West-östliche Maulkorbpolitik
Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei sieht in seiner Heimat ebenso wie im Westen ähnliche Zensurpraktiken am Werk.
„Heute weisen die in der ‚freien‘ Welt vorherrschenden Zensurmechanismen auffällige Ähnlichkeiten mit denen autoritärer Regime auf.“ So der weltbekannte Aktionskünstler und Exilchinese. Das Gute an Ai Weiwei ist, dass er von keiner Seite zu vereinnahmen, für keines der Lager bequem ist. Anstatt als Vorzeige-Dissident zu dienen, der durch China-Kritik die Überlegenheit des westlichen Demokratie-Entwurfs beweisen könnte, greift er die Praktiken der De-facto-Zensur auch in Deutschland harsch an. Andererseits kommen bei Ai Weiwei auch chronische China-Apologeten, die selbst berechtigte Kritik an Xi Jinpings „chinesischem Traum“ als Propaganda des Westens abkanzeln, nicht auf ihre Kosten. Wenn er schreibt „Es ist wie in China“, dann identifiziert er damit seine Heimat als Goldstandard in Sachen Unterdrückungsmaßnahmen. Ai Weiwei ist aber kein Feind dieses oder jenes Landes, er ist ein leidenschaftlicher Gegner jeder Form der Meinungsunterdrückung, die einem für ein Gemeinwesen tödlichen Würgegriff gleichkommt. In seinem neuen Buch „Über Zensur“ deutet er diese als logische Begleiterscheinung von Machtsystemen, die sich ihrer selbst unsicher sind.
Als der Dissident die Grenze nach Deutschland überqueren wollte, untersuchten die Zollbeamten genauestens die Bücher, die er mitführte. Sie fanden nichts Nennenswertes. Die gefährlichsten Gedanken, so überlegte der derart Gefilzte, waren ja gar nicht auf Papier gedruckt — sie befanden sich in seinem Kopf. Und den konnte niemand durchsuchen. Oder doch? Der Dissident hießt Heinrich Heine und war ein deutscher Dichter und Intellektueller des 19. Jahrhunderts. Ai Weiwei, der chinesische Performance-Künstler und vielleicht weltweit bekannteste Oppositionelle seines Landes, erzählt die Anekdote in seinem neuen Buch „Über Zensur“.
Die Geschichte half Ai Weiwei, „schon früh zu verstehen, dass gedruckte Worte zwar zensiert werden können, die Zensur jedoch niemals den Funken im menschlichen Geist vollständig auslöschen kann“. Im Geist Heines und George Orwells analysiert ein Mann, der aus deutscher Perspektive am anderen Ende der Welt geboren wurde, die Zensurpraxis seiner Heimat. Jedoch nicht nur diese, wie das jetzt im Westend Verlag erschienene Buch zeigt.
Ai Weiwei wurde1957 in Beijing geboren. 2011 wurde er in China kurzzeitig inhaftiert. 2015 flüchtete er dann nach Deutschland und nahm eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin an. 2019 verließ er Deutschland wieder und zog nach London. Heute lebt er in Portugal. Warum eigentlich hielt es ihn nicht in Deutschland? War er nicht am Traumziel aller Mühseligen und Beladenen angekommen, in einem Land, das für Reichtum, Sicherheit und uneingeschränkte Meinungsfreiheit steht? Die Antwort ist für die vermeintliche Vorzeigedemokratie der „Freien Welt“ im höchsten Maße peinlich.
Während China in Bezug auf Zensurmaßnahmen der „Regen“ war, erwies sich Deutschland für den freiheitsliebenden Künstler als die „Traufe“.
Der Lebensweg Ai Weiweis erweist sich als Beleg für ein Phänomen, das sich in den letzten Jahren rasant verschlimmert hat: die Globalisierung des Infamen, die Durchdringung von immer mehr Ländern mit dem Ungeist der Staatsanmaßung und des Bürgerrechtsabbaus.
Kein bequemer „Vorzeigedissident“
Dabei ist Ai Weiwei weder für selbstgerechte Westler, die an die moralische Überlegenheit ihrer Hemisphäre glauben, eine bequeme Lektüre, noch kommt sie den Denkgewohnheiten „alternativer Journalisten“, die über Chinas Führung trotz Zensur, Überwachung und Umerziehungslagern nie ein böses Wort verlieren, allzu sehr entgegen. Ai Weiwei, bekannt geworden unter anderem durch seine Werke „Sonnenblumensamen“ und „Eine Han-Dynastie-Vase fallen lassen“, provoziert, verstört, entzieht sich — und gerade das qualifiziert ihn als einen Künstler und Menschen von Format. Mainstream-Journalisten betonen gewöhnlich die Zensurmaßnahmen in China und „vergessen“ gern jene im Westen. Bei „alternativen“ Journalisten verhält es sich nicht selten umgekehrt. In beiden „Lagern“ ist wenig Interesse daran festzustellen, der ganzen Wahrheit ins Auge zu sehen. Ai Weiweis Buch ist somit ein wertvoller Beitrag zum Verständnis des „Bigger Picture“. Dem Unrecht, der Lüge, der Gewalt über Körper und Geist der Bürger ist entgegenzutreten, wo auch immer wir sie antreffen.
Die Analysen Ai Weiweis enthalten viele, für erfahrene Leser machtkritischer Publikationen schon bekannte Gedankengänge. Und sie sind in einfacher Sprache geschrieben. Dies schmälert jedoch nicht die Bedeutung dieses Sachbuchs, wenn es um die Verdeutlichung der großen Gefahr geht, in der die Bürgerrechte praktisch überall auf der Welt schweben.
Die Warnungen des chinesischen Dissidenten sind unmissverständlich: „Zensur wirkt wie eine absolute Autorität über die Kreativität, lähmt das gesellschaftliche Denken und raubt den Menschen den Mut, Urteile zu fällen oder gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen“, schreibt er in seinem Buch.
Auch eine „Flut verzerrter Informationen“ beklagt er. „Letztlich führt dies viele Menschen dazu, das Streben nach Wahrheit ganz aufzugeben, weil objektive Fakten von Manipulation und Täuschung übertönt — oder gar ausgelöscht — werden.“ Ai Weiwei meint aber damit offenbar nicht dasselbe, was regierungskonforme Medien in Deutschland als „Fake News“ abkanzeln — er zielt auf wahrheitsfeindliche und die Seelen deformierende Tendenz von Machthabern, die sich gegen berechtigte Kritik abzuschirmen und das Abweichende aus der Gemeinschaft der politisch Wohlanständigen zu verbannen.
Systematische Einmischung der Macht
Wer noch nach griffigen Definitionen von „Zensur“ und nach tiefergehenden Betrachtungen des Phänomens sucht, wird bei Ai Weiwei an vielen Stellen fündig.
„Zensur ist, im Kern, die systematische Einmischung der Macht in die Verbreitung von Ideen. Ihre Formen reichen von der Vor-Zensur bis zur Selbstzensur. Sie alle haben das Ziel, das Monopol bestimmter Ideologien, religiöser Überzeugungen, nationaler Selbstverständnisse oder vorherrschender traditioneller Werte zu bewahren. Im Laufe der Geschichte entstand Zensur oft aus der Angst vor sogenannten ‚ketzerischen Lehren‘. Dabei wurden bestimmte Ideen als verbotenes Terrain ausgewiesen und dadurch das individuelle Streben nach Wahrheit eingeschränkt.“
Zunächst richtet sich der Blick das Künstlers auf seine Heimat: „In China funktioniert die Zensur rund um die Uhr und durchdringt jeden Kommunikationskanal.“ Über seine persönlichen Erfahrungen mit Zensur schreibt der Autor:
„Im Jahr 2009 verschwand mein Name aus der Öffentlichkeit. Innerhalb eines Monats hatte man meinen Namen und meine Werke aus zwei Ausstellungen entfernt, und in keiner Kunstausstellung danach wurde mein Name oder irgendetwas im Zusammenhang mit mir erwähnt.“
Es geht also im modernen China nicht so sehr um körperliches „Verschwindenlassen“ von Andersdenkenden, sondern eher um die Löschung eines Unliebsamen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst die Journalistin Danhong Zhang, die nach längerem Deutschland-Aufenthalt nun wieder in China lebt und die Kommunistische Partei Chinas sonst eher freundlich beurteilt, schreibt in ihrem Buch „Nur die richtige Meinung ist frei“ eindeutig:
*„In China wird staatliche Zensur ausgeübt. Das wird von der chinesischen Regierung gar nicht abgestritten. Die Zensurbehörde heißt ‚Propagandaministerium des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas’.“ *
Bemühungen, die KP Chinas mit dem Hinweis auf „westliche Propaganda“ zwanghaft weißwaschen zu wollen, scheitern an einem nicht zu unterschätzenden Gegner: der Realität, wie sie sich in unzähligen Analysen von Menschenrechtsorganisationen wie auch in Zeugenberichten Einzelner zeigt.
Zensuropfer hier wie dort
Ai Weiwei ist einer von ihnen. Seine „Karriere“ als Zensuropfer war jedoch mit der Ausreise aus China überraschender Weise keineswegs vorbei.
„Nachdem ich 2015 gezwungen war, China zu verlassen, stieß ich auf ein fast universelles Phänomen: Bei fast jeder internationalen Museumsausstellung zogen die Unternehmenssponsoren und -stiftungen — die einst eifrig öffentliche Kunst unterstützt hatten — ihre Finanzierung zurück. Der Grund war immer derselbe: Ich wurde in China als politisch umstrittene Persönlichkeit eingestuft, und sie befürchteten, ihre Geschäftsinteressen mit der chinesischen Regierung zu gefährden. Im Nationalmuseum für Geschichte in Mexiko wurde mein großformatiges öffentliches Kunstwerk — die zwölf Tierkreis-Skulpturen mit dem Titel Circle of Animals/Zodiac Heads — aufgrund einer direkten Aufforderung der chinesischen Botschaft in Mexiko aus einer laufenden Ausstellung entfernt.“
Welches ist dann überhaupt noch der Unterschied zwischen Zensur Ost und Zensur West?
„Aus vergleichender Perspektive lässt sich sagen, dass sich die westliche Zensur eher auf moralischen Zwang stützt, während die chinesische Zensur das nationale Bewusstsein betont. Beide schaden der Zivilisation: Sie verwischen den Kontrast zwischen Licht und Schatten, erzeugen ein einheitliches Narrativ und versperren damit den Zugang zur Wahrheit.“
Zensur mit „zivilisiertem Erscheinungsbild“
Der chinesische Künstler geht in diesem Zusammenhang auch auf Gleichschaltung und Bücherverbrennungen im deutschen Nationalsozialismus ein. Ebenso auf die DDR, die „gefährliche Ideen im sogenannten ‚Giftschrank‘ eingesperrt“ habe. Dann geht er — peinlich für die heute herrschenden Kräfte in Deutschland — auf ein drittes Beispiel ein: das deutsche Netzwerkdurchsuchungsgesetz, in Kraft seit 2017.
„Wenn heute das NetzDG Plattformen im Namen des ‚Schutzes der Demokratie‘ dazu verpflichtet, sogenannte ‚Hassrede‘ innerhalb von 24 Stunden zu entfernen, und bestimmte Zeitungen sich aus Angst vor ‚Fehlinterpretation‘ weigern, meine Artikel zu veröffentlichen, komme ich nicht umhin zu fragen: Ist das Gespenst der Zensur jemals wirklich verschwunden, oder hat es lediglich ein zivilisierteres Erscheinungsbild angenommen?“
Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes verbiete zwar die Zensur.
„Doch wenn Selbstzensur zum gesellschaftlichen Konsens wird und wenn ‚politische Korrektheit‘ einer neuen Inquisition zu ähneln beginnt, ist dieser Artikel dann nicht zu kaum mehr als einer leeren Floskel geworden?“
Die deutsche Wirtschaft kneift vor China
Diese Sätze sind die Frucht biografisch erlittener Ausgrenzung. Ja, auch in Deutschland. Zensur und „Cancelling“ bekam es Ai Weiwei auf zweierlei Art zu spüren. Die erste hat mit dem „langen Arm Chinas“ zu tun, der bis nach Europa reicht. So harsch die Kritik von etablierter Politik und Mainstream-Medien an Xi Jinpings modernem China auch oft sein mag — im Business-Umfeld hat sich eher eine Unkultur vorauseilenden Gehorsams und angstgetriebenen Schleimens herausgebildet.
Dass der Künstler in chinesischen Zeitungen nicht mehr veröffentlichen darf, ist eine Sache — auch in Deutschland, von dem man meinen könnte, dass es einen „Vorzeige-Dissidenten“ hofieren würde, verhielten sich Medien jedoch überraschend „zurückhaltend“, was Veröffentlichungen Ai Weiweis betrifft.
„Erst letztes Jahr, als ich einen Artikel über Meinungsfreiheit für eine bekannte deutsche Zeitung schrieb, lehnte diese die Veröffentlichung mit der Begründung ab, er könne ‚Missverständnisse verursachen‘. Das war keine unverblümte Unterdrückung, wie wir sie in China kennen, sondern eine raffiniertere westliche Variante: ein stiller Einschnitt, vollzogen mit sanften Worten wie ‚sensibel‘, ‚unangemessen‘ oder ‚potenziell schädlich’.“
Damit ist ein Vorwurf formuliert, der in ähnlicher Weise bei Ai Weiwei immer wiederkehrt: Zensur in Deutschland ähnelt der Zensur in China — sie agiert jedoch weichgespülter, verklausulierter, in gewisser Weise also unehrlicher als die klar konturierten Unterdrückungsmethoden in China.
Die Furcht vor Kontrollverlust
Auch für den schleichenden Übergang von Zensur zur mehr oder minder freiwilligen Selbstzensur durch Künstler und politische Publizisten findet der Autor treffende Worte:
„Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Zensur heute keine Bücher mehr verbrennen muss; sie muss Dissidenten lediglich davon überzeugen, von selbst zu schweigen.“
Welchen „ideellen“ Gewinn ziehen Zensoren aber aus dem Abwürgen des freien Gedankenaustauschs?
„Persönliche Erfahrung legt nahe, dass die Ursache für Zensur in der Furcht vor Kontrollverlust liegt: Sobald es keine verbotenen Zonen für Gedanken mehr gibt, beginnen die Fundamente der Macht zu wanken.“
Arme Macht! Sie ist im Grunde ein Angsthase, die sich vor jedem unkorrekten Flüstern erschreckt, um sich dann aus diesem Unsicherheitsgefühl heraus wie eine Raubspinne auf die in ihrem Überwachungsnetz gefangenen Opfer zu stürzen.
Dumpfe Schergen, uninteressierte Massen
Ai Weiwei erfuhr am eigenen Leib, wozu Machthaber fähig sind und wie deren Schergen gestrickt sind.
„Im Jahr 2011 wurde ich einundachtzig Tage lang heimlich festgehalten. Meine Verhörer erfanden Anschuldigungen, um meine Verpflichtung zu Wahrheit und Gerechtigkeit zu erschüttern oder um meinen Ruf zu schädigen. Ich fand diese Anschuldigungen absurd – und die, die mich verhörten, taten das auch. (...) Ich sah ihnen in die Augen und fragte: ‚Ihr benutzt diese Art von Anklagen — Wirtschaftsverbrechen, Ausschweifungen —, glaubt ihr wirklich, dass die jüngere Generation da draußen dem Glauben schenken wird?‘ Nach einer kurzen Pause antwortete einer von ihnen selbstbewusst: ‚Weiwei, 99 Prozent von ihnen werden es tun.“
Hier zeigt sich, wie auch in anderen Ländern der Erde, dass wir gut daran tut, die Dummheit und den Opportunismus der Massen niemals zu unterschätzen.
„Wokeness“ — der Kommunismus des zeitgenössischen Westens
Ich sprach aber von zwei Ideologien, in deren Namen Ai Weiwei in Deutschland faktisch zensiert wurde. Neben dem Einfluss der chinesischen Regierung in Europa nennt der Künstler noch den Terror der „Wokeness“, der hausgemacht ist.
„Die heutige ‚Wokeness‘-Bewegung gleicht einem hocheffizienten Fleischwolf; im Namen der ‚Gerechtigkeit‘ zermahlt sie Ideen, die ihr nicht konform sind. Letztendlich betrifft Zensur jedoch nicht nur diejenigen, die ihre Meinung aussprechen; sie untergräbt die Art und Weise, wie das Leben gemeinhin verstanden wird, und reduziert die menschliche Natur auf eine kontrollierbare Einheit von ‚Normen‘.“
Und, als Resümee: „Menschen wurden von freien Entdeckern in gehorsame Maschinen verwandelt.“ In einer Welt, in der der Mensch durch Algorithmen berechenbar gemacht wird, „läuft die Menschheit Gefahr, wie ein Fehler im System behandelt zu werden.“
Ai Weiwei sieht in diesem Sinne auch eine Zukunft heraufdämmern, die von KI-gesteuerter Zensur überschattet sein wird.
Allianz von Kasernenhof und Altar
Der Aktionskünstler sieht die historischen Wurzeln der heutigen totalitären Tendenzen in Ost wie West in zwei gesellschaftlichen Domänen: der Religion und dem Militär. Statt „Thron und Altar“ kann man also von einer unheiligen Allianz von Kasernenhof und Altar sprechen.
„Die weit verbreitete Propaganda, die Gehirnwäsche und die Medienmanipulation können als zeitgenössische Formen des ‚religiösen Kults‘ angesehen werden, während sich die ‚Militärbasen‘ in Akten der Invasion, des Krieg und des Völkermords manifestieren, die alle darauf abzielen, die physische Präsenz oder territoriale Integrität des wahrgenommenen Anderen zu beseitigen.“
Was die zuletzt genannten Aspekte betrifft — Invasion und Krieg —, so sind eher die USA und ihre Verbündeten „führend“, nicht China. Ai Weiwei sieht aber auch in seinem Heimatland eine abgewandelte Form dieses Tandems der Unterdrückung am Werk.
„Mao Zedong stellte bekanntlich fest, dass Kommunisten auf militärische Mittel angewiesen sind, um die Macht zu ergreifen, und auf die ‚Feder‘, um sie zu erhalten, wobei Letztere das Wertesystem, die Ideologie und die Propaganda eines Regimes symbolisiert.“
„Den Hund töten, um den Affen zu erschrecken“
Auch die Methode „Bestrafe einen, erziehe Hunderte“ kommt laut Ai Weiwei zur Anwendung — ob der Satz nun von Mao stammt oder nicht. Dem Autor fällt hier ein anderes Sprichwort aus chinesischer Tradition ein:
„Frei nach dem chinesischen Sprichwort ‚ein Huhn töten, um den Affen zu erschrecken‘ dient die Bestrafung eines Einzelnen als Warnung an die breite Öffentlichkeit. Diese Taktik schürt Angst, und diese Angst kann nicht nur Einzelpersonen beeinflussen, sondern ganze Generationen.“
Weiter berichtet Ai Weiwei von Zersetzungs- und Anschwärzungsmethoden, wie sie in Deutschland etwa von der Antifa bekannt sind:
„In China zielen die Zensurmaßnahmen der Partei nicht immer direkt auf Einzelpersonen ab, sondern üben ihren Einfluss über ihre Organisation, ihren Vermieter, Verwandte oder Kollegen aus. Selbst wenn Sie unabhängig sind, kann das System einen bedrohlichen Einfluss auf Ihr Umfeld ausüben und alle Menschen in Ihrer Umgebung beeinträchtigen.“
Dressiert wir Zirkustiere
Ai Weiwei findet für das System von Zensur und dadurch vielfach erzwungener Selbstzensur deutliche Worte:
„Es ist ein System aus Belohnungen und Strafen, das darauf ausgelegt ist, bestimmte Aspekte des menschlichen Potenzials und Ausdrucks zu unterdrücken und andere zu fördern. Der Prozess ist vergleichbar mit dem Training von Tieren im Zirkus. Löwen oder Affen werden durch repetitive Methoden der Konditionierung dazu gebracht, bestimmte Gesten auszuführen. Nur durch dieses Training können diese Tiere ihre Bewegungen fehlerfrei ausführen.“
Die Folgen dieser rigiden Methoden der Menschendressur waren und sind langfristige Einschüchterung und Traumatisierung.
„Die Härte und das Ausmaß der Sanktionen für diese abweichenden Ansichten führten zu langen Phasen des Schweigens, in denen sich etwa ein Jahrzehnt lang niemand traute, seine Meinung zu äußern. Diejenigen, die es taten, sind nicht mehr unter uns. (...) Dieses politische Phänomen und die damit einhergehenden Kontrollmethoden verwandelten China in eine karge Wüste des Denkens, einen Ort, an dem kein intellektuelles Wachstum Wurzeln schlagen konnte.“
Verordnetes Vergessen
Ai Weiwei nennt als Beispiel für die intellektuelle wie politische Verarmung einer von Zensur eingeschnürten Gesellschaft unter anderem seine Untersuchung zum Tod von Schulkindern während des Erdbebens in Sichuan im Jahr 2008.
„Ich habe mich damit nicht an einem politischen Kampf beteiligt. Ich habe mich lediglich für die Achtung des Lebens eingesetzt und für die Weigerung zu vergessen, indem ich Transparenz über die Informationen gefordert habe.“
Auch zur Unterdrückung der Erinnerung an das Tian’anmen-Massakers äußerte er sich in drastischer Weise. Er ließ sich auf dem Platz mit erhobenem Mittelfinger fotografieren, den er dem „Tor des Himmlischen Friedens“ entgegenstreckte. Nicht minder deutlich geißelte Ai Weiwei jedoch das Verhalten westlicher Regierungen im Israel-Gaza-Konflikt:
„Wie viele Bomben wurden abgeworfen? Wie viele Journalisten wurden verletzt oder getötet? Diese Zahlen übersteigen häufig unsere Vorstellungskraft. Und doch ist die Angabe falscher Zahlen eine gängige Taktik von Staaten. Dies schadet dem unabhängigen und kritischen Denken und untergräbt das Fundament von Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit in der modernen Zivilisation.“
Kein Kuschelkurs mit den Aufnahmeländern
Ai Weiwei unterläuft damit immer wieder Versuche westlicher Etablierten, die eigene Politik durch die Abwertung Chinas in einem rosigen Licht erscheinen zu lassen und sich durch die Nähe zu dem berühmten Dissidenten quasi von Schuldvorwürfen reinzuwaschen. In einigen Publikationen bezeichnete der Künstler die Zensur im Westen sogar als schlimmer — weil tückischer — als im China Mao Zedongs. Methoden wie Absagen von Ausstellungen, die Ausübung von Druck auf Universitäten, Medien und den Kunstmarkt stoßen ihn vor allem durch die Heuchelei ab, die darin besteht, dass diese scheinbar subtilen Unterdrückungsmethoden mit einem ethischen Anspruch daherkommen.
Um ein möglichst vollständiges Porträt einer schon weitgehend formierten Weltgesellschaft zu geben, nimmt Ai Weiwei auch die Überwachungspraxis auf’s Korn:
„Heute wollen die Machthaber nicht nur mehr über Sie wissen, sondern Ihnen auch ständig bewusst machen, dass Sie beobachtet werden.“
2015 entdeckte er versteckte Abhörgeräte, die in den Steckdosen seines Ateliers installiert waren. Er klagt an:
„Die Dinge, die uns lieb und teuer sind, werden in Daten verwandelt und von der Macht ohne unsere Zustimmung unter die Lupe genommen. Der Satz ‚Das geht dich nichts an’ verliert jede Bedeutung.“
Schlimmer als dystopische Science-Fiction
Der Autor von „Über Zensur“ spricht mit Blick auf die Weltlage sogar von einem historischen Tiefpunkt:
„Umfang, Tiefe und Reichweite der modernen Zensur sind in der Menschheitsgeschichte beispiellos und übertreffen noch die dystopischsten Science-Fiction-Visionen. Das Ausmaß der Überwachung schafft ein surreales, beinahe magisches Szenario, das sich jedem Verständnis entzieht.“
Die negativen Folgen von Zensur gehen also weitaus tiefer, als man gewöhnlich annimmt. Nicht nur werden potenzielle Regierungskritiker dazu angehalten, zu schweigen — die menschliche Seele als sich in Freiheit entwickelnde Wahrnehmungs- und Sinnstiftungsinstanz sieht sich in ihrem Bestand gefährdet — und dies beileibe nicht nur im fernen Beijing.
„Was entsteht aus dieser Leere? Es ist eine Gesellschaft, die abgestumpft ist, der es an emotionaler Tiefe, Wahrnehmung und Kreativität mangelt. Ihr fehlen Einsichten, aktives Denken und die Fähigkeit zu hinterfragen. Sie kann keine sinnvollen Fragen aufwerfen oder Lösungen vorschlagen. Die menschliche Zivilisation gerät in einen Zustand ängstlicher Unwissenheit, geprägt von Selbstironie und Selbstbeschwichtigung.“
Und noch drastischer: „Das Leben selbst wird hohl, reduziert auf Körper ohne Geist – bloße lebende Tote.“
Ein trauriges Jubiläum
Zum 70. Jahrestag der Chinesischen Volksrepublik 2019 sagte Ai Weiwei in einem Interview:
„Dieser Jahrestag in China macht mich traurig. Sie sehen einen Staat, bereits vor 70 Jahren entstanden, aber diese Nation wird ihrem Volk niemals vertrauen, ihre Leute werden niemals einen Wahlschein zu Gesicht bekommen, nie ein unabhängiges Justizsystem, keine Redefreiheit, und wo man hinschaut, Verstöße gegen Menschlichkeit und Menschenrechte.“
Vom Mainstream unabhängige Journalisten können dieser Diagnose widersprechen, können sie zumindest in Teilen relativieren. Es ist auch legitim, sich als Publizist auf die Bekämpfung von Zensur und Überwachung im Inland — in unserem Fall in Deutschland — zu konzentrieren, anstatt auf Zustände im fernen Ostasien. Allerdings ist Ai Weiweis Glaubwürdigkeit aus zwei Gründen hoch:
Niemand kann ihn nach dem Motto „Du warst ja nicht in China, du hast keine Ahnung“ abkanzeln. Und niemand kann ihm zum Vorwurf machen, die Kritik an westlichen Zuständen zu „vergessen“, um die Nationen, in die er sich geflüchtet hatte, zu schonen.
So bleibt Ai Weiwei ein Hoffnungsträger — aber nicht weil er die Lage in Ost und West schönreden würde. Allein die Tatsache, dass er sowohl seinen Scharfblick als auch seine Freiheitsliebe unter widrigen Umständen kultivieren konnte, gibt der Hoffnung Raum, dass sein Beispiel ansteckend wirken könnte und dass noch nicht alles verloren ist. „Die Kunst gewinnt immer“, sagte er. „Mir kann vieles zustoßen, aber die Kunst wird bleiben.“