Worte putzen

Zeiten der Militarisierung machen es notwendig, die öffentlich verwendete Sprache genauerer Betrachtung zu unterziehen. Nur so kann verhindert werden, dass sich ihre Eskalation in der Realität niederschlägt.

Kriegspropaganda hat schon immer verschiedenste Formen angenommen. Sie gleicht einem Chamäleon, das einen hervorragenden Riecher dafür besitzt, welche sprachliche Farbe notwendig ist, um die Bevölkerung von dem zu überzeugen, was sie eigentlich nie will: Krieg. Heute ist diese Sprache nicht mehr brachial oder hart, sie kommt sanft und sensibel durch die Hintertür, auch wenn diese Sensibilität natürlich eine Lüge ist, denn an Krieg ist rein gar nichts sanft. Ein Exklusivauszug aus „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit. Krieg heißt töten“.

„Worte zu putzen, das überlasse ich dir“, meinte der Halbphilosoph. „Mir liegt allein an der Wahrheit.“
„Ärmster !“, rief der Philosoph.
„Warum Ärmster ?“
„Weil du nun auf beides verzichten musst.“
„Auf beides ?“
„Jawohl. Auch auf die Wahrheit.“
„Auf welche ?“
„Auf die Wahrheit über die Wahrheit.“
„Und die lautet ?“
„Dass sie nur durch geputzte Fenster hindurch scheint“ (Günther Anders).

„Worte putzen“ — niemals ist das wichtiger als zu Kriegs- und Vorkriegszeiten ! Mittlerweile ist es überfällig. Schon aus hygienischen Gründen. Die Formulierungen radikalisieren sich in atemberaubendem Tempo, der Ton wird tagtäglich schriller. Waren wir gestern noch laut dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius „nicht mehr im kompletten Frieden“, so kam Kanzler Merz bereits fünf  Tage später schon ohne das beschwichtigende Wörtchen „komplett“ aus. Ursula von der Leyen spricht noch, für ihre Verhältnisse moderat, von einem Kampf („fight“), während in den Talkshows — „Fünf Stühle, eine Meinung“ — pausenlos vom „grauen“ oder „hybriden“ Krieg gefaselt wird, den Russland — pardon : Putin ! — angeblich gegen uns führt. Dabei hecheln sie alle nur der Avantgardistin mit dem Klassensprecherinnen-Habitus hinterher : Annalena Baerbock, die bereits am 24. Januar 2023 in klarem Deutsch verkündete : „We are fighting a war against Russia !“ Das finale Ziel jeglicher Propaganda, die Entmenschlichung des Gegners, ist jedenfalls — siehe Stichwort „Putin (II)“ —längst erreicht.

Für die Umkrempelung unserer gesamten Gesellschaft in Richtung „Kriegstüchtigkeit“ ist die aktuell sich noch geheim im Hintergrund vollziehende zivil-militärische Verzahnung nach dem „Operationsplan Deutschland“ eben erst der Anfang. Parallel dazu wird offen und ungeniert ein „Mentalitätswechsel“ oder „neuer Mindset“, eine „Gedankenwende“ beziehungsweise „kulturelle Umprogrammierung“ eingefordert. Ein Mittel, dies möglichst elegant durchzusetzen, ist die Sprache. Dass Sprache das Bewusstsein und damit indirekt auch unser Handeln prägt, ist eine Binsenweisheit. Wie dies geschieht, wie wir alle — jeden Tag mehr — an das Undenkbare gewöhnt und möglichst geräuschlos umprogrammiert werden sollen, das zeigt „worteputzend“ das vorliegende „Wörterbuch der Kriegstüchtigkeit“.

Und dies ist bitter nötig. Denn der neue Militarismus kommt nicht zuletzt smart, gendergerecht und TikTok-kompatibel daher. Pickelhaube und schnarrender preußischer Befehlston sind out. „Woke & wehrhaft“ hat die postmoderne Truppe zu sein — sämtliche Minderheiten der bunt-diversen Gesellschaft all inclusive.

Der Weg in den möglicherweise finalen Krieg vollzieht sich nicht in Knobelbecher-Militärstiefeln, sondern als „latschen in Sneakers“, am Ende womöglich nicht mehr der Deutschland-, sondern der Regenbogenflagge hinterher.

Und das hat Auswirkungen auf die Sprache. Sind der Hardcore-Sound — „Wille zum Kampf“, „Immer ein Feind“, „Zweiter Hitler“ et cetera — oder das Verwaltungsdeutsch im Tarnfleck — „Aufwuchsfähigkeit“, „Grundbeorderung“, „Nachsteuerungsbedarf“ oder „personelle Tiefe“ — noch ohne Weiteres durchschaubar, so ist das bei der sanften Begleit- und Hintergrundmusik deutlich vertrackter. Wer denkt schon bei Wörtern und Formulierungen wie „absolut mega !“, „Baby“, „coolste Ausschnitte“, „echt“, „erlebbar“, „ganzheitlich“, „lodernder Glutkern“, „meinem Herzen folgen“, „my favorite toy“ oder „Sinnsuche“, ja, beim puren „Wir“ als Erstes an Kriegstüchtigkeit“?

Hat sich das Ohr dagegen erst einmal geschärft, so wabert es einem aus allen Ecken und Enden entgegen. Die aktuelle Verwahrlosung unserer Sprache vollzieht sich nicht zuletzt auf die gemütliche, um nicht zu sagen kokette Tour ! Schon bei der groben Durchsicht fällt auf, dass unter den Stichwörtern auffällig viele dominieren, die Assoziationen an ökologisches, gar „wokes“ Gedankengut wecken. Entsprechend ist nun von „nachhaltiger Wehrhaftigkeit“, „greening the armies“, „technologischen Ökosystemen“ oder „mehr Sichtbarkeit“, „in der Gesellschaft ankommen“, „queerfeldein marschieren“ und „Resilienz“ die Rede. Selbst der Habermas’sche Jargon hat in Gestalt einer geforderten „Diskurstüchtigkeit“ mittlerweile Eingang ins aktuelle Verdummungsdeutsch gefunden !

Gewidmet ist dieses Büchlein den jungen Menschen : den Teenagern beiderlei Geschlechts, die 2008 und später geboren sind und die alles Recht der Welt haben, ihr Leben, ihre Jugend — soweit das unter den aktuellen Bedingungen überhaupt möglich ist — zu genießen. Den Jungen, denen wir Älteren nicht nur ein Land im taumelnden Niedergang, sondern auch einen Billionen-schweren Schuldenberg und einen Planeten im Kipp-Prozess hinterlassen. Den jungen Menschen, die sich zudem — zumindest, was die Männer betrifft — ab Mitte 2027 alle mustern lassen müssen. Und die im „Anwendungs-“ oder „Bündnisfall“ gar ihre Knochen natürlich nicht mehr fürs Vaterland, sondern diesmal für das „Gemeinwesen“ hinhalten müssten, sprich : die, wie jetzt die oft gar nicht mehr so jungen ukrainischen und russischen Soldaten, verheizt würden. Höhere Militärs sprechen bereits ungeniert von Tausenden Verlusten, gemeint sind Tote und Schwerstverletzte, pro Tag. Und ein Althistoriker hat die Chuzpe, Eltern in aller ARD-Öffentlichkeit aufzufordern, ihre Kinder zu „opfern“.

Ich wünsche mir sehr, dass diese jungen Menschen, die an Leib und Seele noch Unversehrten, es sich in allem gebotenen Ernst klarmachen : Sie sind es, die es als Erste treffen wird !

Zu alledem gibt es nur eine Alternative : Angesichts der irrwitzigen Kriegsgefahr, der an Wahnsinn grenzenden Aufrüstung und einer völlig enthemmten Riege von Politikern und Journalisten, die uns alle, jeden Tag rasanter, fröhlich in Richtung Abgrund treiben, müssen wir es gegen jede Wahrscheinlichkeit doch noch schaffen, dass Alte und Junge, Friedensbewegte und Klimaschützer, Menschen aller Religionen zusammen mit Agnostikern und Atheisten, mit Ärzten, Juristen, aufsässigen Militärs, Lehrern, Gewerkschaftern, Arbeitern, Facharbeitern und Künstlern, die „woke Szene“ nicht zu vergessen, das Friedensgebot des Grundgesetzes endlich beim Wort nehmen und nicht nur mit Wolfgang Borchert „NEIN !“ sagen, sondern, alle an ihrem Platz, knirschender Sand im Getriebe der Kriegsvorbereitung werden. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption !

Nehmen wir uns dafür das heraus, was auch den „Sound“ dieses Büchleins bestimmt : Friedensfrechheit !


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