprüchlich. Manchmal erwächst inmitten einer aussichtslosen Weltlage doch etwas Schönes im Kleinen. Der Autor verließ im vergangenen Jahr Deutschland und fand zwischen der Verzweiflung, die die Arbeit als politischer Journalist für ihn oft mit sich bringt und den Schwierigkeiten des Neubeginns doch irgendwie das, wonach alle suchen.
Weihnachten war für uns in diesem Jahr etwas ganz Besonderes. Nach zwei Jahren Rast- und Ruhelosigkeit können wir das Gefühl, das sich um die Weihnachtszeit bei uns eingestellt hat, kaum in Worte fassen. Wir versuchen es trotzdem. Meine Frau und ich sind Auswanderer. Der Entschluss, Deutschland zu verlassen, entstand während der Zeit der Corona-Politik. Und nachdem der aktuelle Ukraine-Krieg begonnen hatte und wir dabei zusehen mussten, wie die Debattenkultur in Deutschland einem totalitären Ansatz geopfert wurde, war es dann irgendwann so weit: Wir haben Deutschland verlassen.
Jetzt leben wir in einem alten Vierkanthof, der nicht perfekt, aber doch vollkommen ist. Meine Frau brachte das so auf den Punkt:
„Unser neues Zuhause ist nicht perfekt. Hier leben Mäuse mit uns im Haus – kein Wunder, ist doch drumherum nichts als Natur. Die Fenster und Türen des Hauses sind alt, sie halten den Wind nur bedingt draußen. In einer Wand haben wir ein riesiges Loch, das mittlerweile von einem Tischler mit einem Schrank bedeckt wurde. Die Wände verlangen nach einem frischen Anstrich, die Rohre klappern und Infrastruktur gibt's drumherum auch nicht.
Heute früh stand ich an einem der holzgerahmten, durchlässigen Fenster in der Küche, wo die Mäuse mit uns leben und das Loch in der Wand ist. Es war halb sechs Uhr morgens, draußen war es noch finster. Und ich sah draußen den Schnee – und den Schein des Feuers unseres wärmespendenden Ofens, der sich im Fenster spiegelte. Und eine Woge der Dankbarkeit überkam mich.
Unser neues Zuhause ist nicht perfekt. Doch es ist vollkommen. Es ist so vollkommen, dass sich auch die Mäuse hier wohlfühlen. So vollkommen, dass der Wind gerne an unseren Türen und Fenstern rüttelt, weil er auch in die Wärme dieses Zuhauses möchte. So vollkommen, dass es Geschichten erzählt – von vielen Menschen, die vor uns hier lebten und dieses Fleckchen Erde ‚Zuhause‘ nannten – wie wir heute. Ich bin unfassbar dankbar für dieses warme Zuhause – weil es vollkommen ist.
Ich wünsche euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und tiefste Wertschätzung für euer unperfektes, vollkommenes Leben und Sein.“

Nicht nur wegen der letzten zwei Jahre, die uns teilweise unsere Wurzeln haben verlieren lassen, empfinden wir diese Vollkommenheit, die weit entfernt ist von der makellosen Perfektion, die andere sich wünschen. Wir haben uns zudem in diesem Jahr entschieden, uns vom destruktiven Wahnsinn, der uns politisch regiert, nicht zu sehr beeinflussen zu lassen.
An einen Freund schrieb ich kurz vor Heiligabend:
„Der Weltfrieden ist bei uns heute kein Thema; an dem arbeiten wir dann demnächst wieder intensiv und tatkräftig mit. Die nächsten Tage begehen wir mit unserem eigenen kleinen Frieden, ohne den alles andere ohnehin nicht zu erreichen ist.“
Kein Glück gehabt
Ist es Ihnen schon einmal aufgefallen? Schon eine ganze Weile ist nicht mehr vom „besten Deutschland aller Zeiten“ die Rede, das uns so lange und so oft eingeredet wurde. Diese Art von Redewendung ist langsam in der Versenkung verschwunden und musste den harten Realitäten weichen. Der kontinuierliche Abstieg Deutschlands begann mit dem „Geniestreich“ Gerhard Schröders (SPD), als er die „Agenda 2010“ ausrief. In der Folge ging es bergab, auch wenn ausgesuchte Institute und NGOs das Gegenteil behaupteten. Unausweichlich sei diese Schrödersche Agenda gewesen, schließlich war Deutschland damals der „kranke Mann Europas“. Jener „kranke Mann“ war aber fit genug, um mit Exportüberschüssen andere Länder in die Schulden und die Arbeitslosigkeit zu treiben – von der innenpolitischen Lage mal ganz abgesehen.
Wie auch immer – das „beste Deutschland aller Zeiten“ wurde verlegt, auf einen fernen Punkt in der Zukunft. Nicht zuletzt die Grünen waren maßgeblich daran beteiligt, dass ein gutes Leben in der Gegenwart nicht mehr möglich ist, und genauso haben sie es auch seit Jahren kommuniziert. Nein, diese goldenen Zeiten seien vorbei; vielmehr müsse man leiden, über Jahre und Jahrzehnte, um nach dem Abschluss der Energiewende „die Ernte einfahren“ zu können. Die Glückseligkeit muss also noch warten, bis auch die Grünen in Feierlaune sind.
Weihnachtsmärkte, Wintermärkte und andere „Kleinigkeiten“
Die Schlagzeilen vieler Medien gaben keinen Anlass zur Vorfreude aufs Weihnachtsfest:
„Rassistischer Angriff auf Krankenpflegerin und Helferin nach Magdeburger Anschlag“
Oder:
„Weihnachtsmärkte wegen hoher Sicherheitskosten unter Druck“
Oder:
„Weihnachtsmärkte: Millionenkosten für neue Sicherheitsmaßnahmen“
Aber eben auch:
„#Faktenfuchs: Nein, Weihnachtsmärkte nicht massenhaft abgesagt“
Die letzte hier genannte Schlagzeile des Bayerischen Rundfunks war übrigens nicht dafür da, den Druck aus dem Kessel zu nehmen und die Menschen zu beruhigen. Vielmehr war das Ziel dieser Schlagzeile die weitere Spaltung der Gesellschaft, denn der „Faktenfuchs“ betont in seinem Text:
„Der Schaustellerbund, der bayerische Städtetag und die GEMA teilen einhellig mit: Es gebe keine massenhaften Absagen von Weihnachtsmärkten in Deutschland.
- Richtig ist, dass die Sicherheitskosten für Weihnachtsmärkte gestiegen sind – und dass vereinzelt Weihnachtsmärkte aus verschiedenen Gründen abgesagt wurden.
- Die Falschbehauptung erfüllt Merkmale von Desinformation, die darauf abzielt, Unsicherheit zu schüren.“
Und der Beitrag erklärt weiterhin:
„Kuchta sieht in den Falschbehauptungen allgemeine Niedergangserzählungen und migrationsfeindliche Narrative. Es geht dabei um ein Bild von Deutschland, in dem Migranten angeblich die deutsche Kultur verdrängten und ein Sicherheitsrisiko darstellten. Migranten würden die Kosten zum Schutz von Veranstaltungen in die Höhe treiben.“
Wurden nun also mehr Weihnachtsmärkte geschlossen als früher? Die Antwort ist für den gemeinen Bürger irrelevant, denn zunächst einmal muss er lernen, dass man heute „Wintermarkt“ sagt, nicht „Weihnachtsmarkt“. Und Messerattacken oder andere Angriffe sind in erster Linie die Taten Einzelner – da kann man nichts machen. Aufregen darf man sich schon gar nicht, sonst ist man ganz schnell ein Rassist.
Wer sich von all dem nicht beeinflussen lassen wollte und trotzdem den Weg zu einem der geöffneten Märkte angetreten hat – im besten Fall politisch korrekt ohne den Zusatz „Weihnachts“ oder „Winter“ – musste meist feststellen, dass die Preise für Glühwein & Co. so sehr gestiegen sind, dass schon mal die Frage aufkam: Glühwein oder Geschenke für die Liebsten?
Sie wollen kein Glück
Besonders unangenehm sind die Weihnachtswünsche von Politikern. Sie sind so aufrichtig wie die Beileidsbekundungen nach Anschlägen: geschrieben, kopiert und geteilt. Plattitüden reichen sich die Hände, lösen einander ab in immer absurder klingenden Statements.
Gleichzeitig schüren dieselben Politiker die Spaltung der Gesellschaft, sie fahren die Wirtschaft gegen die Wand, gefährden den allgemeinen Wohlstand, zerstören Rente, Bildung und Gesundheit – und am Ende zwingen sie die Menschen zur „Kriegstüchtigkeit“ und machen aus unseren Kindern und Jugendlichen Kanonenfutter, weil sie selbst nicht in der Lage und willens sind, das zu tun, was ihr per Eid geleisteter Auftrag ist: Schaden vom Volke abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren.
Zumindest in diesem Jahr, das haben wir für uns entschieden, machen wir dieses miese Spiel nicht mit.
Eine gute Entwicklung
Wie bereits oben erwähnt, haben wir Deutschland verlassen. In der Zeit danach ist viel bei uns passiert, auch und gerade auf der persönlichen Ebene. Ohne auf Details einzugehen, kann ich sagen, dass meine Frau und ich teils anstrengende und schwere Zeiten erlebt haben. Das betraf nicht nur unsere private Situation, sondern auch gesundheitliche Aspekte.
Wieder einmal – in Anbetracht der Herausforderungen, die wir in den letzten 14 Jahren zu meistern hatten, kann man das so sagen – haben wir es geschafft, die Täler zu durchschreiten und uns Luft und Ausblick zu verschaffen. Bezeichnenderweise leben wir jetzt in 800 Metern Höhe, was der Erzählung des Durchschreitens des Tales eine besondere Note verleiht.
Zu meiner eigenen Entwicklung gehört untrennbar auch die meiner Frau. Sie hat in den letzten Jahren etwas erlebt, das sie grundlegend verändert beziehungsweise ihre Sicht auf die Dinge beeinflusst hat. Auf ihrer in der Zwischenzeit entstandenen Website schreibt meine Frau:
„Ich glaube fest daran, dass die Seele der Dirigent deines inneren Orchesters ist. Wenn sie im Gleichgewicht schwingt, strahlt dein ganzes Sein – dein Körper, dein Geist und dein Herz – in Harmonie.
Meine Aufgabe ist es, die sanften Impulse zu setzen, die du benötigst, um deine Seelenmelodie wiederzufinden und dein natürliches energetisches Gleichgewicht auf sanfte und liebevolle Weise zu unterstützen.“
Meine Seelenmelodie klingt inzwischen wirklich anders. Durch die Erlebnisse, die wir hatten und die persönliche Entwicklung meiner Frau habe auch ich gelernt, bestimmte Dinge anders zu betrachten, zu bewerten und Vertrauen zu entwickeln in das, was kommen mag. Das ist einfacher, als man denkt, und ich habe an vielen Details erkannt, dass es wirklich wirkt.
Als politischer Journalist bin ich naturgemäß dazu verdammt, immer am Rande der „politischen Depression“ vorbeizuschrammen, und die Distanz zu dem, worüber ich schreibe und spreche, ist wahrlich nicht immer einfach herzustellen. Aber es fällt mir heute leichter – und daran hat meine Frau einen großen Anteil.
Und so kam es, dass wir Weihnachten in diesem Jahr anders angegangen sind. Für unser Gefühl: besser als die Jahre davor.
Nur 'ne Prise Zimt
Ich weiß nicht, wie oft wir in diesem Jahr das Lied „Nur 'ne Prise Zimt“ von Pe Werner gehört haben. Aber es passte in diesem Jahr einfach perfekt. Der Text geht so:
„Nur ne Prise Zimt auf' m Cappuccinoschaum
und im Taxi n baumelnder Dufttannenbaum
schon legt mein Kopfkino los
und ich frag mich, was mach ich hier bloß
mit tiefgefrornen Füßen, viel zu wenig gepennt
aus' m Bahnhofskiosk quäkt es "...Winterwonderland"
ich wollt' wie' n Zugvogel fliehn
mich dem Lametta entziehn
Und jetzt sehn ich mich nach haus
bin doch nich' aus' m Gröbsten raus
jetzt will ich statt weit weg
n Küchenstuhl und ein Gedeck
da sitzt du am Klavier
in Bergen von Geschenkpapier
die Erinnerungszündschnur glimmt
und schuld is' nur diese kleine Prise Zimt
Nur ne Prise Zimt in meim Pappbecherkaffee
macht, dass ich dich mit' m Keksbackblech seh'
und ich weiß, es riecht wie gewohnt
nach der Schokoladenseite vom Mond
die DDR -Strohsterne sind in Gefahr
der Baum is' nich' elektrisch, sondern leicht entflammbar
wir sind, seit ich denken kann,
zwei, die leicht Feuer fang'
Und jetzt sehn ich mich nach haus
bin doch nich' aus' m Gröbsten raus
jetzt will ich statt Meerblick
n Sofakissen mit Knick
da sitzt du neben mir
und faltest das Geschenkpapier
die Erinnerungszündschnur glimmt
wegen einer kleinen Prise Zimt
ich nehm die letzte Bahn
für' n Stückchen von deim Marzipan
das machst du ganz bestimmt
wie immer mit einer kleinen Prise Zimt
einer Prise Zimt
ner kleinen Prise Zimt
Quelle: Musixmatch
Songwriter: Pe Werner“
Genau das wollten wir in diesem Jahr! Cappuccino mit Zimt, Sofakissen mit Knick, Marzipan und Berge von Geschenkpapier, die man im Anschluss, nach der Bescherung, einfach entsorgt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob man vielleicht besser aufs Geschenkpapier verzichtet hätte, wegen der Umwelt oder ob man das mit dem Weihnachtsbaum besser gelassen hätte, wegen des Klimas.
Nein, in diesem Jahr haben wir einfach nur Weihnachten gefeiert. Ich als politischer Journalist mit „politischen Depressionen“ habe mich damit in den letzten Jahren schwergetan. Zu viele schreckliche Dinge sind passiert, zu viel Kritikwürdiges ist Tag für Tag zu finden – Kritikwürdiges, über das ich schreiben und sprechen muss, so wie es das Verhältnis zu meinem Beruf zum Ausdruck bringt.
Nur: Wie oft in den vergangenen Jahren habe ich auch zwischen den Jahren nicht pausiert, sondern weitergearbeitet, geschrieben, gesprochen, analysiert und kritisiert? Zu oft, so viel ist sicher. Denn ich habe in diesen Zeiten, die eigentlich Gelegenheiten der Entspannung sein sollten, des Ausruhens, immer wieder zurückgefunden zu den Dingen, die – das war ich sicher – die Menschen wissen müssen. Ich hatte den Eindruck, wenn ich das nicht tue, werde ich meinem Beruf und meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht.
Heute weiß ich, was für ein Unsinn das ist!
Sie können mir glauben: Wenn ich zwischen Weihnachten und Neujahr den Krieg in der Ukraine beenden oder dem Leiden im Gazastreifen oder sonst wo auf der Welt einen Schlusspunkt setzen könnte, ich würde es tun. Ich würde durcharbeiten, so lange, bis das Ziel erreicht wurde. Aber ich kann das nicht – und wenn es schon der US-amerikanische Präsident nicht vermag, einen Krieg innerhalb von 24 Stunden zu beenden, wie sollte ich das schaffen?
Darum haben wir uns in diesem Jahr die Ruhe gegönnt, von der wir nun auch sehr genau wissen, wie sehr wir sie gebraucht haben. Wir haben also alles richtig gemacht, und der Geschmack des Cappuccinos mit der kleinen Prise Zimt liegt uns noch auf der Zunge.