Wenn die Touristen wieder gehen

Das sich abzeichnende Ende des Massentourismus eröffnet den von Urlaubern überlaufenen Orten die Möglichkeit, wieder zu den Idyllen zu werden, die sie einmal waren.

Sansibar — ein Name, der Sehnsucht nach Exotischem weckt: Kokospalmen, Mangobäume, wunderschöne weiße Sandstrände sowie zahlreiche edle Hotelanlagen, die sich die gesamte Ostküste entlang erstrecken. Ein kleines Korallenarchipel im Indischen Ozean an der Küste Afrikas. Menschen aus der ganzen Welt haben bislang mitunter tief in die Tasche gegriffen, um ihr Fernweh nach einem orientalischen Inselflair zu stillen und ihren Stress unter der tropischen Sonne dahinschmelzen zu lassen. Der Tourismus hat die halbautonome, zum Staat Tansania gehörende Inselrepublik vor einiger Zeit geöffnet und sie mit dem modernen westlichen, dem libertären und technologisierten Lebensstil bekannt gemacht. In der aktuellen turbulenten Umbruchszeit stellt sich jedoch die Frage, wie beziehungsweise ob es mit dem weltweiten Massentourismus weitergeht. Schließlich wurde kürzlich das Ende des Zeitalters fossiler Energieträger eingeleitet, was fortan Flugreisen erheblich reduzieren dürfte. Zudem könnten sich die Menschen bald grundsätzlich mit dem Abbau der Flug- und Reisefreiheit konfrontiert sehen. Die wichtigste Frage jedoch ist, was „wir“ aus dem Westen von einem Besuch wirklich mitnehmen können außer einem Sonnenbad, einer Schnorcheltour und etwas kurzfristiger Erholung von unserem arg überreizten Leben.

Ohne Tourismus wäre wohl auf Unguja — der Hauptinsel Sansibars, fast doppelt so groß wie Rügen — nicht sehr viel los. Keine Hotelresorts mitten am Strand, keine ausländischen Besucher, keine Partys, kein Surfen, keine Arbeitsplätze, keine Einnahmen. Vermutlich würde das Leben auf der gesamten Insel genauso ablaufen wie in der Zeit, bevor die Touristen diese eroberten: ruhig, naturbelassen, autochthon. Fest verankert in ihren afrikanisch-muslimischen Traditionen. Tatsächlich zeigt sich aber, insofern man die touristischen Gebiete einmal verlässt, noch immer ein Bild, das stark an dieses alte traditionelle Leben erinnert.

Das Leben der Sansibaris ist einfach — nicht im Sinne von leicht, sondern von schlicht, von ursprünglich. Begibt man sich einmal in die echten Dörfer hinein, fällt einem schnell das kontrastreiche Erscheinungsbild zu den Orten auf, die die gut betuchten Reisenden zu Gesicht bekommen. Aus dem feinen, weißen Sand werden alsbald Wege aus steiniger roter Erde und aus den säuberlich weiß verputzten Bungalows oder Hotels kleine karge Häuschen aus rotem Lehm. Natürlich nicht jedes Haus, aber so viele, dass dieses Bild in Erinnerung bleibt. Immer wieder sieht man gewaltige Mangobäume, während man durch die Dörfer streift, und auf kleinen freien Flächen zwischen den Häusern zeigen sich zahlreiche Miniplantagen, unter anderem bestehend aus Tomatenstauden und Bananenbäumen.

Dazu thronen über allem die schlanken, hohen Kokospalmen. Jede Staude und jeder Baum befindet sich fest im Besitz eines Dorfbewohners. Es scheint, dass die Subsistenzwirtschaft, von der die Insulaner in der Vergangenheit stets lebten, bis heute das Leben der Menschen bestimmt. Sie betreiben Farming und halten sich Nutztiere wie Hühner, Enten, Ziegen und Rinder. Bei Letzteren muss man zu jeder Zeit darauf gefasst sein, ihnen im Dorf, im Busch oder am Strand plötzlich über den Weg zu laufen. Die Männer fahren täglich in kleinen, selbst angefertigten Holzbooten zum Fischen hinaus, und die Frauen sammeln bei Ebbe im knietiefen Wasser Muscheln, die sie anschließend in gewaltigen Säcken auf ihren Köpfen zurück ins Dorf tragen.

Die Fänge werden zum einen für den Eigenbedarf verwendet, getauscht oder auch verliehen, hauptsächlich aber verkauft. Ganz ohne Geld geht auch auf Sansibar nichts, da auch die Einheimischen ihre regelmäßigen Ausgaben haben: zum Beispiel für Elektrizität, Handyguthaben, Benzin oder Nahrungsmittel, die zugekauft werden müssen. Trotzdem scheint hier Geld untereinander im normalen Lebensalltag eine geringere Rolle zu spielen.

Apropos Rolle: Die Rollen zwischen Mann und Frau sind hier noch ganz klassisch aufgeteilt. Der Mann geht arbeiten, kümmert sich um seine Farm oder ist einfach unterwegs — die Frau ist zu Hause, kümmert sich um den Haushalt sowie um die Kinder. Auch das öffentliche Leben findet häufig getrennt voneinander statt: Die Männer treffen sich vor den Shops, den Imbissständen, auf Palaver- oder Sportplätzen — die Frauen sitzen meist mit den Nachbarinnen zusammen, entweder vor dem eigenen Haus oder dem einer Freundin.

Durch unsere westliche Brille sehen Lebensweise und -einstellung der Sansibaris unglaublich konservativ und bei ganz dicken Gläsern auch rückständig aus. Anders ließe sich aber auch sagen, dass sich die Menschen ihre traditionellen und kulturellen Bräuche bewahrt haben.

Eine über die Jahrhunderte fest verankerte Kultur und Tradition, die sich bei uns in den letzten Jahrzehnten durch den modernen neoliberalen Lebenswandel so weit reduziert haben, dass man befürchten muss, dass sie bald gänzlich verloren gehen.

Sansibar in der Geschichte

Im 8. Jahrhundert kamen erste arabische Händler nach Sansibar — mit ihnen auch der Islam, der bis heute die führende Religion des Archipels ist sowie das kulturelle Leben prägt. Nichtsdestotrotz zeigen die klassischen Traditionen gelegentlich Überraschungen. So habe ich kürzlich beobachtet, wie eine Muslima ihr Baby am Straßenrand stillte. In aller Öffentlichkeit wurde die Brust entblößt und damit der kleine Schreihals beruhigt. Eine solche Aktion wäre in manch anderem muslimisch dominierten Land undenkbar. Genauso undenkbar wäre es anderswo wohl auch, wenn ein Mann mit seinem Fahrrad oder Auto mal eben am Straßenrand anhält, um sich für alle sichtbar im Gebüsch zu erleichtern — was einem hier regelmäßig begegnet.

Im 10. Jahrhundert kamen persische Händler und Anfang des 16. Jahrhunderts die Portugiesen, deren Kolonie Sansibar fast die nächsten zwei Jahrhunderte wurde. Ende des 17. Jahrhunderts schwand jedoch der Einfluss der Portugiesen, und das Sultanat von Oman übernahm fortan das Kommando. Unter den Omanern wurde Sansibar ein Hauptumschlagplatz für den östlichen Sklavenhandel sowie den Handel mit Elfenbein und Gewürznelken. Mitte des 19. Jahrhunderts teilte sich das Omanische Sultanat, woraufhin auf Sansibar ein eigenes Sultanat entstand, welches aber Ende des 19. Jahrhunderts vom „British Empire“ unterworfen wurde.

Am 10. Dezember 1963 wurde schließlich das Sultanat Sansibar von der britischen Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen und Mitglied des Commonwealth. Nur einen Monat später wurde die Regierung des just unabhängig gewordenen Sultanats unter der Führung des sozialistischen selbst ernannten Feldmarschalls John Okello (1) gestürzt und abgesetzt. Tausende der arabischen und indischen Minderheit, die bis dahin die politische und ökonomische Macht innehatten, wurden ermordet, Tausende weitere flohen anschließend von Unguja. Am 12. Januar 1964 gründete Okello dann den Revolutionsrat — aus dem Sultanat Sansibar wurde die Volksrepublik von Sansibar und Pemba. Jedoch war auch diese Unabhängigkeit nicht von langer Dauer, denn am 25. April 1964 vereinigte sich die junge Volksrepublik mit der damals ebenfalls neu gegründeten Republik Tanganjika und wurde zur Vereinigten Republik Tansania. Bis heute gehört sie dieser als halbautonomer Bundesstaat an.

Tourismus und zukünftiges Reisen

In einem Gespräch mit einem Tansanier in einem kleinen Restaurant in Dar es Salaam erfuhr ich, dass es noch nicht allzu lange her sei, dass es Frauen auf Sansibar untersagt war, kurze Hosen oder Röcke zu tragen — ganz gleich ob Sansibari oder Fremdländerin.

Der stetig wachsende Tourismus der letzten Jahre hat jedoch dazu geführt, dass dieses strikte Verbot aufgelockert wurde. So sind heute in den großen Tourigebieten an der Ostküste der westliche Kleidungsstil sowie enge Badeanzüge und knappe Bikinis ein selbstverständliches Bild. Viele Leute kommen vom tansanischen Festland nach Sansibar, um Arbeit zu finden. Die zahlreichen Hotels, neu entstandenen Cafés und Restaurants sowie etliche kleine Shops boten mitunter eine bessere berufliche Perspektive als das Festland. Auch viele Auswanderer aus dem deutschsprachigen Ausland investieren bis heute in den Tourismussektor.

Die Frage, die sich nun jedoch fast drei Jahre nach Ausrufung der Pandemie aufdrängt, ist, ob die Reisefreiheit samt Massentourismus, wie wir es bis 2019 gekannt haben, in Zukunft wiederkehren wird.

In Deutschland zum Beispiel wurde kürzlich der Verein KlimaLink gegründet, mit dem Ziel, einen „einheitlichen Standard zur Ermittlung von urlaubsbedingten Treibhausgasen“ zu etablieren. Dafür sollen „alle Emissionen in einer zentralen Datenquelle für Unternehmen und Reisende“ ausweisbar werden, sodass „künftig auch der Klima-Fußabdruck aller Reisebestandteile über das Buchungssystem automatisch abrufbar sein“ wird, so Swantje Lehners, Vorstandsvorsitzende von KlimaLink im Welt-Interview (2). Ausschreibungen zur Erstellung des IT-Systems sollen bald folgen, sodass die Plattform spätestens 2024 in Betrieb gehen soll. Abhängig vom CO2-Ausstoß soll es fortan Kompensationsaufschläge für „klimaunfreundliche“ Verkehrsmittel geben, wozu das Fliegen defintiv zählen dürfte. Das grundsätzliche gesellschaftliche Ziel sei es, Reisen mit solch emissionsstarken Transportmitteln in Zukunft zu vermeiden sowie zu reduzieren.

Laut der britischen Journalistin Katie Hopkins würden zudem die meisten Menschen innerhalb der nächsten fünf Jahre die Möglichkeit, zu fliegen (3), wie sie es bislang gewöhnt waren, weitgehend verlieren. In zehn Jahren wäre es dann niemandem mehr auf der Welt möglich, Flugreisen zu unternehmen. Indizien dafür seien, dass zum Beispiel British Airways ohne Not 10.000 Winterflüge gestrichen hat. In Frankreich wurden Inlandsflüge mit einer Flugdauer von weniger als zwei Stunden untersagt. Auch Norwegen soll über eine solche Regelung nachdenken; zudem wurde dort kürzlich der Vorschlag eingereicht, individuelle Flugquoten einzuführen. Am ehrlichsten, so die britische Journalistin, sei der Airport Schiphol in Amsterdam. Dort wurde bekannt gegeben, dass man künftig den Flugverkehr begrenzen werde, um Emissionen zu vermeiden — die aktuelle Kürzung betrage rund 20 Prozent. Darüber hinaus seien auch die Flughafengebühren um 37 Prozent angestiegen.

In diesem Sinn scheint es ein klares politisches Ziel zu geben, Flugreisen in Zukunft zu reduzieren sowie kostenintensiver zu gestalten; vordergründig für den Klimaschutz. Allerdings scheint aber auch die Frage berechtigt, ob sich hinter diesen Maßnahmen ebenso die Strategie verbirgt, die Mobilität der Menschen — nachdem diese in den vergangenen Jahrzehnten massiv gefördert wurde — nun wieder zu beschneiden und gleichzeitig die globale digitale Überwachung auszubauen.

Immerhin haben sich auf dem letzten G20-Gipfel in Bali Mitte November die teilnehmenden Länder darauf verständigt, digitale Gesundheitspässe, insbesondere Impfzertifikate, zur Grundlage des internationalen Reisens zu machen (4), was zu einer grundlegenden Einschränkung der Reisefreiheit führen dürfte. Die Einreichung entsprechender Vorschläge zur Umsetzung werden auf der nächsten Weltgesundheitsversammlung (WHA — World Health Assembly) 2023 in Genf erwartet.

Auch wenn viele Staaten in diesem Jahr ihre Einreisebeschränkungen wieder deutlich zurückgenommen haben, muss vermutet werden, dass Reisende fortan nicht mehr um regelmäßige medizinische Maßnahmen wie Impfungen, welche nicht auf bestimmte Krankheiten beschränkt bleiben müssen, herumkommen. Diejenigen, die sowohl auf die dauerhafte Einnahme risikobehafteter Pharmazeutika verzichten möchten als auch auf das vollständige Preisgeben sensibler persönlicher Daten, werden dann unter Umständen ihre Reisefreiheit verlieren.

Die kleinen Strukturen finden hier besser zusammen

Durch die verschiedenen Einflüsse, denen sich Sansibar im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt sah, hat sich eine afrikanisch-muslimisch gemischte Kultur entwickelt, die sich offensichtlich durch die Insellage konserviert hat. Die bodenständige, ursprüngliche Lebensweise, dicht an der Natur und fernab moderner Technologien, schien sich ab einem gewissen Punkt in seiner Geschichte fest verankert zu haben. Und obwohl der Tourismus die Menschen für westliche Einflüsse offener gemacht hat und Teile dieses Lebensstils auch übernommen wurden, wirkt die Abhängigkeit der Sansibaris von diesem monetären und hochtechnologisierten Leben lange nicht — möglicherweise auch noch nicht — so existenziell wie im Westen.

Selbstverständlich spielt auch hier Geld eine wichtige Rolle, insbesondere in Verbindung mit der Nutzung von Infrastruktur, staatlichen Leistungen, Strom, Internet und auch Nahrung. Nichtsdestotrotz bleibt der starke Eindruck zurück, dass sich die Sansibaris wieder schnell aus der Abhängigkeit vom Geld und der Technologie lösen könnten, wenn die große Zahl an Touristen in naher Zukunft möglicherweise fernbleibt und damit die ökonomische Grundlage verloren geht.

Viel Geld heißt häufig nämlich auch viel Vermögen. Und für das viele Vermögen braucht man dann wiederum erneut Geld. Schließlich müssen die daraus entstehenden Kosten beglichen, Besitztümer instand gehalten und der hohe Lebensstandard aufrechterhalten werden. Demzufolge kann sich aus diesem Reichtum eine Spirale aus Angst und Druck entwickeln — die Angst davor, alles wieder zu verlieren, und darauf aufbauend ein enormer innerer Druck, mehr Geld zu erwirtschaften, um die Angst zu beruhigen und ein Gefühl vermeintlicher Sicherheit zu erzeugen. Uns scheint es nur in den seltensten Fällen zu gelingen, aus dieser Spirale auszusteigen — den Sansibaris muss man diesen Austritt deutlich eher zutrauen.

Die generelle Basis für seelisches Wohlbefinden und ein glückliches Leben sind für die hiesigen Menschen die Familie, die Gemeinschaft sowie die Freiheit über das eigene Leben. Die kleinen Strukturen finden hier besser zusammen. Jene Strukturen, die uns mehr Sicherheit geben, als es ein Staat jemals könnte; die mehr für unser Seelenheil sorgen, als es Geld, Erfolg und Karriere jemals möglich wäre; jene Strukturen, die bei uns in den letzten Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten, systematisch zerstört wurden — insbesondere seit 2020. Beziehungen sind in dieser Zeit zerbrochen, Familien haben sich zerstritten, Freundschaften wurden aufgelöst.

Blickt man auf Sansibar, entsteht unweigerlich die Frage, wann man eigentlich freier ist: wenn man so viel Geld besitzt, dass es egal ist — weil man mehr hat, als man je ausgeben könnte —, oder wenn man so wenig besitzt, dass es egal ist — einfach aus dem Grund, weil man es nicht braucht.

Was würde hier geschehen, wenn die Touristen tatsächlich eines Tages wegblieben? Mit Gewissheit lässt sich diese Frage nicht beantworten, jedoch wäre es nicht unwahrscheinlich, dass die Menschen zu dem Leben zurückkehren würden, welches sie zuvor in der Vergangenheit geführt hatten. Dann würden wohl die Menschen vom Festland in ihre Heimat zurückkehren, das Smartphone bliebe so lange in der Schublade liegen, bis Strom und Guthaben wieder bezahlbar wären, infrastrukturelle Probleme würden von den Menschen direkt gelöst werden, und die Nahrungsmittelversorgung könnte sich wieder auf Tauschbasis umorganisieren. Dann wäre das moderne, technologisierte Leben unter Umständen auch nur eine weitere kurze Episode in der Geschichte Sansibars gewesen. Frei nach dem Motto, das man gelegentlich von den Einheimischen hört: Und wenn die Touristen eines Tages weg sind, gehen wir halt wieder fischen!


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Wenn die Touristen eines Tages wieder weg sind … “ bei apolut.net.



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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.britannica.com/place/Tanzania/Independence#ref419208
(2) https://www.welt.de/reise/Fern/article242018205/Tourismus-Der-Klima-Fussabdruck-fuer-Reisen-kommt.html
(3) https://odysee.com/@Patriots:2/Within-5-years-ordinary-people-will-not-have-the-right-to-fly:e
(4) https://norberthaering.de/macht-kontrolle/g20-impfpaesse/