Zeitenwende im Pazifik

Japan hat den pazifistischen Weg, der die Politik des Landes seit Hiroshima prägte, verlassen. Angestachelt auch durch die USA, bringt es sich gegen China und Russland in Stellung.

Ein Land, das schwere Kriegsschuld auf sich geladen hat, infolge der erfolgreichen Gegenschläge seiner Feinde aber auch selbst erheblich traumatisiert ist. Ein Land, in dem der Grundsatz „Nie wieder Krieg“ als Folge der historischen Erfahrungen eine Weile Gültigkeit hatte, das in den letzten Jahren aber wieder zu einem militaristischen Kurs zurückgekehrt ist. Ein Land, das sich an die Siegermacht USA bis zur Selbstverleugnung angeschmiegt hat und nun zulässt, dass die Weltmacht es als kleineren Waffenbruder gegen einen globalen Erzrivalen einspannt … Nein, die Rede ist hier nicht von Deutschland. Gemeint ist Japan. Zwischen beiden Ländern gibt es — so groß die kulturellen Unterschiede auch sein mögen — ins Auge fallende Parallelen. Während sich Deutschland angeblich „nur“ gegen Putin wehren muss, hat der Inselstaat im Westpazifik auch noch China und Nordkorea im Nacken. Gleichzeitig war der Nachkriegspazifismus Japans konsequenter als der ohnehin nur halbherzige der Deutschen. Mit all dem ist es seit einigen Jahren vorbei. Der Wind der „Zeitenwende“ und der Kriegstüchtigkeitsrhetorik schwillt auch im Osten zu einem bedrohlichen Sturm an. Als ob der Schock von Hiroshima und Nagasaki nicht groß genug gewesen wäre und es erst noch eine schlimmere Lektion bräuchte, um zu lernen, dass die Logik militärischer Stärke und Abschreckung ins Verderben führen kann.

„Die sicherheitspolitische Lage Japans verschlechtert sich in beispielloser Geschwindigkeit. Wir prüfen alle Optionen zur Stärkung unserer Verteidigungsfähigkeit, ohne Vorbehalte. Einschließlich des Ausbaus unserer Fähigkeit, feindliche Stützpunkte anzugreifen.“

So sagte es Fumio Kishida, Japans Premierminister bis 2024. Die sehenswerte arte-Dokumentation „Japan — Ende des Pazifismus“ brachte — überwiegend ohne Wertung — eine Reihe von Stimmen zu einem Phänomen, das man wohl als „japanische Zeitenwende“ bezeichnen kann. Ein Mitglied der japanischen Küstenwache — bekleidet mit orangefarbener Rettungsweste — sieht das Land ebenfalls in aufgewühlte Wasser segeln:

„Frieden kann nur durch ein Kräftegleichgewicht gewahrt bleiben. Russland hat die Ukraine angegriffen. Es wäre ein Fehler, anzunehmen, dass wir verschont bleiben, weil wir keine Armee und keine Militärbasen haben. Die Zeiten sind vorbei.“

2023, als die Doku gedreht wurde, plante Japan, seinen Verteidigungsetat bis 2027 um 60 Prozent zu erhöhen. Es gehört damit zu den Top 10 der Welt in puncto Rüstungsausgaben. Dabei ist Japan das einzige Land, das in seiner Verfassung ausdrücklich auf das Recht auf Kriegsführung verzichtet. Drei Millionen Japaner starben im Zweiten Weltkrieg, davon fast 200.000 durch die beiden Atombombenabwürfe. Seither gelten gefaltete Papierkraniche im Land als Friedenssymbol. Am Mahnmal in Hiroshima steht eine große Metallnachbildung als Denkmal auf einer Säule. Aber: „Die weißen Tauben sind müde“. So sang Hans Hartz in den 80er-Jahren über die verblassende Entschlossenheit zum Frieden. Die japanischen Friedenskraniche sind es offenbar auch.

Die Lehre aus dem Gemetzel

„Nach dem Zweiten Weltkrieg hassten sie alles, was mit Militär zu tun hatte“, sagt Marjorie Vanbaelinghem vom „Institut de Recherche Stratégique de l'Ecole Militaire“ über die Japaner. General Douglas McArthur, der Befehlshaber der US-Besatzungsmacht nach dem Krieg, wollte das Land entmilitarisieren und ein neues Japan formen.

„Es ist meine aufrichtige Hoffnung und auch die der ganzen Menschheit, dass aus diesem feierlichen Anlass eine bessere Welt aus dem Gemetzel der Vergangenheit hervorgehen wird.“

Die USA besetzten sieben Jahre lang das japanische Archipel und sind auch heute dort „nicht wegzudenken“. Nachkriegsjapan gründete sich auf einer Verfassung, die von den amerikanischen Besatzern innerhalb einer Woche ausgearbeitet wurde. Die Besiegten hatten keine andere Wahl, als zuzustimmen. Kaiser Hirohito, der Tenno, bleibt trotz seiner Mitschuld am Krieg und an unfassbaren Menschenrechtsverletzungen auf dem Thron. Aber seine Rolle war ab jenem Zeitpunkt nur noch eine symbolische.

Artikel 9 der Verfassung verordnete dem ganzen Land quasi den Pazifismus. Dies ist ein auffälliger Kontrast zum besiegten Nazideutschland, wo die Wiederbewaffnung unter dem Druck der Alliierten schon bald wieder Fahrt aufnahm. Man wollte das besiegte Land gegen den damaligen „Ostblock“ in Stellung bringen.

In Artikel 9 der japanischen Verfassung heißt es:

„Im aufrichtigen Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für immer auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt als Mittel, internationale Streitigkeiten zu regeln.“

Dieser Pazifismus beruhte aber auf dem Schutzversprechen der USA. Im Fall eines Angriffs auf Japan sind die USA bis heute verpflichtet, das Land zu verteidigen. Die USA durften dafür Militärstützpunkte auf japanischem Boden errichten. Derzeit sind es 91 — verteilt auf die verschiedenen Inseln, von denen Okinawa weit südlich, nicht weit von Taiwan liegt. Japan diente den USA als Drehscheibe in den Kriegen in Vietnam, Korea, Irak und Afghanistan, quasi als „Flugzeugträger der USA“. In keinem Land weltweit haben die USA mehr Auslandstruppen stationiert.

Der verblassende Pazifismus

Japan gründete 1954 die „Selbstverteidigungsstreitkräfte“, die rein defensiv konzipiert waren, und konzentrierte sich im Übrigen ganz auf seinen wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Der gelang gut. Japan stieg zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt auf, noch vor Deutschland. Der Vorteil für beide Länder, die durch ihre Verbrechen im Krieg schwere Schuld auf sich geladen hatten: Sie mussten weniger Geld für Militär ausgeben, konnten gesellschaftlichen Wohlstand schaffen und gleichzeitig verlorenes Vertrauen in der Welt zurückgewinnen.

Besonders gegen Atomwaffen engagiert sich Japan als „treibende Kraft“. Bei einer Konferenz 2023 in Hiroshima sagte Premier Kishida:

„Von dieser Stadt aus, die für immer von der Atombombe gezeichnet ist, muss unsere Generation weiterhin das Bewusstsein schärfen und unermüdlich auf eine Zukunft ohne Atomwaffen hinarbeiten.“

Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und dem Ende des kommunistischen „Ostblocks“ schien auch für Japan die Notwendigkeit für das Militärbündnis mit den USA zu schwinden. Ende der 90er-Jahre durchlebte das Land eine schwere Wirtschaftskrise. Nationalistische Kräfte tauchten auf, die den japanischen Pazifismus der Nachkriegszeit infrage stellten. Rechtskonservative wollten aus Japan wieder einen „normalen“ Teil der Weltgemeinschaft machen. Sie weisen seither mit wachsendem Furor auf die verschärfte Bedrohungslage in der Region hin oder bauschen diese auf. Es geht um drei Atommächte mit nach japanischer Auffassung fragwürdigen „Regimen“ unmittelbar vor der Haustür: Nordkorea, Russland und China.

Grenzscharmützel zwischen Japan und China

Seit 2010 ist nicht mehr Japan, sondern China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – eine Wachablösung mit symbolischer Bedeutung. China erhebt unter Xi Jinping Anspruch auf große Teile des Ostchinesischen Meeres. Der Konflikt konzentriert sich vor allem auf die Senkaku-Inseln, südlich von Japan. Die Inseln sind unbewohnt, aber militärstrategisch wertvoll. Japan verwaltet sie derzeit, aber China beansprucht sie.

Eine Serie regionaler Scharmützel rund um die Inseln sorgte zwischen Japan und China immer wieder für Verstimmung. Der Fischer Hitoshi Nakama, der für die Dokumentation „Japan — Ende des Pazifismus“ mit der Kamera begleitet wurde, „provoziert“ immer wieder, indem er im Territorium der Inseln fischt und sie somit indirekt für Japan reklamiert. 2010 rammte ein chinesisches Fischerboot offenbar absichtlich ein Boot der japanischen Küstenwache. 2012 kaufte die japanische Regierung einen Teil der Inselgruppe aus privater Hand auf. Dies löste in China heftige Straßenproteste aus. „Seither dringt die chinesische Küstenwache fast täglich in japanische Hoheitsgewässer ein“ — so die Darstellung des Senders arte.

Japan will eine Eskalation vermeiden und verbietet seinen Bürgern, die Inseln zu betreten. Noboro Yamaguchi, ein ehemaliger japanischer Generalleutnant, warnt: „Man sagt, dass wir uns in einer Grauzone befinden. Es ist zwar kein Krieg, aber wir befinden uns jenseits des Friedens.“

Liegt die Entscheidung über Krieg und Frieden — mit weitreichenden Risiken auch für den Weltfrieden — demnach vor allem in den Händen der japanischen Küstenwache?

Die unzuverlässige Schutzmacht

Seit 2020 errichtet Japan auf dem Okinawa-Archipel, das in einer erbitterten Schlacht im Zweiten Weltkrieg von US-Truppen besetzt worden war, eigene Stützpunkte. Die Inselgruppe liegt unweit der chinesischen und taiwanesischen Küste. Die Lage wurde denn auch vielen zivilen Bewohnern Okinawas unheimlich. Viele beschweren sich über die Militarisierung der Inseln. Pazifisten demonstrieren: „Der Krieg wird im Stillen vorbereitet“. Sie fürchten, die Insel könne zur Zielscheibe werden. Auf einem Demo-Schild, gezeigt in der arte-Doku, steht: „Wir wollen weder töten noch getötet werden“. Der Pazifist Ken Talkawa, heute über 80 Jahre alt, fordert: „Zerstört nicht Artikel 9 (…) Wir möchten nicht, dass Japan nochmals Krieg führt.“ Es scheint, als hätten die Japaner aus dem Grauen des großen Krieges ihre Lektionen gelernt. Jedoch gilt das leider nicht für alle.

Die Strategie Japans und seines Verbündeten, den USA, lässt sich mit einem Blick auf eine Karte des Westpazifiks erahnen.

Die Okinawa-Inseln, die voller Militärstützpunkte sind, bilden zusammen mit Südjapan, Taiwan und den Philippinen eine gedachte Barriere, die im Ernstfall chinesisches Vordringen aufhalten und dem Land den ökonomisch wichtigen Zugang zum Pazifik abschneiden könnte. Von einem „versteckten Stellungskrieg“ ist die Rede.

Tut Japan den USA mit seiner Kooperation nur einen Gefallen, handelt es also gegen die eigenen Interessen? Donald Trump gab sich 2019 in einer Rede ungnädig: „Wenn jemand Japan angreift, schlagen wir zurück. (…) Wir sind verpflichtet, für Japan zu kämpfen. Wenn jemand die USA angreift, muss Japan nichts tun. Das ist nicht fair.“ Der Schriftsteller Keiichiro Hirano deutete den neuen Wackelkurs der Amerikaner auf durchaus plausible Weise:

„Japan hat sich immer Sorgen darüber gemacht, ob die USA im Ernstfall wirklich eingreifen würden. Die Amerikaner haben diese Sorge geschickt genutzt, um Japan zu einem größeren militärischen Engagement zu bewegen.“

Der kalte Weltkrieg gegen China

Das erinnert an die Situation Deutschlands, wo entweder Vertreter der USA oder deutsche Politiker, die deren Aussagen auf besonders furchterregende Weise deuten, einen Rückzug der Amerikaner aus ihrer Rolle als Schutzmacht an die Wand malen — und als Folge dramatische Aufrüstungsbemühungen im Kalten Krieg gegen Russland anmahnen. Was auch immer die Absichten hinter diesem „Spiel“ sind — Gewinner sind stets die Rüstungskonzerne, in deren Zentralen die Sektkorken knallen.

Wie betrachtet China die aktuelle Lage? Liu Mingfu, Colonel außer Dienst, sieht China „von allen Seiten umzingelt“. Er sagte:

„Der Kalte Krieg zwischen Amerika und der Sowjetunion war nur die erste Etappe. Denn jetzt machen sie mit China weiter — auf ganzer Linie. Sie beginnen den kalten Weltkrieg mit China. Sie wollen Japan zu einem Land machen, das in China einen Gegner sieht, und verwandeln ein sogenanntes pazifistisches Land immer mehr in ein militaristisches Land.“

Liu Mingfu also sieht einen über Jahrzehnte verfolgten „Masterplan“ der USA. China hat sich selbst zur zweitgrößten Militärmacht der Erde hochgerüstet, schreibt dies aber gern der Notwendigkeit zu, sich gegen die latente Aggression der Amerikaner zu verteidigen. In jedem Fall ergibt ein Blick auf die Karte durchaus das Bild einer Umzingelungsstrategie, bei der Japan als ökonomisch und immer stärker auch militärisch potente Macht die Schlüsselrolle einnimmt.

China als Vorbild und abschreckendes Beispiel

Die Geschichte Japans ist mit der Chinas über viele Jahrhunderte eng verzahnt. Dabei war das größere, zentralistisch regierte China oft Vorbild für das anfangs noch tief in regionale Machtkämpfe verstrickte Inselarchipel. Großkönig Temmu, offiziell der 40. Tenno, der von 672 bis 686 n. Chr. regierte, gab die beiden Schriften Kojiki und Nihon Shoki in Auftrag. Beide Texte verwoben japanische Mythologie mit aufgezeichneter Geschichte und waren prägend für das Identitätsgefühl Japans. Die Schriften dienten wahrscheinlich der Selbstvergewisserung der Herrschersippe, deren Ursprung auf die Shinto-Göttin Amaterasu zurückgeführt wurde. Dies könnte ein Versuch gewesen sein, die zentralistische Kaiserherrschaft Chinas einerseits nachzuahmen und sie andererseits zu übertreffen, denn: „Während die Kaiser in China hofften, das Mandat des Himmels zu genießen, behaupteten die Kaiser Yamatos [Japans], dort oben Verwandte zu haben.“ So fasst es Christopher Harding in seinem Buch „Die kürzeste Geschichte Japans“ zusammen.

Prägend und mit Blick auf die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts zukunftsträchtig war auch der Kriegerkodex der Samurai, der im 12. und 13. Jahrhundert entstand und später unter anderem die Ideologie des faschistischen Weltkriegs-Premiers Tojo Hideki mitprägte. Neben Kampfkunst war Giri — bedingungslose Pflichterfüllung — die zentrale Tugend des Samurais. Dazu gehörte auch eine gewisse Geringschätzung des individuellen Eigeninteresses, das vor der Gemeinschaft und der Treue zum Kaiser zurückstehen musste.

Im 19. Jahrhundert öffnete sich das Land allmählich westlichen Einflüssen. Eine Rolle dabei spielte wiederum China — allerdings eher als abschreckendes Beispiel. Die Demütigung des „Reichs der Mitte“ im Ersten Opiumkrieg 1839-1842 gegen Großbritannien zeigte die Gefährlichkeit der technologisch überlegenen Westmächte. Japan suchte in Folge dessen vor allem die Freundschaft mit den USA, die den Engländern als Unterstützermacht dienten, und öffnete das Land für den Handel. Die 1860er-Jahre waren für viele Japaner eher traumatisierend. Die abrupte Öffnung für den Weltmarkt ließ die Preise nach oben schießen und führte zu einer Welle der Verarmung in der Bevölkerung. In der Folge kam es zu Unruhen und gewalttätigen Übergriffen auf Ausländer, die man für die Misere verantwortlich machte.

Hypernationalismus und der Weg in den japanischen Faschismus

Eine Welle des Nationalstolzes schwappte über den ja schon immer recht eigenwilligen Inselstaat. Das japanische Militär wurde von preußischen Ausbildern instruiert, was mit Blick auf die spätere deutsch-japanische Allianz im Zweiten Weltkrieg interessant ist. 1894 und 1895 kam es zu ersten kriegerischen Handlungen mit China. Infolge von Streitigkeiten, die den Einfluss beider Mächte auf die koreanische Halbinsel betrafen, vertrieb Japan die Chinesen aus Korea. Seine Truppen fielen auch in die Mandschurei ein. 1904 kam es zu einem russisch-japanischen Krieg, den Japan überraschend gewann.

Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum japanischen Faschismus erfolgte 1925, als ein sehr strenges Gesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung erlassen wurde. Gleichzeitig etablierte sich eine Ideologie, die als Kokutai bezeichnet wurde. Hypernationalismus verband sich mit einem auch durch die Shinto-Religion beeinflussten Kaiserkult. Christopher Harding definiert die herrschende kollektivistische Ideologie so:

„Die Vorstellung vom japanischen Staat als ‚Nationalkörper‘, als eines organischen Ganzen, dessen Kopf der Kaiser war. Angriffe gegen das Kokutai wurden mit langer Gefängnisstrafe geahndet.“

1937 wurde eine Schrift über die Fundamente der japanischen Nationalpolitik verfasst, genannt Kokutai no Hongi. Darin wurde auch der japanische Nationalcharakter im Vergleich zu den Menschen Europas und Amerikas definiert.

Eine Nation des Westens sei nicht viel mehr als ein „Konglomerat getrennter Individuen, die voneinander unabhängig sind“. Im Gegensatz dazu reiche das Verhältnis zwischen Kaiser und Untertan in Japan so tief, dass Letztere ihre Erfüllung darin fänden, „den großen erhabenen Willen des Kaisers als den eigenen zu empfangen“. Individualistische Auffassungen zeugten demgegenüber von „Verderbnis des Geistes“.

Ein Land, das erfolgreich sein wolle, müsse sich auf Familienwerte und traditionelle Religiosität besinnen sowie auf „Bushido“, den „Weg des Kriegers“. In dessen Zentrum stehe ein „Gefühl der Pflicht“, das „Herr und Knecht aneinander bindet.“

Ein Land „zerbrochener Edelsteine“

Die Mischung aus einem alten Ehrenkodex und dem Aufflammen des modernen Nationalismus führte zur Katastrophe. 1937 überrannten japanische Truppen Teile Chinas, darunter Shanghai und Beijing. In Nanjing verübten japanische Soldaten ein beispielloses Massaker, dem etwa 200.000 Menschen zum Opfer fielen. Über 20.000 Frauen wurden vergewaltigt. 1940 verbündete sich Japan mit Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien zum „Dreimächtepakt“, der sich vor allem gegen die USA richtete.

Je länger der Krieg dauerte und je eindeutiger sich eine Niederlage Japans abzeichnete, desto mehr gesellten sich zu den destruktiven Verhaltensweisen von Führung und Armee auch Elemente der Selbstzerstörung, basierend auf dem traditionellen antiindividualistischen Mythos vom Opfer für die Gemeinschaft.

Ein Vers der klassischen chinesischen Poesie lautete: „Lieber als zerbrochene Jade in Ehren sterben, als als unversehrter Ziegelstein in Schande leben.“ Der japanische Faschismus nutzte dieses Sprachbild, um seine Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs zum Selbstopfer zu animieren. Vereinfacht gesagt bedeutete diese Ideologie: Lieber tot, aber edel, als lebendig, aber ohne Ehre.

So wurde im Sommer 1944 die „Spezialangriffstruppe Göttlicher Wind“ ins Leben gerufen. Etwa 3300 Kamikaze-Flugzeuge waren unterwegs. Mit Sprengstoff beladene Maschinen stürzten sich auf US-amerikanische Flugzeugträger.

Die Kriegsfolgen erwiesen sich als desaströs. Christopher Harding berichtet:

„Neben mehr als zwei Millionen Toten in der japanischen Armee waren auch eine halbe Million Zivilisten getötet worden, und weitere neun Millionen waren obdachlos geworden. Es herrschte eine gravierende Hungersnot, und Krankheiten wie Cholera, Typhus, Polio und Ruhr hatten sich ausgebreitet.“

In Hiroshima oder als Spätfolge der Strahlenverseuchung starben etwa 140.000 Menschen. „Leichen von Menschen hatten sich in den Boden geschmolzen; andere hatten sich in menschliche Silhouetten verwandelt, die unheimlich auf Hausmauern gedruckt waren.“ Der Vorgang wurde auch im Lied „Hiroshima“ von der Band Wishful Thinking thematisiert: „There’s a shadow of a man in Hiroshima.“

Massaker, Menschenversuche und Zwangsprostitution

Unglaubliche Kriegsverbrechen gingen auf das Konto des japanischen Regimes, vorangetrieben unter anderem von dem sadistischen Machthaber Tojo Hideki, geduldet auch vom angeblichen Nachfahren der Sonnengöttin Amaterasu, Kaiser Hirohito. In der berüchtigten Einheit 731 wurden grausame Versuche an lebenden Menschen durchgeführt, die der Vorbereitung einer biologischen Kriegsführung dienten. Frauen der unterworfenen Völker wurden als „Trostfrauen“ verschleppt und der Zwangsprostitution ausgeliefert, gefangen gehalten in lagerartigen Kasernen. Bei Todesmärschen von zum Teil 100 Kilometern bei glühender Hitze (Bataan 1942, Sandakan 1945) kamen mehr als 11.000 US-amerikanische, britische, australische und philippinische Kriegsgefangene ums Leben. Wer aus Erschöpfung zusammenbrach, wurde einfach erschossen und am Wegrand liegengelassen.

Die Historikerin Jung Chang schildert in ihrem Bestseller „Wilde Schwäne“, welche Auswirkungen die japanische Besetzung der Mandschurei im Alltag hatte:

„Die Japaner brannten Dörfer nieder und trieben die Überlebenden in sogenannten ‚strategischen Ansiedlungen‘ zusammen. Über fünf Millionen Menschen, rund ein Sechstel der Bevölkerung, wurden obdachlos, Zehntausende kamen ums Leben. Zwangsarbeiter mussten für die Japaner in den Minen arbeiten; die Mandschurei besaß reiche Bodenschätze. Viele Zwangsarbeiter überlebten die Torturen nicht.“

Angesichts dieser furchtbaren Geschichte von Krieg und Unmenschlichkeit ist es nachvollziehbar, dass die US-amerikanische Besatzungsmacht, die zugleich für den Massenmord der beiden Atombomben von Hiroshima und Nagasaki verantwortlich war, eine Wiederholung der verhängnisvollen Entwicklung unterbinden wollte. Merkwürdigerweise wurde — jedenfalls für einige Zeit — für Japan der Krieg abgeschafft, während der Kaiser bleiben durfte, unter dessen Oberhoheit all die Gräuel stattfanden. Die USA wollten sich mit der Schonung des Tennōs Hirohito eine bessere Akzeptanz für den Umgestaltungsprozess erkaufen, dem sie Japan in der Folge unterwarfen. Hirohito musste am Neujahrstag 1946 eine „Erklärung der Menschlichkeit“ abgeben. Er erklärte öffentlich, keine Gottheit zu sein und nahm fortan nur noch Repräsentationspflichten wahr.

Der Büßerrolle überdrüssig

Laut Christopher Harding wurde Japan ein Angebot gemacht: „Das Tauschgeschäft, das die Grundlage der ‚Yoshida-Doktrin‘ bildete — Frieden und Wohlstand gegen eine teilweise Zurückstellung japanischer Interessen hinter amerikanische Interessen.“ Das funktionierte eine Zeit lang gut. Viele Japaner schlossen sich der pazifistischen Linie ihrer nunmehr demokratisch gewählten Führer gern an. Für einen langen Zeitraum überschrieben erfolgreiche Markenfirmen wie Toyota, Sony oder Mitsubishi das desaströse Image, das dem Land nach dem Krieg anhing. Japan überwand den Faschismus äußerlich sehr schnell und wurde zur „Vorzeigedemokratie“ in Ostasien, eng verbunden mit der globalen Vormacht, den USA. Unterschwellig wirkte die Traumatisierung durch Kriegsschuld und selbst erlebten millionenfachen Tod jedoch weiter.

Ähnlich wie Deutschland kann man Japan zum Teil als einen Büßer wider Willen betrachten, dessen kollektive Psyche zwischen Selbstherabsetzung und Träumen von wiederhergestellter Größe zerrissen ist.

Konservative und nationalistische Kräfte wollen sich schon lange von den Fesseln der Kriegsschuld befreien, wieder auf ihr Land stolz sein dürfen und dies auch durch militärische Wehrhaftigkeit zum Ausdruck bringen. Dieser Prozess ist schon weit vorangekommen.

Problemfall Taiwan

Zusätzliche Komplikationen werden durch das Dreiecksverhältnis zwischen China, Taiwan und Japan hervorgerufen. Japan gehörte von 1684 bis 1895 zum chinesischen Kaiserreich, was als historische Grundlage der Ein-China-Politik der derzeitigen chinesischen Führung betrachtet werden kann. Andererseits lebte die Insel von 1895 bis 1945 unter japanischer Besatzung. Nach vier Jahren, in denen Taiwan zu China gehörte, die heutige „Volksrepublik“ jedoch noch nicht gegründet war, flüchtete sich die Partei Kuomintang unter Chiang Kai-shek 1949 vor den siegreichen chinesischen Kommunisten auf die Insel. Seither befindet sich Taiwan in einem merkwürdigen Schwebezustand. Seit das rechtsautoritäre Regime der Kuomintang nicht mehr regiert, hat Taiwan den Charakter eines weitgehend selbstständigen, demokratischen, kulturell vom Westen beeinflussten Landes angenommen. Festlandchina und einflussreiche Kräfte innerhalb Taiwans halten jedoch an der staatlichen Einheit der „beiden China“ fest.

Befürworter der taiwanesischen Selbstständigkeit sehen den mächtigen Bruderstaat als permanente Bedrohung an. Befürchtungen werden laut, dass der Westen Taiwan — analog zur Ukraine und zu Russland in Osteuropa — gegen den globalen Erzrivalen China in Stellung bringen könnte. China wäre dann von teuren und blutigen Kämpfen absorbiert und ökonomisch vielleicht nachhaltig geschwächt. Die Rolle Japans im Fall eines Krieges wäre klar: Die Verlierernation des Zweiten Weltkriegs würde als „Assistent“ und "Flugzeugträger“ der USA fungieren. Vergleichbar mit der Rolle Deutschlands im Russland-Ukraine-Krieg wäre das Land damit zumindest angeschlagen. Im schlimmsten Fall würde es sich einem gewaltsamen Konflikt mit einer überlegenen Atommacht aussetzen, während sich die USA „cool“ auf ihren weit entfernten Kontinent zurückziehen könnten.

Nie hoch genug: die Verteidigungsausgaben

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelte Japans Premier Fumio Kishida im September 2022 seine, „Neue Nationale Sicherheitsstrategie“. Der zentrale Gedanke ist:

„Unsere Verteidigung ist nicht ausreichend. Wir ergreifen eine dringende Maßnahme und investieren über einen Zeitraum von 5 Jahren 43 Billionen Yen in unsere Streitkräfte, womit wir unsere Verteidigungskapazität grundlegend verbessern und stärken.“

Das wären 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und entspräche der Größenordnung des Verteidigungsbudgets der NATO-Staaten vor 2025. Unter anderem erwarben die Ex-Pazifisten Offensivwaffen wie Tomahawk-Marschflugkörper.

Die zweite tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung trägt einen Namen, der auch uns Europäern bekannt vorkommt: Wladimir Putin. „Putin hat Bedingungen geschaffen, die die Ängste und Befürchtungen der japanischen Bevölkerung geweckt haben“, sagt Jeffrey Kingston von der Temple University, Tokyo. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg spricht sich eine Mehrheit der japanischen Bevölkerung für eine Verstärkung der Landesverteidigung aus. Befürchtungen werden laut, Ostasien könne „zur nächsten Ukraine werden“. China demonstrierte seine Macht im August 2022 und feuerte fünf Raketen in die „ausschließliche Wirtschaftszone“ Japans ab. Schon wegen der geografischen Nähe von Taiwan zu den südlichsten japanischen Inseln wäre es wahrscheinlich, dass Japan in einen Konflikt zwischen Festlandchina und Taiwan verwickelt würde.

So läuft auch die Militarisierung des Denkens, der Medien und des öffentlichen Lebens in Japan spätestens seit 2022 auf Hochtouren. Massiv werden öffentlich neue Rekruten angeworben. In der arte-Dokumentation ist zu sehen, wie ein Rekrutierungsoffizier zuschauenden jungen Männern mit einer energiegeladenen Geste die Hand gibt: „Ich zähle auf euch.“ Er grüßt militärisch. Reflexartig und lächelnd grüßen die Männer zurück. Arte ist doch zu sehr Mainstreammedium, um sich dem Sog der Kriegsbegeisterung ganz entziehen zu können. „Die Aufstockung des Rüstungsbudgets allein ohne eine Änderung der Mentalitäten wird nicht ausreichen“, kommentiert der Sender. „Nachdem Japan 80 Jahre lang das Image einer friedfertigen Nation gepflegt hat, scheint es nicht mehr in der Lage zu sein, Krieg zu führen.“

Die Angst vor der „Kriegsuntüchtigkeit“

Parallel zu der deutschen „Zeitenwende“ unter den Kanzlern Olaf Scholz und Friedrich Merz wird suggeriert, dass nicht der mörderische Krieg das Problem sei, sondern die Unfähigkeit einer erschlafften Nation, einen solchen mit der gebotenen Härte zu führen. Da ist offenbar dringend Nachhilfeunterricht seitens eingebetteter Medien notwendig.

Unter den beiden letzten Premierministern Japans, Shigeru Ishiba sowie — als erste Frau im Amt — Sanae Takaichi, ging es mit der Abwendung vom Nachkriegspazifismus munter weiter. Zwischen 2023 und 2025 stiegen die Rüstungsausgaben erneut. Die einstige „Selbstverteidigungsarmee“ verwandelt sich offen in ein angriffsfähiges Instrument militärischer Abschreckung. „Für uns ist es sehr wichtig zu verhindern, dass Xi den Weg der Gewalt wählt“, zitiert der Sachbuchautor Philipp Mattheis die Politikberaterin Akiko Fukushima. „Deswegen müssen wir den Preis hochhalten und Pekings Entschlossenheit signalisieren.“

„Göttliche“ Kriegsverbrecher

Das Trauma der japanischen Kriegsführung in China und der dort verübten Massaker klingt bei all dem verständlicherweise noch nach. Philipp Mattheis analysiert:

„Der Widerstand gegen die japanischen Besatzer in den Dreißiger- und Vierzigerjahren ist eine wichtige Identifizierungs- und Legitimationssäule der Kommunistischen Partei Chinas. Bei jeder Gelegenheit wird die Flamme der nationalistischen Erregung entzündet.“

Nicht hilfreich ist dabei auch, dass sich japanische Offizielle nie für die verübten Kriegsgräuel bei China entschuldigt haben. Japanische Abgeordnete und Kabinettsmitglieder besuchen bis heute den umstrittenen shintoistischen Yasukuni-Schrein. Dort werden neben Kriegstoten auch verurteilte Kriegsverbrecher wie Tojo Hideki als göttliche Seelen (Kami) verehrt.

Die Deifizierung (Vergöttlichung) ist nach Shinto-Glauben unumkehrbar. Premierministerin Sanae Takaichi war lange Zeit eine eifrige Besucherin des Schreins, verzichtete aber seit ihrer Amtsübernahme auf Besuche — wohl um diplomatische Spannungen mit China zu vermeiden.

Die unheimliche Schwerkraft des Bellizismus

Leider endeten menschliche Grausamkeit, der Wahn von „Führern“ und die Mitmach-Mentalität der Untertanen nicht mit dem Ende des japanischen Faschismus. Und es wäre auch zu einfach, anzunehmen, dass sich allein ein bestimmtes Volk auf rätselhafte Weise dem Bösen anheimgegeben hätte. Vier Jahre nach Kriegsende kam Mao Zedong in China an die Macht. Im Internet sind Zahlen zu finden, die nahelegen, dass sein Regime noch weit mehr Chinesen das Leben gekostet hat als die japanische Besatzung. 40 bis 80 Millionen Tote (Mao) gegenüber 19 bis 30 Millionen (japanischer Faschismus). Die Chinesen erscheinen so als ein mehrfach schwer traumatisiertes Volk, das gelitten hat wie kaum ein anderes.

Schrecklich auch die Schlussfolgerung, die man aus all dem ziehen muss: Dass nämlich Militarismus und Konformismus wie eine Art beständig vorhandener Schwerkraft zu wirken scheinen, gegen die sich die Menschlichkeit vielleicht eine Zeit lang mit großer Anstrengung behaupten kann, die jedoch am Ende, wenn die Entschlossenheit zum Frieden ermüdet, wieder triumphiert — ob die „Zeitenwende“-Ideologen nun Merz oder Takaichi heißen.

„Noch schreiben die Kinder am Jahrestag der atomaren Zerstörung von Hiroshima ihre alljährlichen Friedensbotschaften auf die bunten Laternen“, heißt es zum Schluss der arte-Dokumentation. „Doch wenn die Stimmen der letzten Überlebenden verstummen und die Erinnerung verblasst, dann kann es sein, dass diese Laternen gefährlich ins Wanken geraten.“