Wo Fußball hingehört

Der Fall des alten „Sechzgerstadions“ in München zeigt: Gerade im vermeintlich Unnützen kann die Seele eine Heimat finden — so lange, bis „Modernisierung“ alles kaputt macht.

Früher war vieles, wenn nicht sogar alles, besser. Derartige Aussagen haben wir alle sicher schon öfter gehört. Niemand verpackt die nostalgische Klage über die Vergänglichkeit aller schönen Dinge jedoch so charmant in Worte wie das Giesinger Urgestein Michael Sailer. Vor dem inneren Auge des Lesers entsteht das farbige, detailreiche Porträt einer untergegangenen, aber offenbar unfassbar „geilen“ Menschheitsepoche. Aufhänger ist das alte Stadion des misserfolgsverwöhnten Fußballclubs TSV 1860 München, das der Autor schon als Jüngling oft und gern aufsuchte. Ein Traditionsort, der gerade durch seine nicht so glatte und übermäßig gestylte Aufmachung bestach. Ein Ort, wo Menschen geschwitzt, gebolzt, gefoult, gelitten haben und in Freudentränen ausgebrochen sind — ein Relikt aus einer Zeit, bevor die große Kommerzialisierung, der manische Ehrgeiz und der Sicherheitswahn begannen. Einer Zeit, in der man einfach Freude an einer objektiv betrachtet komplett nutzlosen Tätigkeit hatte. In den Tagen eines überdrehten und zu Tode perfektionierten WM-Zirkus tut es gut, sich daran zu erinnern, wie Fußball eigentlich einmal gedacht war.

Neulich bin ich an ein sogenanntes Fußballspiel geraten. Das heißt: Ich hatte nicht damit gerechnet und auch kein Interesse daran; es drängte sich dann aber auf, über eine Leinwand, auf der es gezeigt oder wie man so sagt, ausgestrahlt wurde. Weil ich in gewisser Weise ein moderner Mensch bin, fällt es mir schwer, solche Aufdrängungen einfach zu ignorieren — wie das etwa Bäume tun —, ohne wegzugehen — was Bäume wiederum nicht tun können.

Was ich zu sehen und zu hören bekam, waren ein paar nette Spielzüge, ein iranisches Tor, das — geopolitisch korrekt — nicht zählen durfte, ein unerträglich blödsinniger „Kommentar“, der wohl eine Art Erwartung und Stimmung erzeugen und die Pausen zwischen den wenigen netten Spielzügen überbrücken sollte, damit normale Zuschauer, die immerhin per Fernbedienung einen gewissen Einfluss auf ihre Wahrnehmung haben, diese Möglichkeit nicht wahrnehmen und den Schmarrn abschalten.

Dazu gab es ein Übermaß an bunt schreienden Farben, viele Unterbrechungen und Pausen, die mit Reklame gefüllt wurden, Zwischenschnitte auf theatralisch inszenierte „Originalzuschauer“, die wahrscheinlich Hunderte US-Dollar gezahlt hatten, um dem vermeintlichen Weltereignis beiwohnen und es bezeugen zu dürfen, und die ich nicht „Jubelperser“ nennen möchte, weil das witzig, aber anlassbezogen unfair wäre.

Und wie meistens, wenn ich etwas sehen muss, was mich nicht interessiert, überblendete mein Gehirn das zwanghaft Unmittelbare mit einer Erinnerung. An Zeiten, an Fußball. Und an ein Stadion. Und an einen Text, den ich vor vielen Jahren geschrieben habe und der so begann:

Ich habe von vielen Sachen eine Ahnung, von Architektur aber nachweislich nicht. Was ich darüber weiß, ist immerhin dies: Es gibt in München kein einziges Gebäude, das jünger als sechzig Jahre ist und das man meinetwegen nicht ohne weiteres wegsprengen dürfte — natürlich erst nachdem man die Bewohner in Sicherheit gebracht hat.

Die Baukunst, die sich aus irgendeinem Grund immer noch so nennen darf, folgt seit langem und immer mehr der Maxime, dass Gebäude möglichst kompakt, möglichst unproportional, hässlich, abstoßend und unbewohnbar sein müssen, und zwar entweder peinlich, entwürdigend und lächerlich oder monumental-brutal einschüchternd.

Großzügige, dabei aber bescheidene, würdevolle, normale, gar schöne Gebäude nämlich verleihen auch den Menschen, die sich darin aufhalten oder auch nur daran vorbeigehen, eine natürliche Würde, ein Gefühl von Selbstwert und Heimat, das sich mit dem Spätkapitalismus und seiner Forderung nach Mobilität, Flexibilität und Unterwerfung, nach Angst, Hass, Aggression und Massenwahn nicht verträgt.

Das gilt auch und gerade für öffentliche Stätten, also Plätze und Gebäude, an denen sich Menschen versammeln, ohne dabei einem wirtschaftlich verwertbaren Zweck nachzugehen, sondern um sich zu erfreuen, gemeinsam, und auch gemeinsam zu leiden. An Dingen, die schön, spannend, begeisternd und manchmal oder oft auch grauenhaft und quälend sind, ohne böse Narben zu hinterlassen; an Dingen, die Geschichte machen und vergessen werden; an Dingen, deren Wert, Bedeutung und Schönheit darauf beruhen, dass sie vollkommen nutzlos sind. Also kurz gesagt: an Fußballspielen.

Riesige öffentliche Stätten, die vollkommen nutzloser Freude und Vergnügung einen Ort bieten, baut man heute nicht mehr.

Wenn man heute Fußballstadien baut, dann sind das sogenannte Arenen, die wirtschaftlichen Zwecken dienen und in jeder Kleinigkeit darauf ausgerichtet sind, Geld umzuverteilen — von den Besuchern an die Betreiber und deren Betreiber.

Vor allem aber baut man Fußballstadien heute nicht mehr in Städte hinein, weil der städtische Raum teuer ist und sich als Konsumzone beziehungsweise Luxusquartier für soziale Gewinner wesentlich profitabler nutzen lässt. Die übrigen neunundneunzig Prozent, also das Nutzvieh ist sowieso eher am Rand untergebracht, der bis zu hundert Kilometer umfasst und ausschaut wie das, was er ist: eine „Stadt“ gewordene Müllhalde zwischen Autobahnen.

Das Stadion an der Grünwalder Straße, von dem ich sprechen möchte, ist also eine Antiquität, ein Relikt aus vollkommen anderen Zeiten. Und seine Existenz ist städteplanerischer Irrsinn und logischerweise eine ungeheure Provokation und Zumutung für wichtige Leute und soziale Entscheidungsträger, die darauf schauen müssen, dass der Kapitalismus munter weiterbrennt, weil sonst … na ja, was auch immer. Deshalb werden diese Leute immer und bei jeder Gelegenheit versuchen, ein solches Stadion zu beseitigen, und deshalb muss jeder vernünftige Mensch immer, ständig, pausenlos und bei jeder Gelegenheit dafür kämpfen, dass es erhalten bleibt — als Denkmal, als Erinnerung daran, dass es im Leben und auf der Welt andere Dinge gibt als Ausbeutung, Profit, Arbeit und wirtschaftliches Wachstum — was in Kombination, wie wir wissen und derzeit trotzdem mal wieder hinnehmen, immer in der Massenvernichtung endet, die man fälschlich „Krieg“ nennt.

Erhalten bleiben muss das Stadion aber auch als öffentliche Stätte, die vollkommen nutzloser Belustigung dient.

Das Sechzigerstadion wurde nach seiner Fertigstellung in der „klassischen Form“ vor ziemlich genau hundert Jahren von einer kompetenten Fachzeitschrift zu „Deutschlands schönster Vereinssportanlage“ ernannt, und das gilt bis heute. Es ist der Schauplatz unglaublicher Ereignisse, Sensationen, Katastrophen, historischer Triumphe und sagenhafter Reinfälle — deren letzter gerade passiert: der Lizenzentzug des Heimvereins TSV 1860 München für die drei „Profiligen“, der im Grunde aber ein Glücksfall ist, zumindest für Menschen wie mich, die „Profifußball“ seit ungefähr 1990 oder 2004 oder auch schon 1981 für ein Schimpfwort halten und im Sinne des radikalen Lokalismus oberhalb der Bayernliga sowieso nur einen Kasperlcircus kennen und sehen. Vor allem aber ist und bleibt das Stadion ein nicht wegzudenkender Bestandteil dessen, was man als „Giesing“ bezeichnet und was wesentlich mehr ist als ein Viertel, ein Stadtteil, eine Ansammlung von Straßen und Häusern.

Ich bin hier aufgewachsen, in der Warngauer Straße und ihrer weiteren Umgebung, achtzehn Jahre lang.

In dieser Zeit hat sich Giesing vollständig verändert, ist laut, schnell, hektisch und noch viel hässlicher geworden als es vorher schon war, und die meisten Orte und Dinge, die sich mit meinen Erinnerungen verknüpfen, sind verschwunden, zubetoniert und asphaltiert mit wichtigen, nützlichen, einheitlich genormten, ausbeutbaren und profitablen Dingen.

Das ist ganz normal, so funktioniert der Fortschritt, der Schritt für Schritt alles ruiniert und vernichtet, was ihm in den Weg kommt, also früher oder später: alles.

Zum Beispiel die Heimgärten in der Heimgartenstraße, von der heute wahrscheinlich kein Mensch mehr weiß, warum sie so heißt. Die idyllische Barackensiedlung an der Setzbergstraße, die heute „Freizeitpark“ heißt und auch so ausschaut. Eine übriggebliebene Kriegsruine an der Weißenseestraße mit dem verblassten Schriftzug „Nie wieder“ auf der brandigen Ziegelmauer. Der alte, grüne, wunderbar stille und romantische Giesinger Bahnhofsplatz, wo wir nach der Schule in der Wiese unter Bäumen gelegen sind und heimlich „Primo“ und andere Schundhefte gelesen haben, die wir von den Biertrinkern am Kiosk geschenkt bekamen, zusammen mit Steckerleis und rosaweißem Pfefferminzbruch.

Sowie zuletzt, aber nicht als letztes, die wundervolle alte Pfarrwiese neben der Kirche Königin des Friedens, wo sich in meiner frühen Jugend neben romantischen Dramen und Tragödien ebenfalls Fußballkämpfe abspielten, nach denen sie vor allem bei Regen manchmal aussah wie ein Kartoffelacker nach der Ernte, und auf der sich heute ebenfalls die üblichen klammen Unterbringungskisten aus Beton stapeln. Ich kann mich an viele kleine, derhaute Herbergen, Baracken, Hütten, Häusl und Standl in Giesing erinnern, die irgendwie gemütlich und beschaulich wirkten und vor allem: friedlich.

Das alles und viel mehr ist verschwunden, übrig sind ein paar so Relikte, die wie zufällig in der Gegend herumstehen und fremdeln. Die St.-Martin-Schule zum Beispiel und das leider ziemlich vergewaltigte und entwürdigte und außenrum mit dröhnend absurden modernen Krebsgeschwülsten zugeschissene Bahnhofsgebäude, das mich in seinem heutigen Zustand von außen an einen erbarmungswürdigen Bettler und von innen an einen Umerziehungsraum erinnert, für renitente Altgiesinger, die sich ihre Phantasie und ihren Eigensinn partout nicht austreiben lassen wollen. Aber vor allem eines ist übriggeblieben aus der Zeit, die mir so idyllisch und friedlich erscheint: unser Stadion.

Das wird jetzt manch einen genervten Anwohner wundern, aber ich kenne in Deutschland, auf der ganzen Welt kein Fußballstadion, das derart friedlich wirkt, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt und etwas, was man unbeholfen „heimatliche Kraft“ nennen könnte, wie das Sechzigerstadion, wenn dort nicht gespielt wird, wenn es an einem sonnigen Vormittag einfach nur so daliegt wie eine schlafende Großkatze und sogar den Autokrieg, der direkt nebenan auf dem Mittleren Ring tobt, ausblendet. Keiner der modernen Erholungsparks, die man heutzutage in Städte hineinpflanzt und in denen die Menschen zwischen gestalterischen Scheußlichkeiten herumirren müssen, damit sie noch nervenkranker werden, kann das je ersetzen.

Ich werde nie vergessen, wie schön es ist, wenn man nach einer weiten Radtour in den tiefen Süden auf einem der schönsten Wege, die es in dieser Stadt gibt, drunten am Auer Mühlbach ankommt, über sich das Sechzigerstadion mehr spürt als sieht — und mehr spürt als weiß: Jetzt bin ich daheim. Und ich bin vor vielen Jahren einmal in einer warmen Sommernacht in dem fast leeren Stadion über den Rasen zur Stadionwirtschaft spaziert — nach einer Theateraufführung, auch so etwas gibt es hier! — und habe mich dabei ungefähr wie der glücklichste Mensch auf einer glücklichen Welt gefühlt.

Dass ich niemals ernsthaft oder auch nur anflugsweise daran gedacht habe, aus München wegzuziehen, wie man das in der heutigen dynamischen Zeit tun muss, aus irgendeinem blöden beruflichen oder sonstigen Grund, verdanke ich mit Sicherheit nicht zuletzt diesem Stadion. Man könnte das alles zusammen als Lebensgefühl bezeichnen. Oder als Identität. Da fehlt aber noch ein Teil.

Andererseits nämlich habe ich hier, im Stadion — dessen fernes Rauschen uns in unserer späteren Kindheit eine Art Meerersatz war, wenn wir müßige Nachmittage am Katzenbuckel verdämmerten, selber Fußball spielten oder rätselvollen Beschäftigungen nachgingen, die man Erwachsenen nicht erklären kann, und aus der Brandung mit geübtem Ohr auf den genauen Spielverlauf schlossen — auch geschimpft, geflucht und getobt, wie ich mich das an anderen Orten niemals trauen täte. Das war wegen dem Fußball.

Ich bin ein großer Freund des Fußballspiels. Was die meisten Menschen ahnen, sich aber selten bewusst machen, ist, dass es verschiedene Arten des Fußballspiels gibt: Man kann es selbst ausüben, was darauf hinausläuft, sich auf holprigen, zerschrundenen Wiesen Knie und Gelenke zu ruinieren, Kleidungsstücke in verschwitzte Schlammbrocken zu verwandeln, innige Freundschaften notfalls fristlos zu kündigen, weil keine Zeitlupe nachweisen kann, ob ein Ball über den zusammengekrumpelten Jackenpfosten oder knapp daran vorbeigerollt ist, — kurz gesagt: Man kann sich in ein vorzivilisatorisches Kleinkind verwandeln und einen pfundigen Riesenspaß daran haben, sich und anderen mittelschwere Verletzungen zuzufügen.

Das andere Extrem ist der erwähnte Kasperlcircusfußball: Der findet überwiegend im milliardenteuren Fernsehen statt und wird in futuristischen, hochtechnisierten Massenarenen ausgetragen. Die Hauptrollen sind mit einem kaiserlich bezahlten Ensemble von Megastars besetzt, das je nach Saison und Produktion neu zusammengestellt wird, wobei ziemlich egal ist, wer gerade wo mitspielt; ähnlich wie im Hollywoodkino, im Musical oder eben im Circus erlebt der elektrisierte Zuschauer mit einstudiert staunend geöffnetem Mund und begeistert gesträubten Haaren (Achtung! Kamera!) Zaubertricks und künstlerische Großtaten, die er mit Beifall und einem fürstlichen Eintrittstribut belohnt.

Dagegen ist wenig zu sagen, wenn man nicht ins kulturkritische Detail gehen möchte. Ich persönlich habe nichts dagegen, und im Gegensatz zu Oper, Musical, Kriegshetz-Talkshow und Blockbuster kann ich mich ab und zu mal einen vergnüglichen Abend lang damit beschäftigen, selbst wenn der FC Bayern spielt, weil’s ja nicht so weltbewegend wichtig ist, wer da spielt; Hauptsache, es ist im Rahmen des Genres einigermaßen niveauvoll und unterhaltsam.

Es gibt jedoch noch was im weiten Feld zwischen Fußballoperncircus und knochenbrecherischer Breitenbrutalität, was beidem nur auf den ersten Blick ähnelt: eine ganz andere Art von Fußball, die man in kleinen, in Stadtvierteln verwurzelten Spielstätten austrägt und die mit diesen Vierteln und den dort verwurzelten Vereinen mehr zu tun hat als mit Fernsehen und großer „One World“.

Eine Art Fußball, die nicht produziert, inszeniert und vorgeführt, sondern gemeinsam mit den beteiligten und verwickelten Menschen am Spielfeldrand und auf den Tribünen ausgeübt wird. Die auch nicht in erster Linie der Unterhaltung und Belustigung dient, sondern der Selbstvergewisserung und anderen archaischen Zwecken.

Auch hier wird manchmal gezaubert, aber der Zauber ist nicht im Eintrittspreis enthalten, sondern entsteht aus kollektiv erzeugten Stimmungen und Glücksmomenten. Ansonsten wird gekämpft, getreten, gerannt, geholzt, gehackt und notfalls auch gebissen, wird gelitten und gejubelt und geheult, weil man selbst betroffen und beteiligt ist, und wenn die Sache ganz besonders schlecht läuft, kann es auch mal nötig sein, im näheren Umkreis alles zu Klump zu hauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ebenso wie die Freude über unvergessliche Höhepunkte sich festsetzt in den Mauern und Straßen und Herzen und als historischer Gründungsmythos Generationen begleitet und überdauert.

Diese Art von Fußball ist — natürlich — ein aussterbender Ritus, weil sie in der kalten Effektivität und Beliebigkeit der modernen Gesellschaftsmaschine überkommen und romantisch wirkt. Die Anhänger und Beteiligten sind ein merkwürdiges, verschrobenes und verschworenes Völkchen, dem ein Jahrzehnte zurückliegendes 6:1 gegen einen gar nicht mehr wirklich existierenden Bayernligarivalen wichtiger ist als irgendwelche Europaligen und das noch in hundert Jahren von Spielern schwärmen wird, deren Beitrag zur Weltgeschichte sich auf einige hinterfotzige Fouls, einen genialen Anschlusstreffer in einem von vornherein verlorenen und dann doch gewonnenen Spiel oder eine dialektale Schimpftirade in eine Fernsehkamera beschränkt.

Geradezu lächerlich ist die Vorstellung, man könnte diese Art von Fußball in die ortlosen Arenen des Circusfußballs verlagern. Das wäre, als ginge jemand her, sperrte meine Stammkneipe zu und erklärte mir, diese sei jetzt in eine Blechhalle hinter Allach verlegt worden, weil dort bessere Sicherheitsbedingungen herrschten.

Es gibt Vereine, die sich nicht und niemals vollständig in den Circusfußballcircus einbauen lassen, weil sie eine andere Funktion und einen anderen Charakter haben, die im Milliardengeschäft der oberen fünf oder zehn oder meinetwegen heute auch fünfundfünfzig nichts verloren haben. Solche Vereine sind Schicksalsgemeinschaften, die in eine Welt, in der es kein Schicksal mehr geben darf, sondern nur noch eigenverantwortliche — das heißt: von Geburt an indoktrinierte — Lebensentwürfe, und in der Gemeinschaften wie solche im Schatten der großen „Wir“-Volksgemeinschaft als verdächtige Zusammenrottungen gelten, die dem Ideal des entwurzelten, genormten und militarisierten Masseneinzelwesens im Weg stehen, nicht hineinpassen und deshalb daraus entfernt werden sollen wie Wespennester oder peinliche Tätowierungen.

Deshalb, so erklärte man uns vor fünfzehn Jahren mal wieder, darf ein Verein wie der TSV 1860 kein eigenes Stadion haben, schon gar nicht im eigenen Viertel, sondern höchstens eine Notunterkunft irgendwo im Niemandsland zwischen den Autobahnen, wo er langsam verkümmert und irgendwann nur noch die Wahl hat, entweder im Gulli der Historie zu verschwinden oder sich anzupassen und hineinzustreben in den Fußballcircusbetrieb. Was aber nicht geht, weil Giesing nicht Hoffenheim, Heidenheim, Freiburg oder Mainz ist und weil in unmittelbarer Nähe der FC Bayern residiert, der den modernen Circusfußball so perfekt verkörpert wie kein anderer deutscher Konzern.

Man muss die Liebe zu dieser seltsamen anderen Form von Fußballspiel nicht nachvollziehen können, man muss nicht mal Verständnis dafür haben. Es ist eine schmutzige, laute, ziemlich unvernünftige, komplett nutzlose Sache, die nur eine kleine Minderheit interessiert und der Mehrheit manchmal zu Recht auf die Nerven geht. Aber vielleicht ist es von einer Stadt, die sich für ihre Minderheiten diverse Opern- und andere Häuser leistet, die für „Blade-Nights“, Süßgetränksverkaufsmeilen, regenbogenweltanschauliche Massenaufmärsche und eine alljährliche Kriegsprofiteurskonferenz für Stunden oder Tage ganze Stadtteile abriegelt, nicht zu viel verlangt, sich auch diese Minderheit zu leisten?

Unser Stadion, dieses schönste Stadion Deutschlands, soll demnächst mal wieder umgebaut und dabei, wenn schon nicht in seinem Geist, dann doch in seinem Wesen wieder ein Stück weiter ruiniert werden. Weil die Menschen, denen der Fußball heute gehört, die ihn sich angeeignet haben, ohne uns zu fragen, schon beim letzten solchen Umbau eine Stadionwirtschaft nicht dulden konnten, weil sie einen VIP-Raum vorschreiben, weil sie verlangen, dass das Stadion auf einen Terroranschlag mit einer Panzerfaust mit dreitausend Verletzten ausgerichtet ist.

Dagegen werden wir nicht viel machen können. Nur eins: froh sein, dass es wenigstens in irgendeiner Form noch da ist, als Bollwerk gegen den wirtschaftsfaschistischen Ameisenhaufen, der außenrum unaufhaltsam wuchert und den nächsten Feldzug gen Osten gar nicht mehr erwarten kann. Und weil damit die Hoffnung bleibt, dass man den modernen Schmarrn eines Tages auch wieder rückgängig machen kann.

Und: Wir können davon erzählen. Uns erinnern. Immer wieder davon erzählen, wie schön das alles war. Damit man sich daran auch noch erinnert, wenn der Krieg vorbei und der Circusfußball längst vergangen und vergessen ist, ebenso wie das vierte deutsch-EUropäische Reich und alles, was damit zusammenhängt. Und wenn Giesing vollständig umgewandelt und ganz verschwunden ist.

Nein: weil es dann nicht ganz verschwinden kann.


Was Fußball ist (und wo er hingehört) - Belästigungen #48 - von Michael Sailer

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