Waffenbrüder
Der Song „Brothers in arms“ der Dire Straits beschreibt eindrücklich, wie unsinnig es ist, gegen unseresgleichen Krieg zu führen.
„Wir haben nur eine Welt, aber wir leben in verschiedenen“, schrieb der große Gitarrist und Komponist Mark Knopfler in seinem vielleicht wichtigsten Lied für die Dire Straits, das 1985 erschien. Er beschrieb „Felder der Zerstörungen“ und „Taufen aus Feuer“ und beschönigte damit das Grauen des Krieges keineswegs. Junge Männer werden ihrer Heimat entrissen — mit ungewissen Überlebenschancen. Der Song ist trotzdem von Anfang an eingetaucht in einen Hoffnungsschimmer und deutet ein Gegenbild der Menschlichkeit an. „Waffenbrüder“ sind hier nicht diejenigen, die mit uns zusammen andere töten — vielmehr sind alle Menschen unsere Brüder, auch diejenigen, die uns aufgrund einer wahnhaften Politik in einem tragischen Moment bewaffnet gegenüberstehen. Der politisch engagierte Mediziner Martin Haditsch arbeitet hier eine humane Botschaft heraus, die in unseren Tagen nicht weniger aktuell ist, als sie es in der aktiven Zeit der Dire Straits war.
Warum „Brothers in arms“? Nun, es ist einmal eine geniale Komposition von Dire Straits. Unnachahmlich gesungen von Mark Knopfler. Ein Opus, eine Hymne, … und ein Antikriegslied.
Seine Art, Gitarre zu spielen, zeugt von unglaublichem Einfühlungsvermögen. Im Wechselspiel mit der Gesangsstimme. Und da steckt so viel Traurigkeit und Hoffnung, Schmerz und Heilung, Ruhe und Sturm drin.
Und es erzählt davon, wie es eben Menschen im Krieg geht: Da müssen sie ihre Heimat verlassen, in diesem Fall in nebelbedeckte Berge flüchten, wogegen ihre Liebe dem Tiefland gehört.
Und es erzählt von einer vielleicht nicht allzu fernen Zukunft, wo man wieder zurückkehren kann, in die Heimattäler, die Bauernhöfe — die Region, die für einen Heimat ist. Dann, wenn man eben nicht mehr dafür brennt, Krieg zu führen, gemeinsam — als Waffenbrüder.
Und dann schildert das Lied das Kriegsgeschehen, die Brutalität des Schlachtfeldes, die Feuertaufe für jeden Soldaten, das Leiden im Kriegsgeschehen, die unermessliche Angst, aber auch den Beistand, den man von seinen Waffenbrüdern im Falle schwerer Verletzungen erfährt: dass sie einen nicht im Stich lassen.
Aber jeder lebt in seiner eigenen Welt, hat seinen eigenen Kosmos — und das dürfte wohl die Ursache dafür sein, dass es zu Krieg kommt: Weil es uns nicht gelingt, gemeinsam mit unserer einzigartigen Welt zurechtzukommen … und an dieser Stelle gipfelt das Lied in einem mächtig gespielten Akkord — wie der Einschlag einer Granate.
Und es kommt, wie es kommen muss: Es ist wie ein Weltuntergang, die Sonne wird zur Hölle, der Mond, die Finsternis bestimmt das Geschehen, die Katastrophe nimmt ihren Lauf, es wird Zeit sich vom irdischen Leben zu verabschieden, gekämpft wird bis zum letzten Mann … und spät, zu spät kommt die Erkenntnis: sowohl für alle sichtbar, da bildlich in Sternenstaub geschrieben, als auch ganz individuell in die Lebenslinien der Hand eingeprägt, dass es einfach nur dumm ist, Krieg gegen seine Brüder zu führen.
Spannend ist in diesem Kontext auch dass „brothers in arms“ einerseits für Waffenbrüder steht, also für vertraute Menschen, die Seite an Seite kämpfen als auch für Menschen, die sich bewaffnet gegenüberstehen, obwohl sie alle Mitglieder der globalen Menschheitsfamilie sind, wie Daniele Ganser es ausdrückt, also Brüder — und das nicht nur im christlichen Glauben.
Mit dieser Schilderung hoffe ich, einerseits den Inhalt des Liedes nicht allzu verfremdet zu haben und gleichzeitig verständlich dargelegt zu haben, warum ich gerade dieses Lied ausgesucht habe: Weil es eindrucksvoll darlegt, dass wir alle Brüder und natürlich Schwestern sind und Krieg keine Option ist. Niemals! Unter keinen Umständen!! Mit keiner vordergründig noch so plausiblen Erklärung!!! Und wenn jetzt jeder Zuhörer so ein wenig eine Bilderfolge im Kopf hat, dann lasst bitte das Lied auf Euch wirken. Und jene, die Lust, Zeit und Gelegenheit haben, sich irgendwann auch noch das Original-Video anzuschauen, die kann ich nur darin bestärken — es hat übrigens 229 Millionen Aufrufe.
In der damaligen Zeit war es eine echte Pionierleistung — „Money for Nothing“ von Dire Straits war übrigens meines Wissens das allererste Musikvideo, das bei MTV offiziell gesendet wurde — und gehört vermutlich zu den besten, der Stil findet sich übrigens zum Teil im Video zum Song: „Take on me“ von A-ha wieder: So ist es völlig in Schwarz-Weiß gehalten, passend zum Thema, und sinnbildlich für die Irrationalität eines Krieges verschmelzen hier Skizzen, Zeichnungen, bewegte Bilder und stilisierte Filmaufnahmen zu einem Gesamtkunstwerk, das eindrucksvoll die Unmenschlichkeit des Kriegsgeschehens illustriert. Übrigens wird bei dem oben genannten dramatischen Akkord eine Fessel gesprengt und verwandelt sich in den Tonabnehmer einer Gitarre: Musik statt Kriegsgetöse, Transformation zum Guten.
Und ich habe noch ein weiteres Argument, Euch allen auch das Video „Brothers in Arms“ ans Herz zu legen: Es ist zwar eine Darstellung des Krieges in unterschiedlichsten, grausamen Facetten, es macht auch zutiefst betroffen, aber nicht ohne am Ende durch die Darstellung eines farbigen Sonnenaufgangs Hoffnung zu geben.
Und durch die im Lied so schmerzhafte Erkenntnis der Sinnlosigkeit des Krieges sollten wir alle die Kraft schöpfen, um uns unermüdlich, konsequent und unüberhörbar für den Frieden einzusetzen. Denn in Analogie zum Spruch zur Gesundheit gilt: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Der Friede sei mit Euch!