# Wenn der Himmel ganz blau ist

Das Ende der Gesetze beginnt mit dem Rennen in den Wald.

von 
   * Thomas Wagner

Ein wunderbares Paradies in Worten zaubert Thomas Wagner in diesen wenigen Zeilen herbei. Jedes andere Wort zum Voraus stört, außer vielleicht dies: Wem beim Lesen die Blaue Blume von Novalis einfällt oder sonst ein Blau aus der Kulturgeschichte oder dem eigenen Leben und wem ob des Titels plötzlich die Melodie „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ ganz leise in der Seele zu schwingen beginnt, der soll das zulassen. Die Dinge verschmelzen beim sachten Lesen der Worte.  

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Immer wenn ich nach oben schaue, wenn es warm ist und der Himmel ganz blau, wenn ich die Flugzeuge sehe, wie sie langsam dahinziehen und weiße Kondensstreifen malen, dann wünsche ich, ich könnte mitfliegen, irgendwohin, wo es anders ist und fremd, wo eine Welt auf mich wartet, die ich noch nicht kenne, wo die Freiheit ist, ohne Verpflichtungen zu sein, wo die Tage noch nicht verplant sind, weil sie sich bereit halten für jede Möglichkeit. Wenn mich dieses blaue Gefühl überkommt, dann würde ich am liebsten alles stehen und liegen lassen und losziehen. Es zieht mich in die Ferne, an unbekannte Strände, ohne Menschen, übersät mit Strandgut, in unbekannte Landschaften, in denen man verloren gehen kann, in Wälder mit tief verwurzelten Bäumen, auf Berge, die den Himmel küssen. 

> Wenn der Himmel ganz blau ist, dann kann ich nicht zur Arbeit gehen, denn die Morgensonne verspricht: Das wird ein herrlicher Tag heute. 

Wenn der Himmel ganz blau ist, dann darf ich meine Zeit nicht vergeuden mit Tätigkeiten und Gedanken, die nichts mit dem richtigen Leben zu tun haben. Niemand darf das, kein Mensch. Wenn der Himmel ganz blau ist, das sollte man zum Gesetz erheben, dann ist der Mensch verpflichtet, nur sich selbst treu zu sein, nur sich selbst zu folgen, seinen Ideen, Wünschen und Bedürfnissen, seinem Fernweh und seinem Heimweh, seiner Sehnsucht, seiner Liebe und seinen Träumen. Wenn der Himmel ganz blau ist, dann sollte der Mensch bloß Mensch sein. Jetzt ist dieser Satz geschrieben – das sollte man zum Gesetz erheben – und drängt zur Korrektur. 

> Wenn der Himmel ganz blau ist, darf es keine Gesetze geben. 

Denn wenn irgendetwas Selbsterschaffenes den Menschen verpflichtet, sich selbst treu zu sein, dann ist er an der großen Herausforderung bereits gescheitert, noch bevor er den ersten Schritt gegangen ist. 

Wenn der Himmel ganz blau ist, dann soll man sich seine Freiheit nehmen. 

> Aus dem Bürofenster heraus den blauen Himmel zu sehen, ist nicht das Gleiche, wie hinaus in die Wälder zu rennen. 


