# Zum Töten dressiert

Wenn wir der erneuten Kriegsgefahr in Europa entgegentreten wollen, müssen wir uns auch mit der Mentalität von Soldaten beschäftigen und mit den „Ausbildungsmethoden“, die diese hervorbringen.

von 
   * Roland Rottenfußer

Ein guter Zweck heiligt auch problematische Mittel. So heißt es oft. Umgekehrt kann man einem negativen Zweck auch mit einiger persönlicher Integrität dienen. Beim Militär indes kommen Zweck und Mittel zur Deckung. Hier wird die Fähigkeit zur Zerstörung von Menschenleben mit Methoden der Freiheitsberaubung und der Demütigung eingeübt. Militär ist die Abrichtung von Menschen zum Töten mittels Gehorsamsdressur. Die von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und anderen Schreibtischheroen angestrebte Militarisierung des Landes ist nur möglich, wenn dafür die Deformation der Seelen von Soldaten in Kauf genommen wird. „Soldaten sind, man glaubt es nicht, aufs Sterben gar nicht so erpicht“, sang [Reinhard Mey](https://www.youtube.com/watch?v=jtAw0kgahfg). Warum haben sich Millionen von Menschen trotzdem immer wieder dafür einspannen lassen — in allen Ländern und allen Jahrhunderten? Gewalt und auch Propaganda sind zwei der Antworten. Wenn nun in Deutschland wieder von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, Politiker also eine Kriegsbeteiligung deutscher Soldaten ernsthaft erwägen und durch ihr Verhalten auf der internationalen Bühne auch konkret riskieren, dann wird die Bereitschaft von Soldaten, sich zur Verfügung zu stellen, als selbstverständlich vorausgesetzt. Man verfügt über sie wie über Puppen. Der Soldat ist nie die erste Ursache für einen Krieg. Und doch: „Ohne ihn wäre Cäsar allein dagestanden“, sang Donovan in seinem Lied „[The Universal Soldier](https://www.youtube.com/watch?v=UC9pc4U40sI)“. Ohne ihn hätte George W. Bush vor dem Irakkrieg vergebens über strategischen Plänen gebrütet, wären Benjamin Netanjahus Absicht, den Gazastreifen in ein Trümmerfeld und einen Kinderfriedhof zu verwandeln, ins Leere gelaufen. Um Kriege zu erklären und im besten Fall zu verhindern, müssen wir uns also auch mit ihm befassen: dem „unbekannten Soldaten“ — der Art und Weise, wie er auf den Kasernenhöfen dieser Welt geschliffen, brutalisiert und seelisch ausgehöhlt wird. Ein Beitrag zur Sonderausgabe „[Wehrdienst und Militarisierung](https://www.manova.news/sonderausgaben/9)“.

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## Die Kunst des Stehens

Wenn Sie irgendwo herumstehen, tun Sie es dann so, wie Sie selbst es wollen? Soldaten nicht. Bei ihnen ist die Körperhaltung bis in die kleinste Muskelbewegung hinein vorgeschrieben, zumindest in der sogenannten Formalausbildung. „Der Soldat wird zunächst darin ausgebildet, korrekt zu stehen und auf Befehle unverzüglich zu reagieren“, heißt es in einem der „Zentralrichtlinie Formaldienstordnung“ entnommenen [Beitrag auf Wikipedia](https://de.wikipedia.org/wiki/Formaldienst). 

*„Die Grundstellung, durch das Kommando ‚Stillgestanden!‘ oder ‚Achtung!‘ befohlen, bedeutet: Die Füße stehen mit den Hacken aneinander. Die Fußspitzen zeigen in einem Winkel von ca. 60° nach außen. Das Körpergewicht ruht gleichmäßig auf beiden Füßen. Die Brust ist vorgewölbt. Die Schultern sind in gleicher Höhe leicht zurückgenommen. Die Arme hängen herab, der Zwischenraum zwischen Ellenbogen und Körper beträgt etwa eine Handbreite. (…) Der Kopf wird aufrecht gehalten, der Blick ist frei geradeaus gerichtet, der Mund ist geschlossen.“*

Derartige Anweisungen gibt es in großer Zahl und in nicht mehr überbietbarer Detailgenauigkeit. Und beileibe nicht nur bei der Bundeswehr. In Pinar Seleks Buch „Zum Mann gehätschelt, zum Mann gedrillt“ werden die Gepflogenheiten beim türkischen Militär drastisch beschrieben. Ein ehemaliger Soldat gibt zu Protokoll: „(…) selbst wenn man auf die Toilette geht, steht dort ‚Betätige die Spülung‘. Man stellt sich vor den Spiegel, und da steht ‚Ordne deine Kleidung‘. Beim Essen musst du dein Barett absetzen. Vor dem Gebet auch (…), einfach alles wird durch Regeln bestimmt.“

Es erinnert an die vielen Anweisungen, wie die Hände zu waschen sind, während der Coronazeit. Das klingt lächerlich und ist es auch. Aber warum der Aufwand? Selbst wenn man das Töten „feindlicher“ Soldaten als legitimen Zweck betrachtet, bleiben die Mittel, die bei der Soldatenausbildung angewandt werden, für den unbedarften Betrachter teilweise schwer nachvollziehbar. Denn nicht selten wird der Formalausbildung in Kasernen weitaus mehr Raum gegeben als den Schießübungen. Warum? Gehorsam ist jene Tugend, die allen anderen Fähigkeiten — etwa der Deckung, der Tarnung, dem Laufen, Schießen, Hauen und Stechen — zugrunde liegt.

> Gehorsam aber wird am besten durch unsinnige Befehle erlernt. Sprechen Vorgesetzte nur sinnvolle aus, so verlässt sich der Soldat möglicherweise im Kriegsfall zu sehr auf seinen wägenden Verstand, der das Befohlene geschmäcklerisch bewertet.

In klassischen Formulierung schreibt Louis de Boussanelle in seinem Buch „Le Bon Militaire“ von 1770: Der disziplinierte Soldat lerne, „zu gehorchen, was immer man befiehlt; sein Gehorsam ist prompt und blind; jeder Anschein von Ungelehrigkeit, das leiseste Zögern wäre ein Verbrechen.“ 

## Verfügungsgewalt über die Körper

Soldaten stellen ihren Körper fast ohne Einschränkung ihren Vorgesetzten, dem Vaterland beziehungsweise der NATO zur Verfügung. So besteht bei der Bundeswehr als einzigem Bereich der deutschen Gesellschaft noch immer eine Impfpflicht — und dies trotz einer mittlerweile auch im Mainstream anerkannten, nicht geringen Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen. Als „Duldungspflicht“ wurde der Impfzwang, der noch bis Mai 2024 in Kraft war, im Bundeswehr-Deutsch bezeichnet. Noch heute können Soldaten wegen einer Weigerung, die Spritze zu nehmen, [von deutschen Gerichten verurteilt werden](https://www.berliner-zeitung.de/gesundheit-oekologie/verurteilter-soldat-warum-die-corona-impfpflicht-bei-der-bundeswehr-ein-skandal-ist-li.2198448E).

Ein Kuriosum am Rande ist, dass nach dem neuen Selbstbestimmungsgesetz auch Transfrauen — also biologische Männer, die eine „Transition“ durchgemacht haben oder sich auch nur als Frauen fühlen — im militärischen Spannungsfall vom Staat wieder [kurzerhand zu Männern ernannt werden können](https://taz.de/Neues-Selbstbestimmungsgesetz/!5937342/). Grund für die Regelung ist die Angst, Männer könnten sich durch plötzliche Frauwerdung vor ihrer Pflicht drücken, für NATO-Einsätze zu töten und zu sterben. Das Recht des Staates, Bürger im Kriegsfall zu verheizen, überwiegt in diesem Fall sogar die sonst sakrosankten Regeln der Wokeness.

## Instrument zur Gehorsamsproduktion

Natürlich kann ich von der Geschichte der Militärausbildung an dieser Stelle nur einige Kostproben geben. Jakob Zenzmaier hat in seinem Aufsatz „[Soldatenabrichtung. Gewalt als militärisches Instrument zur Gehorsamsproduktion](https://ww1.habsburger.net/de/kapitel/soldatenabrichtung-gewalt-als-militaerisches-instrument-zur-gehorsamsproduktion)“ über die Gepflogenheiten in der Armee des Habsburger Reichs Interessantes geschrieben: 

*„Zur Abrichtung der Rekruten setzte das Militär auf die systematische Anwendung von körperlicher und psychischer Gewalt. Demütigungen, Drohungen und die Anwendung drastischer Körperstrafen prägten den soldatischen Alltag.“*

Der Drill erfolgte durchaus rabiat: „Durch die stete Androhung massiver Körperstrafen befanden sich die Soldaten in einem Zustand andauernder Verunsicherung und Bedrohung.“

> Auch als „Schule der Männlichkeit“ galt das Militär, wobei als „männlich“ wohl eine Mischung aus körperlicher Belastbarkeit, Härte gegen den Feind und widerstandsloser Hingabe an den Willen des Vorgesetzten galt. 

*„Die Grenzen zwischen militärischem Drill, einer übermäßigen Anwendung der Sanktionen, der Schikane und der Misshandlung waren fließend. Darüber hinaus fand das Disziplinarstrafrecht nicht nur bei konkreten Vergehen Anwendung, sondern diente den Vorgesetzten als universales Disziplinierungsinstrument.“*

## Internalisierung militärischer Werte im Zivilleben

Ab 1869 entfielen die im Habsburger Reich zuvor üblichen Prügelstrafen. Als Ersatz wurde das „Anbinden“ (Hochziehen an hinter dem Rücken zusammengebundenen Armen) und das „Schließen in Spangen“ (Zusammenbinden des rechten Armes und des linken Fußes) praktiziert. Ein häufiger Grund für diese Art von Folter war die Insubordination. Das berüchtigte „Spießrutenlaufen“, bei dem der Delinquent durch eine Gasse von Kameraden laufen musste, die auf ihn einschlugen, war vor allem im preußischen Militär üblich. Dies hatte den zweifachen Effekt, dass einfache Soldaten zur Mittäterschaft gezwungen und von eigenen möglichen Disziplinarvergehen abgeschreckt wurden.

Laut Jakob Zenzmaier zielten derartige Methoden „auf die Zerstörung der zivilen Identität mit dem Zweck der Internalisierung von absolutem Gehorsam, Affektkontrolle und Angstunterdrückung im Kampf“. Der 1895 zu den Pionieren eingezogene Soldat Emil Geissler beschreibt seine Ausbildung so: (Am Exerzierplatz) „wurden wir dressiert und sekiert und geschlagen. Wir bekamen oft Ohrfeigen von dem Abrichter, dann hat er uns oft mit dem Gewehr auf die Zehen aufgestampft, dass man glaubte, die Zehen sind alle zerquetscht.“ Auf diese Weise hatte die Allgemeine Wehrpflicht eine auch ins Zivilleben hineinwirkende erzieherische Funktion.

*„Zum einen wurde sie von den meisten männlichen Staatsbürgern der Monarchie durchlaufen, zum anderen verbreiteten sich von hier die von den Männern internalisierten militärischen ‚Werte‘ und ‚Forderungen‘ über ihre Rolle als Ehemänner und Väter in die zivile Welt.“*

*„Element einer vielgliedrigen Maschine“*

In seinem staatskritischen Klassiker „Überwachen und Strafen“ beschäftigte sich der Philosoph Michel Foucault auch mit Aspekten der Militärausbildung. Das Militär repräsentiert nach seiner Analyse Methoden der Menschenabrichtung in konzentrierter Form. Was im Kleinen unternommen wird, um den Willen von Soldaten zu brechen, zeigt sich auch im Großen bei der Erziehung des natürlicherweise eher chaotisch agierenden Zivilisten zu einem nützlichen Staatsbürger. Auch die Mentalität der „Schleifer“ beleuchtet Foucault: 

*„Der Soldat, dessen Körper darauf dressiert wurde, Stück für Stück bei bestimmten Operationen zu funktionieren, bildet in einem übergeordneten Mechanismus selber ein Element (…). Der Körper konstituiert sich als Element einer vielgliedrigen Maschine.“*

> Nicht nur, sagt Foucault, sei der Krieg die Fortsetzung der Politik, vielmehr sei die Politik auch als Fortsetzung „des militärischen Modells konzipiert worden“. Dieses sei ein „grundlegendes Mittel zur Verhütung der bürgerlichen Unordnung“. 

Foucault resümiert: 

*„In den großen Staaten des 18. Jahrhunderts garantiert die Armee den zivilen Frieden nicht nur, weil sie eine wirkliche Gewalt, ein drohendes Schwert, ist, sondern auch weil sie eine Technik ist und ein Wissen, die den gesamten Gesellschaftskörper erfassen können.“* 

Ein Beispiel für die Durchmilitarisierung einer Gesellschaft war das Preußen des 18. Jahrhunderts.

## Das Hirn am Kaserneneingang abgeben

Können wir da nicht froh sein über heutige milde Zeiten? Generell sind Informationen über heutige Schikanen bei der Militärausbildung und über Misshandlungen von Soldaten nicht leicht zu finden. Oft geht es in einschlägigen Artikeln nur um Ausrüstungsmängel und um Defizite, die die Führbarkeit beziehungsweise Gewinnbarkeit von Kriegen betreffen. Meist werden Brutalität und Demütigungen eher als kriminelle Handlungen einzelner Vorgesetzter und Kameraden gedeutet — und auch dies nur, wenn die Fälle besonders drastisch sind. Ein paar schwarze Schafe inmitten einer insgesamt blütenweißen Herde. Selten richtet sich Kritik gegen die grotesken und erniedrigenden Methoden der Militärausbildung selbst. 

Damit lässt die Gesellschaft jene, die dem Drill unterworfen sind, in einer Haltung des routinierten Wegschauens im Stich. Beim Bund herrsche eben ein rauer Ton, heißt es. Notwendige Kritik an der Militärpraxis wird den Dichtern und Philosophen überlassen, welche meist machtlos gegen eine Wand der Ignoranz anschreiben. Der Theologe und Pazifist [Eugen Drewermann](https://www.manova.news/artikel/im-zweifel-fur-den-frieden-2) kritisiert zum Beispiel die „Entseelung des Körpers zu einer bloßen Marionette“ bei Soldaten. 

*„Die Angetretenen sollen nicht denken. Sie sollen aufhören, ein persönliches Gewissen zu haben. Sie sollen aufhören, als Subjekte Verantwortung zu tragen für ihre eigenen Gefühle und Entscheidungen.“*

## Militärschikanen? Nur in Feindstaaten

Am leichtesten findet man Berichte über Menschenrechtsverletzungen beim Militär noch im historischen Kontext oder wenn es um „Feindstaaten“ geht. Tatsächlich kann ich mich nur an einen einzigen Fernsehfilm erinnern, der Militärschikanen in Nachkriegsdeutschland thematisierte — und der handelte von der DDR: „[Der Turm](https://www.youtube.com/watch?v=1rkcSEe-oZQ)“, nach einem Roman von Uwe Tellkamp. Darin wird ein übergewichtiger, körperlich nicht sehr leistungsfähiger Soldat von seinem Vorgesetzten quasi zu Tode gehetzt, ohne dass dieser später zur Rechenschaft gezogen wird.

Relativ häufig ist in den Medien auch von der sogenannten „Dedowschtschina“ in der russischen Armee die Rede. Übersetzt bedeutet das Wort „Herrschaft der Großväter“. In einer Formulierung des Magazins [*Spiegel*](https://www.spiegel.de/panorama/justiz/russlands-armee-die-machen-mich-hier-zum-krueppel-a-717694.html) steht der Begriff für „ein hierarchisches System, wonach Rekruten von Dienstälteren misshandelt und schikaniert werden“. Schon im Zarenreich soll es üblich gewesen sein, dass an Militärschulen „ältere Jahrgänge das Sagen über jüngere hatten“. Diese Situation habe sich später in der Roten Armee verschärft und setze sich bis heute fort.

*„Laut Statistiken der Militärstaatsanwaltschaft sterben jährlich mehr als 400 Soldaten, fast ein ganzes Bataillon, ohne in Kampfhandlungen verwickelt zu sein. Mehr als 200 sollen im vergangenen Jahr Suizid begangen haben.“*

Der *Spiegel* räumt aber auch Missstände und viele Selbstmorde in anderen Ländern wie den USA und Deutschland ein. Hauptursache seien Misshandlungen durch Vorgesetzte. „Von den offiziellen Selbstmorden in Russlands Armee sind nur etwa ein Drittel tatsächlich echt“, behauptete Veronika Martschenko, Vorsitzende der Organisation „Rechte der Mütter“. Sie unterstützt Familien, deren Söhne in Friedenszeiten ums Leben kamen. „Viele Suizide in der Statistik sind eigentlich vertuschte Morde“, sagt Martschenko.

## Menschen in unterwürfige Drohnen verwandeln

Laut einem Bericht des [*Münchner Merkur*](https://www.merkur.de/politik/putin-laesst-die-eigenen-rekruten-durch-demuetgigungen-und-schikane-brechen-zr-92732298.html) besteht das Hauptziel der Schikanen darin, „junge Männer zu brechen. Sie werden in unterwürfige, eingeschüchterte und gehorsame Drohnen verwandelt, die weder unnötige Fragen stellen noch unabhängige Gedanken oder Initiative zeigen.“ Ein Ritual wird folgendermaßen beschrieben: 

*„Die Soldaten stehen in Formation in einer einzigen Reihe und stehen stramm. Eine Autoritätsperson, die an der Formation vorbeigeht, schlägt jedem der stehenden Soldaten mit dem Gewehrkolben eines AKM-Sturmgewehrs auf die Brust, bis der Bolzen im Rahmen zuckt. Soldaten, die das mitgemacht haben, sagen, dass die Brust mindestens eine Woche lang schwarz und geprellt bleibt.“*

Dass derartige Zustände nur eine Spezialität Putins seien, kann man sicher als ein weiteres Beispiel westlicher Selbstgerechtigkeit bezeichnen. Selbst in der vermeintlich harmlosen Schweiz sagte mir ein Exsoldat einmal über seine Militärzeit: „Da werden Soldaten gebrochen.“ 

> Wenn es um Russland geht, schauen Medien nur hin, wo sie sonst wegschauen. Es geht mir hier darum, ein bestimmtes Prinzip zu beschreiben: psychische und teils auch physische Gewalt als Teil von „Ausbildungsroutinen“. Nur seelisch mehr oder weniger Abgestorbene eigenen sich offenbar als Werkzeuge zum Töten.

So wird das wohl auch in der türkischen Armee gesehen. Ein Exsoldat berichtet in Pinar Seleks Buch über Demütigungen: 

*„Sie ließen die Kompanie auf dem Platz in einer Reihe antreten, alle mussten sich bis auf die Unterhose ausziehen. Wir verschränkten die Hände hinter dem Kopf. Der Kompaniechef kontrollierte die Kleidung mit einem Stock. Er kontrollierte, ob alles sauber war. Er schaute sich die Achseln an, ob alle Haare weg waren. Manchmal zog er einem die Unterhose herunter und kontrollierte, ob man sich im Schambereich rasiert hatte (…). Ich hab mich immer sehr geschämt.“*

Auch Prügel sind beim türkischen Militär laut Selek durchaus Usus. 

*„Sie haben uns zur Disziplinierung der Schützeneinheit geschickt. Dort haben wir wirklich zehn Tage lang Prügel bezogen.“*

## Blutige Schwingen für Fallschirmspringer

Der ehemalige Zeitsoldat Achim Wohlgethan berichtet in seinem „Schwarzbuch Bundeswehr“ von einem grausamen Ritual, dem sich nach Abschluss eines Fallschirmspringerlehrgangs viele Absolventen unterziehen. Ihnen wird von ihrem Vorgesetzten ein Abzeichen auf die Uniform geheftet. Dabei dürfen Soldaten vermeintlich selbst darüber entscheiden, ob sie sich während der Zeremonie eine schwere körperliche Verletzung zufügen lassen wollen. Der Ausbilder fragt dann „Blutigen Schwingen, ja oder nein?“ Die Antwort „ja“ ziehe folgende Behandlung nach sich: 

*„Die Dorne bohrten sich, verstärkt durch einen Faustschlag des Ausbilders auf das Abzeichen, durch Stoff und Haut zentimetertief in den Brustmuskel des Soldaten. Erhält man nach einer Ausbildung im Ausland sein Springerabzeichen verliehen, können die Dorne auch einmal länger als 2 cm sein.“*

Wer auf die blutigen Schwingen verzichte, werde von Vorgesetzten und Kameraden häufig als „Heulsuse, Versager, Loser …“ verhöhnt. Wenn solche Vorfälle öffentliche bekannt würden, gäben Vorgesetzte häufig an, davon nichts gewusst zu haben. Wohlgethan resümiert: „Mitmachen und Wegschauen haben dieselben Wurzeln: das kritiklos übernommene Weltbild von Befehl und Gehorsam, von oben und unten.“

## Eine Kette von Demütigungen

Nicht selten ist auch, dass nicht Vorgesetzte, sondern Dienstältere die neu hinzugekommen Soldaten misshandeln und zu allerlei Dienstleistungen missbrauchen. Sich von Neulingen die Schuhe putzen zu lassen, wie es ein [Artikel über das russische Militär](https://www.dekoder.org/de/article/dedowschtschina-wehrdienst-militaer-misshandlungen) berichtet, gehört da noch zu den harmloseren Sitten. Ich betrachte „Dedowschtschina“ deshalb als ein Prinzip, das über Russland weit hinausgeht. Es ist ein Modell, das in abgestufter Intensität generell beim Militär zur Anwendung kommt und das vier Stufen umfasst: 

1. In Soldaten wird durch permanente Demütigung ein immer vorhandenes Level unterdrückter Wut erzeugt, welche sich jedoch nicht gegen ihren Verursacher, die Vorgesetzten, entladen kann. 
2. Die Wut wendet sich nun gegen Ersatzobjekte. Dieses sind Kameraden, die in einer schwächeren Position sind, meist Neulinge. 
3. Diese Dynamik wird von Vorgesetzen nicht selten geduldet, weil Zusehen bequemer ist und die Entladung aggressiver Energie gegen Dritte im Grunde willkommen. 
4. Menschen ganz unten in der Hierarchie müssen den Wunsch nach Weitergabe der erlittenen Demütigung so lange aufschieben, bis eine neue Rekrutengeneration eintrifft. 
Es bildet sich so eine potenziell endlose Kette der Unterdrückung, die wie ein Virus weitergegeben wird.

Als ich selbst Wehrpflichtiger war, war es zum Beispiel üblich, dass Soldaten aus nichtigem Anlass Schläge auf den Oberarm gaben — zum Beispiel in Erwartung des gefürchteten „Stubendurchgangs“, der immer vor der Entlassung ins Wochenende stattfand. Es war in der Gruppe verpönt, dem schlagenden Kameraden deshalb böse zu ein. Üblich war auch, dass ein Neuling für die gesamte Stube die Mülleimer ausleerte. Dass die Angelegenheit für mich harmlos verlief, hatte jedoch eine Voraussetzung, die nicht überall gegeben ist: relativ gutmütige Kameraden mit geringer Neigung zur Brutalität und relativ einsichtige Vorgesetzte. Der eigentliche Skandal beim Militär sind nicht Regelverstöße durch Vorgesetzte, die auch von den oberen Rängen verurteilt werden — es sind die Regeln selbst, also der „Normalfall“ der Gehorsamsdressur mittels unsinniger Vorschriften.

## Ein Nährboden für Sadismus

Wie verbreitet sind bewusst und böswillig gegen Schwächere ausgeübte Grausamkeiten? Gewiss ist die Dunkelziffer hoch. Denn Demütigungen hingenommen zu haben, ist für das Opfer mit Scham verbunden. Dies einzuräumen bedeutet immer: „Ich habe aus Angst nicht getan, was mein Stolz und das Gefühl für Gerechtigkeit erfordert hätte.“ Wer sich beharrlich weigert, sich den Zumutungen des Militärdienstes zu fügen, kann schließlich in einem zivilen Gefängnis landen. Ich kenne persönlich einen solchen Fall. Wenn Sie also nicht viel über unwürdige Behandlung bei der Bundeswehr gehört haben, nehmen Sie nicht unbedingt an, dass der Dienst „nicht schlimm“ gewesen wäre — vielleicht war er auch zu schlimm, um davon zu erzählen.

> Angesichts der beobachtbaren „Pandemie“ entwürdigender Verhaltensweisen ist festzustellen: Der Militärdienst ist offenbar ein Nährboden für Sadismus, welchen die Akteure entweder schon mitbringen oder der durch ebenjenen Dienst in Soldaten erst hervorgerufen wird. 

In einer Atmosphäre struktureller, zumindest psychischer Gewalt manifestiert sich ein System ansteckender Niedertracht, weitergegeben jeweils vom Mächtigeren auf den Ohnmächtigen. Die Frage, die sich daran knüpft, ist: Wird, quasi als notwendige Übel, gedemütigt, weil es Krieg gibt — oder gibt es Krieg auch deshalb, damit gedemütigt werden kann und Machtgenießer immer ausreichend Objekte zur Verfügung haben, an denen sie ihrer Neigung ausagieren können? 

## Eine Psychopathologie des Soldaten

Achim Wohlgethan schreibt im „Schwarzbuch Bundeswehr“ über die Psyche von Soldaten: „Sie leiden an mangelndem Selbstwertgefühl und fehlender Wertschätzt durch andere.“ Am anderen Ende der Skala können jedoch „übersteigertes Selbstwertgefühl bis hin zu Rücksichtslosigkeit, Heldenwahn und Führerkult“ stehen. Gerade die Selbstwertprobleme können aber durch den systematischen Entzug von Respekt entstehen, den Drill und Gehorsamsdressur unvermeidlich hervorrufen. In der Folge kommen laut Wohlgethan Depressionen und Autoimmunkrankheiten bei Bundeswehrangehörigen und Exsoldaten häufiger vor als bei anderen Menschen. Müssen Menschen mit einer ohnehin angeknacksten Psyche dann noch in einen gefährlichen Kriegseinsatz ziehen, in dem sie Grausamkeiten erleben oder gar selbst ausüben, so kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kommen.

Ein Soldat namens Sebastian H. musste in Afghanistan miterleben, wie ein Kind, welches auf eine Mine getreten war, in seinen Armen verblutete. Sebastian ist nach seiner Rückkehr in die Heimat seines Lebens nie mehr wirklich froh geworden. Nach mehreren Selbstmordversuchen wurde er obdachlos. Er überfiel einen Mann, um ihn auszurauben. Als Polizisten ihn stellten, zog er eine Gaspistole. Die Polizisten schossen reflexartig und töteten Sebastian. Freunde gaben später an, er habe den Tod gesucht. Norbert Kröger, ehemaliger Chefpsychologe des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin, sagt dazu: „Jedes Jahr kommen Dutzende deutscher Soldaten mit einer kranken Seele nach Hause zurück.“ 2010 wurden „729 Soldaten mit einer PTBS-Erkrankung und 268 Soldaten mit anderen einsatzbedingten psychischen Erkrankungen bei der Bundeswehr behandelt“ (Quelle: Achim Wohlgetan). Die Dunkelziffer dürfte in solchen Fällen hoch sein, denn weder geben Soldaten gerne Schwächen zu, noch reißen sich Vorgesetzte darum, öffentlich einzugestehen, dass sie die ihnen anvertrauten Menschen kaputtgedrillt haben.

Solche Schicksale werden bewusst herbeigeführt oder in Kauf genommen, wenn Politiker darüber schwadronieren, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden, wenn das Werben fürs Sterben schon unsere Schulhöfe und die Seelen von Heranwachsenden erreicht und wenn die Flamme der Feindschaft mit anderen Ländern so fleißig geschürt wird, dass uns die Krankenstatistik aus dem Afghanistankrieg im Rückblick wie ein blasser Vorgeschmack dessen erscheinen wird, was auf uns zukommen könnte. Dann wird es mit unserem Land so rasant bergab gehen, dass wir uns wünschen werden, es wäre nur — wie Soldaten auf unseren Kasernenhöfen — „stillgestanden“.

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**Redaktionelle Anmerkung:** Dieser Artikel erschien — in einer nur minimal abweichenden Version — zum ersten Mal in „Gegendruck 1: Sie wollen Krieg!“. Alle *Gegendruck*-Ausgaben, mit vielen weiteren Beiträgen, können nachbestellt werden.

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