Zeit für Helden

Wir sollten die politischen Krisen der letzten Jahre nicht als lästige Störungen einschätzen, sondern als Einladungen, über uns hinauszuwachsen. Exklusivabdruck aus „Der Königsweg“.

Wo geht es lang? Welchen Weg wählen wir, um eine Welt hinter uns zu lassen, die von Zerstörung zu Zerstörung taumelt? Wie kann es gelingen, aus dem Gedankengefängnis auszusteigen, in das wir uns vor langer Zeit haben sperren lassen? Der Weg, der hier vorgeschlagen wird, ist kein leichter. Er ist kein bequemer Boulevard, auf der die Prinzessin zum Ball schreitet, keine gemütliche Sonntagspromenade, sondern ein schmaler Grat, so scharf zuweilen wie Messers Schneide. Wer auf diesem Weg das Gleichgewicht halten will, muss in seine Mitte finden. Hierfür sind echte Helden gefragt, Menschen, die sich ihre Souveränität nicht absprechen lassen und bereit sind, das Zepter ihres eigenen inneren Reiches in die Hand zu nehmen. Exklusivabdruck aus dem Anfang Februar erschienenen Buch „Der Königsweg“ von Kerstin Chavent (1).

Besondere Zeiten — so ein Slogan der Bundesregierung aus dem Jahr 2020, der die Menschen dazu bewegen sollte, zu Hause zu bleiben — brauchen besondere Helden. Als Held galt der, der nichts tat und sich die Zeit mit Chicken Wings und Netflix- Serien vertrieb. Mehr als 2.000 Jahre früher, genauer gesagt 50 vor Christus, war ganz Gallien von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hörte nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten ...

Wie sich die Zeiten geändert haben, seit Goscinny und Uderzo ihre weltbekannten Helden erfunden haben! Kein cleverer Asterix gilt heute mehr als Vorbild, kein bärenstarker Obelix. Auch die magischen Zaubertränke des weisen Miraculix sind in Vergessenheit geraten. Heute gibt es Impfstoffe. Gemein ist beiden, dass keiner weiß, was wirklich drin ist.

Besondere Zeiten brauchen besondere Helden. Heute steht kein Herkules in den ersten Reihen, kein Bruce Willis, niemand, der im Alleingang die Welt rettet. Kein Luke Skywalker tritt gegen die Kräfte des Bösen an, kein Superman, kein James Bond befreit uns von einem machthungrigen Verbrecher, der nach dem gesamten Universum greift. Doch Helden, die gibt es noch! Überall gibt es Menschen, denen man das Heldensein nicht unbedingt ansieht. Nicht durch ihre Körpergröße beeindrucken sie, durch Muskelkraft oder ein großes Mundwerk. Sie schwingen sich nicht gigantischen Flugtieren gleich durch die Lüfte oder halten sich im schärfsten Galopp noch im Sattel. Sie tragen keine Waffen, und sie gehen zu Fuß. Ihre Macht ist ihre Präsenz, der gegenseitige Respekt und die stille Meditation.

Viele Menschen haben sich durch die Ereignisse der vergangenen Jahre aufrütteln lassen. Viele sind aufgestanden. Sie sind dorthin gegangen, wo ihnen kalter Wind entgegenschlug.

Sie haben es riskiert, aus den eigenen Familien ausgeschlossen zu werden, verleugnet von ihren Freunden, gemieden in ihrer Nachbarschaft. Sie haben ihre Arbeit verloren, ihre Existenzgrundlage, ihre Sicherheit. Sie wurden beleidigt, beschimpft, diskreditiert, diffamiert, bedroht. Ihr Vergehen bestand darin, die Verantwortung für ihre Gesundheit nicht dem Staat übergeben zu wollen.

Sie haben die Chance genutzt. Sie haben sich nicht kleinmachen lassen von dem, was gegen sie gerichtet wurde, sondern haben es angenommen, um sich aus einer für sie untragbaren Situation zu befreien. Die Isolation haben sie genutzt, um an die grundsätzlichen Fragen des Lebens heranzutreten; die Angriffe und Einschränkungen haben sie in neue Möglichkeiten verwandelt.

Aus Zwängen haben sie Freiheiten geschaffen, aus einsamen Gefängnissen gemeinsame Gärten gemacht. Ihren tiefsten Ängsten sind sie nicht ausgewichen, sondern haben sich ihnen gestellt. Sie haben sich nicht entmutigen lassen von ihrem Ausgestoßensein, von der Feindseligkeit und Gleichgültigkeit, die ihnen entgegengebracht wurden. Die Beleidigungen haben sie ertragen, die Verdrehungen und Lügen, die über sie erzählt wurden. Sie haben gezweifelt und sich gefragt, ob die Welt verrückt geworden ist oder sie. Sie haben hingeschaut, wo sie am liebsten die Flucht ergriffen hätten. In ihre eigenen Schatten sind sie getreten und haben Licht in das innere Dunkel gebracht.

Sie sind zu Künstlern geworden, Lebenskünstlern. Nicht mit stolzgeschwellter Brust steigen sie das Siegertreppchen empor. Keine Medaille ziert sie, keine Hymne wird für sie abgespielt. Kein Ruhm ist ihr Lohn, sondern das tiefe innere Wohlsein, bei sich selbst geblieben zu sein, als es darauf ankam. Sie sind intakt geblieben, sich selbst treu. Ihren Körper haben sie nicht der Technik überschrieben und ihre Seele nicht verkauft. Sie haben sich nicht anstecken lassen von Angst und Hass und sich keinen Bären aufbinden lassen, den sie mit sich herumschleppen.

Die neuen Helden haben sich leicht gemacht, biegsam und flexibel. Sie haben in die Arme genommen, wo andere den Handschlag verweigerten; und anstatt sich die Köpfe verdrehen zu lassen, haben sie ihre Herzen geöffnet.

Im Märchen sind sie die wahren Helden. Es sind die mit dem Herz am rechten Fleck, die letztlich den Schatz finden. Denn sie wissen, dass Mut auch Demut braucht, Zuversicht auch Hingabe, Stärke auch Verletzlichkeit. Doch anders als im Märchen endet ihre Geschichte hier nicht.

Jetzt geht es erst richtig los: Was haben wir dem entgegenzusetzen, was sich anbahnt? Wie begegnen wir einem auf Profit und Wachstum ausgerichteten System, der zunehmenden Technisierung und Digitalisierung und dem posthumanen Gedanken, dass der Mensch den Gipfel der Evolution erreicht hat und sein Schicksal nun nur noch in die Hände der künstlichen, computergestützten Intelligenz übergeben kann? Was machen wir mit der fixen Idee, dass Unterdrückung, Ausbeutung und Kriege normal sind und dass man daran nichts ändern kann? Was machen wir mit dem Gedankengift in unseren Köpfen, das uns in eine Selbstverneinung getrieben hat, die so weit geht, dass wir glauben, auf diesem Planeten überflüssig zu sein?

Es wird darum gehen, den Faden aufzuwickeln und sich von ihm durch das Labyrinth führen zu lassen. Wo haben die Gedanken ihren Ursprung, die durch die industrielle Revolution angestoßen und im darauffolgenden Jahrhundert mit zwei Weltkriegen, Zerfall, Chaos und kollektivem Sinnverlust angelegt wurden: Das Lebendige ist eine Ressource, alles ist Zufall und der Kosmos ein schwarzes Loch? Auf welchem Fundament fußen die Vorstellungen für die Existenz eines kalten und lebensfeindlichen Universums, in dem nichts einen tieferen Sinn hat? War es schon immer so? Oder gibt es ein Vorher, eine Zeit, in der alles anders war, einen Ort, an dem ein friedliches und glückliches Leben möglich ist?

(…)

Eine Heldenreise vollzieht sich in verschiedenen Etappen. Bevor der Held den Ruf des Abenteuers hört, lebt er in einer gewöhnlichen Welt. Zunächst weist er den Ruf zurück, bis er jemanden trifft, der ihm zeigt, dass er über magische Kräfte verfügt. Erst jetzt kann der Held seine Mission akzeptieren. Auf seinem Weg trifft er neben Verbündeten auch Gegner und Hindernisse. Auf dem Höhepunkt, der zugleich der tiefste Punkt ist, muss er sich seinem ärgsten Feind, seiner größten Angst stellen. Beim Aufeinandertreffen der guten und der bösen Mächte wird der Held schließlich auch mit seinem eigenen Tod konfrontiert. Nach überstandener Prüfung bekommt er seinen Lohn und tritt den Rückweg an. Als er heimkommt, scheint sich nichts verändert zu haben, und er muss lernen, sein Alltagsleben mit seinem neuen Wissen zu vereinen. Es ist seine innere Ausstrahlung, die schließlich seine Umgebung und die Menschen, die ihm begegnen, verändert.

Alle Heldenreisen folgen einem bestimmten Muster. Von Odysseus bis Pretty Woman — sie alle haben bestimmte Prüfungen zu bestehen, bevor sie siegreich nach Hause zurückkehren. Als Mythos, Märchen, Legende, Film oder Computerspiel erhält die Erzählung ihre Spannung dadurch, dass der Held oder die Heldin verschiedene Etappen durchlaufen müssen, um ans Ziel zu kommen. Sie müssen sich richtig anstrengen. Bis zum Äußersten müssen sie gehen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Konfrontation mit den eigenen Grenzen, über die der Held Reinigung, Läuterung und Befreiung erfährt, wird jedes Mal wie ein kleiner Tod erlebt. Wir müssen uns endgültig von etwas trennen.

Wie in den Phasen, die ein Sterbender durchläuft, will der Betroffene zunächst nicht wahrhaben, was geschieht. Der Schock ist so groß, dass die Psyche die Information blockiert: Die haben die Ergebnisse vertauscht! Das ist ein Missverständnis! Das kann nicht sein! Darauf folgen Zorn, Wut und Schuldzuweisungen, in denen sich die Anspannung entlädt. In einer dritten Phase versucht der Betroffene, zu verhandeln: mit den Ärzten, mit Gott, mit sich selbst. Wenn ich genau tue, was man mir sagt, wird alles wieder gut. In der vierten Phase kommen Resignation und Depression, Angst und Trauer zum Vorschein. Der Betroffene realisiert, dass es vorbei ist. Es ist zu spät. Die letzte Etappe ist die Akzeptanz. Wir nehmen unser Schicksal an und treten in einen ruhigen, fast gefühllosen Zustand ein. So können wir loslassen und uns endgültig aus dem alten Leben verabschieden, um in ein neues Leben zu treten.

Unsere Gesellschaft hat es verlernt, sich mit der tiefen symbolischen Bedeutung von Geburt, Tod und Wiedergeburt auseinanderzusetzen. Wir sind nicht mehr vertraut mit den Prozessen des Wandels und des Über-uns-Hinauswachsens.

Wir kennen sie nicht mehr, die Rituale und Initiationen, den Rhythmus der verschiedenen Lebensphasen, die Tore, die wir in einem Leben zu durchschreiten haben. Unser System hat dafür gesorgt, dass uns nicht nur unsere Gesundheit nicht mehr gehört. Auch unsere Geburt und unser Tod werden von anderen verwaltet. Jeder Zweite von uns stirbt im Krankenhaus, obwohl die meisten das nicht wollen. Damit unser Sterben sicher abläuft, werden wir, so lange es geht, medikamentös am Leben gehalten und verbringen die letzte Zeit unseres Lebens nicht im Kreise unserer Liebsten, sondern an kalte Maschinen angeschlossen. So wie wir sterben, so werden wir geboren. Ein ganzes Arsenal von Sicherheitsvorkehrungen sorgt dafür, dass alles unter Kontrolle ist. Zwischen Geburt und Tod: Alles nimmt man uns aus der Hand. Wir müssen uns um nichts mehr kümmern.

Helden wählen einen anderen Weg. Sie stellen sich dem Ungewissen und schrecken nicht davor zurück, den Fuß ins Leere zu setzen. Sie bleiben nicht bei der Klage über das Verlorene stehen, sondern verwandeln sprichwörtlich Blei zu Gold. Als sie aus den Cafés und Restaurants ausgeschlossen wurden, haben sie sich gegenseitig eingeladen und füreinander gekocht. Als ihnen der Zugang zu Kino, Theater und Konzert verwehrt wurde, haben sie ihre Wohnzimmer geöffnet. Als ihre Arbeitgeber sie zwingen wollten, sich impfen zu lassen, haben sie ihre Jobs gekündigt. Sie haben sich sinnvolle Tätigkeiten gesucht und angefangen, sich gegenseitig zu unterstützen. Auf der ganzen Welt haben sie Oasen des Widerstands gegründet und begonnen, sich zu vernetzen. Zensur und die Einschränkungen der Grundrechte haben sie den unersetzlichen Wert der Freiheit erkennen lassen. Als man sie von außen angriff, haben sie ihren inneren Frieden gemacht. Sie haben gelernt, ihre Wut und ihre Angst in Kreativität zu verwandeln. Die Zeit der sozialen Distanzierung haben sie für neue Begegnungen genutzt. Als alte Freunde sich von ihnen abwandten, haben sie sich für neue Bindungen geöffnet und die tiefe Bedeutung echter Gemeinschaft erfahren.

Alchemisten gleich haben sie das Negative in etwas Positives verwandelt. Die älteste Wissenschaft unserer Zivilisation lehrt, dass nicht das Dagegen zum Ziel führt, sondern das Damit. Wer im Protest verbleibt und gegen etwas ankämpft, nährt mit seiner Energie letztlich genau das, was er nicht will. Nur was wir annehmen, können wir verändern. Der Alchemist wirft das Blei nicht weg. Er nimmt das dunkle, schwere Material in die Hand und sieht es sich ganz genau an.

Wir stehen da wie der Magier an seiner Werkbank auf der ersten Karte des Tarots. Das Kartenspiel, so heißt es, geht auf das alte ägyptische Reich zurück. Um das wertvolle jahrtausendealte Wissen vor der Zerstörung zu bewahren, vertraute man es alltäglichen Spielkarten an. Sie waren weitläufig in Gebrauch und sind es bis heute. Der Magier hat alle Werkzeuge vor sich, die er braucht. Er muss nur zugreifen und sich bedienen. In der Deutung der Karten steht der Archetyp des Magiers für die Aktvierung unseres Potenzials. Er repräsentiert sozusagen das Rohmaterial, aus dem wir etwas schaffen, den Menschen in seiner Rohfassung, der gerade damit beginnt, an sich selbst zu arbeiten.

In unserer Sprache ist der Begriff Magie weitestgehend in Vergessenheit geraten. Wir verbinden mit ihm Kunststücke, die in Zirkus und Varieté aufgeführt werden, optische Täuschungen, die ein leichtgläubiges Publikum in Atem halten. Ursprünglich kommt das Wort aus dem Persischen und bezeichnet die Tätigkeit eines Weisen, eines Priesters, Traumdeuters und Astrologen. Magie geht von der Vorstellung aus, dass alles im Kosmos von einer transzendenten Kraft durchdrungen ist, auf die in magischer Weise Einfluss genommen werden kann.

Im christlichen Mittelalter wurde der Begriff verdreht und negativ besetzt. Er wurde mit schwarzer Magie gleichgesetzt, der gezielten Einflussnahme mit dem Ziel, Schaden zuzufügen. Bald kannten die Priester sich nicht mehr aus mit den Geistern der Natur und sandten stattdessen Moralapostel in alle Welt, die die alten Weisheiten in Dekrete, Verordnungen, Gesetze und Verbote pressten und die Menschen mit Höllenvisionen in Angst und Schrecken versetzten. Schließlich verbrannte man das alte Wissen der Weisen und Heiler auf den Scheiterhaufen der Inquisition.

Heute ist davon nicht mehr viel übrig. Nur noch die von uns als primitiv angesehenen Naturvölker pflegen die alten Rituale, während die sogenannte zivilisierte Welt auf technologischen Fortschritt setzt. In ihr hat das Übersinnliche, das, was wir nicht mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, keinen Platz. Wir haben der Magie gewissermaßen den Boden unter den Füßen abgegraben. Es bleibt nur eine abgehobene, realitätsferne Idee dessen, was sie einmal war: eine starke und lebendige Verbindung zwischen Materie und Geist, Himmel und Erde.

Heute wird nicht mehr geträumt, sondern kontrolliert, nicht mehr intuitiv erfasst, sondern profitorientiert berechnet, nicht mehr subtil erahnt, sondern in Stahl und Beton gegossen.

Auf den altmodischen und ungelenk wirkenden Bildern des Tarot sieht der Magier nicht aus wie ein Magier, sondern wie ein Handwerker. Kein Krötenschleim ziert seinen Arbeitstisch, sondern praktisches Werkzeug in übersichtlicher Anordnung. Mit beiden Beinen steht er auf dem Boden. Was dem Magier jedoch fehlt, ist das Rohmaterial, mit dem es sich experimentieren lässt. Seine Aufgabe wird es nicht sein, das Werkzeug schön zu polieren, sondern es zu benutzen. Hierfür muss er sich auf die Suche nach Rohstoff machen. Dieser Stoff ist nicht materiell gemeint. In der Alchemie, die hier betrieben wird, geht es nicht darum, dem Leben seine Geheimnisse zu entreißen oder das Natürliche zu zersplittern, um es künstlich neu zusammenzusetzen. Funken werden sprühen, doch es wird kein Werk der Zerstörung sein, das hier begonnen wird. Es wird darum gehen, an das Wesentliche heranzutreten, das Ursprüngliche, das, was uns zurück in unsere Kraft bringt und uns aus der Ohnmacht befreit.

So ist der Stoff, um den es geht, der Reisende selbst. Was wird ihm auf seinem Weg widerfahren? Welche Menschen und Ereignisse werden ihm begegnen? Was für Überraschungen wird er erleben? Die erste Karte des Spiels, die den Reigen der Archetypen anführt, ist von Optimismus geprägt, Neugierde, Tatendrang und Zuversicht. Endlich geht es los! Alles ist bereit! Alles, was er für den inneren Abziehprozess braucht, für das Aufdecken des Verborgenen, steht ihm zur Verfügung.


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