Zeilen des Glücks in Zeiten wie diesen

Die Poetik-Ecke XXXXVIII setzt dem Deal und seiner Brutalität das Glück entgegen.

Die Gedichtzeilen von Maria Frank zum Jahresbeginn scheinen sich angesichts des totalen Durchbruchs kapital-narzisstischer Primitivmechanismen im Gehirn des Dealers und seiner Crew in einem Paralleluniversum abzuspielen. Dass sich die Verhältnisse verkehren mögen, das ist der Traum, der in diesen Zeilen des Glücks schwebt.

Glück I

Sich glücklich fühlen
Sich glücklich schätzen
Glücklich leben
Glücklich lieben
Glücklich geben
Den anderen glücklich machen
Sich glücklich tanzen
Sich glücklich singen
Glücklich loslassen
Mit wenigem viel mehr
Sich glücklich fühlen

Glück II

Von Güte erfüllt/
Mütterliche Glücksgefühle/
Flüchtige Küsse/
Fünfmal Fünfen würfeln/
Mühelos unter Brücken bücken/
Kajüte und Kombüse/
Winterliche Hütte/
Nachtsüber mit dem Pferd pflügen/
Hühner füttern/
Tüchtig wütend sein/
Hübsche Hüte türmen/
Fürstliche Fürze

Glück III

Versöhnliche Könige krönen/
Gewöhnliche Vögel,
Flöhe, Kröten und Frösche mögen/
Brötchen aus dem Öfchen/
Über Stövchen klönen/
Versöhnen statt verhöhnen/
In Trögen stöbern/
Flöte und Tröte/
Löwen trösten/
Röteln ohne Nöte/
In größeren Klöstern trödeln/
Mögliche Lösungen/
Söhne und Töchter verwöhnen/
Tönen frönen/
Döschen ölen/
Erröten erlösen/
Mit Röschen verschönern

Glück IV

Träge räkeln/
Gähnen mit Tränen/
Schäfchen zählen/
Und nächtliche Käferchen/
Sich mit dem Auserwählten neu vermählen/
Vom Kätzchen erzählen/
Häschen häkeln/
Hähnchen tätscheln/
Pläne erklären/
Gespräche mit Gänsen/
Plätzchenbäckerei/
Längliche Dächer überqueren/
Lämmchen nähren/
Mächtige Lärchen/
Bäche auf den Schären/
In Fässern gären/
Strähnchen färben

Glück V

Wandern des Nachts in Schnee und Eis/
Durch den Wald, ganz still und leis/
Rehe schau‘n mich ruhig an/
Mir wird‘s ums Herz ganz warm/
Mit Bratapfel, Waffeln, Maroni, Lebkuchen/
Freunde in der Nähe besuchen/
In der Thermoskanne heißer Punsch/
„Sonst noch ein Wunsch?“
Sieh das Sternenfunkeln/
Und die Milchstraße im Dunkeln/
Kometen für Propheten/
Sternenschnuppen, welch ein Glück/
Nordlichter für mich, ich bin entzückt/
Draußen baden in Vollmondnacht, verrückt/

Glück VI

Nehmen wir endlich Abschied

von Imperialismus/Kolonialismus/Kapitalismus
von Patriarchat/Entmenschlichung/Externalisierung
von Petrokultur, Wohlstandspseudodemokratie und Raubrittertum
von ölgetränkten, kohleverschmutzten und müllausgelagerten Privilegien/

Nehmen wir endlich Abschied

von der Gnade westlicher Geburt
von weißen Männern und Frauen und ihrer Gier
von Ausbeutung von Mensch und Natur
vom Zugriff auf alles, was greifbar ist
Abschied vom Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sand-Wahn/

Nehmen wir Abschied

von Lithium und dem erneuerbaren Irrsinn
von KI als Energie- und Würdefresser
von Erfindungen ohne Moral
von Apokalypse und einem System auf Todesfahrt/

Und entsorgen wir endlich

den großen Fatalismus
und lassen das Mitgefühl tiefenökologisch wirken/

Schwören wir dem Glauben ab

es gehe immer so weiter
und Ressourcen seien endlos
und die Technik wird’s schon richten
und unseren Kindern werde schon was einfallen
für die Verheerungen, die wir hinterlassen/

Ersetzen wir

Besitz durch Gemeinschaft
Wachstum durch Freude
Taktik durch Klugheit
Leere durch
Bruttosozialglück!