# Wir brauchen eine Friedensbrücke

Auf dem von europäischen Intellektuellen organisierten Ost-West-Forum in Istanbul war man sich einig: Die Vorherrschaft der USA geht zu Ende, nun gilt es den Übergang zur multipolaren Weltordnung friedlich zu gestalten. 

von 
   * Peter  van Stigt
   * Annette van Gessel

Im Mai 2025 rief die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot das „European Peace Project“ ins Leben. Dabei verlas sie öffentlich ein eigens formuliertes Manifest, in dem sie für ein Europa plädierte, das in erster Linie dem Frieden verpflichtet ist. Auch andere forderte sie auf, es ihr gleichzutun und ebenfalls das Manifest zu verlesen. Mit einigen ihrer Mitstreiter gründete sie ein Nachfolgerprojekt, das nun unter dem Namen „Ost-West-Forum“ eine Konferenz in Istanbul organisierte. Anwesend waren neben deutschen Vertretern auch zahlreiche internationale Persönlichkeiten von Rang und Namen. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft der Weltordnung und vor allem darüber, wie man sie friedlich gestalten kann. 

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Am 26. September 2026 fand in Istanbul das erste Ost-West-Forum mit etwa 250 Teilnehmern statt. Der Veranstaltungsort war sehr gut gewählt, liegt doch Istanbul genau an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien. Dieses Treffen ist unter anderem das Ergebnis des European Peace Project (1) von Prof. Ulrike Guérot und Isabelle Casel, die am 9. Mai 2025 zum ersten Mal europaweit dazu aufriefen, um genau 17 Uhr ein Manifest vorzulesen. Der große Erfolg in den europäischen Ländern bis hin zur Türkei und Russland und die große Beteiligung verschiedener Länder sind auf einer interaktiven Karte dargestellt (2). 

In der Folge entstand daraus die European Transcontinental Initiative (ETI) (3), die sich das Motto gab „Die Zukunft bewahren, Orientierung geben, Europa gestalten — jenseits der EU“. Zu deren Mitbegründern zählen neben Guérot und Casell auch Dirk Pohlmann, Hauke Ritz und Tunҫ Akkoҫ. Das zweitägige Ost-West-Forum (4) wurde von *Harici Media*, das heißt von dem Journalisten und Dokumentarfilmer Tunҫ Akkoҫ, Gründer und Chefredakteur der alternativen türkischen Zeitung Harici, und der European Transcontinental Initiative organisiert und ist als einmal jährliche kontinuierliche Veranstaltung geplant.

In der Einladung zum Ost-West-Forum formulierte Isabelle Casel: 

>*„Wir wollen eine neue eurasische Sicherheitsordnung diskutieren, die ausgewogene Friedensordnungen für Europa (Russland /Ukraine) und Nahost (Palästina/Israel/Iran/Libanon/Syrien) enthält! Wir wollen überlegen, wie wir eine solche neue Ordnung — in der Asien beziehungsweise China voraussichtlich eine Führungsrolle einnehmen wird — friedlich institutionalisieren, ohne die UN-Charta zu verlieren und ohne einen großen Krieg!“*

Noch ausführlicher formulierte das East-West-Forum die Ziele des Austausches vorab in einem „Leitbild — Gestaltung des 21. Jahrhunderts“. Hier Ausschnitte: 

*„Die nach dem Ende des Kalten Kriegs entstandene unipolare Weltordnung ist zu Ende gegangen und die Welt strebt nach einer Neugestaltung des globalen Systems. Das Streben nach einer multipolaren Welt und einem ausgewogenen Weltordnungssystem geht mit zahlreichen Paradigmenwechseln einher: Ressourcenknappheit, Klimabelastung, Überbevölkerung, Handelskriege, globale Aufrüstung, die KI-Revolution, die Zunahme regionaler Kriege, der Zusammenbruch des UN-Systems, um nur einige zu nennen. [...] Wir glauben an eine Wirtschaft, die dem Menschen dient und die Natur respektiert. [...] Das East-West-Forum will nach unkonventionellen Antworten suchen, neue Lösungen finden, alternative gesellschaftliche Konzepte entwickeln und anders denken.“*

Der Einladung von Harici Media und der ETI nach Istanbul waren Wissenschaftler, ehemalige Militärs, Diplomaten und Sicherheitsexperten sowie Politiker aus insgesamt 30 Ländern gefolgt, aus Asien, Europa, dem Nahen Osten und Nordamerika. Deutschland war durch Ulrike Guérot, Direktorin der ETI, dem Autor, Philosophen und Publizisten Hauke Ritz und dem Mitglied des Europäischen Parlaments Michael von der Schulenburg vertreten. Ihr gemeinsames Anliegen: Ein Austausch über die sich verändernde Weltordnung. Daher fanden während der diesjährigen Veranstaltung vier Plenardiskussionen statt mit folgenden Themen:

Die Welt im Wandel: Multipolarität und das Ende der liberalen Ordnung
Außer Kontrolle geratene Eskalation — Wie lässt sich ein katastrophaler Weltkrieg verhindern — und wie kann eine neue Ordnung gemeinsam gestaltet und friedlich institutionalisiert werden?
	
Europa jenseits der EU und seine philosophischen Grundlagen — Atlantizismus, Eurasien und strategische Autonomie
	
Ein Blick ins Detail — vom Gesamtbild zu den spezifischen Merkmalen und Lösungsmöglichkeiten der regionalen Stellvertreterkriege

Die Sprecher der ersten Plenardiskussion waren Daniel L. Davis, Glenn Diesen, Prof. Ulrike Guérot, Prof. Dragana Mitrovic, Ali Ashgar Soltanieh und Prof. Zhang Weiwei (5). An der zweiten Diskussionsrunde nahmen Prof. Zhou Bo, Andrew Day, Anatol Lieven, Alexander Shenderyk-Zhidov, Muhammad Shehada und Michael von der Schulenburg teil (6). In Panel 3 diskutierten Prof. Abdullah Baabood, Thomas Fazi, Pascal Lottaz, Ahmed Moustafa und Georges Renard-Kuzmanovic und Hasan Ünal (7). Die Teilnehmer von Panel 4 waren Roger Köppel, Prof. Jagannath Panda, Hauke Ritz, Prof. Richard Sakwa und Serdar Yurtcicek (8).

>Ihre Eröffnungsrede begann Ulrike Guérot mit dem Statement: „Eine multipolare Welt entsteht — und das ist auch gut so.“ 

Guérot sprach sich dafür aus, ein Europa zu schaffen, das zwischen Ost und West vermittelt. Sie erinnerte an Jacques Delors, von 1985 bis 1995 Präsident der Europäischen Kommission, der gemeinsam mit Franҫois Mitterand und Helmut Kohl eine friedliche, demokratische und soziale Europäische Union anstrebte. 

Die diesjährigen Referenten stimmten in ihrer Einschätzung überein, dass die unipolare Vorherrschaft der USA beendet werden und ein globaler Krieg verhindert werden muss. Die Hegemonial-Macht USA nähere sich sowieso ihrem Ende, so Konsens unter den Referenten. Die aufstrebenden Mächte der BRICS-Staaten setzten hingegen auf Multipolarität und die Anerkennung unterschiedlicher Entwicklungswege. Auch die Golfstaaten und Ostasien nehmen zunehmend eine kritische Haltung gegenüber der Abhängigkeit von den USA ein. Unter anderem akzeptieren sie den US-Dollar als alleinige Währung im internationalen Handel nicht mehr. Sie bauten ihren Einfluss nicht auf militärischer Stärke, sondern auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit. 

Guérot sprach aber auch ganz deutlich aus, dass ein wichtiger Beitrag zur Neugestaltung des 21. Jahrhunderts viel Arbeit erfordere und eine Konferenz dazu nicht ausreiche. Daher sei geplant, ein Ost-West-Forum einmal jährlich, jeweils jedes dritte September-Wochenende, in Istanbul zu veranstalten.


