Wir streamen uns zu Tode

Unsere Mediennutzung ist mitverantwortlich für die Klimakatastrophe.

Meine Lieblingsmusik kann ich immer und überall hören. Es ist so schön, die 110 Minuten Verspätung auf der Bahnfahrt von Duisburg nach Mainz dadurch zu verkürzen, dass ich meinen Lieblingsfilm anschaue. Allerdings hilft das auch nicht gegen die mörderische Hitze: Die Klimaanlage im Zug ist wegen der hohen Außentemperaturen mal wieder ausgefallen. Das hilft allerdings nicht nur nicht, sondern das Streaming von Medieninhalten ist eine der Ursachen dieser Wettereskapaden.

Der Rubikon thematisiert mit einer Artikelserie die sich vollziehende Klimakatastrophe. Ich finde das ausgezeichnet! Ich hoffe, dies dient als Vorbild für andere alternative Medien. Bei der Frage, ob das von Menschen verursacht ist, mache ich mir es allerdings einfach.

Wenn ich mir anschaue, was an Abgasen und anderen Schadstoffen ab dem Beginn der Industrialisierung in die Umwelt abgegeben wurde, wäre ich sehr überrascht, wenn das keine negativen Folgen für das Klima hätte.

Selbstverständlich ist schnelles Umsteuern notwendig. Als ein Bereich, in dem umgesteuert werden muss, wird oft die industrielle Nahrungsmittelproduktion genannt; insbesondere die „Quältierhaltung“, die meistens verharmlosend als Massentierhaltung bezeichnet wird. Das ist selbstverständlich richtig und zwingend notwendig.

Und die Informations- und Kommunikationstechnik?

Die Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) wird als Mitverursacher für den Klimawandel allerdings fast nie erwähnt. Vielleicht, weil die notwendige Umstellung der Nutzung doch zu unbequem wäre?

Notwendig wäre beispielsweise die Abkehr von der „Immer-und-überall-Online-Kultur“ – also auch vom Streaming von Medien.

„Qualitativ hat sich in den vergangenen Jahren dabei deutlich die Zusammensetzung des Datenstroms verändert. Im Bereich der privaten Internet-Nutzung ist die audiovisuelle Unterhaltung heute der wichtigste Treiber der Nachfrage nach Bandbreite und erzeugt die größte Menge an Datenverkehr im Internet. 2021 wird sich laut dem amerikanischen Internetriesen Cisco der Datenverkehr zu knapp 82 Prozent aus Videostreaming zusammensetzen. Eine andere Prognose geht davon aus, dass sich die Zahl von aktuell 200 Millionen Nutzer von Anbietern wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime Video weltweit bis ins Jahr 2022 auf 400 Millionen verdoppeln wird“ (1).

Genauso wenig, wie der Strom aus der Steckdose kommt, kommen die Medien aus der Luft. Es sind riesige Rechenzentren, in denen die Inhalte erzeugt und dann verteilt werden. Dabei wird Energie in hohem Maße verbraucht. Die Errichtung und der Betrieb der Telefonnetze, über die die Medien an die Smartphones verteilt werden, und auch die Smartphones selbst verbrauchen viel Energie.

„Der Energieverbrauch durch Nutzung und Herstellung von IKT liegt bei circa 12 Prozent des Gesamtverbrauchs an elektrischer Energie. Die Rechenzentren haben aktuell daran einen Anteil von 21 Prozent, der – wie gezeigt – hauptsächlich durch das Streamen von Video-Inhalten erzeugt wird. Nach einer Prognose der TU Dresden wird der Verbrauch elektrischer Energie durch IKT im Jahr 2030 so hoch sein wie der aktuelle Stromverbrauch der Weltbevölkerung“ (1).

Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Der Zusammenhang von Digitalisierung und Nachhaltigkeit muss dringend bei den Ursachen für die Klimakatastrophe und bei dem, was dagegen zu tun ist, in den Blick genommen werden. Sehr hilfreich kann dabei die Studie „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ von Felix Sühlmann-Faul und Stephan Rammler sein (2).

Hätten Sie gedacht, dass eine Suchanfrage im Internet einen CO2 Ausstoß von ca. 0,2 Gramm erzeugt? Oder dass beim Verfassen besagter Studie – grob geschätzt – knapp 50 kg CO2 erzeugt wurden?

„Auf die Internetrecherchen fallen dabei 500 bis 750g, auf Erzeugung und Nutzung diverser Computer entfallen circa 45 kg CO2. Das entspricht der CO2-Menge, die bei einer Autofahrt per PKW von ungefähr 375 km oder der Produktion von 3,25 kg Rindfleisch anfällt. Nicht berücksichtigt dabei ist die Nutzung von Cloudspeichern – ebenfalls Datenzentren – auf denen dieser Text verschiedentlich gespeichert wurde. Und eine Infrastruktur bestehend aus Kabeln, Leitungen, WLAN und Peripheriegeräten“ (2).

Die IKT ist also wichtiger Mitverursacher der Klimakatastrophe.

Was tun?

Zum einen muss die Nutzungsdauer der IKT-Geräte deutlich verlängert werden. Wer sich alle zwei Jahre oder gar jährlich ein neues Smartphone zulegt, begeht ein Verbrechen an der Umwelt. PC und Laptop müssen deutlich länger als fünf Jahre genutzt werden, damit die Energieeinsparung durch die Nutzung eines neues Gerät den Ressourcenverbrauch bei Herstellung des Altgerätes ausgleicht.

Verzichtet werden muss neben dem Streaming aber beispielsweise auch auf die Nutzung sozialer Medien wie Facebook, Twitter oder Instagram. Zumindest muss die Nutzung deutlich verringert werden, denn auch zu deren Betrieb sind riesige Rechenzentren nötig, die das Klima deutlich belasten.

Die Vielzahl der bei Herstellung, Nutzung und Entsorgung entstehenden Schäden konnte hier nur ansatzweise behandelt werden.

Nicht behandelt wurden unter anderem die massiven Menschrechtsverletzungen bei der Rohstoffbeschaffung für die Herstellung und bei der Entsorgung der Geräte, die bei der Herstellung der integrierten Schaltkreise entstehende Umweltverseuchung oder die sozialen Schäden der intensiven Nutzung von Smartphones.

Mehr dazu in nächster Zeit hier auf Rubikon.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://nachhaltig.digital/index.php?menuecms=2830&id=139
(2) http://www.bit.ly/digi-summary